“Heute beginnt nicht nur eine Reise, sondern ein Lebensabschnitt!”

18. Mai 2008

Unsere 60 Reisegeschichten erzählen das, woran wir uns immer wieder erinnern möchten. Beim Lesen sollt Ihr den Auspuffqualm der alten Motorräder riechen können, wenn sie mit uns über die Riesengebirge Asiens knattern. Ihr sollt genauso gerührt sein von den verschiedenen Menschen, die uns unterwegs begegnet sind. Und Ihr sollt dieselbe Gänsehaut bekommen – vor Freude, Sehnsucht, Spannung oder Betroffenheit. Lasst Euch wie wir auf das eMMenreiter-Abenteuer ein: auf unwirkliche Landschaften, fremde Lebensumstände und die Einfachheit des Glücks.

Fangen wir vor der heimatlichen Haustür an…


Der herbeigesehnte Start (…und die Emmen summen)

19. Mai 2008

Zwei alte MZ ETZ 250 auf der Startbahn “Birkenweg” – Destination: Himalaja

Abschied in Trance
Sonntagmorgen, 18. Mai 2008. Uns fehlt Schlaf. Nervös und leichenblass stehen wir neben uns. Heute soll es losgehen?! Der Start ins herbeigesehnte Abenteuer. Bis um drei Uhr nachts hat Michas Familie in der Garage noch an beiden MZ und den Alukoffern geschraubt, damit wir endlich Zeit haben, die Sachen zu packen. Jede verdammt kurze Stunde der letzten drei Wochen war mit einer Aufgabe verplant. Ein roter Stift und großer Kalender auf dem Tisch mit der Aufteilung: Suse, Micha. Stress bis zur allerletzten Sekunde.

Packen Start
1. Packen in Trance, 2. Schrecklich (schön): Die ersten Sekunden unseres Abenteuers

Um elf Uhr soll angekickt werden. Das MZ-Werkzeug für unterwegs wird jetzt erst zusammengesucht. An Frühstück ist nicht zu denken. An gar nichts ist mehr zu denken. Wie in Trance beladen wir die beiden glänzenden Emmen mit allem Hab und Gut für über ein Jahr Auszeit. Die geschenkten Glücksbringer werden in freigebliebenen Ritzen verstaut. Parallel der Abschied von Familie und Freunden, die auf dem Hof um uns herum auf den Start warten – mit Tränen der Freude oder Angst in den Augen.

“Daran wirst Du Dich gewöhnen!”
Der Kickstarter kriegt endlich einen Tritt und das Abschiedskomitee verschwindet bald in einer Zweitaktwolke. Die ersten Meter sind schrecklich und schön zugleich. Und ziemlich wackelig. Denn Suse sitzt zum allerersten Mal auf der vollbeladenen Emme. Auf der einzigen Probefahrt vor zwei Tagen ins drei Kilometer entfernte Nachbardorf fing bei neunzig km/h das Motorrad an zu pendeln. “Das ist normal, daran wirst Du Dich gewöhnen!”

Tachostand bei Start: 1111 km
Tachostand bei Start: 1111 km

Suses Vater lässt es sich nicht nehmen, uns auf seiner Suzuki die ersten Kilometer zu begleiten. Hinter uns fahren noch Abenteurerfreunde in ihrem knallorangen Bulli. Völlig ausgepowert gibt Suse das “Ich-gewöhn-mich-erstmal-dran”-Tempo vor. Mit siebzig auf dem Tacho schleichen wir aus der Prignitz davon. Plötzlich fällt uns ein: Wir haben das Tanken vergessen.


Begleitung – wenigstens bis zur nächsten Tanke

Die erste Etappe: Etwa 300 km, Ziel: Borna bei Leipzig
“Na, ob das gut geht???!!!” Wir lassen die Gedanken der Zweifler mit Leichtigkeit hinter uns und sind so froh, dass die Räder rollen. Der größte Schritt ist getan: Losfahren. An diesem Tag summen beide Emmen etwa dreihundert Kilometer lang wie Bienen über die ostdeutsche Landstraße. Beruhigende Klänge. Überall, wo wir anhalten, kommen die Leute auf uns zu und wünschen Glück.

Es ist schon dunkel, als wir Leipzig passieren und danach endlich das erste Etappenziel erreichen: Borna. Mit zitternden Knien steigt Suse ab. Micha küsst und streichelt die Motorräder. Der Anfang einer neuen Liebe. Glückselig und totmüde sinken wir bei Michas Verwandten in die Matratze. Ach ja, Suse hat jetzt schon ihren ersten Durchfall. Die Aufregung.

Abschied in Borna
Abschied Nummer Zwei in Borna

Ganze drei Tage bleiben wir in Borna. Wir müssen erstmal runterkommen, bevor wir weiterkönnen. In der Werkstatt von Cousin Falk feilt Micha noch an den Maschinchen. Bei Suses MZ wird der Seitenständer vor die Koffer gesetzt, damit sie besser absteigen kann. Wir telefonieren noch ein paar Mal mit Touratech Nord, um nachzufragen, wo unser Austausch-GPS-Gerät von Garmin bleibt. Deren falsche Versprechungen sind nervtötend und darum fahren wir ohne los.

Am 21. Mai wird nochmal gedrückt und geknutscht. “Tschüss Borna, Tschüss liebes Sachsenland” und dann fahren wir weiter zur süddeutschen Grenze und nach Prag. Deutschland, auf Wiedersehen!

 


Ränktetängtäng… Die Heimkehr der eMMenreiter

20. August 2009

EndlichWiederDa

Alles zum allerletzten Mal
Vier schöne Tage in Krakau sind jetzt (Blog-)Geschichte. Und wir haben nur noch drei Tage auf den Emmen vor uns. Dann können wir Familie und Freunde endlich wieder in den Arm nehmen. Eine SMS von zuhause: “Vorbereitungen laufen auf Hochtour!” Und wir sind genauso aufgeregt wie die Lieben daheim.

Die letzten zwei Etappen durch Polen bis nach Deutschland sind jetzt nur noch ein Abspulen der restlichen Kilometer. Auf der Straße passiert nicht viel: langweiliger Verkehr, etliche Ampelstopps bei Kleinstadtdurchfahrten und viele schöne Tankstellen. Die Sommerluft hat sich abgekühlt. Sonne, Regenwolken und Wind wechseln sich ständig ab. Wir schlagen an einem Angelteich bei Kepno das allerletzte Mal das Zelt auf. Und etwas westlich von Poznan beziehen wir in der allerletzten Nacht im Ausland zum allerletzten Mal auf unserer Reise ein Hotel.

Letzte-Station

Allerletzte Auslandsstation: Waldmotel bei Miedzychod

24. Juli. Morgens beim Frühstück in der verwaisten Hotelgaststätte macht der Flachbildfernseher über der Theke mit Bildern von Verwüstung auf sich aufmerksam: entwurzelte Bäume, abgedeckte Häuser, Menschenopfer. Ein gefundenes Fressen für den polnischen Nachrichtensender. Ein heftiger Gewittersturm fegte in der Nacht übers Land – durch den Westen, durch Warschau. Wir müssen wohl im Auge des Orkans gewesen sein, denn wir haben vom Sturm nichts gemerkt. Wie schon ein paar Mal auf unserer Reise hinterlassen wir auch noch im letzten Land auf der Route ein Chaos. Wir haben damit nichts zu tun!

Wir steigen in den alten, abgewetzten Jeans wie hunderte Male in den letzten vierzehn Monaten auf die beige-farbene Einzelsitzbank der MZ und knattern los. Alle Handgriffe sind in Fleisch und Blut übergegangen. Emme und Emmenreiter sind zusammengewachsen. Dafür reißt die Jeans am Hintern immer weiter ein. Während der Fahrt streicheln und klopfen wir zärtlich auf den feuerwehrroten Tank: “Ihr braven Motorräder habt tatsächlich durchgehalten!” Und heute geht es bei Kostrzyn/Kietz über den allerletzten Grenzübergang.

Deutschland begrüßt uns mit Pflaumen

Die Fahrt über die Oderbrücke ist unspektakulär: Keine Schranken, keine Zollhäuschen, keine Beamten. Keiner der uns anhält, keiner der uns fragt. Und trotzdem haben wir ein mulmiges Gefühl im Bauch. Erst recht, als wir auf der anderen Seite der Brücke das blaue Schild sehen: Bundesrepublik Deutschland.

Wir halten kurz an. Und in diesem Moment fängt es heftig an zu regnen. Eine tolle Begrüßung, denken wir. Während wir die Regensachen aus dem Koffer kramen und überziehen, steht wie aus dem Nichts plötzlich ein Mann mit Fahrrad neben uns: „Wollta Pflaumen?” Wir sind total verdattert: „Äh… gerne!” – und nehmen das deutsche Sommerobst aus dem Drahtkorb des Fahrradgepäckträgers. So genießen wir die ersten Minuten in unserem Heimatland.

Berlin-144kmBRD

Allerletzter Grenzübergang bei Kostrzyn: Von Polen in die BRD

Eingepackt in wasserdichte Sachen nehmen wir jetzt Kurs auf Berlin. Berlin – dieser vertraute Name hört sich auf einmal seltsam an. Als der Regen wie aus Eimern auf die Straße fällt, halten wir noch mal an einer überdachten Tanke an und essen dort unsere erste Bockwurst – nach so langer Bockwurstabstinenz. In den Bergen Nepals hatten wir intensiv davon geträumt und in unseren Vorstellungen in die mit Senf getränkte Wurst gebissen. Und während wir uns gerade schon wieder einen Traum erfüllen, entdeckt draußen ein Fan von alten Motorrädern die Emmen: „Seid Ihr am Losfahren oder Heimkommen?” Diese Frage löst ein komisches Gefühl aus: „Wir glauben, wir kommen zurück…”

Letzter Halt und erste Nacht
Am frühen Nachmittag spritzen wir durch die Riesenpfützen von Fredersdorf bei Berlin, wo wir die erste Nacht in Deutschland bei Freunden verbringen. Der Regen hat den ganzen Abenteuerstaub von den Motorrädern gewaschen. Schade. Als wir Absteigen und auf die Emmen gucken, können wir nicht mehr begreifen, dass wir gerade vierzehn Monate und 34.000 Kilometer Abenteuer mit ihnen durchlebt haben.

Gebetsfahnen

Da fühlt sich die Emme geehrt: Gebetsfahnen aus Tibet am Heck

Unsere Freunde empfangen und drücken uns. Da traut sich sogar die Sonne raus und wir genießen das erste Wiedersehen. Eine unbeschreibliche Mischung an Gefühlen durchfährt uns im Innern. Der Kopf schaltet ab und die Wirklichkeit verrückt. Die beiden Berliner Abenteurer Ute und Andreas sind auch gekommen, um den ersten Abend und die erste Nacht in Deutschland mit uns zu teilen. Eine super Überraschung. Die beiden wissen, wie wir uns jetzt fühlen und wahrscheinlich auch, was uns noch erwartet. Sie haben kleine Gebetsfahnen aus Tibet als Heimkehrergeschenk dabei. Perfekt. Die hängen wir ehrenvoll sofort ans Heck der Emme.

Willkommen in zwanzig Sprachen
Samstag, 25. Juli. Ein aufregender Tag. Ein Heimkehrertag. Heute Mittag werden wir zuhause in der Prignitz sehnsüchtig erwartet. Sie lauschen schon nach dem Ränktetängtäng…

Wir haben zum Glück ganz gut geschlafen. Vielleicht hatte die erste deutsche Bratwurst vom letzten Abend eine beruhigende Wirkung. Nervös verabschieden wir uns um neun Uhr morgens in Fredersdorf: Auf zur allerletzten Etappe. Mit einem Sound, der sehr vertraut ist, durchqueren wir nun die komplette Hauptstadt von einem Ende zum anderen – ein Schnitt durch die Mitte, immer der B5 entlang. Berlin wirkt so ruhig, so entspannt, so aufgeräumt. Am Himmel schon wieder ein paar Regenwolken. Bei grüner Welle und mit Herzklopfen reiten wir durch die Stadt. Frankfurter Tor. Siebzehnter Juni. Ernst-Reuter-Platz. Wir halten einmal kurz an, als das Handy in Michas Jackentasche klingelt: „In Nauen wartet schon Euer Begrüßungskorso!” Suses Eltern und ein paar Freunde lassen es sich nicht nehmen, uns wie beim Anfang der Reise auf den letzten Kilometern zu begleiten. Wir sind bald da! Als wir unser Begrüßungskomitee auf Rädern eine halbe Stunde später bei Nauen entdecken und schon von Weiten in ihre lachenden Gesichter sehen, können wir kaum noch aufs Motorradfahren achten. Ein unbeschreiblicher Moment. Euphorische Umarmungen…

Nauen Jeans

1. Begrüßungskorso an der B5, 2. Abgerittene Jeans: Von vorne eigentlich ganz ordentlich!

Gemeinsam geht es auf die B5. Das Wetter ist genauso aufgewühlt wie wir. Es stürmt und regnet auf einmal und wir fahren auf schnurgerader Straße in Schräglage durchs Land Brandenburg. Vor über einem Jahr ist Suse hier noch ziemlich wackelig ins Abenteuer gestartet. Heute ist nicht zu übersehen, dass sie und ihre Emme ein eingespieltes Team sind. Ach ja… was haben sie gemeinsam abgeritten: Hochgebirge, Wüsten, Chaosstädte… Der nasse, perfekte Asphalt der Bundesstraße gleitet bei diesen Gedanken unter den Rädern hinweg.

Happy20-Schilder

1. Angekommen – zumindest körperlich, 2. Zwanzig Mal Willkommen

Oh man. Nur noch ein paar hundert Meter. Und da stehen sie schon und warten und winken! Mit Ränktetängtäng und Zweitaktwolke knattern wir den Lieben zuhause entgegen – vorbei an zig Begrüßungsschildern am rechten Straßenrand. Sie heißen uns Willkommen in den Landessprachen aller bereisten Länder. Tränen fließen. Die Anspannung und das Warten lösen sich in Erleichterung auf. Schnell erkennen wir die ganzen Veränderungen des ansonsten Vertrauten. Und wir erkennen auch gleich, was sich nicht verändert hat. Dieser Tag ist v e R R ü c k t. Unreal. Das Abenteuer ist noch nicht zu Ende.

Emmen-am-ZielTacho_Ende

1. Angekommen? – Parkplatz in der Heimat, 2. Tachostand nach vierzehn Monaten: 34.970 km

Während wir noch den ganzen Rest des Tages umarmen und feiern, stehen die beiden Packesel artig wie immer da und warten. Heute laden wir nicht ab. Und morgen drehen wir eine kleine Runde in der Prignitz…


v E R r ü c k T e erste Tage …in Deutschland

26. August 2009

Buntes Durcheinander - die ersten Tage in Deutschland

Die erste Nacht im eigenen Bett
Die erste Nacht zuhause ist überstanden. Wieder ins eigene, alte Bett zu steigen, hatte allerdings nichts Besonderes. Außer der Süßigkeiten und des Gute-erste-Nacht-Wunschzettels, die Michas Schwester auf die Decke gelegt hat. In der letzten Zeit hatten wir uns an unzähligen Orten in so viele verschiedene Schlafstätten gelegt. Eher selten deutsch-sauber und bequem. Einfach nur pragmatisch. Und nun ist selbst das eigene Bett irgendwie eines von vielen geworden. Jedenfalls in den ersten Tagen. Das Gefühl, am Ziel oder wieder zuhause zu sein, stellt sich noch nicht ein. Vierzehn eingängige Monate in einer anderen Welt hinterlassen Spuren. Wann geht’s weiter?

Achtung – Einsturzgefahr!
Wir hatten uns von unterwegs aus vorgenommen, die ersten Wochen langsam anzugehen: Familie und Freunde besuchen, Grillabende, Ausflüge zum See… Eine romantische Idee, die nicht funktioniert.

Nach der Wiederseheneuphorie stürzt schnell unser deutsches Leben auf uns ein. Alte Probleme, neue Aufgaben. Das Handy wird reanimiert. Wochentage werden wichtig. Ohne Terminkalender verlieren wir den Überblick und die Aufgabenliste wird immer länger: Zollamt, Krankenkasse, Arbeitsamt, Versicherungen, liegen gebliebene Briefe und Papierkram, Finanzen ordnen, Einkommensteuererklärung, Arztbesuche, Medienanfragen, Wiedersehensbesuche bei Familie und Freunden, die Reisefotos sichern, E-Mails aus der ganzen Welt beantworten, die Pakistan-Spendenaktion abschließen, das Buchprojekt starten und hunderte Kleinigkeiten… Und dann die großen Fragen: Wo längerfristig wohnen und arbeiten? Die Aufzählung könnten wir noch zeilenweise fortführen. Ein echt chaotischer Neustart ins neue, alte Leben mit gefährlicher Geschwindigkeitsüberschreitung.

TV-Dreh

Erzählt doch mal!

Und was daneben an uns vorbeirauscht, ist schwer zu verarbeiten: Überfluss! Zu viele Informationen, zu viele Produkte, zu viel Krimskrams. Am liebsten möchten wir uns von allem Nutzlosen befreien. Physisch und psychisch. Ein erster Schritt in Richtung geordnete Bahnen. Der Drang zum Ausmisten ist groß. Die Motorräder und Taschen kriegen wir allerdings noch nicht ausgepackt. Wir sind von allem überwältigt. Die Gefühle sind kaum zu beschreiben. Tausend Ideen und Stresshormone rasen durch die Blutbahn. Schlaflose Nächte. Ankommen ist schwerer als losfahren.

Prignitz

Ein Blick auf die stille Prignitz wirkt fast entspannend

Wir genießen aber auch schöne Momente: ein Baby in der Familie, mit Freunden lachen, der Gang zum Friseur (Suse), Nutella, Kuchen und ein bakterienfreies Schnitzel beim Besuch im Bornaer „Glück Auf!”, wo gerade der Karnikelzuchtverein über Rekorde beim Kaninhopp-Wettbewerb diskutiert. Der Gang zum Kleiderschrank ist auch herrlich, nachdem wir lange einer pragmatischen Abenteuerkleiderordnung unterlagen. Wir entdecken unsere bunten, alten Sachen neu. Und füllen parallel trotzdem gleich ein paar Altkleidersäcke. Wir hören endlich wieder gute Musik und holen auf, was wir verpasst haben: neue Alben von MIA und Peter Fox. Wir laufen die schöne, alte Waldstrecke ab und fahren an einem sonnigen Morgen hoch-hoch-hoch auf die Windmühle. So verschaffen wir uns wenigstens einen räumlichen Überblick. Es riecht nach Sommer in der Prignitz.

Mitbringsel

Kaum Zeit für Erinnerungen: Auswahl einiger Mitbringsel

Wir machen gerade die intensive Erfahrung, dass alles, was uns im Leben reich macht, einen Preis hat. Nach der unbezahlbaren Auszeit auf der Emme ist das Abenteuer noch lange nicht zu Ende! Da bleibt erst wenig Platz für Gedanken an das Erlebte. Hoffentlich wird es bald etwas ruhiger. An das Chaos in Indien konnten wir uns doch auch gewöhnen!? Viel leichter sogar…


Zuhause und nun? – Nachwirkungen einer Auszeit

28. Oktober 2009

Nachdenken

Bequemes Sofa, unbequeme Fragen

Leere Alukisten: Der endgültige Abschied
3. Oktober 2009. Ein bedeutsamer Tag. Nach über zwei Monaten bringen wir es heute endlich übers Herz, die Motorräder und Reisetaschen auszupacken. Die täglichen Klamotten werden schon lange nicht mehr der wasser- und staubdichten Ortliebtasche, sondern dem Kleiderschrank im Schlafzimmer entnommen. Unsere Nahrungsvorräte kramen wir nicht mehr aus dem Alukoffer, wir machen einfach den Kühlschrank auf. Salate und Fleischgerichte verursachen keine Darmkrämpfe mehr. Dafür tut der Kopf weh vom vielen Nachdenken. Beim Duschen können die Badelatschen wegbleiben und das heiße Wasser nimmt kein erschreckendes Ende. Seitdem wir wieder zurück sind, wachen wir morgens auf und gucken in den Terminkalender und auf die Aufgabenliste, statt auf die Landkarte und in den Reiseführer. Ja, unser geliebtes Reisedasein ist zu Ende. Und das Auspacken der Motorradkoffer der endgültige Abschied.

LeerAuspacken

1. Nach über zwei Monaten: Jetzt können wir auspacken…

Wehmütig surfen wir auf den Reiseblogs von Freunden, die wir unterwegs kennen gelernt haben und die immer noch das Abenteuerleben genießen. So oft blitzen Gefühle und Gedanken durch den Körper, die uns an die bewegende Zeit auf der Emme erinnern. Das Reisefieber hat uns erwischt. Eine sehr gefährliche Krankheit, die in Schüben kommt. Und vielleicht gibt es kein Gegenmittel, keine Heilung.

Neuer Blick auf alte Gewohnheiten
Genau wie vor unserer Reise schütteln wir aus der Tageszeitung erstmal einen Stapel Werbebeilagen der Supermärkte. Alles überflüssiger Kram. Mit Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten, Eiern, Joghurt, Bananen, Milch, Wasser und Saft sind wir in letzter Zeit doch bestens ausgekommen. Im Kleiderschrank hängen immer noch viel zu viele Klamotten, die wir nicht vermisst haben. Die liegen jetzt im Altkleidercontainer. Je weniger wir haben, desto erleichterter sind wir. Das trifft allerdings nicht auf Zeit zu. Das deutsche Zeitgefühl hat uns wieder im Griff. Schöne Momente mit Familie und Freunden genießen wir dabei noch bewusster. Hoffentlich halten all diese Erkenntnisse lange an.

Fernweh beim Fernsehen
Zurück in Deutschland überfordern uns die Medien mit dem Bundestagswahlkampf. Bei „Anne Will” und „Hart aber Fair” verdrehen uns die Versprechen der Politiker, die Warnungen der Experten und die Kommentare der Journalisten den Kopf. Frau Merkel will Bundeskanzlerin bleiben. Eine Frau an der Spitze, die sich im Ausland einen Namen gemacht hat.

„We are from Germany.” Dieser unzählig ausgesprochene Satz hatte auf unserer Reise meistens Bewunderung ausgelöst. Deutsche gelten als stark, mutig und reich. Wir machen uns Gedanken über unser Land und wer wir wirklich sind.

Zur Abwechslung läuft abends am 17. September auf dem RBB der Fernsehbeitrag (Abspielen der avi-Datei) über unsere Auszeit. Vierzehn Monate und anderthalb Drehtage verpackt in fünf Minuten. Beim Zugucken kriecht eine Gänsehaut über unsere Körper. Die Redakteurin aus Berlin und ihr Team haben aus den aufgenommenen Interviews bei uns zuhause, den Fahraufnahmen über die Äcker und Landstraßen der Prignitz und unseren Fotos aus dem Reiseblog einen wirklich tollen Beitrag gemacht. Viel Arbeit. Und das Ergebnis eine schöne Erinnerung. Die Besucherzahl unserer Internetseite erreichte im September einen neuen Rekord.

Neue Herausforderungen: Wie macht man ein Buch?
Wir haben entschlossen, ein Buch über die Reise zu schreiben. Das Buchprojekt entpuppt sich schnell als neue Herausforderung. Wie soll so ein Buch aussehen? Welcher Verlag käme in Frage? Wir haben keine Ahnung vom Verlagswesen. Wir sprechen also erstmal mit verschiedenen Leuten, konkretisieren ein paar Ideen, erstellen Text- und Bildproben. Nebenbei planen wir ein paar Vorträge. Und unser neues Leben in Deutschland, mit neuen Ansichten. Wir ziehen in einer Blitzaktion nach Berlin, mitten rein in den Hauptstadtdschungel. Eine komplette Wand in der Wohnung wollen wir unseren Reiseerinnerungen widmen: unsere Lieblingsfotos auf Leinwand. Und die Auswahl ist schon wieder eine Herausforderung…

+ + + ende + + +

Das war er also – unser letzter Blogbeitrag. Wir werden uns jetzt dem Abenteuer “wieder zuhause ankommen” widmen. Vielen Dank für Eure Neugier und treue Begleitung!

Vielleicht plant Ihr ja schon Eure eigene Reise?!
Wenn Ihr Tipps braucht, sprecht uns gerne an.

- die eMMenreiter -