Westchina: Kurzer Transit, lange Wartezeit

5. Oktober 2008

Ein Blind Date an der Grenze
22. September. Es ist Montag früh. An der kirgisischen Grenzstation herrscht etwas Chaos. Eine verzahnte Schlange von LKW versperrt uns den Überholweg bis nach vorn an die Schranke. Einer der Brummifahrer zeigt uns ein Schlupfloch und die Beamten am Grenzgebäude lassen uns relativ schnell und unkompliziert passieren. Ein paar Kilometer weiter das Schild: Welcome to China!

Wir fahren beim großen chinesischen Immigrationsgebäude vor und halten gespannt Ausschau nach unserem Blind Date. Nervöse drei Stunden später als abgemacht, kommt er dann endlich auf uns zu: Abdul, bekennender Uygure und unsere vorgeschriebene Begleitung für den einwöchigen Chinaaufenthalt.

Warum er zu spät ist, können wir irgendwann nur ahnen. Es ist wie gesagt Montag. Und montags läuft vor zwei Uhr nachmittags sowieso nicht viel. Die Beamten müssen erstmal in die Gänge kommen und der Chef der Zollbehörde, der als Einziger unsere Motorradfreigabe unterschreiben darf, kommt gerne erst kurz vor Feierabend aus Kashgar zur Arbeit an die Grenze.

Die Beamten am Irkeshtam-Pass sind offiziell für zwei Stunden am Vormittag im Dienst, machen dann mindestens zwei Stunden Mittagspause und setzen sich dann noch mal ganze drei Stunden an den Schalter. Hunderte von Lastwagenfahrer müssen geduldig warten, so wie wir.

Herzlichen Glückwunsch, China!
Wir verzeichnen einen neuen Rekord: Dreißig Stunden Wartezeit am Grenzübergang.

Die Weiterfahrt am Montag ist nicht machbar. Wir übernachten also in einem kleinen Hotel auf dem Grenzgelände. Das Zimmerchen ist einfach, aber man kann sich darin aufhalten. Solange sich Abdul im Zollamt um die Freigabe unserer Motorräder bemüht, essen wir neue würzige Speisen und tippen das Erlebte in den Laptop.

Auf dem windigen und feinstaubigen Grenzgelände ist um die LKW-Schlangen herum ein slumartiges Areal entstanden mit ein paar kleinen schmuddeligen Läden, dunklen Schlafkammern und zusammengeschusterten Hütten, in denen für wartende Fahrer auf dem Wok gekocht wird. Interessant zu beobachten, aber kein Ort, an dem wir länger festsitzen möchten.

Am 23. September um vier Uhr nachmittags hält Abdul dann endlich die geduldig ergatterte Zollfreigabe in der Hand und nach dreißig Stunden Wartezeit können wir ihm folgend nach Kashgar aufbrechen. Unterwegs wird es schon dunkel und es gewittert. Wir sind froh, als wir am Hotel ankommen. Endlich können wir uns gründlich duschen und überlassen den großen Beutel eingedreckter Wäsche diesmal dem Reinigungsservice.

Kashgar: Uygurisch, chinesisch, fantastisch
Die lebendige und dabei entspannte Stadt Kashgar gefällt uns vom ersten Augenblick – ein Mischmasch aus Altem und Neuen, aus uygurischen und ein paar chinesischen Eigenarten. Wo man auch hinsieht, es wird nie langweilig. Da sind das gemütliche Hotelzimmer im liebevoll kitschigen Uyguren-Design, die traditionelle Id Gha Moschee, die kleinen Läden und herben Gesichter der Verkäufer in der Altstadt, die Basare und viel besuchten qualmenden, duftenden Kochstände an der Straße. Wer es vermisst hat, kann in Kashgar auch mal wieder einen Supermarkt bestaunen.

Inspirierendes Ambiente zum Schreiben

Kreuz und quer fahren die Kashgaraner zu zweit, zu dritt auf leisen Elektrorollern durch die Stadt – die Mutter mit ihren Kindern, der Alte mit seiner Ladung Gemüse, der Geschäftsmann mit seiner Aktentasche. Das Licht bleibt selbst im Dunkeln aus, die Hupe aber ist im Dauereinsatz. Hunderte grellgrüner Taxis schlendern mit. Die große, perfekt asphaltierte Hauptstraße zu überqueren wird zum Geschicklichkeitsspiel. Vernünftigerweise sind nur vierzig km/h erlaubt und jeder nimmt irgendwie Rücksicht auf jeden.

Verkäufer in Kashgars Altstadt

China bietet uns endlich die ersehnte kulinarische Abwechslung. Essen mit Stäbchen fällt uns leicht, dank unserer Liebe zu Sushi. Nur die extreme Chili-Schärfe lähmt besonders Suses Geschmacksnerven. Sie fühlt sich wie ein chinesischer Feuerdrache. Als wir zum Nachtbasar gegenüber der Id Gha Moschee gehen, um dort an den exotischen Kochständen unser Abendessen zu genießen, fällt plötzlich in ganz Kashgar der Strom für ein paar Stunden aus. Wir sitzen in diesem Moment bei einer exzellent gewürzten Brühe mit gekochten Eiern und zartem Hühnerfleisch. Überall werden jetzt Kerzen angezündet, die Feuerstellen geben warmes Licht ab. Die Atmosphäre ist urig und charmant.

Nachtbasar

Nach einem netten chinesischen Bier zusammen mit Michael aus Wiesbaden, den wir im Basargewühl durch Zufall getroffen haben, gehen wir zurück auf unser Zimmer und berichten unserer Familie in Deutschland am Telefon, dass es uns hier sehr gut geht. Wir würden wirklich so gerne noch länger bleiben, aber die chinesische Bürokratie macht es uns nicht leicht damit. Die vielen Kleinigkeiten, die nicht funktionieren und unseren bemühten Begleiter Abdul scheinbar trotzdem nicht aus der Ruhe bringen, lassen wir mal weg.

Über die höchste Landesgrenze der Welt: Auf dem Karakorum-Highway nach Pakistan

Eine Woche China ist schnell um. Auf dem weiteren Weg nach Indien liegt jetzt noch eine letzte Steilwand vor uns: der laut Karte 4.655 Meter hohe Khunjerab-Pass an der Grenze zu Pakistan – die höchste Grenze der Welt! Im Internet heisst es sogar, der Pass sei 4.700 Meter hoch.

Ab Kashgar fahren wir immer entlang auf dem Karakorum-Highway nach Süden. Die berühmte Straße bringt uns über den Grenzpass und später in Nordpakistan gleich an ein paar der höchsten Gipfel der Welt vorbei. 1966 begannen hauptsächlich chinesische Arbeiter mit dem schwierigen Bau des 1200-Kilometer-Straßenprojekts, das für den Frieden zwischen China und Pakistan steht. Zwanzig Jahre später wird der Karakorum-Highway für Touristen geöffnet. Und noch mal über zwanzig Jahre danach kommen zwei Deutsche auf einer MZ ETZ 250 hier entlang.

Mit unserem Weggefährten Abdul

Unser China-Weggefährte Abdul fährt seit Kashgar im Taxi voraus. Der Zustand der Straße ist bis zum Khunjerab-Pass einwandfrei. Wir können also die fabelhafte Landschaft im Sonnenschein ohne Gefahr für die Stossdämpfer genießen. Mit sechzig, siebzig km/h geht es die dreihundert Kilometer bis nach Tashkurgan stetig bergauf. Diese alte Stadt – hauptsächlich von Tadschiken bewohnt – liegt auf 3200 Metern Höhe. Das ist schnell wieder zu merken: Es ist kälter, das Herz schlägt schneller und kräftiger, die Nase ist trocken und schwillt etwas zu.

1. Chinesischer Biker am blauen Karakul, 2. Blick auf das alte Tashkurgan

Im Pamir Hotel in Tashkurgan verbringen wir unsere letzte chinesische Nacht. Auf uns wartet die Überfahrt nach Pakistan. Am nächsten Morgen erledigen wir das chinesische Immigrations- und Zollprozedere in der Grenzstation am Rande der Stadt. Es ist nicht so schlimm, wie bei der Einreise. Plötzlich fuchteln die uniformierten Beamten mit ihren Händen, alles soll ganz schnell gehen und wir müssen verschwinden ohne richtig Abschied zu nehmen bei Abdul.

Von der Schranke in Tashkurgan sind es noch 130 Kilometer Anstieg bis zum Khunjerab-Pass. Die Fahrt läuft gut. Weil Sonntag ist, gibt es fast keinen anderen Verkehr. Suse schafft die letzen steilen, kurvigen Passkilometer im dritten Gang, Micha quält seine MZ im zweiten an die Spitze. Unsere Herzen überschlagen sich fast – vor Aufregung, vor Erleichterung, wegen Sauerstoffmangels.

Ankunft am Khunjerab-Pass

Oben angekommen ist es still, sonnig und kalt. Ein junger Mann mit Basecap wartet schon auf uns und begrüsst uns freundlich auf Englisch. Dass er zur pakistanischen Polizei gehört, ist kaum zu erkennen. Unsere Pässe interessieren ihn nicht, eher die Motorräder. Ab nun wechseln wir auf die linke Fahrspur. Die Straße ist ausgefahren und bröckelt. Wir passieren noch eine kleine Schranke und ab geht es runter ins Tal. Wir rollen ein in Nordpakistan!

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