Abenteuer Indien: Schöne erste Tage

18. November 2008

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Goldener Tempel: Indien begrüßt uns
Wir haben im Vorfeld so viele unterschiedliche Sachen über Indien gehört. Gutes und Schlechtes. Umso gespannter sind wir, was wir in diesem Land, dem wir fünf Monate unserer Reise widmen, erleben werden.

Als wir gegen Mittag dreißig Kilometer hinter der pakistanisch-indischen Grenze in die nordindische Stadt Amritsar einfahren, halten wir gleich nach dem Goldenen Tempel Ausschau. Das Straßenbild ist ähnlich wie in Lahore. Erstaunlicherweise ist es sogar weniger chaotisch, leiser und etwas aufgeräumter.

Blick auf den Goldenen Tempel

Kleine, grüne Wegweiser führen uns einigermaßen unkompliziert zur heiligsten Stätte der Sikhs: Der vergoldete Tempel inmitten von Amritsar ist von einem großen Becken mit heiligem Wasser, dem sog. Nektar, umgeben. An diesem Ort der Ruhe möchten wir zusammen mit den Tempelpilgern ein, zwei Tage verbringen und das besondere Flair spüren. Bei den Sikhs ist jeder Mensch, egal welcher Religion oder Klasse, jederzeit willkommen.

Parkplatz im Innenhof des Pilgerhauses

Das große Tempelgelände ist durch verschiedene weiße, stilvolle Gebäude eingegrenzt. Wir stehen durchgeschwitzt und mit laufenden Motoren vor dem Eingangstor. Ein Wachmann mit lilafarbenem Turban und im weißen, knielangen Kleid winkt uns zu. Als ausländische Besucher dürfen wir mit unseren MZ durchs große Tor auf das heilige Gelände fahren. Der Wächter dirigiert uns sofort und mit einem Lächeln auf den sonnigen Innenhof des großen Pilgerwohnhauses Sri Guru Ram Das Niwas, wo wir die MZ direkt vor unserer Schlafkammer abstellen dürfen. Für eine kleine Spende sind wir herzlich eingeladen, hier zu übernachten. Wir freuen uns über diese nette Begrüßung. Es ist den Sikhs scheinbar eine Ehre, dass wir den Tempel besuchen. Dabei empfinden wir es genau anders herum.

Über den Innenhof und das ganze Gelände wandern Pilger. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre, die Umgebung ist hell und rein. Bunte Kleider und Fahnen setzen wunderschöne Kontraste. Die Leute beobachten uns neugierig beim Abladen der Motorräder. Die Sachen bringen wir in unsere Kammer, die wir uns zwei Tage lang mit einer quicklebendigen Maus teilen werden. Sie hat es sich in unseren Taschen gemütlich gemacht.

Wir wechseln die schwitzigen Motorradklamotten gegen normale Kleidung und stöbern eine Weile durch die Ladenstraßen in der näheren Umgebung des Tempelgeländes. Im warmen Licht der Abendsonne wollen wir dann den Golden Tempel umrunden. Bevor wir die Parkama – den marmorierten Gehweg um den Tempel bzw. den Pool herum – betreten dürfen, müssen wir beide unser Haupt bedecken, die Füße entkleiden und reinigen. Dann schreiten wir barfuß über den kühlen, weißen Mosaiksteinboden am Wasser entlang und blicken bei unserem Rundgang auf die sonnengoldene heilige Stätte. Aus Lautsprechern hören wir die Klänge und Gesänge der Tempelpriester, die gerade die tägliche Abschlusszeremonie abhalten: das heilige Buch der Sikhs – Guru Granth Sahib – wird für heute geschlossen.

1. Tempelrundgang auf der Parkama, 2. Eine Pilgerin begrüßt Suse

Am Ende des Rundgangs gehen wir in die Guru-Ka-Langar – die große Essenshalle, in der rund um die Uhr zigtausende Pilger pro Tag gemeinsam auf dem Boden ein kostenloses Mahl einnehmen. Das zelebrierte Gemeinschaftsessen ist eines der Merkmale des Sikhismus` und symbolisiert die Einigkeit der verschiedenen Menschen. Wir setzen uns mit einem Blechteller in der Hand mit den Anderen in die Reihe und warten auf die freiwilligen Helfer, die ohne Pause Linsenbrei, Milchreis und Fladenbrot verteilen. Das frische Fladenbrot muss mit beiden zur Schale geformten Händen entgegengenommen werden. Nach dem einfachen und leckeren Mahl schleichen wir glücklich in unsere Schlafkammer zurück. Mittlerweile haben sich das Pilgerhaus und dessen ganzer Innenhof mit schlafenden Männern, Frauen und Kindern gefüllt.

1. Riesige Töpfe in der Tempelküche, 2. Guru Nanak (1469-1539): Gründer des Sikhismus

Am zweiten Tag reihen wir uns in die Pilgerschlange auf der Brücke zum Goldenen Tempel ein und sehen uns zum Abschied die schmuckvolle heilige Sikhstätte von innen an. In der Tempelmitte lesen Priester im Schneidersitz aus dem heiligen Buch, spielen Instrumente und singen. Nacheinander umkreisen die Pilger das Geschehen und verbeugen sich bis auf den Boden.

Nach einem kurzen Frühstück packen wir schon wieder unsere Sachen und verlassen den Ort, der uns so friedlich und offen empfangen hat. Heute haben wir vor, Nishan – ein 26 Jahre alter, verheirateter Sikh – zu besuchen, der eine Stunde außerhalb von Amritsar im Dorf Mehta Chowk lebt. Wir haben ihn am ersten Abend im Internetcafè nahe des Goldenen Tempels kennengelernt, als er uns völlig unbedarft bat, ihm am PC zu helfen. Er saß zum ersten Mal am Computer und wollte sich im Internet über eine dringende Versicherungssache kümmern. Micha hat ihm geduldig geholfen und ihm seine erste E-Mail-Adresse eingerichtet. Zum Dank lud er uns herzlich ein, ihn in seinem Zuhause zu besuchen. Diese Einladung können wir nicht ablehnen.

Abreise

Drei Tage mit den Sikhs: Zuhause bei Nishan
Wir reisen entspannt aus dem Goldenen Tempel ab und machen uns auf den Weg nach Metha Chowk, wo wir eine Nacht lang bleiben wollen, bevor wir zum Dalai Lama weiterfahren. Mal sehen, was uns bei Nishan und seiner Familie erwartet.

Kurz vor Metha Chowk kommen uns Nishan und sein Vater bereits auf einer kleinen Honda Hero entgegen. Sie haben sorgevoll auf uns gewartet. Nishan strahlt übers ganze Gesicht, als er uns am Straßenrand begrüßt: „I am so happy!”

Mit ihnen vorweg fahren wir gemeinsam zum Haus, in dem Nishan mit seiner 18-jährigen Frau Rupinder, seiner noch unverheirateten vier Jahre jüngeren Schwester und seinen Eltern lebt. Das Haus ist umringt von kleinen Reis-, Raps- und Zuckerpflanzenfeldern. Auf dem kleinen Hof stehen zwei riesige, dunkle Kühe. Die drei Zimmer im Haus sind pragmatisch eingerichtet. Ein Fernseher mit Digitalempfang und ein DVD-Player dürfen wie überall nicht fehlen. Gewaschen wird sich an der Wasserpumpe und im Wasserbecken auf dem Hof. Für die Toilette geht man aufs Feld.

1. Nishan, seine Schwester und Frau, 2. Mit seinem Vater

Man gibt uns sofort das Gefühl, ein Teil der Familie zu sein. Die drei Frauen bereiten uns sitzend auf dem Boden des Hofes würziges, vegetarisches Essen und Pudding mit frischer Kuhmilch zu. Wir setzen uns aufs große Bett in Nishans Schlafzimmer und werden liebevoll bedient. Seine Frau Rupinder sieht uns neugierig, aber verlegen an.

Nishan umsorgt uns mit höchster Aufmerksamkeit. Er nimmt uns später mit in den Dorftempel und abends tanzen wir mit seiner jungen Frau und temperamentvollen Schwester nach Punshabi-Musik ums Bett herum. Bevor wir Schlafen gehen, bittet uns Nishan mit einem unwiderstehlichen Blick, noch einen Tag länger zu bleiben und an der Verlobung seiner Schwester teilzunehmen. Das ist sicher interessant.

1. Mehta Chowk im Morgennebel, 2. Gemeinsamer Morgentee auf dem Hof

Die Familie ist Frühaufsteher. Morgens um halb sieben klopft Nishan ungeduldig an die Zimmertür. Das Frühstück ist fertig! Er lässt uns keine fünf Minuten. Noch ganz verschlafen ziehen wir uns an und schon stehen das Essen und der süß-würzige Milchtee vor uns auf dem Bett. Draußen herrscht heute weiße Dunkelheit. Damit meint Nishan den dichten Nebel, der das Dorf einhüllt. Es ist kühl und die Sonne steht noch tief.

Die Verlobung mit dem Fremden
Heute gegen Mittag findet die Verlobung im Hause der bereits verheirateten Schwester statt. Nach einem kurzen Besuch bei den Nachbarn ist es Zeit für ein Wasserpumpenbad und saubere Kleidung. Ein feierliches Outfit gibt unsere praktisch orientierte Reisegarderobe leider nicht her. Dafür verziert Nishans Schwester Suses Hände mit Henna, seine Frau lackiert ihr derweil die Finger- und Fußnägel. Und auch ihre Augenbrauen werden zwischen einem verzwirbelten Bindfaden schmerzhaft gezupft. Den beiden Mädchen macht die kleine Verschönerung sichtlich Spaß.

Nishans Schwester verziert Suses Hände mit Henna

Micha schaut solange zu, wie Nishan sich einen feierlichen Turban über die sikh-typisch nach vorne verknoteten, langen Haare bindet. Fertig zur Abreise fährt Nishan uns zu dritt auf der Honda ins Haus der anderen Schwester. Der Rest der Familie kommt mit einem Auto nach. Wir haben keine Ahnung, wie die Verlobung vonstatten geht. Wir wissen nur, dass die jeweiligen Eltern das Zusammentreffen arrangiert haben. Nishans Schwester kennt ihren zukünftigen Verlobten noch nicht.

1. Nishan bereitet den Turban vor, 2. Das frisch verlobte Paar

Als wir im Hause der Verlobung ankommen, warten schon ein paar Familienmitglieder beider Parteien dort. Frauen und Männer sitzen in getrennten Zimmern und trinken Tee. Nishans Schwester ist nervös. Suse drückt ihr die kalte Hand. Sie sagt nichts und lächelt einen kurzen Moment.

Nach einer Weile des Wartens heißt es, dass sich beide Elternpaare der Verlobung ihrer Kinder einig sind. Nun muss noch der zukünftige Ehemann zustimmen. Ein junger, fremder Mann betritt das Frauenzimmer und setzt sich auf den Stuhl, der vor Nishans Schwester steht. Für eine gewisse Zeit sitzen sich beide wortlos gegenüber. Die Blicke treffen sich nicht. Dann verlässt der junge Mann wieder den Raum und Unruhe macht sich breit. Kurze Zeit später Erleichterung in allen Gesichtern: er hat die Wahl seiner Eltern für gut befunden. Die Verlobung steht.

Für uns ist es unvorstellbar, was da gerade vor unseren Augen von statten ging. Zwei junge Menschen, die noch nie miteinander gesprochen haben, sollen bald ihr zukünftiges Leben miteinander teilen. Nishans Schwester und die ganze Familie scheinen erleichtert. Trotzdem senkt die Braut demonstrativ den Kopf, als das Paar fürs feierliche Foto posiert.

Als wir alle wieder zuhause sind, macht es den Eindruck, als wäre heute nichts Besonderes geschehen. Wir essen irgendwann zu Abend – diesmal mit dem geliebten Milchreis zum Nachtisch – und lassen den Tag ausklingen.

Gemüseschnippeln mit der Mutter

Morgens heißt es wieder früh aufstehen. „Schenkt mir noch vierundzwanzig Stunden, dann könnt ihr weiterreisen” sind Nishans erste Worte, als er sich zu uns aufs Bett setzt. Er möchte uns noch so viel zeigen: den Hindutempel, den Markt, seine alte Schule. Wir bleiben gern, versuchen ihn aber ein wenig zu bremsen. Seit einem Unfall bei der Armee leidet er nämlich an starken Rückenschmerzen und versucht dies, vor uns zu verbergen. Wir merken, dass er sich manchmal regelrecht quält und gehen diesen Tag ruhiger an. Wir beschäftigen uns gemeinsam mit den normalen Dingen. Suse hilft der Mutter beim Kochen. Nishan und sein Vater helfen Micha bei der Wartung der MZ. Und morgen Vormittag steht der Abschied an. Von neuen, lieben Freunden.

Motorradfahren in Indien
Im letzten Monat sind wir nur tausend Kilometer gefahren. Allerdings waren die Straßen teilweise ziemlich schlecht. Micha wirft sicherheitshalber noch mal einen Blick in die Radlager von Suses Hinterrad. Alles dreht sich. Die Speichen bei Michas MZ halten auch. Der Spritverbrauch hat sich ebenfalls etwas verringert und liegt jetzt bei fünfeinhalb bis sechs Liter pro hundert Kilometer. Brave MZ!

Prüfung der Radlager

Übers Motorradfahren in Indien haben wir vorher nur Schlimmes gehört. Da wir schon viele Länder durchquert haben, sind wir anderes Fahrverhalten zum Glück gewöhnt. Die neue Straßenverkehrs”ordnung” können wir also schnell adaptieren. Auch der Inder fährt immer dort, wo gerade Platz ist. Allerdings sind sehr viele Inder gleichzeitig unterwegs und viele haben es eilig. Motorradfahren wird zum hoch konzentrierten Hindernisparcour.

Am rabiatesten und bedrohlichsten sind die Busfahrer, die sich mit ihrer laut trötenden Hupe wie ein Elefant auf der Flucht durch den Straßendschungel drängeln. Vor jedem Überholen müssen wir die MZ-Hupe drücken als freundliche Warnung für den Vordermann. Für Schulterblick haben die Inder nämlich keine Zeit. Bei Lichthupe von vorn muss schnellstmöglich ausgewichen werden – oder man nimmt einen mutigen Kampf auf, wenn man auf sein Fahrspurrecht bestehen will. Dann sollte man allerdings die Größe des Entgegenkommenden gut abschätzen. Denn je größer desto gewaltiger und desto mehr Vorfahrt.

Wir werden nun unsere MZ – zumindest in die Nähe – des Dalai Lamas bringen. Eine heilige und friedvolle Segnung Seiner Heiligkeit haben sie verdient.


In den heiligen Bergen Nordindiens

23. November 2008
Gesegnete MZ

McLeod Ganj: Auf der Suche nach dem Dalai Lama
14. November. Wie immer scheint die Sonne und es ist angenehm warm. Auf der Landkarte haben wir die Route nach McLeod Ganj nahe Dharamsala markiert. In diesem Dorf in den grünen, klaren Bergen Nordindiens lebt und regiert Tenzin Gyatso – der vierzehnte Dalai Lama – zusammen mit zigtausenden anderen Exiltibetern. In den letzten fünfzig Jahren, seit das Exil besteht, hat sich McLeod Ganj zum Zentrum der buddhistischen Lehre und tibetischen Kultur entwickelt. Und natürlich auch zu einem Pilgerort für Touristen aus der ganzen Welt.

Buddhistische Mönche

Seit unserer Abfahrt nahe Amritsar nimmt der Chaosverkehr durch die Städte und auf der Landstraße immer mehr ab. Nach etwa vier Stunden düsen wir nur noch auf wenig befahrenen Kurven durch die Berge, die am Horizont von Nebel umgeben sind. Kurz vor Dharamsala beginnt eine schmale, steile Serpentinenstraße, auf der wir uns langsam nach oben winden. Nach zehn Kilometern Kurvenfahrt hinter Dharamsala kommen wir gegen fünf Uhr nachmittags in McLeod Ganj – auch Upper Dharamsala genannt – an: ein Ort mit engen Gassen, vielen kleinen Hotels, Restaurants, diversen Läden und Internetcafès. Hier hat man sich auf Besucher Seiner Heiligkeit eingestellt.

Tibeter in McLeod Ganj

Dem Gefühl nach haben wir Indien schon wieder verlassen. Buddhistische Mönche in weinroten Roben, Gebetsfahnen am Berghang und auf den Dächern sowie tibetische Gesichter auf der Straße vermitteln uns mal wieder ein ganz neues Flair. Wir sind im anderen Tibet.

In dem bunten Hausschilderwald finden wir zum Glück schnell das kleine Green Hotel, in dem wir ein paar Tage wohnen werden. Wir bekommen das letzte freie Zimmer – schön hell, mit Blick über Dächer und Tal. Und trotz wenig Platz in der schmalen Gasse dürfen wir auch die beiden Motorräder dicht an der Hauswand des Hotels parken.

Ein Besuch im Tibetischen Delek Hospital
Micha geht es schon den ganzen Tag nicht gut und er ist froh, endlich Ruhe zu haben. Weil er hohes Fieber hat, fahren wir sicherheitshalber gleich noch mit dem Taxi ins nahe gelegene Tibetische Delek Krankenhaus. Das kleine Hospital ist keine westliche, weiß geflieste Klinik, macht aber einen passablen Eindruck. Ein junger tibetischer Mann und eine Krankenschwester untersuchen Micha sofort. Der Arzt schlägt vor, morgen ein paar Tests zu machen. Er vermutet nichts Ernstes, aber ein Malaria- und Parasitentest können nicht schaden.

Am nächsten Morgen werden wir erst einmal unsanft durch ein Geräusch neben unserem Bett geweckt. Ein Affe hat sich durch die offene Balkontür in unser Zimmer geschlichen und einen Tetrapack Saft geschnappt. Auf seiner Flucht sind ein paar Sachen vom Nachttisch gefallen. Wir sitzen aufgeschreckt im Bett und sind froh, dass es nur der Saft ist, der jetzt verschwunden ist. Es sollte nicht der letzte Diebstahl gewesen sein. Ein paar Tage später holen sie sich zu zweit vor unseren Augen das Obst von unserem Bett.

1. Frecher Affe frisst unser Obst, 2. Kleiner Shop am Hügel

Mit einer Stuhlprobe in der Tasche fahren wir an diesem Vormittag also noch mal ins Krankenhaus. Auf dem Weg dorthin stehen überall tibetische Mönche, Einheimische und Touristen am Straßenrand. Der Taxifahrer erzählt uns, dass sie auf Seine Heiligkeit warten. Der Dalai Lama kommt nämlich irgendwann heute von seiner Japanreise nach McLeod Ganj zurück. Schon wieder ein toller Zufall, freuen wir uns. Den Dalai Lama vielleicht persönlich zu sehen, und dann auch noch an dem Ort, von wo aus er seit 1959 als buddhistisches Oberhaupt im Exil Tibet regiert, wäre ein echter Glücksfall.

Ein heiliger Augenblick: Wir sehen den Dalai Lama
Als wir am Hospital ankommen, stehen die Schwestern und Ärzte des Krankenhauses ebenfalls wartend am Straßenrand. Wir gesellen uns dazu. Nach kurzem Warten macht sich Unruhe breit. Ein Polizist hält jetzt den schmalen Weg frei. Kommt der Dalai Lama?

Kinder warten auf den Dalai Lama

Plötzlich sehen wir einen Konvoi aus Geländewagen die kleine Straße hoch kommen. Alle verbeugen sich ergeben. Und da, im dritten oder vierten Wagen, sitzt er vorne auf dem Beifahrersitz hinter verschlossenem Fenster und hebt lächelnd seine Hand. Der Konvoi fährt zügig. Nach wenigen Sekunden ist alles vorbei. Doch das Gefühl des kurzen Blickes auf diesen charismatischen Mann hält noch eine Weile an. Für ein Foto gab es leider keine Chance, der Moment wird in uns festgehalten.

Wir gehen mit dem Personal die Treppe hoch, hinein ins Krankenhaus. Die sofortigen Tests im kleinen Labor geben erst einmal Entwarnung. Wahrscheinlich kämpft Micha gegen irgendeinen indischen Virusinfekt an, der mit Paracetamol und Bettruhe ausgestanden werden muss. Die Krankenversicherung einzuschalten, lohnt sich übrigens nicht. Die Untersuchung und Labortests kosten in der Summe nur ein paar Euro.

Bettruhe mit einem Roman

Wir warten ab, ob das Fieber verschwindet. Micha fühlt sich schlapp und hat Kopfschmerzen. Während er sich ausruht, gesellt sich Suse mit Büchern und Laptop zu ihm. Als das Fieber am fünften Tag trotz Tabletten immer noch nicht weg ist und Micha immer schwächer wird, steigen wir auf medizinischen Rat aus Deutschland hin auf Novamin um. Danach geht es Micha sichtlich besser und das Fieber verschwindet bald.

Buddhistischer Frieden

In so einer friedlichen Umgebung wie McLeod Ganj können wir uns beide richtig gut erholen und die Seele baumeln lassen. Wir gehen fast jeden Tag gemeinsam auf die sonnige Terrasse von Nicks Italian Restaurant. Dort gibt es wunderbare, frisch zubereitete Pastagerichte, Gemüsesuppen, leckeres Bauernfrühstück und selbst gebackenen Schokokuchen. Ein echtes Schlemmerparadies und endlich mal bekannter Stoff für unsere oft geforderte Verdauung. Sobald ab etwa halb sechs die wärmende Sonne untergeht, wird es sehr kühl draußen. Wir ziehen uns dann meistens recht bald mit einer Kerze und einem Buch ins Bett zurück. Soviel Erholung wie hier hatten wir noch gar nicht, aber Michas hat sie wirklich gebraucht.

Die Tage in McLeod Ganj vergehen… Es ist der 23. November und wir müssen unseren Plan, noch in diesem Monat bis nach Nepal zu fahren, leider ändern. Wenn wir im Januar die Südwestküste Indiens in Ruhe erreichen wollen, reicht die Zeit für einen Abstecher nach Nepal nicht aus. Das könnten wir dann ab Mitte Februar nachholen, wenn wieder gutes Reisewetter im Himalaja ist.

1. Aushang für Privataudienz, 2. Tempelgebetsmühlen

Bevor wir das andere Tibet verlassen, besuchen wir noch den Tsuglagkhang Tempelkomplex – die offizielle Wohnstätte des Dalai Lama. Im daneben liegenden Tibet Museum setzen wir uns noch einmal mit der Situation auseinander, dass Tibet einen friedlichen, aber sehr harten Kampf gegen die Chinesische Regierung kämpft. Während wir hier sind, findet in Dharamsala eine wichtige, mehrtägige Konferenz zu diesem Thema statt, auf der die Exil-Tibeter beraten, wie sie mit den zunehmenden Repressionen der Chinesen in Zukunft umgehen sollen (Artikel in SZ vom 17.11.2008).

Ein Aushang am Sekretariatsgebäude verkündet, in welchen Schritten sich um eine Privataudienz beim Dalai Lama beworben werden kann. Bei einer solch außergewöhnlichen Begegnung würden uns mit Sicherheit viele Fragen an Seine Heiligkeit einfallen, aber wir finden, dass wir einer persönlichen Audienz nicht wirklich würdig sind (…auch wenn wir es auf einer MZ ETZ 250 bis hierher geschafft haben).

Ab dem 25. November machen wir uns auf den langen, spannenden Weg bis an die Küste im Südwesten Indiens – vorbei an Dehli, Bombay und Goa.


Ommm… Willkommen in der Yoga-Welthauptstadt

1. Dezember 2008


Im Zick-Zack-Kurs nach Mandi, Tattapani und Nahan
25. November. Wir sagen Tschüß zum Dalai Lama. In den nächsten vier Tagen werden wir jeden Tag sechs bis acht Stunden auf dem Motorrad sitzen und täglich nur 150 bis 200 Kilometer weit kommen. Die Straße seit McLeod Ganj verläuft nämlich im unendlichen Zick-Zack-Kurs. Viele LKW müssen überholt werden. Mehr als vierzig Km/h sind fast nicht drin.

Wir schwingen die MZ um so viele Kurven, dass einem etwas schlecht wird. Mindestens 1500 Kurven am Tag. Zwischendurch wird am ersten Tag noch schnell ein kleiner Stopp eingelegt: Michas MZ ist im Fahren ausgegangen. Beim Drehen des Zündschlüssels passiert nichts mehr. Mittlerweile ein Profi bei der Fehlersuche, hat Micha den Wackelkontakt in der Sicherungsdose schnell gefunden und beseitigt.

Berge im Norden

Wir weichen nach unserer ersten Übernachtung in einer billigen Absteige in der Kleinstadt Mandi auf kaum befahrene Nebenstraßen durch die grüne Berglandschaft aus. Diese Wege sind zwar ruhiger, aber noch enger. Und obwohl hier wenig los ist, müssen wir hinter jeder Kurve mit rabiaten Busfahrern rechnen, die auf ihre Vorfahrt bestehen. Auch an den einsamsten Stellen zwingen sie uns mit einem Schreck an den Rand oder zum Stehenbleiben. Auf der Drei-Meter-Straße ist einfach kein Platz für zwei Fahrzeuge gleichzeitig.

Unser Blick ist beim Fahren jeden Moment nach vorn gerichtet. Die Terrassenfelder, die im leichten Nebel an den Berghängen liegen, müssen wir im Vorbeifahren aus den Augenwinkeln genießen. Der Kilometerzähler kriecht im Schneckentempo: noch 70 Kilometer, noch 65, noch 61,… Hoffentlich schaffen wir es bis zum Abend in den nächsten Ort.

Noch vor dem Dunkelwerden erreichen wir mit brennendem Nacken das nächste Tagesziel: das Dorf Tattapani mit seinen heißen Quellen am Fluss. Genau das brauchen wir jetzt: ein Bad im heißen Quellwasser, ein gutes Abendessen und dann hinein ins saubere Bett. Das kleine Hotel hat neu eröffnet und ist ein guter Platz für die Nacht.

Am dritten Tag fahren wir nach Nahan und von dort aus dann nach Rishikesh.

Rishikesh: Entspannung für Körper und Seele
29. November, drei Uhr nachmittags. Wir kommen in Rishikesh an und finden nach kurzem Hin und Her erleichtert das empfohlene Hotel auf dem Hügel mit Blick auf den Ganges und die Berge.

Blick auf Ganges und Rishikesh

Wir parken die Motorräder im grünen Hof neben dem überhaupt nicht indischen Gartenrestaurant, an dem das Schild „German Bakery” hängt. Dieser Ort ist jetzt genau der Richtige, um sich ein paar Tage von den körperlich anstrengenden Kurvenetappen zu erholen. Wir werden nicht enttäuscht.

German Bakery: Verlockende Menükarte

Das Zimmer ist einfach, ruhig und sauber. Vor der Tür liegen uns eine gemütliche Steinterrasse und der Garten zu Füßen. Andere junge Reisende entspannen sich gerade bei einer Tasse Kaffee, einem Crepe oder Gemüsesandwich an den kleinen Tischen vor dem Restaurant. Es sind – wie auch schon in McLeod Ganj – wieder viele unter ihnen mit verfilzten Haaren, bequem gekleidet in weiten Schlabberklamotten und Wollsocken-in-Latschen sowie einem Meditations- oder Yogabuch in den Händen. Sieht man so aus, wenn man einige Zeit in Indien war?

Sonnenuntergangszeremonie am Ganges
Am ersten Abend in Rishikesh gehen wir über eine schmale, lange Hängebrücke auf die andere und lebendigere Seite der Stadt. Bei Sonnenuntergang beobachten wir dort die tägliche, spirituelle Zeremonie am Flussufertempel des Parmarth Niketan Ashrams. Auf der Marmortreppe zum Fluss sitzen die in grellem Gelb-orange gekleideten jungen Mönche – singend, klatschend, schaukelnd. Beim Zuhören der Chantitöne und des durchdringenden Basssounds der kleinen Trommeln gucken wir auf die schnelle Strömung des Ganges und die Farben der Zeremonie. Feuerschalen werden durch die Menschen ringsum gereicht. Alles ist so friedlich…

Das Leben in einem Ashram – einer spirituellen, kleinen Gemeinde – haben in den sechziger Jahren auch die Beatles für ein bis zwei Monate ausprobiert. Sie kamen nach Rishikesh und haben sich hier in geistiger Ruhe zu den meisten Songs fürs „White Album” inspirieren lassen.

Wir finden es hier auch sehr schön: Es weht ein milder Wind, die Sonne scheint über die Hügel und wir blicken von unserem gemütlichen Hotel aus runter auf den Ganges und seine weißen Strände.

Ommm…Ommm…
Rishikesh – die kleine Stadt ist Welthauptstadt des Yogas. Wir wollen das Erlebnis einer Sitzung unter Anleitung eines sehr biegsamen Yogaprofis nicht verpassen. Unsere versteiften Rückenmuskeln freuen sich schon.

Morgens um Acht sitzen wir barfuß im Schneidersitz vor dem weiß gekleideten jungen Mann mit indischem Akzent und falten unsere Hände vor die Brust. Dann brummen wir dreimal ein tiefes Ommm, und lauschen dem folgenden klangvollen Sprechgesang unseres Lehrers, der die Yogastunde einleitet.

Wie immer ist der erste Yogateil, in dem wir uns in entspannter Haltung und unter leiser Anleitung des Lehrers mit unserem Geist auf den ganzen Körper einlassen, der Schönste. Und wir sind soweit weg von allem – insbesondere von der winterlichen Heimat, in der bald der erste Advent gefeiert wird. Wir leben gerade in einer ganz anderen Dimension und genießen es!

Als wir alle verspannten Muskeln und Glieder wahrnehmen, geht die Sitzung über in den Verbiege-und-Beuge-Dich-Teil, wo man den Pullover aussieht, weil es auf einmal so warm wird. Den Körper anspannen, drei Sekunden ein-, drei Sekunden ruhig ausatmen. Eine schwierige Angelegenheit, nachdem wir schon ewig kein Yoga mehr praktiziert haben. Aber zum Glück entlässt uns der biegsame Yogamensch vor uns bald in den dritten und letzen Teil: noch einmal Entspannung.

Ommm, Ommm, Ommm. Die Yogasitzung ist vorbei. Jetzt können wir leicht und fit zum Frühstücken gehen. Der Muskelkater kommt zum Glück erst in sechsunddreißig Stunden.

Wir müssen leider weiterfahren
Wir überlegen uns mit Blick auf die Landkarte unsere genauere Weiterfahrt durch Indien und hoffen, dass wir auf den überfüllten Straßen einigermaßen gut vorankommen werden. Die Weststrände warten auf uns.

Micha stellt vor Abfahrt noch an beiden MZ die geschundenen Kupplungen nach, wechselt das Getriebeöl und lässt zum zweiten Mal einen abgebrochenen Blinker schweißen. Um solche Wartungen kommt er nicht herum, aber die alten Damen haben ja auch eine liebevolle Pflege schwer verdient.


Taj Mahal, Ochsenkarren und Tigerspuren

12. Dezember 2008

Überland von Rishikesh bis Agra
Nach einer unspektakulären Nacht in Kashipur heißt es Abfahrt nach Budaun. Die eher unbekannten Städte bilden unsere Route zur Küste, auf der wir die Hölle Dehli weiträumig umfahren. Seit die Hauptstadt an ihrem Metronetz baut, sind die stickigen, hektischen Staus noch schlimmer. Wir sparen viel Zeit und Nerven.

Wir nehmen die Landstraßen. Morgens als wir losfahren, liegt über den abgeernteten Zuckerrohrfeldern und kleinen Dörfern Indiens noch diesiger Nebel, durch den die Palmen und Bäume in der Gegend schimmern. An manchen Stellen sitzen ganze Familien von Rhesusaffen auf dem Feld, lausen sich gegenseitig und suchen nach Essbarem. Noch ist relativ wenig Verkehr. Der Fahrtwind ist kühl. Die Inder haben ihre Köpfe und dünnen, braunen Körper in Decken und Tücher gehüllt. Am Straßenrand sind Männer und Jungen auf großen klapprigen Fahrrädern unterwegs in den nächsten Ort. Auf der Holzpritsche eines Ochsenkarrens, den wir überholen, sitzen Alte, Frauen und Kinder eng zusammen gefercht und lassen sich noch müde irgendwo hin kutschieren.

Alte abgeruckelte Busse hetzen wieder über beide Fahrspuren, tröten und drängeln ohne Sinn und Verstand. Alles und jeder, der nicht größer als der Bus ist, soll weichen. Draußen unter den Busfenstern hängen die Kotzspuren ihrer durchgeschüttelten Fahrgäste. Es ist nicht möglich, sich die Wut über die Busfahrer den ganzen Tag zu verkneifen. Mindestens einmal muss aus voller Kehle unterm Helm gebrüllt werden, um der angestauten Aggression Luft zu machen. Ansonsten kommen wir mit Indiens Verkehrsregeln gut klar.

Wir durchfahren auf dem Weg nach Budaun verschiedene Dörfer und kleine Städte. Ihre Straßen sind meistens eng, bunt und gut gefüllt. Hunde und Kühe schlafen im Seelenfrieden auf dem Asphalt und baden sich im Lärm. Hier in Indien kommen neben Rindern noch Schweine hinzu, die sich mit ihrem Rüssel durch die Müllberge in den Straßenecken wühlen und die Scheiße aus der Gosse fressen. Dass sich Vieh und Mensch die Stadt teilen, ist hier tatsächlich das Normalste der Welt.

Auf der Straße in Budaun

Auf unserem langen Weg nach Indien konnten wir uns glücklicherweise Stück für Stück an so manche Anblicke und menschliche Eigenarten gewöhnen, so dass uns nichts mehr schockieren kann. Wir haben ziemlich früh gelernt, unser Verständnis von deutscher Gründlichkeit abzuschalten. Viele Dinge sind so zu nehmen, wie sie sind. Angefangen von stets leckenden Wasserleitungen über den hohen Geräuschpegel bis hin zu den Küchenfußböden, von denen man definitiv niemals essen kann. Aber auch solche Dinge sorgen auf unserer Reise für unvergessliche Details aus dem Leben anderer Kulturen.

Ein Nachmittag in Budaun
Auf unserem langen Weg finden wir auch ein Hotel, mitten im Basartreiben. Ausländer sind hier eine echte Abwechslung und wir sind nur noch in unserem Hotelzimmerchen ungestört. Naja, wenn nicht ständig das halbe Personal anklopft, um durch den Türspalt nachzusehen, ob alles in Ordnung ist. Wir wagen uns sogar mit der Kamera raus auf die Straße, als wir Mineralwasser besorgen und Abendessen gehen wollen.

1. Inder in Budaun, 2. Fans im Schlepptau

Die kindliche Neugier der Menschen amüsiert uns immer wieder, obwohl es manchmal harte Arbeit ist, durch die Gassen zu schlendern. Kinder laufen uns lachend hinterher. Die Verkäufer und Handwerker vor ihren kleinen Läden staunen über die große Frau und den glatzköpfigen Typen. An der Straßenküche finden wir was Warmes zu essen: Linsencurry, Samosa und Chapati. Danach lädt uns eine liebe und aufgeregte Inderin auf einen Willkommenstee in den Innenhof ihres kleinen Hauses gleich um die Ecke ein.

1. Kleiner Einkauf, 2. Unser Abendessen ist fertig

Wahrzeichen der Liebe: Taj Mahal
4. Dezember. Hallo Mutti, wir sind in Agra am Taj Mahal! Und es ist wahrlich so schön, wie Du es Dir vorstellst. Vom Dachrestaurant unserer Unterkunft können wir das weiße Wunderwerk, das aus Liebe zu einer Frau erschaffen wurde, jeden Tag bestaunen.

Wir wohnen im geschäftigen Viertel Taj Ganj gleich in der Nähe des Taj Mahal. Morgens um halb Neun gehen wir durch das Osttor in den Taj-Garten, um das strahlende Bauwerk im Morgenlicht zu sehen. Der ungewöhnlich hohe Eintrittspreis (entspricht drei Nächte im Doppelzimmer) ist beim Anblick des Wahrzeichens schnell vergessen. Pure Eleganz, zeitlos schön! Mehrere Stunden vergehen, in denen wir den Anblick des weißen Marmors, der stilvoll eingearbeiteten Ornamente und schlichten Ziersteinintarsien in Ruhe genießen. Wir beobachten die Inderinnen in ihren leuchtenden Saris, die sich farbenprächtig vor dem Hintergrund des Taj Mahal abheben.

Touch Mahal: Feinste Marmorintarsien und Reliefs

Wir verbringen drei ruhige Tage in Agra und lassen uns mit tollem indischen Essen in Joney`s Place verwöhnen. In der kleinen Bude werden vor unseren Augen Malai Kofta und andere Spezialitäten zubereitet. Der Bananen-Lassi ist der Beste, den wir bisher getrunken haben.

Joney`s Place in Taj Ganj

In Agra passiert es uns das allererste Mal auf unserer Reise, dass wir beklaut werden. Zum Glück war es nur das Benzin aus den Tanks und Kanistern der MZ. Die Diebe waren allerdings so nett, uns die Reserve zu lassen, so dass wir nicht zur Tankstelle schieben müssen. Das nächste Ziel heißt Ranthambore in der Nähe von Sawai Madhopur.

Dem Tiger auf der Spur
Ranthambore soll einen tollen Nationalpark haben, in dem wir hoffentlich einen indischen Tiger entdecken werden. Von Agra bis dorthin stellen wir einen unglaublichen Tagesrekord auf: 300 Kilometer in sechs Stunden! Zu unserer Fahrfreude sind wir nämlich den Großteil der Strecke auf fast unbefahrener, nagelneuer, zweispuriger Straße unterwegs, so dass die Tachonadel der MZ fast durchgängig die Achtzig streichelt. Indien hat tatsächlich auch chaosfreie Zonen.

In dem Dorf Ranthambore reihen sich Hotels aller Kategorien aneinander. Als wir unsere Bleibe im Hammir Hotel bezogen haben, fahren wir beide auf Suses MZ zum Tourist Centre, wo es die limitierten Tickets für die frühmorgendliche Jeepsafari gibt. Wir müssen uns am nächsten Tag um fünf Uhr an den Ticketschalter anstellen, sagt uns der Inder im Büro. Reservierungen sind nur per Internet möglich.

Nach einer kurzen Nacht, in der wir die schlimme Technomusik der indischen Hochzeit im Hotel nebenan ertragen mussten, stehen wir also um 5:03 Uhr am Safariticketschalter. Vor uns eine Traube dunkelgesichtiger Einheimischer, die Karten für ihre Hotelgäste ergattern und mit preislichem Aufschlag weiterverkaufen wollen. Wir können geradeso zwei der wenigen Jeepplätze für uns sichern. Zusammen mit zwei netten Düsseldorfern steigen wir um sechs Uhr auf unsere gut gepolsterten Jeepsitzplätze; unser Fahrer und der Parkführer starten den Motor.

Die Sonne fängt gerade an, aufzugehen. Die frische Morgenluft weht uns um die Nase. Wir fahren durchs Parktor und auf schmalen Wegen durch die aufwachende Natur. Das ehemalige Maharajas- Jagdgebiet ist vierhundert Quadratkilometer groß. Einen Tiger zu entdecken, ist reine Glücksache. Manche Gäste haben die Tour schon vier Mal gemacht und nie einen gesehen. Plötzlich stoppt der Jeep. Der Parkführer sieht über den Wagenrand auf den Boden: Da! Frische Tigerspuren. Er muss ganz in der Nähe sein. Wir gucken ohne Worte in die Runde, durch die niedrigen Büsche. Aber nichts. Wir fahren langsam weiter, wie auf der Pirsch. Er ist wahrscheinlich schon längst abgehauen…

Dem Tiger auf der Spur

Leider hat sich diese Situation in den ganzen drei Stunden unserer Tigersuche immer wieder erfolglos wiederholt. Immerhin haben wir seine großen, weichen Tatzenspuren im feinen Sand bewundert. Und uns natürlich auch über die anderen Parkbewohner gefreut: Krokodile, Bambirehe, Adler und bunte Vögel…

Wir haben keine Lust, uns noch mal mitten in der Nacht für Karten anzustellen, um eine zweite Tigersuche zu wagen. Indien hat ja noch andere Parks und vielleicht haben wir dort mehr Glück. Wir fahren lieber nach Bundi weiter – eine kleine, bunte Stadt zu Füßen eines uralten Burgpalasts am Berg.


Advent? Weihnachten?

23. Dezember 2008

xmas

Ja, es ist Mitte Dezember. Jedenfalls laut Kalender, aber keinesfalls laut Gefühl. Welcher Tag ist heute, welche Stunde? Das sagt uns nur der Blick auf unser Mobiltelefon. Die Uhr haben wir auf unserer Reise irgendwo verloren. Wir richten uns nach der Sonne. Seit Monaten scheint sie täglich vom Himmel. Nur viermal Regen in der ganzen Zeit, seit wir die Heimat mit den Motorrädern verlassen haben.

Bei unseren Freunden und der Familie geht der Alltag zuhause weiter. Wenn wir merken, wie wenig Zeit für sie selbst übrig bleibt, sind wir umso glücklicher, dass wir dem für eine Weile entflohen sind. Den Luxus wissen wir, auch noch nach über einem halben Jahr unterwegs, jeden Tag zu schätzen. Apropos jeden Tag:

Haben wir nicht auch einen Alltag?
Nein. Wir haben Dinge, die immer wieder kehren und irgendwie Routine sind: die MZ bepacken und auftanken, Wäsche mit der Hand waschen, Bloggeschichten schreiben und E-Mails lesen, Mineralwasser kaufen, lecker Essengehen und Verdauungsstörungen… Diesen „Alltag“ lieben wir.

Nicht nur Deutschland, auch Weihnachten ist uns hier so fern, aber trotzdem denken wir an Euch zuhause und an die köstliche Weihnachtsgans mit Rotkohl und Klößen bei Kerzenschein. Wir geben uns an den Stränden Indiens beide mit der netten Gesellschaft des jeweils anderen zufrieden. Das erste Mal Heilig Abend zu Zweit, so wie in all den anderen Momenten unserer wertvollen (Aus)zeit.

Wir wünschen Euch allen eine schöne Zeit mit Familie und Freunden!!!

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Tika, Bindi und Hakenkreuz

24. Dezember 2008
tempel1 Kalika Mata Tempel

Indische Stadtromantik in Bundi und Udaipur
Nur noch vier Etappen bis zum Strand! In den nächsten beiden Städten – Bundi und Udaipur – kommen wir noch einmal in den Genuss indischen Stadtlebens. Keine Molochs, sondern fast romantische Orte mit einem uralten Palast als Markenzeichen. In den Altstädten von Bundi und Udaipur winden sich enge, verwinkelte Gassen durch marode, belebte Wohnhäuser mit terrassenähnlichen Flachdächern und kleinen Läden im Erdgeschoss. Mager gebaute Obst- und Gemüsehändler fahren barfuß ihre Karren durch die Straßen. Honda Heros, Fahrradfahrer und Mopedrikschas fahren im sportlichen Slalom durch die Menschen.

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1. Blick vom Jagdish-Tempel in Udaipur, 2. Sonntagsausflug auf der Vespa

Die Fahrten bis nach Bundi und Udaipur verliefen reibungslos auf meist neuen, breiten und wenig befahrenen Straßen. Welch ein Segen. Selbst die kleinen Nebenstraßen sind oft gut asphaltiert. Wir probieren das erste Mal einen Highway – Nummer 76 – aus und sind erstaunt über so wenig Verkehr. Kaum ein LKW, kaum ein bekloppter Bus. Mit genügend Geisterfahrern und Ziegenherden auf der Fahrbahn ist trotzdem zu rechnen.

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Landschaft um Udaipur

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In Bundi: Wer überholt hier wen?

In beiden Städten beziehen wir ein Zimmer in einem etwa zweihundert Jahre alten, renovierten Wohnhaus, in dem die Familie unbewohnte Zimmer an Reisende wie uns vermietet. Vom Dach aus können wir auf die belebten Nachbardächer der Umgebung spähen. Es ist Sonntagvormittag und die Kinder spielen mit einem ausgestopften Socken Ball. Ihre Mütter sitzen am Türrahmen gelehnt und schälen Gemüse. Die bunte, frische Wäsche hängt bereits über dem Geländer in der Sonne. Der Hausherr liest im Schneidersitz seine Zeitung.

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1. Gasthausherrin in Udaipur, 2. Blick auf die Dächer am Sonntag

In Udaipur gehen wir auf dem riesigen Palastgelände, das an einem See liegt, spazieren. Auch zu sehen im Bond-Film Octopussy. Hinterher machen wir noch eine Tour durch die schmalen Gänge, marmornen Innenhöfe und verspiegelten Zimmer des größten Palastes in Rajastan. Maharaja Udai Singh II hatte diesen Herrscherkomplex und die Stadt darum Mitte des sechzehnten Jahrhunderts erbauen lassen. Palast, See, Gassen, Tempel… All das macht Udaipur wirklich charmant.

Champaner: Mit den Pilgern zum Kalika Mata

Wir fangen an, unter der Motorradkluft zu schwitzen. Mit jedem Kilometer weiter südlich wird die Luft spürbar wärmer und feuchter. Als wir das Dorf Champaner erreichen, flüchten wir gleich auf den Pavagadhhügel, wo wir ein staatliches Hotel beziehen. Von hier genießen wir die Ruhe und einen entspannenden Ausblick auf Champaner im Tal. Nur der große Ventilator an der Decke macht seine Geräusche. Ja, es ist wieder Zeit für Ventilatoren, denken wir. Die angenehme Frische des Nordens ist passè. Und in Deutschland stellt man jetzt an der Heizung rum.

Die Umgebung außerhalb des begrünten Hotelgeländes ist leider unglaublich zugemüllt. Es stinkt. In den Bäumen hüpfen die Languraffen umher: hübsche, braun-graue Tiere mit dunklen, scheuen Gesichtern und einem meterlangen, eleganten Affenschwanz.

Wir bestellen im einfachen Hotelrestaurant unser Abendessen. Serviert wird rein vegetarisch. Dass heißt, hier werden auch keine Eier verspeist. Wir müssen also zum Frühstück am nächsten Morgen auf unser geliebtes Omelett zwischen zwei Chapatis verzichten.

Champaner gehört zum Unesco Weltkkulturerbe. Auf der Spitze des Vulkanhügels Pavagadh in achthundert Metern Höhe befindet sich der Kalika Mata Tempel – eine beliebte Pilgerstätte der Hindus, die etwa drei Stunden brauchen, um nach oben zu wandern. Unzählige Menschen kommen jeden Tag hierher. Außer uns sehen wir keine anderen Ausländer.

Als stille Beobachter sehen wir uns das Pilgertreiben an. Wir nehmen die bequemere Variante hoch zum Tempel: Aus einer Schweizer Seilbahn können wir den bunten Pilgerzug von oben sehen. Familien und ganze Schulklassen laufen auf dem antik gepflasterten Tempelpfad und über kleine Treppen nach oben. Am Wegesrand sehen wir mit alten Planen und Sackstoffen überdachte Stände, an denen die Pilger halt machen können.

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1. Oben am Kalika Mata Tempel, 2. Verehrtes, religiöses Symbol

Suse fragt sich, ob indische Seilbahnen genauso gründlich gewartet werden, wie in der Schweiz. Vertrauenssache. Wir steigen heil angekommen oben aus und auf dem Plateau geht es zu wie auf einem kleinen Rummelplatz. Entspannte Pilger tummeln sich an Souvenir- und Essständen vorbei und stellen sich weiter hinten auf der langen Tempeltreppe in eine Schlange, die hoch zum Kalika Mata Tempel auf die Hügelspitze führt. Auf den Souvenirs und dem Steinfußboden begegnet uns überall das Hakenkreuz bzw. das Sonnenrad, das die Inder als religiöses Symbol für Wissen, Glück und Wohlstand verehren. Sie nennen es Swastika und als Sonnenzeichen soll es das Bewusstsein erleuchten und Licht in das Dunkel des Unwissenden bringen.

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1. Pilgerpaar vorm Tempel, 2. Micha gesegnet durch ein Tika

Wir reihen uns mit in die Pilgerschlange ein, ziehen wie alle anderen die Sandalen aus, als wir den heiligen Tempel erreichen. Wir können von oben aus die weite, friedliche Landschaft überblicken. Und die Hindus dabei beobachten, wie sie ihre Götter verehren und ihre heilige Gabe entgegen nehmen: Jeder Pilger bekommt eine Kokusnuss und Puffreis mit auf den Weg. Und natürlich ein Tika – die religiöse Markierung aus rotem Pulver (Kumkum) zwischen den Augenbrauen. Sie segnet den Hindu am Abschluss einer Zeremonie und symbolisiert die Öffnung seines sog. dritten Auges – das Zentrum des klugen Geistes.

Der rote Punkt zwischen den Augen, den jede verheiratetet Hindufrau trägt, nennt man übrigens Bindi. Es soll sie und ihren Ehemann beschützen. Das Bindi – entweder mit Pulver gemalt oder als Aufkleber – wird heutzutage auch von Mädchen und unverheirateten Inderinnen als Schmuckstück getragen.


Konkanküste: Welcome to the beach!

3. Januar 2009

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Daman: Das Meer vor Augen
Auf dem Weg von Champaner nach Daman legen wir nahe Baruch eine Zwischenübernachtung ein. Ab Vadodara bis Surat befindet sich der Highway 8 nämlich durchgehend im Bau und Schlangen von Lastwagen, Bussen und schlechten Autofahrern wälzen sich auf nur einer Fahrbahn im Schneckentempo vorwärts. Mit den MZ schlängeln wir uns geduldig durch. Nach anstrengenden fünf Stunden und hundertdreißig Kilometern steigen wir ausnahmsweise in einem Hotel direkt am Highway ab.

18. Dezember. Wir erreichen die warme Westküste und haben zum ersten Mal das Arabische Meer vor Augen. Hier in Daman, einer kleinen ehemals portugiesischen Kolonie 140 Kilometer nördlich von Mumbai, entspricht der Strand zwar noch keinem tropischen Paradies, aber wir fühlen uns trotzdem sehr wohl in dem Küstenstädtchen. Es ist ein Urlaubsort für gut gelaunte Inder, in dem sich selten ausländische Touristen tummeln. Im freundlichen Brighton Hotel mit Blick aufs Meer gibt man uns ein sonniges, sauberes Zimmer und den Motorrädern sogar einen Garageplatz.

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1. Immer am Strand entlang, 2. Zwei-Rupi-Münze: Peace!

In Daman gewöhnen wir uns erstmal an das schwülwarme Wetter. Die beiden Strände Devka und Jampore ein paar Kilometer nördlich und südlich der Stadt laden uns nicht zum Baden ein, aber wenigstens zu einem Spaziergang. Im Internetcafé recherchiert Micha nach Ersatzteilen für die MZ, die unser Freund Andreas bei seinem Besuch im Januar aus Deutschland mitbringen kann. Günter Six (www.mzsimson.de) hatte von selbst angeboten, uns auf der Tour kostenlos mit Ersatzteilen zu versorgen. Das finden wir super! Und jetzt, wo die Mopeds uns artig bis nach Indien gebuckelt haben, sollen ein paar Teile wie Kettenkit und Schwingenlager erneuert werden.

landstrase Überland nach Süden

Nach drei Tagen Akklimatisierung in Daman geht es nun, im Bogen vorbei am Großstadtverkehr in Mumbai, immer weiter nach Süden. Die Konkanküste – der etwa 500-Kilometer-Abschnitt zwischen Mumbai und Goa – soll super sein und einsame Strände haben. Genau das Richtige für die Festtage…

Heilig Abend im Fischerdorf Murud
21. Dezember. Die Fahrt von Daman bis zum Fischerdorf Murud dauert neun Stunden inklusive einer kurzen Tankpause. Es ist Sonntag und wir sind morgens um sieben Uhr losgefahren, als es noch kühl und ruhig war. Doch schon nach einer kurzen Weile auf der Straße wurde der Verkehr immer dichter und der Bogen um Mumbai zog sich hin. Die Ortwegweiser in kleineren Städten und auf den Nebenstraßen sind fast immer in Hindi, so dass wir öfter mal anhalten und nachfragen müssen. Die Kilometerangaben der Inder dürfen wir dann nicht so ernst nehmen, die Richtung jedoch stimmt meistens.

Die letzten fünfzig Kilometer von Alibad nach Murud bringen wir auf einer kleinen, holprigen Küstenstraße durch schattige Palmenwälder und kleine Dörfer hinter uns. Der Hintern fühlt sich platt und wund an vom langen Sitzen. Die Sonne ist noch kräftig und treibt die Schweißperlen, als wir endlich absteigen, um an der Strandstraße in Murud nach einer geeigneten Bleibe zu suchen.

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Suse schlürft aus der Kokusnuss

Obwohl die Konkanküste touristisch nicht so gut erschlossen ist und fast nur von Indern besucht wird, sind wir umso verwunderter, wie teuer hier die Unterkünfte im Vergleich zu Anderswo sind. Auf unserer bisherigen Indienreise haben wir überall in einem einfachen, aber schönen Doppelzimmer für 200 bis 500 Rupi die Nacht gewohnt; das sind drei bis sieben Euro. In den Strandressorts der Konkanküste steht das Drei- bis Fünfzehnfache auf der Preistafel. Zu Feiertagen wie Weihnachten und Silvester wird sogar noch drauf geschlagen. Einige Hotels kassieren ein durchschnittliches indisches Monatsgehalt pro Übernachtung und sind trotzdem ausgebucht. Das können sich nur die wachsende indische Mittelklasse und Besserverdiener aus Mumbai leisten, die man unter anderem daran erkennt, dass sie unübersehbar fülliger sind. Fette Bäuche und dicke Kinder sind also auch in Indien angekommen.

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Vorbereitung des Heiligabendessens in Festfarben mit Ausblick aufs Meer

Wir sind in einem kleinen Gasthaus mit Meerblick untergekommen. In der Nähe gibt es ein einfaches Strandrestaurant und im Dorf eine bunte, quirlige Ladenstraße mit frischen Gemüseständen.

Es ist mittlerweile Heiligabend und da kochen wir seit langem mal wieder selbst. Keine Gans, aber immerhin in den Festfarben Rot, Grün, Weiß. Es gibt Pasta al dente mit frischer Tomaten-Knoblauch-Erbsen-Curry-Sauce, zubereitet auf dem Flachdach unserer Unterkunft am Strand. Angestoßen wird mit Tari, privat hergestelltem Kokuswein, gewonnen von den Früchten der Palmen auf dem Hof. Micha pfeift zwar ein Weihnachtslied, aber gegen die Sommer-Sonne-Meer-Stimmung kommt das nicht an. Die Bescherung fällt einfach aus: Dass wir beide hier sitzen, ist unser Geschenk.

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Im Segelboot nach Janjira

Bevor wir ins nächste Dorf weiterziehen, machen wir noch einen Ausflug zur Inselfestung Janjira, die seit 870 Jahren ein paar Kilometer von Murud entfernt im Meer liegt. Es ist eine verwilderte Ruine mit alten Tempeln, Gewölben, Treppen und Eisenkanonenrohren – ein perfekter Abenteuerspielplatz. Wir setzen uns mit siebenunddreißig Indern auf die Planken eines kleinen Holzsegelboots und lassen uns vom einheimischen Bootsmann gemächlich zur Festung rüberschippern.

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1. Fischer in Murud, 2. Frauen verkaufen den Morgenfang

Auf dem Weg zur Bootsanlegestelle halten wir noch kurz am morgendlichen Muruder Fischmarkt an. Frauen verkaufen den Frühfang ihrer Männer aus Körben und Blecheimern. Für die herrenlosen Dorfkatzen fällt dabei auch was ab. Abends probiert Micha im Dorfrestaurant sein erstes indisches Fischgericht – eine sehr schmackhafte Abwechslung zum vegetarischen Curry.

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Transport von Sammelholz

Die Menschen in Murud machen einen zufriedenen Eindruck. Allerdings entgeht uns nicht, dass der Junge, der im Gasthaus saubermacht oder im Restaurant von morgens bis abends das Geschirr abräumt und wäscht, höchstens dreizehn Jahre alt ist. Und das Frauen, immer in ihren hübschen Saris gekleidet, schwerste Holzbündel auf ihren Köpfen und zarten, kleinen Körpern im Laufschritt über lange Strecken balancieren müssen.

Glückliche Weihnachten in Ganpatipule

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Am ersten Weihnachtsfeiertag ziehen wir etwa dreihundert Kilometer nach Ganpatipule weiter. Als wir ankommen, ist das Dorf voller indischer Urlauber und Schulklassen, die zum Tempel am Strand pilgern und ein paar Tage Weihnachtsferien genießen. Obwohl das Fest für sie religiös keine Bedeutung hat, ist es immerhin ein sehr beliebter Anlass für Urlaub.

Der kilometerlange Strand in Ganpatipule hat genügend einsame Abschnitte, an denen wir ungestört im klaren, milden Meer baden oder mit der MZ umher cruisen können. In Indien gibt es zum Glück keine Verbotsschilder, die unsere Freiheit einschränken.

Die Inder, meistens Nichtschwimmer, sehen wir beim Badengehen immer nur bis zur Hüfte im Wasser und sie kreischen wie Kinder bei jeder Welle. Die Frauen gehen voll bekleidet baden.

Die Atmosphäre ist so entspannt und herrlich! Wir leben noch mehr als sonst in den Tag hinein, fahren mit der MZ in der Gegend herum und streifen durch kleine Fischerdörfer. Die Menschen sind wie immer fröhlich und freuen sich über ein bisschen Smalltalk. Auch ohne gemeinsame Sprache geht das wunderbar.

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Mit anderen Urlaubern in Ganpatipule

Für den Silvesterabend kaufen wir frische Shrimps und laden Radames, ein viel reisender Italiener, den wir gerade kennen gelernt haben, zum Essen ein. Keiner von uns Dreien bleibt bis Mitternacht wach. Wir hören zwar das kurze Feuerwerk um Zwölf, aber ansonsten ist die letzte Nacht im alten Jahr ruhiger als manch Andere. Normalerweise umgeben uns laute Geräusche wie Gepolter, Geschreie, Gehupe auch nachts und viel zu früh morgens. Das Wort Ruhestörung gehört nicht zum Wortschatz der indischen Sprache. Wir haben uns beim Schlafengehen immer noch nicht daran gewöhnt, aber wir geben uns Mühe.

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Schattiger Parkplatz vorm Kuhstall neben unserem Gasthaus

Das Dorf hat zwar eine ganze Reihe Hotels und toller Strände unter Kokusnusspalmen, ist aber nicht auf ausländische Touristen eingestellt. Das merken wir an dem einzig verfügbaren Computer mit unzuverlässigem Internetanschluss und den Restaurants mit zu scharf gewürztem Essen. Außerdem können wir hier nirgends Klopapier kaufen. Die Inder benutzen ja normalerweise keines.

badezimmer Bestens gepflegt!

Die meisten indischen Badezimmer beinhalten ein Hockklo, neben dem ein kleiner Eimer unter einem Wasserhahn steht. Dieses Utensil wird mit der linken Hand zur Reinigung nach dem Klogang benutzt. Uns ist Klopapier (oder notfalls Servietten) lieber. Unter den anderen beiden Wasserhähnen an der Wand stehen ein Eimer mit Schöpfbecher und daneben ein flacher Hocker, auf denen sich die Inder im Hocken waschen. Neben dem Schneidersitz ist die Hocke in Indien generell die beliebteste Körperhaltung, auch bei den älteren Menschen. Unsere europäischen Kniegelenke halten da niemals mit.

Jahresanfang in Malvan und Tarkali
Erster, Erster, Zweitausendneun. Ein schönes neues Jahr! Hoffentlich wird es genauso aufregend wie das letzte. Bei der sechsstündigen Weiterfahrt nach Malvan haben wir genug Zeit, darüber nachzudenken, was uns die nächsten zwölf Monate bringen könnten. Wenn wir genug Geld übrig hätten, würden wir natürlich immer weiter gen Osten reisen und so die Welt umrunden. Schade, so bleiben uns nur noch ein paar Monate bis zur Rückreise in die Heimat. Und dann? Für eine Antwort war die Fahrt nach Malvan viel zu kurz.

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Zuhause am Tarkalistrand

Um drei Uhr nachmittags knattern beide MZ hinter Malvan langsam über die ruhige Straße im grünschattigen Hinterland des Tarkali-Strandes. Wir suchen mal wieder ein kleines Zuhause und finden gleich was Passendes: Ein nettes Zimmer in einem Ferienhäuschen, das eine liebe ältere Frau vermietet. Das schattige Plätzchen gefällt uns auf Anhieb und in ein paar Minuten haben wir uns eingerichtet. Unser Florentinerfreund Ramades kommt abends ebenfalls mit dem Bus an und zieht ins Nachbarzimmer ein.

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Dorf an der Konkanküste

Nach ein paar Tagen in Malvan, wo es schön leise und grün ist, werden wir uns noch im kleinen Küstenstaat Goa umsehen. Goa ist bekannt für seine unterschiedlichen Strände, an denen jeder Reisende sein Glück findet: Von ruhigen Plätzchen bis hin zur Party Non Stop, von Einfach bis Luxusklasse ist alles dabei. Bald sollen die Preise auch wieder reisekassefreundlicher sein, so dass wir beide zusammen mit Unterkunft, Verpflegung und Benzinkosten auf unseren indischen Tagesdurchschnitt von zweiundzwanzig Euro kommen. Unvorstellbar günstig, aber einkalkuliert in unserem Jahresbudgetplan.


Ferien in Goa: Auszeit vom Abenteuer

13. Januar 2009

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Wo ist Indien?
3. Januar 2009. Es ist Zeit für einen Goa-Tripp. Von Malvan bis nach Arambol, dem nördlichsten und momentan vielleicht sogar angenehmsten Plätzchen in Goa, sind es nur drei Stunden Fahrt über Hügel und Dörfer. Mit der kleinen Fähre, die uns in fünf Minuten über den Terekhol River vom indischen Staat Maharashtra in die ehemals portugiesische Kolonie Goa schippert, gelangen wir in ein anderes Land.

Kaum von der Fähre runter, kommen uns auf der kleinen Straße viele gebräunte, blonde Typen mit Zöpfchen am Hinterkopf und tätowiertem, freien Oberkörper breitbeinig sitzend auf einer geliehenen Royal Enfield entgegen. Russinnen, deren Knackarsch kaum bedeckt ist, schlendern mit großen Sonnenbrillen auf der Nase und in knalligen Flipflops am Wegrand entlang. Damen weit jenseits der Vierzig wühlen sich mit ihrer Yogamatte unter der unrasierten Achsel durch die Kleiderbügel am Bequeme-Klamotten-Stand. Wo sind die Inder hin, wo ist Indien?

Kirche und Ave Maria
Wir sind in Arambol, dem christlichen Dörfchen mit kleiner Kirche, in das sich damals die Hippies bis zum Altwerden zurückgezogen haben. Da war Arambol bestimmt noch ein unschuldiges indisches Fischernest mit einem einsamen Meeresstrand. Heute ist es immer noch sehr schön hier. Vielleicht etwas wuselig in der Hochsaison Anfang Januar. Besonders Dreadlockträger und Barfußläufer fühlen sich gut aufgehoben. Vielleicht sind ihnen andere Orte in Goa zu stressig, zu teuer und irgendwie zu unindisch geworden – und Arambol darum immer beliebter. Hier findet man noch eine nette, billige Unterkunft nicht weit weg vom Meer und zahlreiche, gute Restaurants, die abends Kerzen auf ihre Plastiktische direkt unterm Sternenhimmel am Wasser stellen. Serviert wird ein kühles Kingfisher oder Tiger, als Genussmittel versteht sich.

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1. Energie im Fluss, 2. Ein kühles Kingfisher am Abend

Nach einer nervigen, zwei Stunden langen Zimmersuche im fast ausgebuchten Arambol haben wir auch endlich etwas Schönes gefunden. Die entspannte Atmosphäre im Hotel Ave Maria, drei Minuten Fußweg vom Beach und einen halben Kilometer vom hektischen Dorfzentrum entfernt, hat uns sofort gefallen. Die MZ parken sicher auf dem Hof und sind sich der Blicke der anderen Gäste aus Deutschland sicher. Nach ein paar Stunden haben wir uns vom kleinen Goa-Schock erholt und erkennen, dass es sich hier ein Weilchen aushalten lässt. Wir machen mit den anderen Urlaubern Ferien! Eine kurze Auszeit vom Abenteuer Indien.

Eine Ratte und andere unterhaltsame Kreaturen
Unser neuer Freund Radames wird mit uns ein paar Tage in Arambol bleiben, bevor er ohne uns weiter nach Süden zieht. Er ist eine gute Gesellschaft, kein Wichtigtuer und mit demselben Sinn für Humor. Wir treffen ihn jeden Abend zum Essen und tauschen unsere Tageserlebnisse aus. Da ist ja nicht viel: Die Entdeckung eines ruhigeren Strandabschnitts, einer Wechselstube mit gutem Kurs, eines Restaurants mit 1A-Eiscafè. Und dann sind da noch die unterhaltsamen Beobachtungen der vielen Kreaturen, die extra nach Goa fliegen, um sich selbst zu entdecken. Wonach suchen sie? Werden sie es kopfüber am Baum hängend oder beim Tantrakurs mit Jana und Michael from Germany finden? Wird ihre Zeit ausreichen, um wichtige Fragen ihres Lebens zu beantworten?

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Tai Chi bei Sonnenuntergang

Radames schiebt zur Abwechslung eine kleine Anekdote aus der letzen Nacht ein: Ihm fiel von oben eine fette Ratte auf seinen Bauch, als er im Bett lag. Die meist einfachen Häuschen, die von den Dorfbewohnern an Fremde vermietet werden, sind an der Stelle, wo das unverkleidete Ziegel- oder Palmenblätterspitzdach auf die Wände aufsetzt, rundum offen. Der Spalt ist leider groß genug für eine Ratte, die sich im Dunkeln verlaufen hat. Beide haben den Schrecken überlebt. Zur Belohnung gönnt sich Rada am nächsten Abend einen seiner besten Fernreisejoints unter dem Halbmond in Arambol.

Faul, fauler, am faulsten
Die Urlaubstage in Arambol verstreichen. Faulenzen wird zur Hauptbeschäftigung: Baden, Lesen, Schlemmen, Sonnenuntergänge… Wir machen neue Bekanntschaften, interessante und kuriose. Am Sonntag finden wir als Sahnehäubchen auf unserem Luxusleben dann auch noch ein kleines koreanisches Restaurant, das Sushi serviert. Himmlisch. Vom Sushigeschmack haben wir auf unserer Reise schon so oft geträumt. In Arambol wird der Traum Wirklichkeit.

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Zwischendurch gibt es auch Momente, in denen wir etwas Sinnvolles tun wollen, zum Beispiel uns konkrete Gedanken über die Rückreise machen, deren Route noch nicht eindeutig feststeht. Die Visa müssen nämlich langsam angeleiert werden. Wir setzen uns vor den Computer im Internetcafè und recherchieren, beantworten viele E-Mails und lesen auf Spiegel Online, dass die Leute in unserer Heimat derzeit sechsundzwanzig Grad unter Null ertragen müssen – sechszig Grad weniger als hier!


Die Fischer von Tarkali

7. Februar 2009

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Zurück im Dorfleben
Die letzen beiden Wochen im Januar haben wir uns noch mal nach Malvan verdrückt. Genauer gesagt in die winzigen Nachbardörfer Tarkarli und Devbag, die sich nebeneinander gereiht direkt an der Küste Maharashtras unter dichten Kokuspalmen verstecken. Die Fischerfamilien wohnen in kleinen, pastellfarbenen Häusern mit morbiden Ziegeldächern, umzäunt von wuchernden Kakteen und verhölzerten Palmenblättern. Das Grundwasser aus den großen Rundbrunnen in den sandigen Höfen schmeckt von Zeit zu Zeit nach Salz.

Dort, wo die Männer für die Monsunzeit ab Mitte Juni gerade silberglänzende Fischhaufen wie Pilze zum Trocknen in der Sonne auslegen, weht einem der Fischgeruch entgegen. Und es riecht nach Rauch, wenn die Inder kleine Hausmüllhaufen vor sich hinkokeln lassen.

Auf der kleinen, asphaltierten Straße, die sich durch die Dörfer schlängelt, knattern wir auf unseren Emmen an geschmückten, kleinen Tempeln und Christenaltare vorbei. Hindus, Christen, Muslime leben völlig selbstverständlich zusammen. Die Fröhlichkeit und Gelassenheit der Menschen, die uns hier begegnen, ist ansteckend.

Mit Andreas, unserem Besuch aus Deutschland, haben wir ein paradiesisches Plätzchen bezogen. Ein richtiges Luxushäuschen direkt am Meer. Tag und Nacht weht eine angenehme Brise. Zur Frühstückszeit springen hin und wieder Delfine über die sanften Morgenwellen. Ein Urlaubsleben wie aus dem Reiseprospekt. Nur ohne Touristen.

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Kleines Paradies in Devbag

Wenn wir nicht baden, im Dorf herumtrödeln oder frischen Red Snapper essen, beobachten wir die Fischer von Tarkali und Devbag, wie sie als Mannschaft mit ihren traditionellen Holzbooten aufs Meer hinausrudern und mit vier Kilometer langen Netzen im Schlepptau den Fisch im Halbkreis zur Küste einziehen. Alles mit eigener Körperkraft. Manchmal am Tage, manchmal die ganze Nacht. Nach jedem Fang hieven die zähen Fischer die bis zu zehn Tonnen schweren Boote mit etwa zwanzig Mann am Tau zurück ans Ufer, bevor sie die Beute aus dem Netz sortieren. Die Fischer von Tarkali sind uns eine neue Fotostrecke wert.


Karnataka: Abschied vom Süden

2. März 2009

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Gokarna: Das Ohr der Kuh
15. Februar, acht Uhr morgens. Endlich schaffen wir den Absprung aus Arambol im Norden Goas. Das Faulsein hat ein Ende. In den letzten zehn Tagen im Touristenparadies raubte leider ein verseuchter Darm unsere ganze Lebensenergie. Nun ist es Zeit für den Aufbruch. In der letzten Nacht vor Abfahrt machen wir kaum ein Auge zu und überlegen, wie unser Reiseabenteuer weiter gehen soll. Noch fünfeinhalb Monate! Erst Nepal, dann Iran. Außerdem müssen wir durch die dünnen Wände dabei zuhören, wie unser Zimmernachbar sich die Galle aus dem Magen kotzt. Keiner bleibt verschont.

Ein letztes Frühstück im Ave Maria, dann ziehen wir die eingestaubten Stiefel an und treten den Kickstarter. Der Zweitakterqualm verteilt sich um uns. Spätestens in diesem Moment ist die Neugier auf Neues wieder spürbar und wir düsen auf den Mopeds südlich nach Karnataka davon.

Am Nachmittag erreichen wir unsere letzte Station an der Westküste: Im Hindudorf Gokarna – übersetzt „Ohr der Kuh” – kaut das heilige Tier ungestört an den Überresten der gelb-orangefarbenen Blumenketten, mit denen die Hindus die Tempel und ihre Götter schmücken.

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Pilger am Strand von Gokarna

Auf der ockersandigen Hauptstraße schlendern Einwohner, Pilger, Heilige und ein paar Touristen. Rechts und links verwandeln winzige Geschäfte und Restaurants die einfachen, muffigen Holzbaracken in eine bunte Ladenstraße. Es ist noch schwüler als sonst und der Schweiß durchnässt unsere T-Shirts.

Jedes dritte Haus in Gokarna scheint ein kleiner Tempel zu sein. Und seit Tagen kommen immer mehr Pilger in die heilige Küstenstadt, denn mit dem 18. Februar beginnt hier das jährliche Hindu-Festival Shivaratri – das Fest zu Ehren des Gottes Shiva. Eine halbe Million Menschen erwartet das Dorf. Höhepunkt ist ein Straßenumzug am 26. Februar, bei dem die Hindus überdimensionale Holzkarren, die alle Gebäude überragen, auf riesigen Rädern durch die Straße ziehen werden. Gleichzeitig werfen die Hindus Bananen als Glücksbringer.

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1. Riesiger Umzugskarren aus Holz, 2. Hauptstraße in Gokarna

Auf einem Urwald begrünten Hügel im Dorf finden wir fernab des Trubels ein schönes Urlaubshäuschen. Von hier oben können wir die Festivalklänge vom Strand her hören. Als wir abends durch Gokarna wandern, treffen wir zufällig eine nette Reisebekanntschaft aus England wieder. John und Linda hatten uns damals in Pakistan/Lahore empfohlen, unbedingt nach Gokarna zu fahren. Und nun sitzen wir hier zu viert beim Abendessen und genießen Malai Kofta und Bananenlassi.

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1. Ein heiliger begrüßt eine Pilgerin, 2. Frauen malen Mandalas

Mit jedem Tag wird Gokarna ein bisschen bunter und lebendiger. Obwohl ein Megaevent ins Haus steht, ist von Stress und Hektik aber nichts zu merken. Am Tage bessern die Gokarnaraner noch schnell die Straßenränder aus. In der Dämmerung malen Mädchen und Frauen Mandalas auf die Erde und Tempelpriester ziehen mit Trommeln und Trompeten durch die Straßen, um Opfergaben einzusammeln.

Am Strand wurde eine große Bühne aufgebaut. Davor ein Dach, unter dem hunderte rote Plastikstühle für die Pilger bereitstehen. Eine provisorische Open-Air-Küche wird die Menschenmasse füttern. Männer schrauben jetzt noch abenteuerliche Karusselgestelle zusammen. Die mit Bambusrohren und Baumwolltüchern aufgereihten Verkaufsstände füllen sich nach und nach mit Waren: Armreifen, Sandalen, Blechgeschirr und heiß geliebter Plastikschnickschnack.

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Tempelpriester ziehen abends durchs Dorf

Wir werden den Höhepunkt des Festivals leider nicht miterleben. Am 26. Februar fährt nämlich unser Zug aus Bangalore nach Norden und wir müssen Gokarna ein paar Tage vorher verlassen. Solange beobachten wir, was sich Tag für Tag verändert und genießen die heilige Atmosphäre.

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Besuch beim Barbier

Beim allmorgendlichen Kaffee auf der Terrasse tauschen wir Indiengeschichten mit Stefan aus. Er wohnt im Häuschen neben uns. Später fährt Micha zum Dorfbarbier und lässt sich für rund 30 Cent mit einer indischen Rasur verwöhnen. Der Barbier kneift Micha in die geschäumte Wange, zieht so die Haut glatt und setzt die scharfe Klinge an. Zum Abschluss wird gewässert, gecremt, gebürstet – das Gesicht glatt wie ein Babypopo.

Bangalore: Stadt der gekochten Bohnen
Good bye, Strand und Küste! Über die Shimoga-Hügel fahren wir auf der Landstraße 206 ins höher gelegene und kühlere Landesinnere. Vom Meer in die Großstadt Bangalore. Es ist eine schöne und erholsame Strecke, vorbei an den Joggfalls – mit 293 Metern Tiefe die größten Wasserfälle Indiens. Leider sind sie nur in der Monsunzeit imposant. Wir übernachten in Kadur und kommen am nächsten Tag in den von Baustellen verstopften Vororten von Bangalore an.

Bald stecken wir mittendrin im Großstadtdschungel. Der Anblick des chaotischen Verkehrs einer unbekannten Metropole schüchtert uns zum Glück nicht mehr ein. Vor ein paar Monaten hätten wir in diesem Moment noch an Herzrasen und Schweißausbrüchen gelitten. Wir wollen irgendwie in die Altstadt und müssen erstmal in die Nähe der City Train Station kommen. In Bangalore schwirren tausende gelb-schwarzer Tucktucks wie in Panik geratene Wespen mit uns durch die Straßen. Geduldig fragen wir uns bis zum City Market durch und beziehen etwa eine Stunde später in der O.T.C. Road ein Zimmer im überaus freundlichen Lucya Hotel.

Bangalore hieß vorher Bengaluru – die Stadt der gekochten Bohnen. Die Legende besagt, dass im 16. Jahrhundert eine Frau einen verirrten, hungrigen König mit Bohnen versorgte. Heute ist Bangalore nicht mehr Stadt der Bohnen, sondern der Bits und Bytes. Eine zu schnell wachsende indische IT-Metropole mit derzeit sechs Millionen Einwohnern und westlich geprägtem Vorbild.

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Tucktuckfahrer in Bangalore bescheißen nicht nur Touristen

Wir lassen die Emmen in den nächsten Tagen auf dem Hotelparkplatz ruhen und machen unsere leidlichen Erfahrungen mit den Tucktuckfahrern. Leider sind sie die einzige Möglichkeit, schnell von A nach B zu kommen, und ihre Strategien, selbst einheimische Fahrgäste zu bescheißen, sind vielfältig. Entweder ist das Taxometer angeblich kaputt, absichtlich falsch eingestellt oder es wird ein Umweg gemacht. Ohne vorher ausgehandelten Festpreis zahlt man den Gaunern so das Dreifache.

Das einzige Mal, dass der Rikschafahrer den offiziellen Preis verlangt, ist auf der Fahrt ins Mallya Hospital. Eben macht Micha noch Fotos von der Bedienung im Indian Coffee House in der Mahatma-Gandi-Road, und im nächsten Moment verliert er dank Darmkoliken das Bewusstsein. Dr. Susheela Suresh diagnostiziert Amöbenbefall und verschreibt Micha endlich die richtige Tablettenkur. Damit hat die Krankheitsserie hoffentlich ein Ende.

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Trotz Flachbildschirm nicht modern genug: Das alte Coffee House in der MG Road

Eines Nachmittags besuchen wir Viswa und seinen Kumpel in deren neuem 70-Quadratmeter-Apartment in der City. Wir hatten Viswa in Malvan kennen gelernt. Er verdient sein Geld als Architekturfotograf. Nur so kann er sich die rund 220 Euro Luxus-Miete im Monat leisten.

viswa Micha mit Viswa

Das stolze Zentrum um Mahatma-Gandhi-Road und Brigade-Road entpuppt sich als westlich orientierte Konsummeile: Levis, Nokia, McDonalds, Edelnutten und Co. Zwischen leuchtenden Reklameschildern versteckt sich immerhin noch eine uralte Rockmusik-Bar, in die uns Viswa auf ein Bier mitnimmt. Eine Ratte läuft ungestört an der dunklen Wand hin und her, während wir Gezapftes trinken. Sie gehört wahrscheinlich zum Inventar, wie das Plakat von Frank Zappa. Übrigens ist das der erste Barbesuch auf unserer Reise. Mal sehen, ob diese Kneipe den Stadtwandel überlebt. Das legendäre Indian Coffee Haus um die Ecke muss in drei Monaten leider einem weiteren neuen Geschäftshaus weichen.

In Chickpet – die Altstadtgegend um unser Hotel – tobt dagegen das traditionelle Basarleben. Eine ganze Straße widmet sich dem Verkauf von Stoffen und Saris; in einer anderen werden Mengen an Bananenstauden von Ochsenkarren verladen und an Händler weiterverkauft. Der Weg durch die lauten Straßen Chickpets (siehe Fotostrecke) ist charmant und stressig zu gleich.

Von Süd nach Nord
Am 26. Februar um 19:35 Uhr fährt unser Zug vom Bangalore-Bahnhof Yeshwantphur nach Kalkutta. Zweitausend Kilometer in 37 Stunden. Wir gönnen uns einen Platz im klimatisierten Schlafwagen. Die Emmen sollen auf denselben Zug verladen werden. Als die Packer am Bahnsteig unsere beiden Mopeds sehen, geraten sie in Unruhe: zu breit! Indische Motorräder haben keine Koffer. Nach einer kurzen Diskussion geht’s dann ganz schnell und die Motorräder stehen zwischen Kisten und Kartons im hintersten Wagon des Howrah-Express´. Der Zug rollt pünktlich an….