Bangalore – Kalkutta: 37 Stunden im Howrah-Express

9. März 2009

zug

Zu viert auf der Schiene
Die Wallahs am Bahnhof in Bangalore hatten keine Zeit mehr, unsere Emmen wie alle anderen mitreisenden Motorräder mit Stroh zu polstern und in Sackstoff einzunähen. Wir sind froh, dass die Mopeds überhaupt noch einen Platz gefunden haben im Zug mit der Nummer 2864 – der Howrah-Express nach Kalkutta.

Als wir die Motorräder zum Einladen verabschieden wollten, fing ein einheimischer Passagier vor unseren Augen an, sich mit für Indien ungewöhnlich großen Gesten und impulsivem Geschrei beim Manager des Frachtbüros über die Verladung zu beschweren. Scheinbar hatte er Angst um seine eigene Fracht, als er unsere überbreiten Maschinchen sah. Dem Gesicht des Verladechefs entnahmen wir, dass er nun ein Problem hatte: Wir hätten ihm früher mitteilen müssen, dass die Motorräder dreimal so breit sind wie indische!

Wir machten ihm sofort klar, dass wir die Motorräder auf keinen Fall in einem späteren Zug nachschicken können. Unsere imaginären Motorradfreunde würden bereits in Kalkutta auf uns und die Ausreise nach Nepal warten! Micha schob die Mopeds mit den hilfsbereiten Packern schnell auf den Bahnsteig zum letzten Wagon. Der panische Passagier folgte ihnen und unter heftiger Diskussion mit den Packern, die um Haaresbreite in eine Schlägerei ausgeartet wäre, war mit ein paar Handgriffen alles verstaut. Die Mopeds wurden unter seinen Paketen und Kisten vergraben und würden dort erst wieder in Howrah herauskommen.

2AC: Im Genuss von erstklassigem Service
Verschwitzt vom Hin-und-her auf dem Bahnsteig sitzen wir nun im klimatisierten Wagon der Klasse 2AC. Um uns herum haben sich Inder platziert, die sich das bessere Ticket leisten können. Unsere Zugfahrt wird kein Abenteuer. Das würde es vielleicht im billigsten und stickigen Sleeper-Wagen sein, wo die Armen reisen. Der Zug der Indian Railway – ein unverkennbares Abbild der indischen Klassen.

Kaum haben sich die Räder in Bewegung gesetzt, beginnt auch schon der erste Teil einer unerwarteten Serviceserie: Der Tee-Mann ruft durch die Reihen. Fünf Minuten später nimmt der Dinner-Mann Bestellungen fürs Abendessen auf. Dann folgt der Bettwäsche-Handtuch-Mann, der Süßigkeiten-Mann, wieder der Tee-Mann, der Kaltgetränke-Mann und kurz vor Nachtruhe der Rosenduft-Mann, der die blauen Vorhänge vor den Schlafliegen befeuchtet und nach Wunsch auch Moskitogift versprüht.

Langeweile kommt nicht auf. Wir machen es uns auf den Doppelstockliegen gemütlich und verbringen eine gute Nacht im schunkelnden Express. Um halb acht am nächsten Morgen kommt der Frühstück-Mann, danach der Mülleinsammler, der Fensterputzer und mittags der Lunch-Mann, der Eis-Mann, der Joghurt-Mann und so weiter.

howrah Willkommen in Howrah

Nach 37 Stunden und 2000 Kilometern auf indischen Gleisen steigen wir am 28. Februar um halb neun Uhr morgens erwartungsvoll am großen Bahnhof in Kalkutta bzw. Howrah auf den Bahnsteig. Zu unserer freudigen Verwunderung stehen die Emmen bereits unbeschadet zwischen Paketstapeln auf dem Bahnhof und warten auf “Mama und Papa”. Die Zugreise war eine bequeme und unvergessliche Abwechslung zum Ritt auf der Emme. Ausgeschlafen und mutig machen wir die ersten Schritte ins Abenteuer Kalkutta…

Kalkutta: Inder und Kolonialbauten im Kampf ums Überleben
Indischer kann es nicht sein! Kalkutta ist ein Erlebnis für sich: Menschen, Geräusche, Gerüche durchdringen die Gegend um den Howrah-Bahnhof auf der Westseite des Hugli-Flusses und wandern über die monströse Howrah-Brücke bis in die breiten Kolonialstraßen auf der anderen Seite der zweitgrößten indischen Stadt. Die feinen alten Häuser aus britischen Herrschaftszeiten, die bspw. die Mahatma-Gandhi-Road bilden, wurden irgendwann zu billigen Unterkünften für die explodierende und verarmte Stadtbevölkerung. Nach dem Indien-Pakistan-Krieg in den Siebziger Jahren hatte die Kommunistische Partei niedrige Mieten vorgeschrieben und den Grundstückseigentümern das Interesse an dem Erhalt der Häuser genommen. Zusammen mit ihren Bewohnern kämpfen die heruntergekommenen Straßenzüge heute in manchen Vierteln Kalkuttas ums Überleben.

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Mahatma-Gandhi-Road in Kalkutta

Um den Howrah-Bahnhof: Eine Stimulation aller Sinne
Im alten Howrah-Hotel, in einer kleinen Kopfsteinpflasterstrasse fünf Minuten Fussweg vom Bahnhof, haben wir das Gefühl, in einem Museum zu wohnen. Wie viele Kalkutta-Reisende haben wohl in der von der Zeit gezeichneten Gästekammer im dritten Stock schon gewohnt? Das Haus ist hundertdreißig Jahre alt. Wir drehen den Schlüssel mit der Zimmernummer 30 im rostigen Vorhängeschloss. Hinter undichten, groben Holzdoppeltüren treten wir auf schwarz-weiß karierten Marmorboden, an der Wand ein bunter Antikfliesenspiegel. Wir öffnen die schweren Fensterläden und lassen die Morgensonne rein. Über dem einfachen Holzbett verteilt der Ventilator den Großstadtstaub durch die schwülheiße Luft. Das Zimmer gibt uns das Gefühl, mittendrin zu sein in der einstigen Kolonialhauptstadt.

Über das verzierte Eisengeländer im Laubengang vor unserer Tür blicken wir auf einen mittelalterlichen Gemüsemarkt. Der Gemüsebasar ist ohne Zweifel Mittelpunkt indischen Daseins. Von früh bis spät Gewusel und laute Stimmen. Zu beobachten wie ein geschäftiger Ameisenhaufen. Am Brunnen wird pausenlos Wasser per Hand an die Oberfläche gepumpt und in Eimern auf dem Schulterholz barfuß zum Markt geschleppt. Gerüche aus den Straßenküchen unter uns steigen nach oben.

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1. Kalkuttas Taxifahrer, 2. …auf der Howrah-Brücke

Als wir abends die Schleichwege im nie ruhenden Viertel um den Howrah-Bahnhof durchstreifen, stinkt es in den Ecken abwechselnd nach Fisch, altem Gemüse, Urin und Straßenstaub. In welchem Jahrhundert sind wir hier gelandet? Um den Bahnhof kreisen dunkelgelbe Ambassador Oldtimer-Taxis und rumpelige Stadtbusmonster. Deren Dieselmotoren und pausenloses Hupen dröhnen zusammen mit knatternden, schäbigen Zweitaktrikschas um die Wette. Die Stadt versprüht ihren ganzen Charme. Ein Abenteuer für alle Sinne.

Kalkutta, Kalkutta
In den nächsten paar Tagen fahren wir mal mit dem dunkelgelben Taxi, mal mit der Metro und dem  Stadtbus durch die Straßen oder setzen mit der Fähre ans andere Ufer über. Wir besuchen den Blumenmarkt und den historischen Kalitempel, der Kalkutta seinen Namen gab. Er ist der älteste und größte Kalitempel in Indien und ständig besucht von Pilgern, die hier jeden Vormittag Ziegenböcke an der Guillotine opfern. Um den Tempel drängen kahlköpfige Hindufrauen, die gerade ihre Haarpracht geopfert haben – ein ungewöhnlicher Anblick. Leider ist fotografieren nicht erlaubt.

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Großer Blumenmarkt nahe der Howrah-Brücke

Am vorletzten Abend wollen wir uns den gerade Oskar prämierten Film Slumdog Millionär ansehen, über den tagelang in allen indischen Medien berichtet wurde. Der Film erzählt die Geschichte eines Slum-Jungen aus Mumbai, der in einer Fernsehquizshow zum Millionär wird. Wir verfransen uns in den Straßen Kalkuttas und kommen leider erst an, als der Film schon eine halbe Stunde läuft. Zu spät.

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1. Queen-Victoria-Denkmal aus Marmor, 2. Joghurt und Lassi in Tontöpfen

Um dem lärmenden Straßengewusel zu entkommen, flüchten wir am letzten Tag ins Indische Museum – das Älteste und Größte im Land. Hier sehen wir zum ersten Mal ein Elefantenskelett und lebensgroße Darstellungen indischer Volksstämme und ihres Alltags. Noch einmal wird uns klar, wie vielfältig geprägt der Subkontinent ist. Zum Sonnenuntergang machen wir einen Spaziergang um das Queen-Victoria-Denkmal im Maidan-Park und schlemmen zum Abschied den leckeren, regional typischen, süßen Joghurt aus Tontöpfen.

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1. Kalkuttas Gassen in BBD Bagh, 2. Flucht aus der Stadt

Flucht nach fünf Tagen
Nach fünf spannenden Tagen können wir es trotzdem nicht erwarten, weiter gen Darjeeling zu fahren. Die Weiterreise ist eine Flucht. Trotz Ohrenstöpsel in der Nacht wird uns der Non-Stop-Lärm zu viel. Die dreckige, stickige Luft verschleimt unsere Atemwege. Eine verstopfte, staubige Nase, Halsschmerzen und Husten. Dazu noch Juckreiz, den irgendwelches Kleinviehzeug in den antiken Matratzen verursacht. Wir sind Großstadtkrank geworden und verschreiben uns die Fahrt aufs Land.

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Super Fine Tippy Golden Flowery Orange Pekoe 1

21. März 2009

…diese Überschrift verstehen nur echte Teekenner.

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Teepflückerin bei der Mittagspause

Bengalen: Landflucht nach Norden
Als wir am 5. März morgens in Kalkutta das Gepäck für die Flucht aufs bengalische Land auf die Motorräder hieven, leiden wir unter einer gefühlten hundertzwanzigprozentigen Luftfeuchtigkeit. Noch bevor wir überhaupt angekickt haben, sind unsere T-Shirts durchgeweicht und unsere Energiereserven um ein Viertel geschrumpft. Vielleicht aus Mitleid schenkt uns das Hotel zum Abschied einen Flaschenöffner. Jeder Inder glaubt nämlich zu wissen, dass alle Touristen am liebsten Bier trinken.

Aus der Stadt heraus gibt es wieder keinen einzigen Wegweiser. Wir sollen immer nach Siliguri fragen, dann zeigt man uns den richtigen Weg, so der hilfsbereite Manager aus dem Howrah Hotel. Mit diesem Hinweis bekommen wir tatsächlich jedes Mal eine klare Richtung gewiesen. Und dennoch zieht sich die Fahrt nach Norden hin. Kalkutta will nicht enden. Mittlerweile ist es schon fast Mittag und wir bleiben in der prallen Sonne auch noch an einem geschlossenen Bahnübergang hängen. Als endlich der vierte Zug vorbei geschlichen ist, öffnen sich die Schranken. Erst fünfundsechzig Kilometer, zeigt der Kilometerzähler, und wir sind jetzt schon k.o.

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Typische Situation: LKW auf unserer Spur zwingt uns zum Bremsen

Die anderen hundertsiebzig Kilometer bis zum Tagesziel Murshidabad reiten wir mit steifem Nacken und meistens fünfzig km/h auf der Landstraße ab. Es ist Sonntag und trotzdem sind viele LKW und Busse unterwegs, die uns ständig ausbremsen. Risse und Schlaglöcher im alten Asphalt halten uns wach.

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1. Touristin aus Kalkutta in Murshidabad, 2. Micha ist eine Abwechslung für die Dorfkids

Irgendwann stoppen wir endlich an einem Wegweiser, der gleich zwanzig Orte aufführt, nur nicht Murshidabad. Und das, obwohl die ländliche Stadt damals eine Zeit lang die Hauptstadt Bengalens war und fast so eindrucksvoll wie London. Jedenfalls behauptet das der extrem gastfreundliche Hotelbesitzer des Manjusha Hotels, in dem wir nach Ankunft erleichtert und müde absteigen.

Murshidabad: Leben am Fluss
Das Hotel liegt direkt am Ufer des Bhagirathi Flusses und in den Zimmern fliegen daher ganze Mückenschwärme umher. Soviel Mücken haben wir noch nie auf einmal gesehen. Dank Moskitonetz verbringen wir hier eine ungestörte Nacht und freuen uns, dass wir der Großstadt entkommen sind.

imboot Im Boot flussaufwärts

Um sieben Uhr sind wir ausgeschlafen und tuckern zusammen mit unserem Zimmernachbarn Michael aus Australien im Boot flussaufwärts zu ein paar alten Hindutempeln. Links und rechts am Ufer liegen saftgrüne Reisfelder und kleine Bananenplantagen. Wir können beobachten, wie das Leben am Fluss erwacht. Die Menschen nehmen ihre Morgendusche, Frauen polieren ihre Messingwasserkrüge im Schlamm oder schlagen im Hocken die Wäsche auf Steine. Männer manövrieren mit riesigen Heuballen überladene Fahrräder auf die Bambusplattform eines wackeligen Holzbootes, das sie ans andere Ufer schippern soll. Wir sehen sogar Flussdelphine, die durchs Wasser springen. Fischer wippen am Ufer auf meterhohen Bambusrohrgerüsten ihr Fangnetz an die Oberfläche.

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1. Saftgrüne Reisfelder in Bengalen, 2. Wackelige Angelegenheit: Beladung der Flussfähre

Nach etwa einer Stunde Uferbeobachtung steigen wir in dem friedlichen Dorf mit gleich sechs bengalischen Shiva Tempeln aus, die in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mit einer beeindruckenden Fassade aus unendlichen Ornamenten erbaut wurden. Keine Darstellung in den Ziegeln scheint sich zu wiederholen. Kinder aus dem Dorf beschenken Suse mit selbst gepflückten Blumensträußchen, in der Hoffnung auf Schokolade.

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1. Auf Shivatempel-Tour, 2. Ausschnitt der detailreichen Außenfassade

Langsam entspannen wir uns und bleiben mal wieder einen Tag länger als geplant im erholsamen Murshidabad. Wir besichtigen die ungewöhnliche Architektur – Paläste, Herrenhäuser, Tempel und ein muslimisches Imambara – die irgendwie wahllos in der Gegend gestreut nur noch erahnen lässt, dass der heute eher ländliche Ort einmal eine florierende Stadt war.

polizei Polizeistation in Murshidabad

An Suses Geburtstag verlassen wir Murshidabad. Außer der Kerze am Frühstückstisch ist es ein ganz normaler Motorradtag in Indien. Die Fahrt ist wieder anstrengend. In Malda nahe der Grenze zu Bangladesh kommen wir tatsächlich zum ersten Mal in Indien in einen richtigen Stau. Alles, was zwei Räder hat, drängelt sich zum Glück irgendwie nach vorne durch. Dabei machen wir eine sehr ungewöhnliche Entdeckung: bengalische „Schulbusse”. Etwa zehn Kinder drängeln sich in einen übergroßen Hühnerkäfig auf drei Rädern. Sieht aus, als würde man sie zum Schlachthof statt auf den Schulhof fahren.

Wir legen noch eine letzte Zwischenübernachtung in Raiganj ein, bevor wir Darjeeling erreichen. Zur Feier des Tages bestellen wir als Ersatz für Kaffee und Käsekuchen, Tee und Toast mit indischer Marmelade, die wie gewöhnlich nach übersüßtem Kaugummi schmeckt.

Die westbengalischen Berge: Klimawandel in zwei Stunden
Am internationalen Frauentag erreichen wir Siliguri und biegen vor der Stadt links auf die Bergstraße nach Darjeeling ab. Wir fahren jetzt durch Wälder und kleine Dörfer mit bunten Holzhäusern. Wir blicken in runde Gesichter, die nicht mehr indisch aussehen. Nepalesen und Tibeter haben die Berglandschaft um Darjeeling besiedelt.

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Am Tempel der ehem. Dorjee Ling Monasty kommen Buddhisten und Hindus zusammen

Unzählige Male poltern unsere Emmen über die ausgefahrenen Bahnübergänge der 218 Jahre alten Schmalspurbahn, deren Gleise im Schlängelweg die Straße kreuzen. Wir hören auf einmal das laute Pfeifen einer Dampflok – die als Weltkulturerbe gewürdigte und ziemlich wackelige Himalayan Railway kutschiert tatsächlich immer noch Passagiere aus dem Flachland nach Darjeeling. Die Bahn braucht doppelt solange wie die MZ.

Fast siebzig Kilometer und zweieinhalb Stunden kurven wir nach oben bis auf 2134 Meter. Die Luft ist jetzt kalt. Weißer, dichter Nebel verhüllt die Gegend. Wir erkennen kaum noch die Lichter der Jeeps, die uns aus Darjeeling entgegenkommen.

Darjeeling: Ein Gewirr aus tausend Gassen
Darjeeling besteht auf den ersten Blick aus unzähligen engen und sehr steilen Gassen, die sich an den Hügeln der Stadt undurchschaubar nach oben winden. Verkehrspolizisten müssen verhindern, dass sich der Verkehr an den engen Kreuzungen und in den einspurigen Straßen verknotet.

Unser Orientierungssinn reicht nicht mehr aus. Die Suche nach dem richtigen Hotel dauert. Am Ende des Tages ist aber alles gut und wir fädeln beide Mopeds mit einem Zentimeter Platz zum Auto des Hotelbesitzers in dessen Garage ein.

Nach vier Monaten schweißtreibender Hitze überkommt uns zum ersten Mal ein Kälteschauer. Das Wasser aus der Dusche ist eisig und sticht in die Haut. Zitternd kramen wir die Schlafsäcke, Daunenjacken und Wollsocken raus und klettern früh ins klamme Bett. An solche Temperaturen müssen wir uns erst mal wieder gewöhnen.

Exquisite Teestunde
Trotz Kratzen im Hals und Rotznase ist uns der schnelle Klimawandel eine irgendwie ersehnte Abwechslung. Endlich können wir mal wieder eine dampfende Tasse Tee gemütlich zwischen zwei frierenden Händen genießen. Das erinnert uns an Zuhause. Und in der berühmten Stadt des Tees ist das natürlich ein exquisites Erlebnis.

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1. Im Haus einer Teepflückerin in Darjeeling, 2. Auf der Teeplantage

Wir wandern bei schönem Wetter zwei Kilometer ins untere Darjeeling zum Happy Valley Tea Estate, wo uns eine ehemalige Teepflückerin zur Teestunde einlädt. Von ihr lernen wir, dass die höchste Qualitätsstufe des Darjeeling Tees als „Super Fine Tippy Golden Flowery Orange Pekoe 1″ bezeichnet wird. Für diesen Tee wird nur die feine, oberste Blattspitze aus dem ersten Pflückdurchgang im Frühling verwendet. Sie gibt dem Tee eine goldene Farbe und ein besonders mildes Aroma.

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1. Nur die Blattspitze in der Mitte für den besten Tee, 2. Kostprobe von Happy Valley Tee

Das Happy Valley Tea Estate ist unter vierundachtzig Plantagen die älteste und berühmteste in Darjeeling. Das englische Nobelkaufhaus Harrods lässt sich exklusiv von ihr beliefern. Die Teebüsche am Hang sind mittlerweile zwischen 80 und 150 Jahre alt. Der Happy Valley Tee muss nur ein paar Sekunden im gekochten Wasser ziehen und kann dann noch zweimal aufgebrüht werden. Die Kostprobe bestätigt uns ein wirklich tolles Aroma.

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In Darjeeling müssen sich viele Menschen ihr (Tee)Wasser von Draußen holen

Obwohl normalerweise im März die Teesaison beginnt und die Plantagen mit der ersten Ernte und dem Trocknen der Blätter anfangen, sind die Pflückerinnen in Darjeeling noch nicht am Werk. Der Winter war zu trocken und noch immer warten alle auf Regen, der die Teebüsche aufblühen und die Blattspitzen sprießen lässt. Als wir dort sind, sind die Frauen damit beschäftigt, die Reihen zwischen den Büschen zu säubern.

Tenzing, Edmund und Reinhold
Darjeeling ist nicht nur für seinen Tee bekannt. Es ist auch die Heimat von Sherpa Tenzing Norgay, der zusammen mit dem Engländer Edmund Hillary 1953 als Erster den Mount Everest bestieg. Das hiesige Bergsteiger Institut, das Tenzing lange Jahre leitete, ist weltbekannt und bildet noch heute Bergsteiger aus.

Landsmann Reinhold Messner – mit einem „E” zuviel im Messingnamenschild unter seinem Foto an der Legendenwand – wird im Institutsmuseum als Derjenige gewürdigt, der bisher als Einziger in alle vierzehn Achttausendergipfel im Himalaja einen Wimpel gesteckt hat. Wir haben leider nicht daran gedacht, dem Museumsleiter vorzuschlagen, ein Foto von „den ersten MZ, die den Himalaja bezwungen haben” auszustellen.

kanchenzonga Hinter uns der Kanchendzonga (8598 Meter)

Bevor wir nach Hause fahren, wollen auch wir dem Mount Everest einen Besuch abstatten. Die Emmen sollen von Nepal aus wenigstens mal einen Blick auf den höchsten Berg der Erde werfen.

Nepal muss noch ein bisschen warten
Bevor wir von hier aus ins südöstliche Terai von Nepal ausreisen können, vergehen noch ein paar Tage, denn in Nepal wird gerade gestreikt. Straßen und Tankstellen sind durch Blockaden versperrt. Die Grenze in Karkabitta soll sogar geschlossen sein. Uns bleibt also Zeit, die Teehäuser in Darjeeling auszuprobieren und das Holifest mitzuerleben, bei dem Hindus das Ende der Trockenzeit herbeifeiern und Wasser und Farbpulver auf die Menschen streuen.

holiday Holi-Fest

Wir wollten eigentlich schon Anfang März in Nepal sein und sind deshalb ein bisschen unruhig. Das Ende des Streiks ist ungewiss, weiter Abwarten und Tee trinken wollen wir nicht. Der Hotelbesitzer erkundigt sich für uns bei einem Kollegen in Nepal über die Situation vor Ort. Als Touristen auf dem Motorrad könnten wir die Grenze wohl problemlos überqueren.

Aber das Schicksal will es, das Micha wieder zur Untersuchung ins Krankenhaus muss, was die Weiterfahrt von selbst um nochmals zwei Tage verzögert. Seine Amöben waren gegen die letzten Medikamente resistent, so das der Chefarzt – und übrigens Darmspezialist – noch mal was Neues verschreibt. Es war der letzte Besuch in einem indischen Krankenhaus – dieses Mal eine alte, zweistöckige Baracke. Die Krankenschwestern tragen hier Uniformen wie in den Vierziger Jahren. Auf dem dunklen, muffig riechenden Flur stehen Geräte, die wohl auch aus dieser Zeit stammen. Aus der Toilette stinkt es nach Gulli. Das Behandlungszimmer des Arztes ist nur durch einen speckigen Vorhang von den wartenden Patienten getrennt. Die Behandlung und der sofortige Labortest kosten zusammen allerdings nur 200 Rupien, also etwa drei Euro.

Am 15. März knattern wir dann guter Hoffnung an die ostnepalesische Grenze…

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Abenteuer Indien: Ruhige letzte Tage

8. Mai 2009

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Hindufrau schickt eine Kerze in den heiligen Ganges

Rishikesh: Warten aufs Iranvisum
Mitte April. Ein Monat Nepal ist im Flug vergangen und wir fahren zum zweiten Mal in Indien ein. Bis die sehnlich erwartete DHL Express Sendung mit den Iranvisa von Berlin nach Amritsar unterwegs ist, wollen wir noch einmal ein paar Tage in der Yogawelthauptstadt Rishikesh in Nordindien verbringen. Die Stadt am heiligen Ganges ist uns seit unserem ersten Besuch im November letzten Jahres in guter Erinnerung geblieben. Bestens geeignet, um Energie für die anstehende Rückreise durch die Wüsten Pakistans und Irans aufzutanken.

Nach Überfahrt der nepalesischen Grenze am 13. April und einer Zwischenübernachtung in Kashipur düsen wir also mit den Emmen in den noch nicht so heißen Morgenstunden los nach Rishikesh. Im Umkreis der Stadt quälen wir uns durch einen irren Ameisenhaufen von blauen, ohrenbetäubenden Autorickschas bis hoch auf den Hügel, wo ein paar nette Gasthäuser und eine indische „Deutsche Bäckerei” schon auf uns warten.

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Hindus ehren den heiligen Ganges in Rishikesh

Es ist erst neun Uhr morgens, die Sonne erhitzt bereits die Luft und die Trockenheit der indischen Wintermonate hat der Gegend um Rishikesh fast ihre ganze grüne Farbe genommen. Nur der Ganges schimmert noch milchig grün. Immerhin hat jetzt die Mango-Saison begonnen. Darauf warten wir schon seit Beginn unseres Indienabenteuers.

Hitzewelle
Wir nutzen die Zwangswartezeit zum Recherchieren, Schreiben und Entspannen, sofern es die Hitze zulässt. Für April ist es hier viel zu heiß. Die Temperaturen steigen jeden Tag ein bisschen an – auf etwa vierzig Grad im Schatten. Die lokalen Zeitungen berichten über Todesfälle durch Hitzeschlag und der Deckenventilator wirbelt 24 Stunden lang stickige Luft durchs Zimmer. Unter dem Moskitonetz staut sich nachts die Körperwärme, so dass nur noch ein nasses Handtuch auf der Haut ein bisschen Tiefschlaf ermöglicht. Zur Abkühlung nimmt Micha tagsüber ein eiskaltes und segnendes Bad im Ganges. In Rishikesh ist der heilige Hindufluss nämlich noch (augenscheinlich) sauber. Weil Frauen nur in Kleidern baden dürfen, bleibt Suse mit Schweißflecken auf dem T-Shirt am Ufer stehen.

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1. Gesegnet und abgekühlt: Micha im Ganges, 2. Willkommener Mitbewohner: Moskitofresser

Baba Massage
Gleich gegenüber von unserem Gasthaus entdecken wir das kleine Baba Massage Center – angeblich die älteste Massagestube in Rishikesh. Baba Balwant Singh (alias Babaji) hat es 1961 im Alter von 89 Jahren gegründet, nachdem er von einer langen Wanderschaft durch Indien mit traditionellen Ayurveda-Kenntnissen hierher zurückkam. Wir spüren auf einmal die Verspannungen im Nacken und belohnen uns mit der allerersten Massage auf unserer ganzen Reise.

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In Rishikesh gönnen wir uns endlich eine Ganzkörpermassage

Völlig nackt liegt Suse morgens um Neun vor einer fremden Inderin auf dem Boden. Die Frau ölt ihr den ganzen Körper bis in die Haare ein, massiert Suse von Finger- bis Zehenspitzen mit Händen und Füßen. Hinter der Wand hört sie, wie gleichzeitig ein Inder Micha ayurvedisch auf den Rücken klatscht. Nach einer Stunde steht Suse mit fettigem Strubbelkopf total benommen, aber glücklich von der Matratze auf.

Mangolassi mit den Schweizern
Rishikesh ist für uns ein Schlemmerparadies. Insbesondere, wenn man aus Nepal kommt und Reis mit Linsensuppe satt hat. Zusammen mit Mark und Maggi, die wir hier kennen lernen, sitzen wir ein paar mal stundenlang im kleinen Gartenrestaurant zusammen und verschlingen dunkle Yakkäsebrote und kalten Mangolassi. Die beiden Schweizer, die seit 26 Jahren in Australien leben, sind auf einer BMW in ihre alte Heimat unterwegs. Wir nehmen die beiden mit zu einem Spaziergang ans Gangesufer – zur allabendlichen Sonnenuntergangszeremonie der Hare Krishnas.

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Hare Krishna bei der allabendlichen Zeremonie am Gangesufer

20. April. Eine Woche Warten ist vergangen. Ab heute beginnt laut Einreiseantrag eigentlich unser Iranvisum zu laufen und es gibt immer noch keine Nachricht aus Berlin. Um wenigstens der Hitzewelle zu entkommen, beschließen wir, Mark und Maggi nach Mussoorie zu folgen – eine Kleinstadt in den Bergen, nur zwei Stunden Fahrt von hier. Dort soll es kühler sein und wir können den ausgehungerten Moskitos entkommen. Damit wir später auf den iranischen Wüstenhighways ein bisschen mehr Speed haben, tauscht Micha an beiden Emmen noch die Antriebsritzel aus (von 15 auf 16 bzw. 17 Zähne). Am nächsten Morgen um sechs Uhr knattern wir dann hoch auf über zweitausend Meter – nach Mussoorie.

Mussoorie: Zehn kühle Nächte vor der Nebensaison
Mussoorie ist ein Städtchen für frisch Verheiratete oder neureiche Inder mit verzogenen Kindern, die hier ab Mai der Hitze in Dehli und im nordindischen Flachland für ein Wochenende entfliehen wollen. In der Hochsaison von Mai bis Juni sind die Hotels etwa dreimal so teuer. Wir haben Glück: Jetzt ist gerade noch Nebensaison. Und das Wetter könnte nicht besser sein: 25 Grad, frische Luft, abends angenehm kühl. Endlich können wir uns draußen bewegen und nachts wieder durchschlafen.

Zusammen mit Mark machen wir einen Motorradausflug zum Kempty Wasserfall. Wider Erwarten ist diese Stelle ziemlich überlaufen und wenig natürlich – ein Planschbecken für Nichtschwimmer-Inder, zugebaut mit kleinen Shops und Restaurants. Hier zeigt sich wieder mal: Inder fühlen sich am wohlsten unter vielen Indern.

Besuch aus Dehli
Nach drei Tagen verabschieden sich Mark und Maggi nach Shimla. Und da kündigt sich per E-Mail schon der nächste Besucher an: Uwe hat gerade unsere Webseite entdeckt und würde uns gerne treffen. Er arbeitet seit zwei Jahren in Dehli und beschließt spontan, einen Wochenendausflug nach Mussoorie zu machen. Am nächsten Nachmittag kommt er auf seiner Enfield und seine Frau auf einer brandneuen Yamaha FZS nach zehn Stunden Ritt hier oben in den Bergen an. Die Beiden haben erst in Indien mit dem Motorradfahren angefangen – mutig, aber eine gute Schule.

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1. Typisch indischer Lebensmittelladen, 2. Besuch aus Dehli

Uwe und Csilla erleben Indien von einer ganz anderen Perspektive. Sie müssen im Arbeitsalltag mit den Eigenarten der Inder klarkommen. Keine leichte Aufgabe, denn die Arbeitsweise und Ansichten eines deutschen Ingenieurs haben kaum Gemeinsamkeiten mit den Einstellungen indischer Angestellter. Außerdem gibt es große Unterschiede zu den (neu)reichen Indern in Dehli. Wir haben genau wie Uwe den Eindruck, dass bei den Indern der höheren Kaste Understatement völlig unbekannt ist. Die Arroganz gegenüber Servicekräften, die den reichen Indern sämtliche Dinge im Alltag inklusive Autofahren abnehmen, ist nicht zu übertreffen. Reiche Inder können außerdem überhaupt nicht nachvollziehen, warum “reiche” Ausländer mit dem Motorrad fahren – ein klares Indiz für die untere Kaste und in der Straßenhackordnung keine gute Position.

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1. Unser Aloo-Parantha in Arbeit , 2. …und auf dem Teller

Die Tage in Mussoorie vergehen und im Hotel zählt man uns mittlerweile zum Inventar. Wir gehen jeden Morgen um etwa acht Uhr ins kleine Inderrestaurant und bestellen zum Frühstück zwei Aloo-Parantha (kartoffelpufferähnliches Fladenbrot), zwei Omelett, zwei süße Lassi und zweimal Chai für insgesamt 112 Rupies, also rund zwei Euro. Die kleine Routine beruhigt uns, wenn sich Nervosität oder Ärger über die Verzögerung der Visaangelegenheit bei uns breit macht.

Am 29. April bekommen wir dann endlich die Nachricht, dass die Visa für den Iran am 4. Mai aus der Botschaft in Berlin abgeholt und per DHL nun nach Quetta in Pakistan geschickt werden können. Das ist unser Startschuss, um über Amritsar nach Pakistan zu fahren, damit wir etwa zeitgleich mit den Visa in Quetta ankommen.

Amritsar: Der Goldene Tempel verabschiedet uns

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„We like foreigners” – Abschied von den Sikhs und Indien

Auf dem Weg nach Amritsar an der Grenze zu Pakistan übernachten wir in einem Hotel direkt am Highway und neben der größten Honigfabrik in Asien, die uns einen Rundgang erlaubt. In Amritsar nehmen wir dann Abschied an dem Ort, wo unser Indienabenteuer vor einem halben Jahr begonnen hat. Es ist unheimlich heiß und schwül, aber der Goldene Tempel heißt uns zum zweiten Mal herzlich willkommen. Nishan und seine Familie kommen für einen letzten Tempel-Rundgang mit uns extra in die Stadt gefahren. Sie entführen uns später noch zum Abendessen in ihr Dorf.

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Letzter Tempelrundgang mit Familie Singh

Am nächsten Morgen können wir unseren Augen kaum glauben: Regenwolken über Indien. Wir kommen allerdings trocken an der Grenzstation in Wagah an. Die Luft hat sich glücklicherweise etwas abgekühlt.

Die Halle des Immigrationsbüros ist sowohl auf indischer, als auch auf pakistanischer Seite menschenleer – keiner außer uns will nach Pakistan einreisen. Solange die Beamten unsere Pässe und Carnets bearbeiten, kommt ein komisches Gefühl in uns auf. Zum ersten Mal ist ein Grenzübergang nicht mehr aufregend und spannend, denn was hier abläuft, haben wir schon einmal erlebt. Jetzt geht es definitiv rückwärts. Ein Gefühl wie am letzten Urlaubstag, wenn die Heimreise ansteht.

Nach dem unkomplizierten Prozedere besonders auf pakistanischer Seite starten wir die Emmen gen Lahore. Vor uns liegen rund zweitausend Kilometer Pakistantransit bis zur iranischen Grenze…

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