
Alles zum allerletzten Mal
Vier schöne Tage in Krakau sind jetzt (Blog-)Geschichte. Und wir haben nur noch drei Tage auf den Emmen vor uns. Dann können wir Familie und Freunde endlich wieder in den Arm nehmen. Eine SMS von zuhause: “Vorbereitungen laufen auf Hochtour!” Und wir sind genauso aufgeregt wie die Lieben daheim.
Die letzten zwei Etappen durch Polen bis nach Deutschland sind jetzt nur noch ein Abspulen der restlichen Kilometer. Auf der Straße passiert nicht viel: langweiliger Verkehr, etliche Ampelstopps bei Kleinstadtdurchfahrten und viele schöne Tankstellen. Die Sommerluft hat sich abgekühlt. Sonne, Regenwolken und Wind wechseln sich ständig ab. Wir schlagen an einem Angelteich bei Kepno das allerletzte Mal das Zelt auf. Und etwas westlich von Poznan beziehen wir in der allerletzten Nacht im Ausland zum allerletzten Mal auf unserer Reise ein Hotel.

Allerletzte Auslandsstation: Waldmotel bei Miedzychod
24. Juli. Morgens beim Frühstück in der verwaisten Hotelgaststätte macht der Flachbildfernseher über der Theke mit Bildern von Verwüstung auf sich aufmerksam: entwurzelte Bäume, abgedeckte Häuser, Menschenopfer. Ein gefundenes Fressen für den polnischen Nachrichtensender. Ein heftiger Gewittersturm fegte in der Nacht übers Land – durch den Westen, durch Warschau. Wir müssen wohl im Auge des Orkans gewesen sein, denn wir haben vom Sturm nichts gemerkt. Wie schon ein paar Mal auf unserer Reise hinterlassen wir auch noch im letzten Land auf der Route ein Chaos. Wir haben damit nichts zu tun!
Wir steigen in den alten, abgewetzten Jeans wie hunderte Male in den letzten vierzehn Monaten auf die beige-farbene Einzelsitzbank der MZ und knattern los. Alle Handgriffe sind in Fleisch und Blut übergegangen. Emme und Emmenreiter sind zusammengewachsen. Dafür reißt die Jeans am Hintern immer weiter ein. Während der Fahrt streicheln und klopfen wir zärtlich auf den feuerwehrroten Tank: “Ihr braven Motorräder habt tatsächlich durchgehalten!” Und heute geht es bei Kostrzyn/Kietz über den allerletzten Grenzübergang.
Deutschland begrüßt uns mit Pflaumen
Die Fahrt über die Oderbrücke ist unspektakulär: Keine Schranken, keine Zollhäuschen, keine Beamten. Keiner der uns anhält, keiner der uns fragt. Und trotzdem haben wir ein mulmiges Gefühl im Bauch. Erst recht, als wir auf der anderen Seite der Brücke das blaue Schild sehen: Bundesrepublik Deutschland.
Wir halten kurz an. Und in diesem Moment fängt es heftig an zu regnen. Eine tolle Begrüßung, denken wir. Während wir die Regensachen aus dem Koffer kramen und überziehen, steht wie aus dem Nichts plötzlich ein Mann mit Fahrrad neben uns: „Wollta Pflaumen?” Wir sind total verdattert: „Äh… gerne!” – und nehmen das deutsche Sommerobst aus dem Drahtkorb des Fahrradgepäckträgers. So genießen wir die ersten Minuten in unserem Heimatland.


Allerletzter Grenzübergang bei Kostrzyn: Von Polen in die BRD
Eingepackt in wasserdichte Sachen nehmen wir jetzt Kurs auf Berlin. Berlin – dieser vertraute Name hört sich auf einmal seltsam an. Als der Regen wie aus Eimern auf die Straße fällt, halten wir noch mal an einer überdachten Tanke an und essen dort unsere erste Bockwurst – nach so langer Bockwurstabstinenz. In den Bergen Nepals hatten wir intensiv davon geträumt und in unseren Vorstellungen in die mit Senf getränkte Wurst gebissen. Und während wir uns gerade schon wieder einen Traum erfüllen, entdeckt draußen ein Fan von alten Motorrädern die Emmen: „Seid Ihr am Losfahren oder Heimkommen?” Diese Frage löst ein komisches Gefühl aus: „Wir glauben, wir kommen zurück…”
Letzter Halt und erste Nacht
Am frühen Nachmittag spritzen wir durch die Riesenpfützen von Fredersdorf bei Berlin, wo wir die erste Nacht in Deutschland bei Freunden verbringen. Der Regen hat den ganzen Abenteuerstaub von den Motorrädern gewaschen. Schade. Als wir Absteigen und auf die Emmen gucken, können wir nicht mehr begreifen, dass wir gerade vierzehn Monate und 34.000 Kilometer Abenteuer mit ihnen durchlebt haben.

Da fühlt sich die Emme geehrt: Gebetsfahnen aus Tibet am Heck
Unsere Freunde empfangen und drücken uns. Da traut sich sogar die Sonne raus und wir genießen das erste Wiedersehen. Eine unbeschreibliche Mischung an Gefühlen durchfährt uns im Innern. Der Kopf schaltet ab und die Wirklichkeit verrückt. Die beiden Berliner Abenteurer Ute und Andreas sind auch gekommen, um den ersten Abend und die erste Nacht in Deutschland mit uns zu teilen. Eine super Überraschung. Die beiden wissen, wie wir uns jetzt fühlen und wahrscheinlich auch, was uns noch erwartet. Sie haben kleine Gebetsfahnen aus Tibet als Heimkehrergeschenk dabei. Perfekt. Die hängen wir ehrenvoll sofort ans Heck der Emme.
Willkommen in zwanzig Sprachen
Samstag, 25. Juli. Ein aufregender Tag. Ein Heimkehrertag. Heute Mittag werden wir zuhause in der Prignitz sehnsüchtig erwartet. Sie lauschen schon nach dem Ränktetängtäng…
Wir haben zum Glück ganz gut geschlafen. Vielleicht hatte die erste deutsche Bratwurst vom letzten Abend eine beruhigende Wirkung. Nervös verabschieden wir uns um neun Uhr morgens in Fredersdorf: Auf zur allerletzten Etappe. Mit einem Sound, der sehr vertraut ist, durchqueren wir nun die komplette Hauptstadt von einem Ende zum anderen – ein Schnitt durch die Mitte, immer der B5 entlang. Berlin wirkt so ruhig, so entspannt, so aufgeräumt. Am Himmel schon wieder ein paar Regenwolken. Bei grüner Welle und mit Herzklopfen reiten wir durch die Stadt. Frankfurter Tor. Siebzehnter Juni. Ernst-Reuter-Platz. Wir halten einmal kurz an, als das Handy in Michas Jackentasche klingelt: „In Nauen wartet schon Euer Begrüßungskorso!” Suses Eltern und ein paar Freunde lassen es sich nicht nehmen, uns wie beim Anfang der Reise auf den letzten Kilometern zu begleiten. Wir sind bald da! Als wir unser Begrüßungskomitee auf Rädern eine halbe Stunde später bei Nauen entdecken und schon von Weiten in ihre lachenden Gesichter sehen, können wir kaum noch aufs Motorradfahren achten. Ein unbeschreiblicher Moment. Euphorische Umarmungen…

1. Begrüßungskorso an der B5, 2. Abgerittene Jeans: Von vorne eigentlich ganz ordentlich!
Gemeinsam geht es auf die B5. Das Wetter ist genauso aufgewühlt wie wir. Es stürmt und regnet auf einmal und wir fahren auf schnurgerader Straße in Schräglage durchs Land Brandenburg. Vor über einem Jahr ist Suse hier noch ziemlich wackelig ins Abenteuer gestartet. Heute ist nicht zu übersehen, dass sie und ihre Emme ein eingespieltes Team sind. Ach ja… was haben sie gemeinsam abgeritten: Hochgebirge, Wüsten, Chaosstädte… Der nasse, perfekte Asphalt der Bundesstraße gleitet bei diesen Gedanken unter den Rädern hinweg.


1. Angekommen – zumindest körperlich, 2. Zwanzig Mal Willkommen
Oh man. Nur noch ein paar hundert Meter. Und da stehen sie schon und warten und winken! Mit Ränktetängtäng und Zweitaktwolke knattern wir den Lieben zuhause entgegen – vorbei an zig Begrüßungsschildern am rechten Straßenrand. Sie heißen uns Willkommen in den Landessprachen aller bereisten Länder. Tränen fließen. Die Anspannung und das Warten lösen sich in Erleichterung auf. Schnell erkennen wir die ganzen Veränderungen des ansonsten Vertrauten. Und wir erkennen auch gleich, was sich nicht verändert hat. Dieser Tag ist v e R R ü c k t. Unreal. Das Abenteuer ist noch nicht zu Ende.


1. Angekommen? – Parkplatz in der Heimat, 2. Tachostand nach vierzehn Monaten: 34.970 km
Während wir noch den ganzen Rest des Tages umarmen und feiern, stehen die beiden Packesel artig wie immer da und warten. Heute laden wir nicht ab. Und morgen drehen wir eine kleine Runde in der Prignitz…