Abenteuer Indien: Schöne erste Tage
18. November 2008.
Goldener Tempel: Indien begrüßt uns
Wir haben im Vorfeld so viele unterschiedliche Sachen über Indien gehört. Gutes und Schlechtes. Umso gespannter sind wir, was wir in diesem Land, dem wir fünf Monate unserer Reise widmen, erleben werden.
Als wir gegen Mittag dreißig Kilometer hinter der pakistanisch-indischen Grenze in die nordindische Stadt Amritsar einfahren, halten wir gleich nach dem Goldenen Tempel Ausschau. Das Straßenbild ist ähnlich wie in Lahore. Erstaunlicherweise ist es sogar weniger chaotisch, leiser und etwas aufgeräumter.
Blick auf den Goldenen Tempel
Kleine, grüne Wegweiser führen uns einigermaßen unkompliziert zur heiligsten Stätte der Sikhs: Der vergoldete Tempel inmitten von Amritsar ist von einem großen Becken mit heiligem Wasser, dem sog. Nektar, umgeben. An diesem Ort der Ruhe möchten wir zusammen mit den Tempelpilgern ein, zwei Tage verbringen und das besondere Flair spüren. Bei den Sikhs ist jeder Mensch, egal welcher Religion oder Klasse, jederzeit willkommen.
Parkplatz im Innenhof des Pilgerhauses
Das große Tempelgelände ist durch verschiedene weiße, stilvolle Gebäude eingegrenzt. Wir stehen durchgeschwitzt und mit laufenden Motoren vor dem Eingangstor. Ein Wachmann mit lilafarbenem Turban und im weißen, knielangen Kleid winkt uns zu. Als ausländische Besucher dürfen wir mit unseren MZ durchs große Tor auf das heilige Gelände fahren. Der Wächter dirigiert uns sofort und mit einem Lächeln auf den sonnigen Innenhof des großen Pilgerwohnhauses Sri Guru Ram Das Niwas, wo wir die MZ direkt vor unserer Schlafkammer abstellen dürfen. Für eine kleine Spende sind wir herzlich eingeladen, hier zu übernachten. Wir freuen uns über diese nette Begrüßung. Es ist den Sikhs scheinbar eine Ehre, dass wir den Tempel besuchen. Dabei empfinden wir es genau anders herum.
Über den Innenhof und das ganze Gelände wandern Pilger. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre, die Umgebung ist hell und rein. Bunte Kleider und Fahnen setzen wunderschöne Kontraste. Die Leute beobachten uns neugierig beim Abladen der Motorräder. Die Sachen bringen wir in unsere Kammer, die wir uns zwei Tage lang mit einer quicklebendigen Maus teilen werden. Sie hat es sich in unseren Taschen gemütlich gemacht.
Wir wechseln die schwitzigen Motorradklamotten gegen normale Kleidung und stöbern eine Weile durch die Ladenstraßen in der näheren Umgebung des Tempelgeländes. Im warmen Licht der Abendsonne wollen wir dann den Golden Tempel umrunden. Bevor wir die Parkama – den marmorierten Gehweg um den Tempel bzw. den Pool herum – betreten dürfen, müssen wir beide unser Haupt bedecken, die Füße entkleiden und reinigen. Dann schreiten wir barfuß über den kühlen, weißen Mosaiksteinboden am Wasser entlang und blicken bei unserem Rundgang auf die sonnengoldene heilige Stätte. Aus Lautsprechern hören wir die Klänge und Gesänge der Tempelpriester, die gerade die tägliche Abschlusszeremonie abhalten: das heilige Buch der Sikhs – Guru Granth Sahib – wird für heute geschlossen.
1. Tempelrundgang auf der Parkama, 2. Eine Pilgerin begrüßt Suse
Am Ende des Rundgangs gehen wir in die Guru-Ka-Langar – die große Essenshalle, in der rund um die Uhr zigtausende Pilger pro Tag gemeinsam auf dem Boden ein kostenloses Mahl einnehmen. Das zelebrierte Gemeinschaftsessen ist eines der Merkmale des Sikhismus` und symbolisiert die Einigkeit der verschiedenen Menschen. Wir setzen uns mit einem Blechteller in der Hand mit den Anderen in die Reihe und warten auf die freiwilligen Helfer, die ohne Pause Linsenbrei, Milchreis und Fladenbrot verteilen. Das frische Fladenbrot muss mit beiden zur Schale geformten Händen entgegengenommen werden. Nach dem einfachen und leckeren Mahl schleichen wir glücklich in unsere Schlafkammer zurück. Mittlerweile haben sich das Pilgerhaus und dessen ganzer Innenhof mit schlafenden Männern, Frauen und Kindern gefüllt.
1. Riesige Töpfe in der Tempelküche, 2. Guru Nanak (1469-1539): Gründer des Sikhismus
Am zweiten Tag reihen wir uns in die Pilgerschlange auf der Brücke zum Goldenen Tempel ein und sehen uns zum Abschied die schmuckvolle heilige Sikhstätte von innen an. In der Tempelmitte lesen Priester im Schneidersitz aus dem heiligen Buch, spielen Instrumente und singen. Nacheinander umkreisen die Pilger das Geschehen und verbeugen sich bis auf den Boden.
Nach einem kurzen Frühstück packen wir schon wieder unsere Sachen und verlassen den Ort, der uns so friedlich und offen empfangen hat. Heute haben wir vor, Nishan – ein 26 Jahre alter, verheirateter Sikh – zu besuchen, der eine Stunde außerhalb von Amritsar im Dorf Mehta Chowk lebt. Wir haben ihn am ersten Abend im Internetcafè nahe des Goldenen Tempels kennengelernt, als er uns völlig unbedarft bat, ihm am PC zu helfen. Er saß zum ersten Mal am Computer und wollte sich im Internet über eine dringende Versicherungssache kümmern. Micha hat ihm geduldig geholfen und ihm seine erste E-Mail-Adresse eingerichtet. Zum Dank lud er uns herzlich ein, ihn in seinem Zuhause zu besuchen. Diese Einladung können wir nicht ablehnen.
Abreise
Drei Tage mit den Sikhs: Zuhause bei Nishan
Wir reisen entspannt aus dem Goldenen Tempel ab und machen uns auf den Weg nach Metha Chowk, wo wir eine Nacht lang bleiben wollen, bevor wir zum Dalai Lama weiterfahren. Mal sehen, was uns bei Nishan und seiner Familie erwartet.
Kurz vor Metha Chowk kommen uns Nishan und sein Vater bereits auf einer kleinen Honda Hero entgegen. Sie haben sorgevoll auf uns gewartet. Nishan strahlt übers ganze Gesicht, als er uns am Straßenrand begrüßt: „I am so happy!”
Mit ihnen vorweg fahren wir gemeinsam zum Haus, in dem Nishan mit seiner 18-jährigen Frau Rupinder, seiner noch unverheirateten vier Jahre jüngeren Schwester und seinen Eltern lebt. Das Haus ist umringt von kleinen Reis-, Raps- und Zuckerpflanzenfeldern. Auf dem kleinen Hof stehen zwei riesige, dunkle Kühe. Die drei Zimmer im Haus sind pragmatisch eingerichtet. Ein Fernseher mit Digitalempfang und ein DVD-Player dürfen wie überall nicht fehlen. Gewaschen wird sich an der Wasserpumpe und im Wasserbecken auf dem Hof. Für die Toilette geht man aufs Feld.
1. Nishan, seine Schwester und Frau, 2. Mit seinem Vater
Man gibt uns sofort das Gefühl, ein Teil der Familie zu sein. Die drei Frauen bereiten uns sitzend auf dem Boden des Hofes würziges, vegetarisches Essen und Pudding mit frischer Kuhmilch zu. Wir setzen uns aufs große Bett in Nishans Schlafzimmer und werden liebevoll bedient. Seine Frau Rupinder sieht uns neugierig, aber verlegen an.
Nishan umsorgt uns mit höchster Aufmerksamkeit. Er nimmt uns später mit in den Dorftempel und abends tanzen wir mit seiner jungen Frau und temperamentvollen Schwester nach Punshabi-Musik ums Bett herum. Bevor wir Schlafen gehen, bittet uns Nishan mit einem unwiderstehlichen Blick, noch einen Tag länger zu bleiben und an der Verlobung seiner Schwester teilzunehmen. Das ist sicher interessant.
1. Mehta Chowk im Morgennebel, 2. Gemeinsamer Morgentee auf dem Hof
Die Familie ist Frühaufsteher. Morgens um halb sieben klopft Nishan ungeduldig an die Zimmertür. Das Frühstück ist fertig! Er lässt uns keine fünf Minuten. Noch ganz verschlafen ziehen wir uns an und schon stehen das Essen und der süß-würzige Milchtee vor uns auf dem Bett. Draußen herrscht heute weiße Dunkelheit. Damit meint Nishan den dichten Nebel, der das Dorf einhüllt. Es ist kühl und die Sonne steht noch tief.
Die Verlobung mit dem Fremden
Heute gegen Mittag findet die Verlobung im Hause der bereits verheirateten Schwester statt. Nach einem kurzen Besuch bei den Nachbarn ist es Zeit für ein Wasserpumpenbad und saubere Kleidung. Ein feierliches Outfit gibt unsere praktisch orientierte Reisegarderobe leider nicht her. Dafür verziert Nishans Schwester Suses Hände mit Henna, seine Frau lackiert ihr derweil die Finger- und Fußnägel. Und auch ihre Augenbrauen werden zwischen einem verzwirbelten Bindfaden schmerzhaft gezupft. Den beiden Mädchen macht die kleine Verschönerung sichtlich Spaß.
Nishans Schwester verziert Suses Hände mit Henna
Micha schaut solange zu, wie Nishan sich einen feierlichen Turban über die sikh-typisch nach vorne verknoteten, langen Haare bindet. Fertig zur Abreise fährt Nishan uns zu dritt auf der Honda ins Haus der anderen Schwester. Der Rest der Familie kommt mit einem Auto nach. Wir haben keine Ahnung, wie die Verlobung vonstatten geht. Wir wissen nur, dass die jeweiligen Eltern das Zusammentreffen arrangiert haben. Nishans Schwester kennt ihren zukünftigen Verlobten noch nicht.
1. Nishan bereitet den Turban vor, 2. Das frisch verlobte Paar
Als wir im Hause der Verlobung ankommen, warten schon ein paar Familienmitglieder beider Parteien dort. Frauen und Männer sitzen in getrennten Zimmern und trinken Tee. Nishans Schwester ist nervös. Suse drückt ihr die kalte Hand. Sie sagt nichts und lächelt einen kurzen Moment.
Nach einer Weile des Wartens heißt es, dass sich beide Elternpaare der Verlobung ihrer Kinder einig sind. Nun muss noch der zukünftige Ehemann zustimmen. Ein junger, fremder Mann betritt das Frauenzimmer und setzt sich auf den Stuhl, der vor Nishans Schwester steht. Für eine gewisse Zeit sitzen sich beide wortlos gegenüber. Die Blicke treffen sich nicht. Dann verlässt der junge Mann wieder den Raum und Unruhe macht sich breit. Kurze Zeit später Erleichterung in allen Gesichtern: er hat die Wahl seiner Eltern für gut befunden. Die Verlobung steht.
Für uns ist es unvorstellbar, was da gerade vor unseren Augen von statten ging. Zwei junge Menschen, die noch nie miteinander gesprochen haben, sollen bald ihr zukünftiges Leben miteinander teilen. Nishans Schwester und die ganze Familie scheinen erleichtert. Trotzdem senkt die Braut demonstrativ den Kopf, als das Paar fürs feierliche Foto posiert.
Als wir alle wieder zuhause sind, macht es den Eindruck, als wäre heute nichts Besonderes geschehen. Wir essen irgendwann zu Abend – diesmal mit dem geliebten Milchreis zum Nachtisch – und lassen den Tag ausklingen.
Gemüseschnippeln mit der Mutter
Morgens heißt es wieder früh aufstehen. „Schenkt mir noch vierundzwanzig Stunden, dann könnt ihr weiterreisen” sind Nishans erste Worte, als er sich zu uns aufs Bett setzt. Er möchte uns noch so viel zeigen: den Hindutempel, den Markt, seine alte Schule. Wir bleiben gern, versuchen ihn aber ein wenig zu bremsen. Seit einem Unfall bei der Armee leidet er nämlich an starken Rückenschmerzen und versucht dies, vor uns zu verbergen. Wir merken, dass er sich manchmal regelrecht quält und gehen diesen Tag ruhiger an. Wir beschäftigen uns gemeinsam mit den normalen Dingen. Suse hilft der Mutter beim Kochen. Nishan und sein Vater helfen Micha bei der Wartung der MZ. Und morgen Vormittag steht der Abschied an. Von neuen, lieben Freunden.
Motorradfahren in Indien
Im letzten Monat sind wir nur tausend Kilometer gefahren. Allerdings waren die Straßen teilweise ziemlich schlecht. Micha wirft sicherheitshalber noch mal einen Blick in die Radlager von Suses Hinterrad. Alles dreht sich. Die Speichen bei Michas MZ halten auch. Der Spritverbrauch hat sich ebenfalls etwas verringert und liegt jetzt bei fünfeinhalb bis sechs Liter pro hundert Kilometer. Brave MZ!
Prüfung der Radlager
Übers Motorradfahren in Indien haben wir vorher nur Schlimmes gehört. Da wir schon viele Länder durchquert haben, sind wir anderes Fahrverhalten zum Glück gewöhnt. Die neue Straßenverkehrs”ordnung” können wir also schnell adaptieren. Auch der Inder fährt immer dort, wo gerade Platz ist. Allerdings sind sehr viele Inder gleichzeitig unterwegs und viele haben es eilig. Motorradfahren wird zum hoch konzentrierten Hindernisparcour.
Am rabiatesten und bedrohlichsten sind die Busfahrer, die sich mit ihrer laut trötenden Hupe wie ein Elefant auf der Flucht durch den Straßendschungel drängeln. Vor jedem Überholen müssen wir die MZ-Hupe drücken als freundliche Warnung für den Vordermann. Für Schulterblick haben die Inder nämlich keine Zeit. Bei Lichthupe von vorn muss schnellstmöglich ausgewichen werden – oder man nimmt einen mutigen Kampf auf, wenn man auf sein Fahrspurrecht bestehen will. Dann sollte man allerdings die Größe des Entgegenkommenden gut abschätzen. Denn je größer desto gewaltiger und desto mehr Vorfahrt.
Wir werden nun unsere MZ – zumindest in die Nähe – des Dalai Lamas bringen. Eine heilige und friedvolle Segnung Seiner Heiligkeit haben sie verdient.














Veröffentlicht von eurasien























































































