
Weltkulturerbe Donaudelta
Türkei-Bulgarien: Diesmal geht’s schneller
Ja, Europa hat uns wieder. Der asiatische Teil Istanbuls liegt schon ein paar Stunden hinter uns. Wir steuern bei außergewöhnlich kaltem Sonnenwetter auf die Grenzstelle bei Kirklareli nach Bulgarien zu. Diesmal klappt der Übertritt besser. Diesmal nämlich liegen unsere nationalen MZ-Fahrzeugscheine nicht mehr in der Zulassungsstelle Perleberg. Wir treffen denselben netten, türkischen Zollchef an, bei dem wir vor einem Jahr stundenlang auf E-Mail-Kopien aus dem Perleberger Amt gewartet hatten.
Nach schnellen Stempeln im Pass zeigen wir dem Zöllner heute bei einer Tasse Tee draußen in der Sonne die Route, die wir seit unserer ersten Begegnung zurückgelegt haben. Sein Kollege spitzt ebenfalls die Ohren, denn der fährt auch MZ. Dann winken uns beide wieder durch die Schranke. Diesmal in die andere Richtung…
Bulgarien am Sonnenstrand: Zu viel nackte Haut
Ein ganzes Jahr ist also vergangen. Und am heutigen Tag läuft alles Rückwärts: Grenzübergang, Fahrt durch Burgas, Ankunft am Sonnenstrand bei Nessebar, einchecken im Balkan Hotel. Wie sollen wir uns fühlen? Freud und Leid liegen dicht beieinander.
Hier am Schwarzen Meer in Bulgarien hat gerade die Hauptsaison begonnen. So wie beim letzten Mal. Unzählige halbblasse Urlauber stellen über Speckwülsten ihre knappe „Das-ist-meine-Lieblingsurlaubsgarderobe” zur Schau. Wir starren regelrecht auf soviel nackte Haut und freigelegte Pobacken. Nach so langer Zeit in eher bedeckten Ländern kommt uns das ziemlich freizügig vor. Bei manchen sieht der Grad des Sonnenbrands echt gefährlich aus. Da zieht man schon beim Hinsehen Luft durch die Zähne. Egal, Hauptsache braun sein, bevor man wieder in den TUI-Flieger steigt.
Wir meiden die strenge UV-Strahlung und lassen uns lieber von der Geldtauschermafia bescheißen. Fast! Die wartet überall in Strandnähe in kleinen Containern auf dumme Kunden. Micha schaut zum Glück genauer auf den Tauschbeleg, bevor er unterschreibt. Die Tabelle mit den Umtauschkursen draußen ist mit Absicht missverständlich und Micha muss schon richtig hingucken, um den tatsächlich miesen Wechselkurs auf dem Beleg zu enttarnen. Wir wollen unseren Hundert-Dollar-Schein zurück. Den rückt das plötzlich aggressive Arschloch im Container aber erst wieder raus, als wir die Polizei holen. Wir verabschieden uns mit einem freundlichen Stinkefinger und gehen zur Bank.
Gemischte Gefühle
Jetzt sind wir da, wo andere Urlaub machen, und fühlen uns Fehl am Platz. Asien und Europa – das ist schon ein Unterschied. Am Telefon verkünden wir fröhlich, dass wir schon so nah an zuhause sind. Andererseits fühlen wir uns schlecht. Alles ist so normal, sogar die Verdauung. Wir haben das Schwarze Meer vor Augen, bestes Wetter, Milchshakes von McDonalds und die BILD Zeitung. Aber irgendwas fehlt. Das Abenteuerfeeling. Und niemand mehr stellt die üblichen Fragen beginnend mit „Hello, where are you from?” Wir sind keine kleinen Stars mehr. Hilfe, wir müssen ins Dschungelcamp! Nicht nur des Geldes wegen.
Wir bleiben vier Tage am Sonnenstrand. Versuchen, uns zu akklimatisieren. Wir fahren zum Sonnenuntergang ins alte Nessebar auf die Insel und landen dort in einer Open-Air Talentshow für Kinder. Da sitzen wir nun und gucken auf kleine Mädchen in knallbunten Glitzerkleidchen, die Spagat machen und wie wild umhertanzen. Das müssen wir erstmal verarbeiten.

Schwarzmeerküste: Am Strand von Albena
Wir fahren weiter nördlich an den Strandort Albena. Auf einen Campingplatz ohne Zelte. Camping heißt hier, einen Bungalow zu mieten. Wir stellen als Einzige unser Zelt in dem feuchtschattigen Waldstückchen neben dem Campingplatzrestaurant auf. Der Rest des DEET-Mittelchens aus Indien kommt sofort bei Ankunft gegen osteuropäische Stechmücken und beißfreudige Bremsen zum Einsatz.
Ab nach Rumänien, ab nach Constanta
Constanta – dieser Name hört sich toll an. Der Ort könnte uns gefallen und ablenken. Eine alte Hafenstadt an der rumänischen Küste. Etwas heruntergekommen, charmant und verrucht. Aber leider ist der Name romantischer, als das, was dahinter steckt. Viel 60er-Jahre-Architektur, hier und da moderne Glasfassaden und ein paar schöne Altbauten. Mehr als „ganz nett” kommt uns beim ersten Eindruck nicht über die Lippen.
Wir wohnen mitten im Zentrum, nicht weit vom Hafen, in einem ehemaligen Bonzenhotel. Hier hängen noch Gardinen aus der Chauchesco-Ära an den Holzfenstern. Und in den hellblauen Kacheln des Badezimmers haben sich schon viele nackte Kommunisten gespiegelt. Auch das Hotelpersonal erinnert uns stark an die DDR. Man kann die Damen regelrecht denken hören: „Meine Arbeit wäre so schön, wenn nur die Gäste nicht wären…” Naja, ganz so schlimm ist es nicht, aber nah dran.

Constantas Wahrzeichen: Das Casino am Hafen
Draußen in der prallen Sonne ist es ganz schön heiß und schwül, fast wie in Indien. Wir versuchen die Tage in Constanta zu genießen und den letzten Monaten nicht hinterher zu trauern. Wir geben der Stadt eine Chance und gucken uns das uralte römische 700-qm-Bodenmosaik neben dem Archäologiemuseum an, das erst 1959 wieder entdeckt und aus der Erde befreit wurde. Auch ganz nett.
Am späten Nachmittag spazieren wir am Hafen entlang und finden endlich ein Fotomotiv: das alte Casino, das Wahrzeichen der Stadt. Inzwischen ist es geschlossen, aber um das Neobarockgebäude von 1909 schwebt noch eine spannende Aura. Wir können regelrecht sehen, wie alte, schwarze Limousinen vorfahren und reiche Menschen in die große Halle mit den Roulettetischen schreiten.
Casino von 1909
Abends sitzen wir mit kalten Wiener Würstchen aus dem Konsum auf den Betten des Hotelzimmers und trauen uns, Pro Sieben zu gucken. Wir planen die nächsten Reiseschritte. Im „Naturparadies Donaudelta” kommen Abenteurer vielleicht auf Ihre Kosten. Morgen früh ist Abfahrt.
Donaudelta: 4500 Quadratkilometer Wasser, Sümpfe und Inseln
Wir fahren über einsame Straßen und Dörfer nach Babadag – etwas südlich vom Donaudelta. Abseits der Hauptrouten sind die Straßenbeläge manchmal sehr alt und von Schlaglöchern zerfressen. Die Getreidefelder in Rumänien sind bereits goldgelb.
In den Dörfern sitzen alte Frauen in bunten Schürzen und Kopftüchern auf Bänken vor hellblau gestrichenen Lattenzäunen. Männer lenken Pferdekarren oder machen Pause im Schatten der Kneipenterasse. Kinder radeln über die Dorfstraße. Den kleinen Ortschaften an der Küste scheint es an nichts zu fehlen: Schule, Polizeistation, Bank, Restaurant und Magazin Mixt. Die Kirchen sind neu restauriert.
Babadag ist ein alter, türkisch besiedelter Ort mit einer Moschee und einer ehemaligen Koranschule. Als wir eintrudeln, bockt Suses Emme und sie hält in einer ruhigen, schattigen Nebenstraße vor einem alten Wohnblock an. Micha wechselt die Zündkerze aus. Das letzte Mal hatte er das in Kathmandu gemacht – elftausend Kilometer entfernt. Suse liegt k.o. von Fahrt und Hitze auf der Parkbank und wartet. Ein alter Mann kommt aus dem Hausaufgang mit einer heißen, gesalzenen Tasse Milch. Die soll Suse wieder munter machen. Leider können wir uns kaum mit dem lieben Herren verständigen: Russisch wird nicht verstanden. Das Rumänische hat als romanische Sprache noch nicht mal Ähnlichkeit damit. Italienisch wäre jetzt hilfreicher.
Zwei Hasen und Pelikane
Wir suchen den Campingplatz „Zwei Hasen”. Der entpuppt sich als ein Waldhäuschen-Hof ohne Campingmöglichkeit. Wir sind müde und es sieht nach einem Gewitterschauer aus. Statt weiter zu suchen, mieten wir eines der hübschen Zimmer für achtzehn Euro pro Nacht. Über die Holzterrasse hoppeln tatsächlich kleine Hasen. Und morgens beim Frühstücken fliegen die Schwalbeneltern über unsere Köpfe und stopfen die weit aufgerissenen Schnäbel ihrer Jungen, die sich ins kleine Nest unterm Terrassendach quetschen. Die müssen bald ausfliegen. Aber bis dahin stecken sie noch ihre Hintern über die Nestkante und kacken nach draußen.

Mit Dimitri durchs Delta
Von Babadag machen wir Trips ins Donaudelta. Am kleinen Hafen von Mahmudia treffen wir zufällig Dimitri. Er nimmt uns mit auf eine Bootstour durch die Kanäle und über die Seen des Deltas. Dabei sehen wir Pelikane – einzigartig in Europa. Und nicht wenige, schnelle Motorboote. Paddeln ist hier nicht gefragt. Wir konnten leider keinen Paddelbootverleiher finden. Und auch keine offiziellen Stellen zum Zelten.
Gura Portitei: Das Sylt Rumäniens
Wir machen einen Tag später noch einen Ausflug nach Gura Portitei. Angeblich der spektakulärste Ort im Delta – eine Besuchersiedlung auf einer geschützten, schmalen Landzunge zwischen Salz- und Süßwasser, die vom russischen Einsiedlerdorf Jurilovca nur per Boot erreichbar ist.
Als wir dort ankommen, müssen wir feststellen, dass wir auf dem Sylt Rumäniens gelandet sind. Statt in unberührter Natur bewegen wir uns hier in einer modernen Ferienanlage mit etlichen weißblauen Holzhütten, einem teuren Restaurant und einer Strandbar, aus der amerikanischer Mädchenpop schallt. Schon auf dem Parkplatz am Hafen von Jurilovca standen BMW X5, Audi Q7und Co. Nach vier Stunden nehmen wir das nächste Boot zurück – dieser Ausflug hat sich leider nicht gelohnt.
Zurück in Bagadag sind die Straßen überschwemmt mit Schlamm, hier muss es in den letzten Stunden stark gewittert haben. Bagger schieben gerade die Wege zwischen den Häusern frei. Im Dorfzentrum greifen wir noch schnell das kostenlose Wi-Fi ab und kaufen teure Lebensmittel ein. In Rumänien zahlt man dafür mehr als in Deutschland! Dann geht es ab nachhause – zu den zwei Hasen.