Nepal: Durchs Terai nach Kathmandu

4. April 2009

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Nepal: Ziel vieler Sadhus aus Indien

Offene Schranken in Karkabitta?
15. März, acht Uhr morgens. Trotz öffentlicher Streiks in Nepal rollen wir von Darjeeling aus bergrunter an die Grenze zum kleinen Nachbarland mit den großen Bergen. Die warmen Klamotten kommen, zurück auf Meeresspiegelniveau, wieder in die Alukoffer. Schweißränder auf dem T-Shirt sind angesagt.

Das Abenteuer Indien wollen wir heute nach vier unvergesslichen Monaten hinter uns lassen und mit neuen Erwartungen ins Land des Mount Everests weiterreisen. Ob wir als Touristen trotz Streikblockaden problemlos in Nepal einfahren dürfen, wissen wir nicht. Die Auskünfte der Reiseagenturen vor Ort waren leider gegensätzlich. Wir sind zuversichtlich und wagen den Versuch. Für den Fall, dass wir im bestreikten Terai auf leere oder versperrte Zapfsäulen stoßen, machen wir auf indischer Seite noch die Tanks voll und füllen zehn Liter Reserve in den Benzinkanister.

Den indischen Grenzposten haben wir zügig erledigt: In der alten Baracke neben dem provisorischen Fallbaum stempelt der Beamte unsere Pässe und die netten Herren im staubigen Zollgebäude gegenüber die Carnet de Passages korrekt ab. Micha beantwortet ihnen solange die üblichen Fragen – woher wir kommen, wohin wir wollen, wozu wir die großen Alukoffer brauchen und wie teuer und schnell die Motorräder sind. Im Gegenzug teilt man uns freudig mit: „Ihr habt großes Glück, in Nepal ist der Streik seit heute beendet! Die Schranken sind offen!”

Dankbar über das schicksalhaft gute Timing nehmen wir Abschied von den Indern und fahren fünfhundert Meter auf einer Brücke übers ausgedörrte Flussbett auf die nepalesische Seite nach Karkabitta. Im Grenzgebiet herrscht ein unüberschaubares Durcheinander – wie auf einem Basar. Nepalesen wie Inder, die jeweils ohne Visa in beide Länder einreisen dürfen, lassen sich und ihre vollgestopften Plastikbeutel und abgenutzten Sporttaschen von Fahrradrikschas von einer Seite auf die andere kutschieren. Dazwischen hektische Jeeps, Laster und Busse. Die Bambusrohr-Grenzschranke im Grenzdorf Karkabitta erkennen wir kaum – ein Beamter zieht sie am Tau mal hoch und runter, als versuche er, den Verkehr damit zu regeln. Trotzdem kann er nicht verhindern, dass ein rasanter Minibusfahrer eine Fahrradrikscha streift und ihren Fahrgast vor unseren Augen auf die Straße schleudert.

visum Schnelles Visum an der Grenze

In den dunklen, muffigen Gebäuden des ostnepalesischen Immigrations- und Zollamtes bringen wir auch hier, diesmal bei einer Begrüßungstasse Tee, den Papierkram schnell hinter uns. Auf eine Durchsuchung unserer rund sechzig Kilogramm Gepäck pro Emme – egal ob auf indischer oder nepalesischer Seite – hatte wieder mal kein Beamter Lust. Unkompliziert und für vierzig Dollar plus 200 Rupien pro Person klebt man uns die Nepalvisa in die Pässe. Wir sind zufrieden! Der Ankunft im Terai steht nichts mehr im Wege…

Neues Land, gemischte Gefühle
Bevor wir in die einsame, beeindruckende Bergwelt Nepals eintauchen können, liegen noch ein paar hundert Kilometer Motorradfahrt durchs Terai – dem südlichen und recht dicht besiedelten Tiefland – vor uns. Auf der einzigen Landstraße gen Westen müssen wir ab und zu gefällten Bäumen, Sandsäcken und Felssteinen auf dem Asphalt ausweichen – Überreste der Straßenblockaden vom Streik. In diesem Teil Nepals ist landschaftlich und bei den Menschen kein wesentlicher Unterschied zu Indien erkennbar. Allerdings sehen die Behausungen in den Siedlungen, oft Stroh- und Lehmhütten und zum Teil auf Stelzen gebaut, noch einfacher und viele Kinder verwahrlost aus. Die nepalesischen LKW stoßen eine unschlagbar dreckige Abgaswolke aus und dieseln damit die ganze Umgebung ein.

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LKW-Abgase verdrecken die Luft

Wir wollen die erste Nacht in Dharan verbringen, etwa 120 Kilometer von der Grenze entfernt. Weiter nördlich der Stadt hatten die einst rebellischen Maoisten ihre Basis. Das nepalesische Volk hat sie bei der Wahl vor einem Jahr an die Macht gebracht, in der Hoffnung auf eine bessere Entwicklung ihres Landes.

Auf der Fahrt nach Dharan ist Micha nach ein paar knappen Überholmanövern aus Suses Rückspiegel verschwunden. In solchen Momenten bleibt einem manchmal kurz das Herz stehen. Suse lenkt mit weichen Knien und der Hoffnung, dass es nicht gekracht hat, um und fährt zurück. Ein paar hundert Meter weiter hinten sieht sie Micha am Straßenrand stehen. Seine Emme ging aus, weil sich ein Kabel vom Sicherungskasten gelöst hat. Dem Herzklopfen folgt die Erleichterung und in ein paar Minuten sind wir beide wieder auf der Straße und wenig später vor einem ungemütlichen Hotel in der eher uncharmanten Kleinstadt Dharan.

Als wir mit müden Gliedern im harten Bett liegen, machen sich gemischte Gefühle breit. Wir sind froh, in Nepal zu sein. Vom ersten Eindruck bei der Ankunft von Osten aus sind wir allerdings irgendwie enttäuscht. Wir haben die Menschen und Kultur in den Bergen vor Augen, die Nepal für uns so reizvoll machen…Darauf freuen wir uns.

Auf dem Mahendra-Highway westwärts
Von Dharan aus wollen wir in drei, vier Tagen auf dem Mahendra-Highway gen Westen bis nach Hetauda und dann nach Kathmandu knattern. Die Tankstelle in Itahari hat zum Glück Benzin in der Säule und wir nutzen die Gelegenheit, um noch mal nachzutanken.

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Fruchtbares Tiefland: Frauen ernten das Korn im Terai

Der Mahendra-Highway ist eine breite und meist passabel asphaltierte Landstraße, die sich durch die Getreide- und Maisfelder des Tieflandes bahnt und unzählige Flussbetten kreuzt. Für die Bevölkerung des Terais ist der Highway eine Lebensader. Hier tummeln sich die Menschen, transportieren Berge von Gegenständen auf Ochsenkarren oder klapprigen Fahrrädern in den nächsten Ort. Die Busse sind bis aufs Dach überladen – oben auf Stapeln von Gepäck sitzen die Nepalesen und schaukeln im riskanten Zickzackkurs der Busfahrer hin und her. Über die beiden Buswracks am Straßenrand, die wir passieren, wundern wir uns nicht. Hoch konzentriert schlängeln wir an unserem zweiten Tag in Nepal ein paar Stunden zwischen allen Hindernissen und möglichst schnell an rußigen Abgaswolken vorbei weiter Richtung Westen – nach Janakpur.

Ein Stück Wüstenfahrt
Irgendwann auf der Strecke nach Janakpur endet die Straße auf einmal in der Wüste. Wir durchfahren das zu dieser Jahreszeit ausgetrocknete Koshi-Flussgebiet, das durch heftige Monsunregenfälle im letzten Jahr bei einem Dammbruch über Nacht verheerend überschwemmt wurde. Dörfer sind verschwunden. Viele Menschen haben alles verloren. Am Straßenrand sehen wir im weiß versandeten Feld eine provisorische Zeltstadt, in der immer noch Opfer leben.

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Fahrt durchs verwüstete Koshi-Flussgebiet

Der Koshi, ein Nebenfluss des Ganges, der unter anderem Wasser aus der Mount Everest Region abführt, hat sich nach mehreren Überschwemmungen immer wieder ein neues Flussbett gesucht und sich dabei über die Zeit mehr als hundert Kilometer nach Westen verlagert. Die Straße durchs Überschwemmungsgebiet ist ebenfalls zerstört worden. Der Verkehr sucht sich heute einen Weg durch die übrig geblieben Sand bzw. Schlickhaufen.

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Die Straße wird zur Sandbahn

Staubiger Abzweig nach Janakpur
Nach unserem kurzen Ausflug in die „Koshi-Wüste” nehmen wir bald den Abzweig nach Janakpur. Die Stadt liegt im Süden an der Grenze zu Indien und soll wichtiger Pilgerort für viele Hindus sein. Die Straße dorthin ist auf der Karte als asphaltierte Hauptstraße markiert. Der Zwanzig-Kilometer-Abzweig entpuppt sich aber schnell als grob schotterige, zerfressene und dazu noch viel befahrene Endlosstrecke, auf der Traktoren und LKW durch die Schlaglöcher poltern.

Bis in alle Ritzen eingestaubt kommen wir nach über einer Stunde endlich in Janakpur an – ein chaotischer Ort mit verwinkelten und heruntergekommenen Gassen. In einem Hinterhof versteckt sich zu unserer Erleichterung ein recht ordentliches, wenn auch nicht überfreundliches Hotel. Wir nehmen erstmal eine belohnende Dusche und waschen Schweiß, Staub und Stress des heutigen Tages ab. Als die Lebensgeister zurück sind, sehen wir uns noch ein bisschen im Viertel um.

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Der Mahendra-Highway führt von Ost nach West durchs nepalesische Tiefland

Die vielen heiligen Stätten von Janakpur schaffen es nicht, dass wir noch einen Tag länger hier bleiben wollen. Am nächsten Morgen geht’s also gleich zurück auf den Mahendra-Highway und nach Hetauda. Wir kurven vorher noch eine ganze Stunde in dem unübersichtlichen Ort umher und klappern sämtliche, rostige Tanksäulen ab. Im ganzen Ort gibt es kein Benzin. Auf die überteuerten Plastikflaschen des Schwarzmarktverkäufers sind wir zum Glück noch nicht angewiesen und wir fahren auf der Rumpelpiste zurück zum Highway.

Im nächsten größeren Ort erbetteln wir vom Tankwart statt zwei jeweils drei Liter des rationierten Sprits. Mit der zehn Liter Reserve im Kanister kann eigentlich nichts schief gehen, aber trotzdem müssen wir jede Möglichkeit nutzen, wie uns die Einheimischen geraten haben. Wie wir feststellen, liegen etliche Tankstellen in Nepal tatsächlich auf dem Trockenen.

Daman: Kleiner Vorgeschmack auf die Berge
Nach einer Übernachtung im Hotel Avocado in Hetauda, in dem es keine Avocados, dafür aber das beste Chowmien unserer Reise gibt, kommen wir dem Bergleben Nepals schon näher. Von hier aus sind es noch hundertdreißig Kilometer bis nach Kathmandu, wenn man die Bergstraße Tribhuwan Rajpath nimmt, die über den Ort Daman nach Norden führt. In Daman soll bei guter Wetterlage eventuell ein Blick auf den Mount Everest möglich sein.

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Auf der Bergstraße von Hetauda nach Kathmandu

Zur Frage über Straßenzustand, Entfernung und Fahrtdauer bei drei verschiedenen Leuten in Hetauda bekommen wir wieder mal drei völlig verschiedene Versionen zu hören. Am Ende kurven wir etwa fünfzig Kilometer und zwei Stunden mit den Mopeds bergauf nach Daman auf 2587 Meter Höhe. Die Straße ist schmal, aber im guten Zustand. Es ist kaum Verkehr unterwegs und die Fahrt macht richtig Spaß. Die Landschaft ringsum ist vom trockenen Winter zwar ziemlich ausgedörrt, aber der weite Ausblick und die rotblühenden Rhododendren wirken sehr entspannend.

Das Bergdorf Daman besteht nur aus wenigen Häusern an der Straße. Die runden, rotbäckigen Gesichter der Menschen sehen endlich nepalesisch aus. Es ist herrlich ruhig und sonnig. Der höchste Berg der Erde lässt sich allerdings nicht erblicken. Vorbei an lächelnde Rotznasen halten wir am kleinen Hotel von Manshu Sherpa an. Die ältere Frau gibt uns für 200 Rupien ein einfaches Kämmerchen im sonst leer stehenden, alten Haus. Wir fühlen uns in der rustikalen Unterkunft ohne fließendes Wasser und mit Klohäuschen draußen sofort wohl – eine authentische Bleibe. Wir öffnen die Holzfensterluken, lassen die Strahlen der Nachmittagssonne ins Zimmer und richten uns ein.

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1. Urige Bleibe in Daman, 2. Frauen ziehen mit schwerer Last vor unserm Fenster vorbei

Manshus Sohn hat ein paar Minuten Fußweg entfernt eine Gaststube. Er serviert uns und einer Gruppe tibetischer Mönche das nepalesische Nationalgericht Dhal Bhat. Der Teller mit Reis, Kartoffel-Senfkraut und Linsensuppe ist in Nepal fast überall tägliches Hauptgericht. Während die Mönche ihr Mahl mit der rechten Hand gekonnt in die Münder stopfen, dürfen wir mit dem Löffel arbeiten. Zwar sind wir beim Essen mit Fingern auch schon ganz gut dabei, aber die Einheimischen sind mindestens doppelt so schnell. Abends wird der Esstisch für Manshus Enkelkinder mit einer Decke zum Sofa umfunktioniert und die Kleinen starren verträumt auf den Bollywoodfilm im Fernseher.

Wir verbringen eine gute Nacht allein im urigen Haus und beobachten nach dem Aufwachen aus dem Fenster heraus, wie zierliche Frauen bereits am frühen Morgen Riesenkörbe mit Laub und Feuerholz zu Fuß ins Dorf buckeln.

Nach unserem Lieblingsfrühstück – Omelett mit oder ohne Brot – kicken wir schon wieder unsere Motorräder an und düsen abwärts ins Kathmandu-Tal davon. Vorbei an ein paar kleinen Siedlungen fahren wir gegen Mittag in die Hauptstadt des Landes ein. Die Großstadt hat uns wieder…

Kathmandu: Unser Basislager
Die Straßen Kathmandus wirken an diesem Tag irgendwie leer gefegt. Nur an den wenigen Tankstellen drängeln sich Horden von Mopedfahrern. In der Stadt wird wiedermal gestreikt – für uns ein großer Vorteil, denn wir kommen dadurch zügig an unser Ziel: das Touristenviertel Thamel, etwas nördlich vom Zentrum.

In den engen und mit tausend Reklameschildern zugepflasterten Gassen Thamels landen wir bald am populären Kathmandu Guest House. Von hier aus müssen wir uns erstmal in der Unübersichtlichkeit des bunten Viertels zurechtfinden. Am nächsten Morgen ziehen wir ein paar Ecken weiter in ein kleineres Hotel mit weitaus besserem Preis-Leistungs-Verhältnis um.

Thamel ist mit Allem auf Touristen eingestellt: unzählige „westliche” Restaurants, sogar Bäckereien, Internetshops, Trekkingläden, Wäscheservices, kleine Supermärkte mit importierten Süßigkeiten aus Deutschland… Man muss nur die besten Preise suchen, denn Nepal wird für Touristen von Jahr zu Jahr teurer.

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Ankunft in Kathmandu: In Thamel und am benachbarten Dubar-Platz

Von Kathmandu aus wollen wir in den nächsten Tagen unsere bald anstehende Rückreise über den Iran arrangieren. Wir müssen uns um Visa kümmern und die genaue Route festlegen. Solange die Visa in Arbeit sind, haben wir dann Zeit für eine mehrtägige Trekkingtour – unterwegs im Himalaja.

E-Mails und Recherchen im Internet sind leider nicht jederzeit möglich, da Kathmandu jeden Tag mehrere Stunden Stromsperre hat. Wenn wir uns nicht um organisatorische Dinge kümmern, setzen wir uns zur Entspannung mit Kuchen und Tee auf den Balkon und erleben seit Ewigkeiten mal wieder einen kräftigen Gewitterschauer. Abends wird es recht kühl in den Gassen. Obwohl wir ein stilles, schönes Zimmer haben, finden wir aus irgendwelchen Gründen keinen ruhigen Schlaf. Vielleicht sind es schon wieder die vielen, neuen Eindrücke, die regelrecht auf uns einprasseln. Kathmandu ist nämlich eine Stadt mit einer unglaublichen Vielfalt an kulturell-religiösen Schätzen – und das allein schon in der nahen Umgebung von Thamel.

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Neuerdings Pflicht für individuelle Wanderer: ein Trekking-Ausweis

Nach einer Woche im Basislager Kathmandu machen wir uns am 25. März mit jeweils einem Zwölf-Kilogramm-Rucksack auf dem Buckel auf den Weg in die Helambu-Region nordöstlich der Hauptstadt. Vor uns liegen neun Tage Bergwanderung und wir haben keine Ahnung, wie es uns dabei ergehen wird. Seit Monaten haben wir weder unsere Ausdauer trainiert noch Zeit in der Kälte und Höhe verbracht. Die Motorräder lassen wir allein am Hotel zurück. Neugierig, mit einer Landkarte, einem groben Routenplan und Müsliriegeln in der Tasche starten wir ins Trekkingabenteuer. Himalaja, wir kommen!


Helambu: 9 Tage zu Fuß über Berge (Teil 1 von 2)

7. April 2009

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Himalaja und Yeti, wir kommen!
Immer nur auf den Emmen reiten? Nein, wir können auch anders! Und in den Bergen Nepals haben wir auch gar keine andere Wahl. Es sei denn, wir steigen auf ein Yak um.

Obwohl wir keine Trekkingprofis sind, wollen wir unbedingt ein paar Tage die Umgebung und das Leben des Sherpavolks im nepalesischen Himalaja aus eigener Kraft entdecken. Die Helambu-Region ist dafür perfekt: Der Ausgangspunkt des Treks ist von Kathmandu aus mit dem Bus in nur einer Stunde erreichbar. Bei gutem Wetter hat man tolle Aussichten auf die hohen Schneegipfel der Langtang-Bergkette und kommt auf dem Weg durch die typischen, tibetisch geprägten Dörfer. Im Helambu sind außerdem nur wenige Touristen unterwegs, was die Bergreise mit dem Rucksack authentisch macht. Auf einen Träger oder Bergführer sind wir in dieser Gegend glücklicherweise auch nicht unbedingt angewiesen.

Insgesamt 42 Stunden:15 Minuten Fußmarsch, geschätzte 100 Kilometer Wegstrecke, 3100 Höhenmeter bergauf und 4700 Höhenmeter bergab liegen in den nächsten neun Tagen vor uns. Wir werden beide zusammen 45 Liter Bergwasser unsere Kehle runterspülen und wieder ausschwitzen, ein paar Gramm Fett verlieren und die Tiefenmuskulatur aus dem Dornröschenschlaf holen. Unser Himalaja-Abenteuer beginnt…
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Tag 1: Aller Anfang ist schwer
> Strecke: von Sundarijal (1460m) nach Chisopani (2215m)
> Anstieg: 960 Höhenmeter, Abstieg: 205 Höhenmeter
> Marschdauer: 5 Stunden, 30 Minuten
> Gefühlslage: gespannt, optimistisch – später kurzatmig, überhitzt und gut durchblutet

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1. Über Endlostreppen nach oben, 2. Nachmittagsgewitter: Düster, aber urgemütlich

25. März, 6 Uhr. Der Wecker klingelt. Unsere gepackten Rucksäcke warten schon die ganze Nacht am Bett. Noch ein letztes großes Frühstück im Yak Restaurant und um halb Neun sitzen wir im Bus nach Sundarijal.

Eine Stunde später sind wir an der Endstation – unser Ausgangspunkt für die Trekkingtour. Von nun an geht es nur noch zu Fuß weiter. Neun Tage lang. Die Rucksäcke sitzen perfekt und sofort beginnt eine Felstreppe – natürlich schön steil aufwärts. Heute müssen wir fast einen Kilometer Lufthöhe erklettern. Wir hoffen, dass die Puste reicht, um unser erstes Etappenziel vorm Dunkelwerden zu erreichen.

Micha sucht im Unterholz nach zwei guten Wanderstöcken, an denen wir uns seelisch und körperlich festhalten können. Nach einer Stunde Treppe-Non-Stop stehen wir mit roten Gesichtern am Eingang des Shivapuri Nationalparks und dürfen ein bisschen verschnaufen, solange wir die zweimal 250 Rupien Eintrittsgeld bezahlen. „Wenn das weiter so steil nach oben geht, dann schaffen wir das niemals bis nach Chisopani!” Aller Anfang ist eben schwer.

Das Aufwärts nimmt kein Ende. Die Sonnenstrahlen sind kräftig und heizen uns zusätzlich ein. Suse motiviert sich mit dem Sprichwort, das sie aus einer Bergsteigerdokumentation behalten hat: Wer andere besiegt, hat Muskelkraft. Wer sich selbst besiegt, ist stark. Wir klettern weiter…

…und suchen unseren Weg durch Wälder, vorbei an Kornfeldern an den Hängen, über die Höfe der Bergbauern und durch kleine Felsschluchten. Nach Wegweisern braucht man nicht zu suchen, es gibt keine. Wir nutzen jede Gelegenheit, um uns bei den Einheimischen über den richtigen Weg zu versichern, denn für Umwege reicht die Energie heute nicht aus.

Endlich hat sich die Atmung auf das Dauerklettern eingestellt. Immer wieder machen wir einen kurzen Halt, wischen uns den Schweiß von der Stirn und schütten Wasser nach. Der hoffnungsvolle Blick auf die nepalesische Wanderkarte hilft uns leider wenig. Wir haben keine Ahnung, wie weit wir auf den Felsentreppen schon gekommen sind. Als wir nach drei Stunden an einem Häuschen Pause machen, heißt es: Nur noch zwei Stunden bis nach Chisopani! Das hört sich wirklich gut an. Das Ziel rückt auf einmal so nah.

Wir werfen einen stolzen Blick zurück ins Tal. Nach viereinhalb Stunden geht es dann auch endlich mal bergab. Eine letzte Stunde später sehen wir dann ein paar Häuser am Horizont: Chisopani! Mit weichen Knien erreichen wir die erste Lodge. Dicke Wolken haben sich gerade über uns zusammengerauft. Es blitzt und donnert und wir treten gerade noch rechtzeitig vor dem heftigen Gewitterregen über die Schwelle.

Die Unterkunft ist perfekt: ein kleines Stübchen mit Ausblick. Nach einer lauwarmen Dusche schlüpfen wir in die lange Unterwäsche, bestellen uns Kräutertee und genießen auf der Veranda nebenan das kräftige Gewitter, das bis spät in den Abend immer wieder ein tiefes, lautes Donnergraulen über die Berge schickt. Die Stimmung ist urgemütlich, es gibt keine bessere Belohung am ersten Tag!

Tag 2: Regenjacke an, Regenjacke aus, Regenjacke an,…
> Strecke: von Chisopani (2215m) nach Joghin Danda (2450m)
> Anstieg: 680 Höhenmeter, Abstieg: 445 Höhenmeter
> Marschdauer: 6 Stunden, 30 Minuten
> Gefühlslage: Rucksack schwer, Beine schwer, alles schwer

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Ein gutes Trekker-Frühstück in Chisopani

Wir hatten eine gute erste Nacht und krabbeln um halb Sieben ausgeschlafen aus dem Schlafsack. Zum Frühstück essen wir Omelett, Bratkartoffeln und tibetisches Brot – eine ordentliche Menge neuer Energie.

Immer noch ist es draußen wolkig. Als wir losgehen, müssen wir unsere Motorradregensachen überstreifen, denn es fängt an zu regnen. Fünf Minuten später scheint dann plötzlich die Sonne und wir pellen uns wieder aus der Kombi heraus. Wir laufen etwa eine halbe Stunde bergab bis nach Tati Banyang (1770m). Die Höhenmeter von gestern sind damit hin. Kaum ausgesprochen geht es nach einem kleinen Marsch auf gleicher Ebene auf den nächsten Gipfel mit 2450 Metern – aufwärts für den Rest des Tages.

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1. Im Dorf Tati Banyang (1770m), 2. Über Steine wieder aufwärts

Auf dem steinigen Pfad nach oben wechseln sich Sonnenstrahlen und Regenschauer ab. Wenn es zu heftig wird, setzen wir uns kurz unter die Vordächer der Sherpahütten am Wegesrand. Wir blicken beim Verschnaufen hinter uns auf die Terrassenfelder im Tal, in denen die Saat gerade erst aufgeht. An den Hängen nutzen die Bauern jeden Platz, um Kartoffeln oder Reis anzubauen. Manchmal messen einzelne Terrassen gerade mal zwei Quadratmeter.

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1. Mal Sonne, mal Regen, 2. Die Terassenfelder der Bergbauern

Nach einer langen, kräftezehrenden Felsentreppe landen wir mit dem letzten Stufenschritt auf dem Hof einer Familie kurz vor Chipling. Eine gute Gelegenheit, sich bei einer dampfenden Tasse schwarzen Tees eine Weile zu erholen. Wenn die Wanderkarte richtig ist, haben wir noch ein ganzes Stück vor uns.

Kurz nachdem wir die drei, vier Häuser von Chipling passieren, stehen wir mal wieder wie ein Ochse vorm Scheunentor an einer Gabelung, die in der Karte nicht eindeutig erkennbar ist. Der linke Weg sieht etwas breiter und öfter begangen aus. Der Rechte ist kaum als solcher zu erkennen. Eine Stunde später stehen wir wieder an derselben Stelle und haben endlich verstanden, dass die eher unscheinbaren Pfade viel öfter die richtigen sind. Der vermeintlich Richtige hatte uns in einem Bogen anstatt nach Norden weiter nach Westen gebracht.

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1. Kartenstudium beim Tee nahe Chipling, 2. Neugierige Blicke

Der rechte Pfad entpuppt sich zwei Minuten später als eine Reihe von Felsbrocken, über die wir nach oben krabbeln. Suse schnieft und schnaubt und stützt sich auf ihren derzeit besten Freund: den Wanderstock. Die Fußsohlen brennen und der Rucksack schnürt sich in die Schultern. Es ist schon kurz vor Drei und unser Tagesziel Gul Banyang liegt noch geschätzte anderthalb Stunden Wanderung entfernt auf der anderen Seite vom Pass.

Dann endlich setzen wir den letzten Schritt nach oben: Wir stehen jetzt in Joghin Danda am Pass auf 2450 Metern. Die Sonne scheint seit einer ganzen Weile, der Himmel klart auf. Die friedliche Stimmung an diesem Ort ist herrlich, ringsum der weite Blick auf Täler und Berge. Wir entscheiden uns, die Wanderstöcke in die Ecke zu stellen und diese Nacht hier zu verbringen.

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1. In Joghin Danda, 2. Dolmas junge Mutter sucht Telefonkontakt zum Vater

In einem der drei Häuser aus Felsstein und Lehm ist eine junge Familie mit drei Kindern zuhause. Micha fragt die junge Mutter mit dem Baby auf dem Rücken, ob wir eine Kammer in ihrer Lodge beziehen dürfen. Kurze Zeit später, trifft noch ein anderer Wanderer über die Schwelle: Ashley aus Australien – ein großer, sportlicher Trekkingprofi, der heute aus Sundarijal (!) bis hierher gestiefelt ist.

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1. Feierabend mit Ashley, 2. Diki, Dolma und der kleine Bruder

Erstaunt tauschen wir an unserem Feierabend die unterschiedlichen Erfahrungen aus, während die süßen Töchter der jungen Mutter – Dolma und Diki – unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Nach Sonnenuntergang wird es sofort kalt. Während die Mädchen immer noch im T-Shirt und barfuß über den Lehmboden laufen, dürfen wir uns drinnen mit der Familie auf Matten an die gemütliche Feuerstelle setzen.

Der Rauch verteilt sich im kleinen, dunklen Raum. Solange die Mutter frischen Dhal Bhat für uns kocht, beobachten wir, wie sich Dolma um ihren fünf Monate alten Bruder kümmert. Wenn er weint, steckt sie ihm ihren Finger zum Nuckeln in den Mund. Sie legt ihn in ein kleines Körbchen, wackelt ihn in den Schlaf, deckt ein Tuch darüber und schiebt alles zusammen unters nahe stehende Küchenregal. Nach einer Stunde steht unser warmes Abendessen auf drei kleinen Holzbänkchen vor uns.

Mit brennenden Augen vom Feuerqualm gehen wir um Neun die Außentreppe hinauf in unsere Schlafkammern. Schon wieder beginnt ein starkes Gewitter. Suse muss leider noch mal raus aufs Plumpsklo, ein kleiner Bergdurchfall. Der Regen prasselt laut aufs Wellblechdach. Wir hoffen, dass der Sturm die dünnen Bleche nicht runterreißt und wir auf einmal direkt in die Gewitterwolken gucken. Etwas mulmig zu Mute, aber eingekuschelt im Trockenen fallen wir ohne Zwischenfälle in den verdienten Schlaf.

Tag 3: Abschied von Dolma und Diki
> Strecke: von Joghin Danda (2450m) nach Kutumsang (2470m)
> Anstieg: 490 Höhenmeter, Abstieg: 470 Höhenmeter
> Marschdauer: 4 Stunden, 30 Minuten
> Gefühlslage: morgens glücklich, mittags totmüde, abends satt

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Impressiv: Der Ausblick auf die Gipfel des Langtangs

Früh am Morgen wecken uns Kinderstimmen: „Good morning, Suzan! Good morning, Michel!” Dolma und Diki sind schon hellwach auf den Beinen und warten darauf, dass wir raus in die Sonne treten. Zügig steigen wir mit muffigen Socken in die Stiefel, werfen das Gepäck auf den Buckel und nehmen zusammen mit Ashley Abschied von der kleinen Sherpafamilie in Joghin Danda.

Der Regen der letzten Nacht hat den Staub aus der Luft gewaschen und vor uns erstreckt sich über den gesamten Horizont die beeindruckende Bergkette des Langtangs. Belohnt mit diesem Anblick beginnen wir die dritte Etappe. Mal sehen, wie weit und hoch wir es heute schaffen.

Ashley wandert mit Meilenschritten voraus. Es geht auf einem breiten Waldweg runter nach Gul Banhyang (1770m). Das nasse Laub auf dem Boden riecht nach Herbst und frische Luft füllt unsere Lungen. Hinterm Dorf im Tal wartet wieder ein Anstieg über Wiesen und Steine, auf dem wir uns zweieinhalb Stunden mit sportlichem Ehrgeiz aufwärts quälen. Ashley ist schon längst überm Berg verschwunden. Sein Tempo ist nicht zu toppen. Oben am Gipfel suchen wir nach seinen Fußspuren, denn schon wieder stehen wir vor mehreren Pfaden und müssen raten, wo lang.

Ein Stück weiter bergab treffen wir Ashley mittags im Dorf Kutumsang wieder. Er hat seine Pause gerade beendet und schreitet nach einem Kaffee in Richtung Mangen Goth davon. Wir wollen ihm später dorthin folgen und nochmals gemeinsam Feierabend machen. Doch als wir so in der warmen Sonne sitzen und merken, wie schwer und müde unsere Glieder sind und wie lang noch der vor uns liegende Anstieg wäre, gönnen wir uns den Luxus, den Wandertag für heute zu beenden. Das Gasthaus ist reizend und hat sogar eine richtig heiße Dusche auf dem Hof. Wir haben alles richtig gemacht und genießen frisch gewaschen die sportfreien Stunden.

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1. Unvermeidlicher Mittagsschlaf, 2. Ziege fürs Abendessen

Später gehen wir noch rüber ins Holzhaus, wo wir beim Wachmann für je tausend Rupien unsere Tickets für den Langtang Nationalpark besorgen, den wir morgen betreten werden. Abends schlachten die Männer und Söhne mit einem für die Bergregion typischen Nepalidolch eine Ziege. Interessant zu beobachten, aber unser Appetit wird nicht angeregt. Wir müssen an das strenge Hammelfleisch aus Usbekistan denken, das auf keinen Fall eine Delikatesse ist. Wie schon so oft füllt vegetarisches Dhal Bhat bestens unsere hungrigen Bäuche. Gemeinsam mit einer agilen Maus in unserem Zimmer legen wir uns zur Nachtruhe in die Holzbetten.

Tag 4: So riecht der Winter!
> Strecke: von Kutumsang (2470m) nach Tharepati (3510m)
> Anstieg: 1140 Höhenmeter, Abstieg: 100 Höhenmeter
> Marschdauer: 7 Stunden, 15 Minuten
> Gefühlslage: pures Winterfeeling bei Kieferngeruch und Schnee

Weil wir so früh schlafen gehen, wachen wir auch ohne Weckerklingeln früh genug auf. Die Socken und T-Shirts, die wir gestern in der Blechschüssel endlich mal durchgespült haben, tragen sich gleich viel angenehmer. Nach Haferbrei zum Frühstück begeben wir uns gut gelaunt auf die schwierigste Etappe. Tagesziel ist Tharepati – der höchste Ort unseres Helambu-Abenteuers. Die Leute erzählen uns, dass es dort gestern kräftig gestürmt und geschneit hat.

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1. Urige Gegend, 2. Nicht schlapp machen

In Kutumsang ist es windstill und leicht bewölkt. Eine Viertelstunde hinterm Ort beginnen wir einen laaaangen Aufstieg, für den wir etwa sechs bis sieben Stunden einplanen. Die ersten Meter sind jedes Mal die Schwierigsten, solange sich der Körper mit der Anstrengung abgefunden hat.

Anfangs umgeben uns urige Laubwälder. In dieser Gegend könnte scheinbar jeden Moment der Yeti um die Ecke biegen. Das Wetter wird langsam ungemütlicher und keine Menschenseele ist in Sicht. Außer ein paar Krähenschreie ist es sehr still. Weiter oben angelangt schleichen Nebelwolken über unseren Pfad. Die Luft ist kalt und feucht.

Auf dem Boden erkennen wir eine mysteriöse Schleifspur, die uns den Weg weist. An den in Wolken liegenden Rhodedendren vorbei beginnt bald ein felsiger Pfad, der uns bis nach Mangen Goth auf 3220 Meter bringt. Die Luft wird dünner und der Atem schneller. Kurz vor der kleinen Siedlung löst sich das Rätsel der Schleifspur auf: Uns kommt ein Nepalese entgegen, der einen großen Holzbalken im Schlepptau ins Tal hievt. Hier in den Bergen wird alles aus eigener Kraft transportiert.

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Erst Felsen, dann Schnee

Es ist mittags. Nach einer Teepause in der Gaststube in Mangen Goth geht’s schnell weiter, bevor uns die Trägheit überkommt. Jetzt liegt hier und da schon mal ein größerer Flecken Schnee im Wald. Wir stiefeln brav gen Tharepati und bald löst eine dichte Schneedecke die Flecken ab. Kiefernadeln duften und erinnern uns an Weihnachten. Der Nebel ist auf einmal so dicht, dass wir kaum noch die Umgebung erkennen. Zum Glück können wir den Spuren anderer Leute auf dem rutschigen Pfad durch den Schnee folgen.

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Tharepati: Nur noch eine Stunde und einen Power-Keks entfernt

Nach sieben Stunden seit Aufbruch gucken wir auf die Uhr und noch immer ist kein Haus in Sicht. Unmut macht sich breit. Unsere Energie ist für heute fast aufgebraucht. Drei Minuten danach tauchen im Nebel plötzlich ein paar Berghütten auf – und ein Schild: Welcome to Tharepati! So ähnlich müssen sich Tenzing und Edmund gefreut haben, als sie den Mount Everest bestiegen haben!

In der ersten Hütte treffen wir auch endlich unseren Australierfreund Ashley wieder. Sein übereilter Aufstieg hat sich leider gerächt und er liegt schwach und übel auf der Bank am Kaminofen. Wir gesellen uns zu ihm und noch zwei anderen Wanderern. Bis zum Schlafengehen rücken wir nicht mehr von der wärmenden Ofenstelle ab. Draußen verharrt der dichte Nebel und drinnen ist es schön gemütlich.

In den einfachen Schlafkammern, in denen die Fenster nur mit Folie verschlossen sind, ist es allerdings so kalt, dass wir unseren Atem sehen können. Auf dem höchsten Punkt unserer Wanderung ist das Wasser im Eimer neben dem Draußenklo mit Eis bedeckt. Der Lodgebesitzer kocht uns ein gutes Essen und danach kriechen wir sekundenschnell in unsere tollen Schlafsäcke, um stolz in den Winterschlaf zu fallen: „Gute Nacht, Tenzing! Gute Nacht, Edmund!”

Weiter zum 2. Teil...


Karfreitag

10. April 2009

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Helambu: 9 Tage zu Fuß über Berge (Teil 2 von 2)

11. April 2009

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Vier Jahreszeiten in vier Tagen
In den ersten vier Tagen zu Fuß im Himalaja sind wir vom Sommer in den Frühling, in den Herbst und kalten Winter geklettert. Nach einer Schneeballschlacht auf dem höchsten Gipfel unseres Helambu-Marsches geht es jetzt wieder runter in den Bergfrühling, wo die Rhododendren blühen und die Hühnerküken schlüpfen…

Tag 5: Bergab ist es auch nicht leichter
> Strecke: von Tharepati (3510m) nach Melamchigaon (2530m)
> Anstieg: 0 Höhenmeter, Abstieg: 980 Höhenmeter
> Marschdauer: 4 Stunden
> Gefühlslage: hoch konzentriert, wenig motiviert
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Wintermärchen: Blauer Himmel, weißer Schnee und Berge

Die Nacht auf 3510 Metern war ruhig und warm genug. Wir haben beim Einschlafen gemerkt, dass sich unsere Körper erst noch akklimatisieren und an die dünnere Höhenluft gewöhnen müssen. Als wir um sechs Uhr aus den Federn kriechen, strahlt draußen schon die Sonne über den blendenden Schnee. Die Nebelwolken von gestern haben sich in klare Luft aufgelöst. Der Himmel ist tiefblau und die Sicht auf die Berge frei. Ein perfekter Start in den fünften Tag. Mit kleinen Augen und fröstelnd machen wir den Schritt vor die Tür zur Morgenwäsche. Nach vielen Monaten im Sommer stehen wir in Tharepati auf einmal mitten im Winter.
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1.Vor der Lodge in Tharepati, 2.Erfrischende Morgenwäsche

Nach mühevollen Tagen bergauf ist heute endlich ein Bergab-Tag! Mit Mütze und Handschuhen sagen wir Tschüss zu Ashley, der heute zusammen mit den beiden anderen Wanderern versucht, über einen Viertausenderpass in die Langtang-Region zu kommen. Diesmal geht er es jedoch langsamer an.

Auf unserer Etappe steht hingegen ein ganzer Höhenkilometer abwärts an. Etwa dreihundert Höhenmeter rutschen wir auf den Sohlen über den steilen, steinigen Pfad nach unten. Konzentration ist gefragt und wir merken bald, dass der Abstieg auch nicht viel leichter ist. Keine Sache der Puste, aber der Gelenke und Wadenmuskulatur. Irgendwie haben wir auch das Gefühl, dass es nichts mehr zu erreichen gibt, obwohl noch so viel Strecke mit neuen Eindrücken vor uns liegt.
steilerabstieg haengebruecke

1. Abwärts, 2.Hängebrücke über Chhyandi-Fluss

Der Schnee hört irgendwann auf und die Landschaft geht in einen feuchten Laubwald über. Die Sonne verschwindet immer öfter hinter Wolken. Die Bäume sind mit einer dicken Schicht Moos bewuchert und manchmal sieht es so aus, als hingen Affen in den Ästen. Ein paar Schritte weiter, hinter einem der buddhistischen Chorten auf dem Weg, scheuchen wir tatsächlich ein paar große, weißbärtige Langurenaffen auf. Elegant springen sie davon und beobachten uns aus dem Gebüsch. Heute sind wir die Einzigen, die ihr Revier durchwandern.

Nach drei Stunden erreichen wir dann die Hängebrücke über den Chhyandi-Fluss und können die Häuser von Melamchigaon auf dem kleinen Hügel vor uns sehen. Es fängt an zu nieseln, als wir unsere Füße über die Holzschwelle der Himalaya Lama Lodge setzen. Ringsum im Garten baut die Familie des kleinen Gasthauses Kartoffeln und Zwiebeln an. Alles im Hof sieht so ordentlich aus. Auch drinnen, im typisch tibetischen Haus, glänzen der polierte, dunkle Holzfußboden und das aufgereihte Edelstahlgeschirr in den mit Schnitzereien verzierten Regalen.

Der Abstieg hat uns ganz schön geschlaucht. Wir essen zu Abend und gehen mal wieder früh ins Bett. Diesmal um siebzehn Uhr. Wir sind die einzigen Gäste. Draußen kracht ein neues Gewitter und lässt den Gemüsegarten gedeihen. Hofhund Struppi liegt auf der kleinen Veranda vor unserer Tür und verteidigt sein und unser Revier gegenüber anderen Hunden aus dem Dorf. Gute Nacht, Struppi!

Tag 6: Man kann das Tagesziel schon sehen
> Strecke: von Melamchigaon (2530m) nach Tarkeghyang (2740m)
> Anstieg: 850 Höhenmeter, Abstieg: 640 Höhenmeter
> Marschdauer: 5 Stunden
> Gefühlslage: neue Kräfte nach 13 Stunden Schlaf

Halb sieben, aufstehen! Die Frühstückseier liegen schon im Topf und der Chapati-Teig wird gerollt. Wir setzen uns an die Kochstelle in der Küche auf den Boden und beobachten, wie unsere erste Mahlzeit des Tages zubereitet wird. Die Sonne scheint hell durch die offene Tür. Unsere Sherpa Gastgeberin, deren komplizierten Namen wir leider vergessen haben, spricht ein bisschen Englisch und wir nehmen uns die Zeit für ein langes Frühstück mit ihr. Wir kaufen ihr ein handgefertigtes Nepali-Messer ab – dasselbe Modell, mit dem in Kutumsang die Ziege geschlachtet wurde.
chapati sherpafrau

1. Die Nichte rollt unser Chapati, 2. Sherpa Frau aus Melamchigaon

Als wir uns dann um Neun endlich auf die Socken machen, hängt sie uns buddhistische Seidenschals als Glücksbringer um den Hals. „Dort müsst ihr hin, nur drei Stunden Weg!” Sie zeigt mit ihrem Finger auf ein Dorf auf der anderen Bergseite des Tals. Wir haben Dorf Tarkegyang also schon vor Augen. Mit dem Tagesziel in Sichtweite starten wir voller Kraft in den sechsten Helambutag.
amchorten trinkwasser

1. An einem alten Chorten am Weg, 2. Micha filtert Quellwasser

Vorbei an einem großen Tempel beginnt der Abstieg ins Tal, bis wir an die kleine Hängebrücke über den Melamchi Khola kommen. Eine Stunde und fünfundvierzig Minuten sind bis hier vergangen. An einem Bergbach pumpt Micha frisches Quellwasser in unsere leeren Trinkflaschen und danach machen wir uns auf den Weg nach oben. Das Dorf Tarkegyang versteckt sich jetzt hinter Bäumen und Felsen. Die Luft ist sehr feucht und wir haben Schweißränder an den Sachen. Geduldig setzen wir einen Fuß vor den anderen und quälen den Wanderstock. Suses Waden sind hart und wir merken mal wieder, das Trekking in den Bergen ein Sport ist.
stall hartearbeit

1. Vorbei am Kuhstall, 2. Kinder beim Sand schleppen

Irgendwann vorm Ziel treffen wir auf zwei Jungs, die jeweils vierzig Kilogramm schwere Sandsäcke gebückt zur Baustelle am Tempel schleppen. Sie sind kaum langsamer als wir. Unglaublich, welche Lasten Kinder und Erwachsene in den Bergen herumtragen. Zur Stärkung gibt es einen Müsliriegel und wir wandern mit ihnen weiter. Mit Gänsehaut an den Armen erreichen wir um zwei Uhr bei Regenschauer das Gasthaus in Tarkeghyang.

Nach einer heißen Dusche aus dem Eimer belohnen wir uns mit einem Riesenteller Bratkartoffeln, Yak-Käse, Dhal Bhat und heißem Zitronentee neben dem gemütlichen Feuer im Haus. Morgen ist Ruhetag und wir genießen die Aussicht auf marschfreie sechsunddreißig Stunden.

Tag 7: Mönch, Riesengebetsmühle und tibetischer Buttertee
> Strecke: Spaziergang durch Tarkeghyang (2740m)
> Anstieg: 8 Höhenmeter, Abstieg: 8 Höhenmeter
> Marschdauer: 1 Stunde
> Gefühlslage: endlich ein Ruhetag
amfeuer

Frühs an der Kochstelle in Tarkeghyang

In Tarkeghyang tauchen wir ein bisschen ins Sherpaleben ein. Morgens kocht die Familie Kichererbsen und reicht uns eine Schale vom lecker, aber sauscharf gewürzten Frühstück. Als unsere Augen tränen und Micha die Schweißperlen auf der Stirn stehen, streut uns die Köchin lächelnd Reisflocken zur Entschärfung in die Schalen.
gebetsmuehle chorten

1. Riesengebetsmühle, 2. Buddhistischer Chorten

Mit dem jungen buddhistischen Mönch, der neben uns in der Gaststube sitzt, machen wir einen Spaziergang zu den heiligen Stätten im Ort. Er erzählt uns, dass er gerade drei Jahre und drei Monate Meditation und Schriftenstudium im Kloster absolviert hat. In dieser Zeit sind die Mönche von der Außenwelt völlig abgeschottet. Micha dreht mit ihm zusammen an der Riesengebetsmühle im Tempel – für gutes Karma.
brueder sherpahaus

1. Brüder in Tarkeghyang, 2. Typisch tibetische, dunkle Stube

Wie in den anderen Dörfern der Helambu-Region leben die Menschen hier sehr bescheiden, traditionell und sind sich ihrer tibetisch-buddhistischen Wurzeln sehr bewusst. Religion und Familie stehen im Mittelpunkt des Bergdorflebens, in dem Männer wie eh und je kleine Felder bewirtschaften, die Frauen mit dem Haushalt beschäftigt sind und die Kinder den Alten früh zur Hand gehen.

Eine typische Sherpafamilie lädt uns auf dem Rückweg zum Gasthaus zum salzigen Buttertee in ihre Stube ein. Wie immer brennt das Feuer, an das wir gebeten werden. Im Hintergrund hören wir den Vater Passagen aus heiligen tibetischen Schriften im Sprechgesang vor sich hinmurmeln. Seine beiden Söhne toben aufgeregt um die Fremden aus Germany herum. Der Buttertee wird reichlich nachgeschenkt und wir lassen uns nicht anmerken, dass er uns nicht schmeckt.

Nach einem Faulenzernachmittag in der Sonne sehen wir den Israeli Amit im Gasthaus ankommen. Zusammen sitzen wir am Abend in der Stube und lernen neben dem Buddhismus auf einmal auch was über die jüdische Kultur dazu.

Tag 8: Frischer Bohnenkaffee aus Israel
> Strecke: von Tarkeghyang (2740m) nach Sermathang (2590m)
> Anstieg: 0 Höhenmeter, Abstieg: 150 Höhenmeter
> Marschdauer: 4 Stunden
> Gefühlslage: immer munter, hoch und runter

Beim Aufstehen in Tarkeghyang spüren wir immer noch die Wadenmuskeln. Der Nacken hat sich durch den gestrigen Ruhetag zum Glück etwas entspannt. Suses Augen tränen ständig, vielleicht sind sie vom Feuerqualm im Haus gereizt.

Heute geht es auf eine relativ leichte Hoch-und-runter-Etappe bis nach Sermathang. Amit läuft vor uns los. Auf dem Weg überholen uns Einheimische, die zu einer Beerdigung ins Nachbardorf gehen. Aus dem Tempel der Trauerfeier, an dem wir einige Zeit später vorbei kommen, hören wir dumpfe Trommelschläge und tiefes Gemurmel.

Wir stiefeln heute über steinige Pfade und Bäche vorbei an einigen Chorten und bunten Gebetsfahnen, die die heiligen Stätten schmücken. Zum ersten Mal laufen uns viele Helambubewohner entgegen, die alle möglichen Dinge in großen Körben auf dem Rücken in die Berge tragen. Einer von ihnen transportiert sogar einen Schrank.
orientierung

Auf halbem Wege nach Sermathang

In Sermathang werden wir in der Yangir Lodge herzlich zum Mittag empfangen und treffen Amit wieder. Das Wetter ist wunderbar. Beim Schlendern durchs Dorf auf der Suche nach Keksen sehen wir das alte und langsam zerfallende Rimpoche-Kloster. In dem länglichen Nebengebäude befinden sich zehn kleine Kammern, in denen bis vor kurzer Zeit noch zehn Mönche gleichzeitig drei Jahre und drei Monate meditiert haben. Momentan wirkt alles ausgestorben. Der Wind rüttelt am reparaturbedürftigen Blechdach und macht einen eigenartigen Lärm.

Zur Überraschung packt Amit am späten Nachmittag aus seinem Rucksack ein Kaffeekochset mit Gläsern aus. Auf seinem Benzinkocher köchelt er echten, israelischen Bohnenkaffee für uns und den netten Gastwirt. Die Frauen auf dem Hof staunen über die Miniaturkochstelle. Der Kaffeeduft ist betörend. Als die Gläser leer getrunken sind, inhalieren wir noch das feine Aroma aus der leeren Bohnenkaffeetüte.

Tag 9: Das Schlimmste zum Schluss
> Strecke: von Sermathang (2590m) nach Melamchipul Bazar (870m)
> Anstieg: 0 Höhenmeter, Abstieg: 1720 Höhenmeter
> Marschdauer: 5 Stunden, 30 Minuten
> Gefühlslage: endloser Abgang und so was wie Todesangst

amit Mit Amit morgens vor der Yangir-Lodge

Pünktlich um Sieben sind wir bereit zum Abgang. Die letzten Kilometer unseres Helambu-Abenteuers gehen wir zu Dritt mit Amit an. 1720 Höhenmeter nach unten! Am Morgen wissen wir noch nicht, was uns am Ende der Etappe erwartet.

letzterblick

Letzter Blick auf die Berge

Es ist angenehm kühl als wir losgehen und wir folgen dem kurvigen Jeepweg ins Tal. Wir blicken noch einmal zurück auf die Schneegipfel in der Morgensonne. An einer riesigen, goldenen Buddhastatue, die wir einmal im Uhrzeigersinn umrunden und an der wir unsere Glücksseidenschals aus Melamchigaon opfern, verabschieden wir uns von der beeindruckenden Helamburegion.
buddha widmung

Wir widmen Buddha in den Bergen unsere tibetischen Seidenschals

Teilweise ist der grobe Weg nach unten ziemlich steil und es wird immer wärmer. Die Siedlungen werden dichter und nach etwa fünfundzwanzig Kilometern Fußmarsch haben wir endlich den Ort Melamchipul Basar erreicht, wo wir überhitzt und müde in den engen Bus nach Kathmandu einsteigen. Als die fünf Ziegen auf dem Busdach verstaut und die Hühner in Pappkartons in die Gepäckablage gestopft sind, poltern wir los. Die guten Wanderstöcke, die uns treu bis hierher begleitet haben, lassen wir am Busstand zurück.

Wir sitzen hinten in der letzten Reihe und gucken über die Menschen im Bus hinweg auf die schmale, sandige Bergstraße. Die Hoffnung auf eine entspannte Fahrt stirbt schnell mit jeder Note der indischen Popmusik, in deren Rhythmus wir in den durchgesessenen Sitzen auf und ab hoppeln. Der Glaube, dass sich die Straße bald bessern würde, erweist sich als falsch. Im Gegenteil.

Wir befinden uns auf einem zweifelhaften Weg und können nicht fassen, dass sich der heckgetriebene Tata-Bus, in dem wir sitzen, auf dieser schmalen, steilen Serpentinenstraße durch Zuckersand und Schotter nach oben quält. Plötzlich bleibt das Dieselmonster auch noch im aufgeweichten Schlamm stecken. Hundert Meter vor uns wühlt sich gerade ein Jeep durch die nächste Motterpassage und fährt sich schließlich fest.

Aus dem Busschiebefenster heraus gucken wir direkt in den Abgrund. Suse wird zum ersten Mal schlecht vor Angst. Der Busfahrer gibt nicht auf und tritt aufs Gaspedal. Zentimeter für Zentimeter kämpfen wir uns nach vorn, während ein paar Männer mit der Schaufel immer wieder trockenen Sand und Steine vor die Antriebsräder schippen. Wenn der Bus zur Seite rutscht, war`s das! Wir überlegen, auszusteigen.

Nach einer Stunde Schlammpartie am Abgrund mit so was wie Todesangst geht’s weiter über die Berge. Abgesicherte Hänge und Wegränder Fehlanzeige. Wir haben keine Energie mehr für Angstgefühle. Nach drei Stunden Rumpelpiste sind wir dankbar, heil und fix und fertig in Kathmandu zurück. Das wirkliche Abenteuer zum Schluss.

Am Ende halten wir noch einen Rekord fest: Suse ist wohl die Erste, die den Helambu-Trek in Motorradstiefeln abgelaufen ist – Goretex Endurostiefel von HeinGericke, Testurteil: durchaus auch fürs Trekking im Himalaja geeignet.


Kathmandu: Buddha, Shiva und sogar ein Rabbi

16. April 2009

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Hinduistische Wandgemälde in Pashupatinath erstellt von einer Deutschen

Religiöse Reise durch Kathmandu
Die Tiefenmuskulatur hat sich – zurück in Kathmandu – von den neun Tagen Bergwanderung wieder ganz gut erholt. Wir haben scheinbar viel Energie verbraucht, denn das Bedürfnis nach Nahrung ist eindeutig gewachsen. Jeden Morgen und Abend freuen wir uns auf den Besuch ins drei Minuten entfernte und lieb gewonnene Yak Restaurant, in dem wir schon vor der Helambu-Auszeit Stammgast waren. Es gehört einer tibetischen Familie, darum ist es auch so ungewöhnlich sauber. Milch, Butter, Joghurt und Lassi schmecken zwar immer eine Spur nach Yakfell, aber der Darm verträgt`s.

Der älteste Kellner in der Runde ist leider nicht fähig, nur das geringste Lächeln auszudrücken. Erst nach dem zehnten Besuch taut er auf und weiß genau, was wir wollen: Nämlich immer einen Reispudding zum Schluss. Solche kleinen Wiederkehrungen und temporären Rituale sind unterwegs schon lange automatisch wichtig geworden. An jedem neuen Ort sind wir froh über Dinge, die wir wenigstens für ein Weilchen für uns entdecken und die Ruhe geben vor dem stets neu Anpassen und Orientieren.

Wenn wir nicht Essen, zurren wir die letzten Fäden unseres Rückreiseplans zusammen. Vier Monate sind dafür noch übrig. Der Entschluss steht fest, mit den Emmen über Indien, Pakistan und Iran zurück nach Europa zu fahren. Probleme an den Grenzen zu Pakistan und Iran sollte es nicht geben.

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Mit der MZ zwischen Rikschas vorm Kamdev Tempel am Dubar Platz

Wir beschaffen für zwanzig Euro in der Deutschen Botschaft in Kathmandu das benötigte Empfehlungsschreiben für unsere Pakistanvisa und düsen durch die ganze Stadt zur pakistanischen Botschaft. Wir füllen die Anträge aus, in denen wir auch Auskünfte über Eltern und Geschwister sowie eventuelle Beziehungen zu einflussreichen Leuten in Pakistan geben. Danach müssen wir noch auf ein Interview mit dem Botschafter warten. Der lässt sich Zeit. Irgendwann bittet uns die Assistentin in sein Büro, wo wir auf einen gut aussehenden, netten Pakistaner im modischen Anzug treffen. Weil es unser zweiter Besuch in seinem Land ist, geht alles schnell von statten. Wie bei allen Pakistanern glänzt der Stolz in seinen Augen, als wir erzählen, wie gut uns Pakistan gefällt. In drei Tagen sind die Visa abholbereit. Und solange können wir uns noch im religiösen Kathmandu herumtreiben.

Dubar Platz: Hunderte Tempeldächer und heilige Schätze

Schon vor dem Trekking haben wir angefangen, den Dubar Platz in der Nähe unseres Viertels zu durchstreifen. Hier kann man Tage verbringen und hat immer noch nicht alle Schätze entdeckt. Buddhismus und Hinduismus haben in dieser alten Stadt überall ihre Spuren hinterlassen. Kathmandu ist darum eine Pilgerhochburg für beide Religionen.

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1. Lichter vorm Akash-Bhairab-Tempel, 2. Schätze in jeder Ecke: 1500 Jahre alte Buddha-Statue

Wie seit Ewigkeiten wird Religion hier auch heute noch zwanglos und jeden Tag gelebt. Die Menschen gehen auf dem Weg zur Arbeit, zum Basar oder nach Hause in einen der vielen Tempel, umrunden die Stupa im Lauf der Sonne, legen frische Blüten an einer alten Gottesstatue in der Gassenhauswand nieder, verbeugen sich vor Shiva, opfern Reis oder zünden Butterlampen an.

shiva hanuman-verehrung stupa

1. Bekannteste Bhairav-Statue (Shiva), 2. Hindu ehrt Hanuman, 3. Tibetische Kathesimbhu-Stupa

Sogar für Zahnprobleme gibt es in einer der vielen kleinen Gassen um den Dubar Platz eine unkenntliche Gottesstatue aus verschlungenem Holz, der schmerzgeplagte Menschen Geldmünzen aufnageln. Nebenan reihen sich ein paar Zahnkliniken oder besser Zahnläden, in deren Schaufenster Gebisse ausgestellt sind.

zahnklinik zahnschmerzgott

1. Zahnklinik nahe des Zahnschmerzengottes, 2. Aufgenagelte Münzen gegen Schmerzen

Im Kumari Ghar – ein dreistöckiges, quadratisches und mit alten Holzschnitzereien verziertes Gebäude am Dubar Platz – residiert die lebende Göttin Kumari. Das junge Mädchen gilt als Reinkarnation der Göttin Taleju und lebt dort abgeschieden von der Außenwelt bis zu ihrer Pubertät. Letztes Jahr hat Nepal die dreijährige Matina Shakya in einem alten Ritual nach zweiunddreißig Kriterien zur neuen „Royal Kumari” auserwählt. Hinduistische und buddhistische Priester begleiten die neue Göttin bei ihrer Aufgabe.

Die Ganesha-Geschichte
ganesha Warum hat der wohl beliebteste Hindu-Gott Ganesha eigentlich einen Elefantenkopf? Als sein Vater Shiva von einer langen Reise zurück zu seiner Frau Parvati nachhause kam, die vor Männern geschützt in einer Höhle auf ihn wartete, stieß er auf einen jungen Mann, der ihm den Einlass verwehrte. Wütend schlug er ihm den Kopf ab, unwissend dass es sein Sohn war, der seine Mutter beschützte. Um dieses traurige Missgeschick wieder gut zu machen, widmete Shiva seinem Sohn den Kopf des ersten Lebewesens, dem er begegnete: ein Elefant. Wieder am Leben, aber unzufrieden mit dem Elefantenkopf auf seinem göttlichen Körper versprach Shiva seinem Sohn Ganesha, dass er in jedem Hindutempel stets der erste Gott sei, vor dem sich die Menschen verbeugen würden. Jeder Hindu wendet sich daher im Tempel mit seiner Verehrung immer als erstes Ganesha zu.

Pashupatinath: Zum Sterben an den heiligen Bagmati Fluss
Nawin Hareshwar, ein alter Mann, den wir am Pashupatinath Tempel treffen, stellt sich einen ganzen Vormittag lang unseren neugierigen Fragen. Nicht-Hindus dürfen den berühmten Pashupatinath Tempel am heiligen Bagmati Fluss nicht betreten, aber uns ist erlaubt, vom anderen Flussufer aus eine interessante Beobachtung zu machen: An dem Platz, wo einst Angehörige der Königsfamilie und wichtige Personen kremiert wurden, findet an diesem Vormittag eine der traditionellen Feuerbestattungen statt. Viele Hindus möchten an diesem heiligen Ort verbrannt werden. Manche kommen sogar bereits zum Sterben hierher.

Am Bagmati Fluss in Kathmandu gehören Verbrennungszeremonien zum Alltag. Fotografieren ist erlaubt, solange die Bestattung nicht gestört wird. Der hergerichtete Verstorbene wird zunächst am heiligen Ufer gereinigt, danach auf eine Bambus-Barre gelegt und mit orangenen Seidentüchern bedeckt. Ringsum reihen sich die Angehörigen – Männer und Frauen getrennt. Wir sehen die Männer in hellen Tüchern verhüllt – eine alte Tradition bei den Newaris, den Urbewohnern des Kathmandu-Tals.

bestattung

Traditionelle Bestattung am Arya Ghat vorm Pashupatinath Tempel

Nach einiger Zeit des Wartens tragen Männer den Leichnam auf der Barre je nach Wichtigkeit des Toten drei bis sieben Runden lang um den vorbereiteten Holzstapel. Die engsten Angehörigen folgen und streuen Essen als Wegzehrung für die bevorstehenden 199 Tage Seelenwanderung über die Leiche. Der wichtigste Angehörige steckt Kerzenwachs und eine Bronzemünze in den freigelegten Mund des Toten, um die Seelenwanderung einzuleiten. Dann zündet er das Stroh um den Holzstapel an.

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Verbrennung des Leichnams am heiligen Bagmati Fluss

Das Weinen der Frauen schallt zu uns herüber. Sie ziehen sich noch vor den Männern vom Ghat zurück, sobald die Leiche Feuer gefangen hat und langsam verbrennt. Die Leichentücher und Aschereste wirft man zu anderen Resten in den heiligen Fluss. Eine Hand voll Asche nimmt die Familie später mit nachhause.

Falsch oder echt?
Pashupatinath ist außerdem Aufenthaltsort vieler Sadhus, also heiliger Männer, die allem Materiellen entsagen und sich auf eine religiöse Wanderung begeben. Sie haben bei den Hindus einen hohen Stellenwert und gelten als Menschen, die den Göttern sehr nahe sind. Wir fragen unseren Begleiter Narwin, ob er uns zum bekannten Milch Baba bringen kann – ein alter Sadhu, der sich nur von Milch ernährt. Leider ist sein Platz leer. Er lebt jetzt in den USA. So wie alle berühmt gewordenen Sadhus, wie Narwin spöttisch bemerkt.

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1. Milch Baba lebt heute in den USA, 2. Echter Sadhu bei der Bemalung

Plötzlich hören wir, wie sich ein paar vermeintliche Sadhus über Geld lautstark in die langen, verfilzten Haare kriegen. Unechte Sadhus – Bettler, Haschischsüchtige und Säufer, wie uns Narwin warnt, die hier mit bemalten Gesichtern rumlungern und auf das Geld von Touristen für Fotos abzielen.

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Erotische Deko im Fruchtbarkeitstempel nahe Pashupatinath

Narwin führt Micha noch in den Fruchtbarkeitstempel und zeigt ihm die erotischen Holzschnitzereien. Frauen kommen hierher, um für eine Schwangerschaft zu beten. Auf dem Weg zurück zu unserem Motorrad, weist uns Narwin noch auf eingeritzte Zeichen in Marmorplatten, auf Steintreppen und an Wänden hin: „Suche!” …nach Gott, nach Erleuchtung. So die Bedeutung der Schriftzeichen, die überall in Kathmandu zu finden seien.

Judentum in Kathmandu: Der größte Pesach außerhalb Israels

8. April. Heute feiern die Juden ihre Befreiung aus Ägypten. Und ausgerechnet in Kathmandu findet der größte Pesach außerhalb Israels statt. Über tausend junge Israelis kommen dafür nach Nepal und gehen anschließend zum Trekking in den Himalaja.

Amit, den wir bei unserem Helambu-Trek kennen gelernt haben, nimmt uns mit aufs Fest, das vor allem in Verbindung mit Essen steht. Neugierig (und hungrig) wie wir sind, gehen wir um fünf Uhr abends mit ins gut bewachte Radisson Hotel.

pesach Die Pesach-Geschichte

Wir setzen uns in den Bereich für Englischsprachige und gehen mindestens zwei Stunden lang Passagen zur Pesach-Geschichte durch. Mit jeder neuen Seite bekommen wir etwas mehr von dem traditionellen Essen gereicht, das in enger Verbindung zum damaligen Geschehen steht. Erst ist es ein Stückchen Kartoffel, dann trockenes Brot und zum Schluss so eine Art Drei-Gänge-Menü.

Als der jüdische Vorsprecher auf der Bühne nach der Eröffnungsrede mit hebräischem Akzent „Michael” durch den Saal ruft, befürchtet Micha sofort, er müsse jetzt als Ehrengast aus Deutschland ein paar Worte an die Festgemeinde richten. Amit geht nach vorn und kommt mit einem Brief an unseren Platz zurück. Micha hat in der Tombola gewonnen: Einen Porter (Menschen, die Gepäck tragen) für sieben Tage Trekking! Leider etwas zu spät… Micha fällt trotzdem ein Stein vom Herzen und er verschenkt den glücklichen Gewinn an Amit weiter, da wir morgen Kathmandu verlassen und weiter westwärts durchs Terai davon düsen werden.


Nepal: Steine auf der Straße im westlichen Terai

19. April 2009

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Straßenblockade auf dem Mahendra-Highway gen Westen

Kathmandu nach Pokhara: Die Emme zickt rum
9. April in Kathmandu. Um 11 Uhr müssen wir in der Pakistanischen Botschaft im Norden der Hauptstadt die Pässe mit den Visa entgegen nehmen. Bevor wir losknattern, laden wir alle Sachen auf die Mopeds, denn von der Botschaft aus soll es gleich weiter nach Pokhara gehen. Namasté, Kathmandu!

Mit den Pakistanvisa im Tankrucksack und zweimal 36 US Dollar leichter tanken wir noch die Emmen randvoll und reihen uns in den Verkehr auf die Ring-Road ein. Die Straße umkreist ganz Kathmandu in einem großen Bogen und im Südwesten angekommen, biegen wir auf die Landstraße nach Pokhara ab. Das Stück auf dem Ring kostet bereits anderthalb Stunden. Schuld sind volle Kreuzungen, chaotische Bushalteplätze auf der Straße und lahmarschige Lastwagenschlangen, die sich nicht so einfach überholen lassen.

Endlich ein paar Kilometer aus der vollen Hauptstadt raus, wird der Verkehr langsam entspannter. Suse allerdings wird unruhiger und guckt skeptisch auf die Armatur. Auf ihrem Drehzahlmesser strahlt seit ein paar Minuten das rote Licht der Batterieladekontrollleuchte. Wir halten an, Micha kontrolliert den Spannungsregler unter der Sitzbank und säubert die ölverschmierten Kontakte an der Zündung. Das Problem scheint behoben.

Vier, fünf Kilometer weiter flackert das verdammte Lämpchen schon wieder auf. Noch mal Stopp in der Hitze am Straßenrand, Werkzeug auspacken und gucken. Wie immer hocken sich gleich wieder ein paar neugierige Nepalesen hinter Micha und beobachten jeden Handgriff. Diesmal tauscht Micha einfach den Spannungsregler aus, den wir zum Glück als Ersatzteil ganz unten im Alukoffer haben.

Weiter geht’s. Es ist schon zwei Uhr nachmittags. Hoffentlich kommen wir noch vor dem Dunkelwerden in Pokhara an…Wir drehen am Gasgriff, fliegen an den Bussen auf der Straße vorbei und wollen mindestens sechzig km/h Durchschnittsgeschwindigkeit halten. Dann schaffen wir die Strecke.

Kurz nach dem Überholmanöver geht Suses Emme einfach aus. Heute wohl ein Zickentag?! Na gut, sie ist ansonsten ja ein braves Mädchen und aller guten Dinge sind drei. Micha hat schon vor dem Auspacken des Werkzeugs Schweißperlen auf der Stirn. Bitte lass es nichts Ernstes sein! Und wir werden nicht enttäuscht: Es ist nur ein abgebrochener Kabelschuh an der Zündanlage und der ist in einer Viertelstunde repariert. Halb drei – ab jetzt wird nicht mehr angehalten.

Und tatsächlich, wir kommen ohne Murren zum Sonnenuntergang in Pokhara an. Die Strecke wurde immer besser, insbesondere nach Mugling: saftgrüne, aufblühende Nepalidörfer und kaum Verkehr auf der asphaltierten Kurvenstraße. Wie man uns in Kathmandu vorgewarnt hatte, fuhren wir an ein paar Unfällen auf dem Weg vorbei. Busse, die in den Regenwassergraben gerutscht oder Jeeps, die in der Kurve gegen Laster geknallt sind.

In Pokhara steigen wir geschafft und glücklich am etwas abgelegenen View Point Gasthaus mit bestem Ausblick auf den Lewa Tal See ab. Die Besitzer sind sehr aufmerksam und hilfsbereit. Sie geben den Emmen sogar einen Garagenplatz und wir ziehen in ein kleineres Zimmerchen mit Blick auf den tollen Bergsee ein. Ein wirklich schönes Plätzchen am Rande der zweitgrößten Stadt Nepals.

Karfreitag in Pokhara

Der frühe Morgen gehört uns. Nach einem guten Frühstück auf der Dachterrasse gehen wir die Treppe runter zum Seeufer, wo wir in ein einfaches, kleines Holzboot steigen und auf den Lewa Tal See hinaus paddeln. Der blaue Himmel spiegelt sich im klaren Wasser, ein leichter Wind treibt das Boot. Im Hintergrund luken die Schneegipfel des Annapurna Massivs über die nahen Berge.

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Karfreitag: Paddeln in Pokhara mit Schneebergen im Hintergrund

Zwei Stunden vertreiben wir so am Vormittag. Ab und zu ein paar sportliche Paddeleinlagen im Duo, dann wieder treiben lassen. Dieser Tag hat so entspannt begonnen, ein besonders herrlicher Tag. Und erfasst von der Magie dieses Tages stellen wir uns auf einmal die Frage: Ist jetzt nicht irgendwann auch Ostern in Deutschland? Ist heute vielleicht sogar Freitag? Karfreitag?

Nach dem Bootsausflug gehen wir gleich in ein Internetcafè und googeln nach Karfreitag. Heute ist Karfreitag! Und Deutschland hat wie wir bestes Wetter. Über unsere Webseite verschicken wir eine blitzschnelle Ostergrußkarte nachhause. Wir genießen das Gefühl, dass unsere Lieben daheim und wir hier – zwar tausende Kilometer entfernt, aber im selben Moment – echte Frühlingsstimmung und eine tolle Zeit haben.

Am Ostersonntag feiert Pokhara mit einem Rummelplatz das Neujahr 2066, wie der Gastwirt uns erzählt. Das erklärt auch die extrem lange Haltbarkeit der Kekse, die wir letztens gekauft haben.

haltbarkeit2066
Kekse aus Nepal: Haltbar (EXP) bis 2066

Hier in Pokhara am idyllischen See ist es wirklich auszuhalten. Wir wollen gar nicht weg und bereuen die Hetze. Aber leider laufen unsere Nepalvisa in drei Tagen aus. Wir wissen noch nicht mal, ob wir es bis dahin tatsächlich zur Grenze schaffen. Falls nicht, lassen wir die Immigrationsbaracke, wo die Visa mit einem Ausreisedatum versehen werden, einfach aus und lassen im Zollschuppen nur unsere Carnets abstempeln. An den nepalesischen Grenzen im Osten und Westen ist so was unbemerkt möglich – es sind die unscheinbarsten Grenzposten der ganzen Reise.

Warten auf Regen
Am nächsten Morgen heißt es Abfahrt nach Bhutwal – ein paar Stunden Fahrt durch die Berglandschaft nach Süden ins Flachland. Zurück im Terai strahlt die Sonne eine ermüdende Hitze ab. An der breiten, belebten Straße in der Kleinstadt am Mahendra-Highway finden wir zum Glück schnell ein Hotel, in dem wir beide sofort unter den Deckenventilator aufs Bett fallen. Scheiß Stromausfall! Wir liegen leblos da bis uns irgendwann der Luftzug des Ventilators endlich aus dem Delirium holt. Eine gute Vorbereitung auf die nächsten zwei Monate, in denen wir die Frühsommerhitze Indiens, Pakistans und Irans aushalten müssen.

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Fast leere Straße: Der Mahendra-Highway in Westnepal

Von Bhutwal geht es am nächsten Tag immer auf gut asphaltierter und fast leerer Landstraße geradewegs zur Westgrenze. Die Gegend wirkt oft sehr ausgedörrt. Alles durstet nach Regen. Wir müssen uns zu dieser Zeit nicht ärgern, wenn wir den Bardin Nationalpark nicht besuchen können. Kaum vorstellbar, dass sich die breiten, ausgetrockneten Flussläufe, die wir auf neu gebauten Brücken überqueren, bald mit Mengen an Monsunwasser füllen, ganze Landesteile überschwemmen und die Straße unpassierbar machen.

Steine im Weg
Nach einer letzten Zwischenübernachtung nahe Chisapani, etwa vier Stunden vor der Grenze, kommen wir morgens um Sieben an einer Straßenblockade zum Stehen. Die Menschen haben Steine quer über den Mahendra-Highway gelegt, um auf frühere Gewalttaten der Maoisten aufmerksam zu machen. Sie demonstrieren mit Transparenten. Reisebusse und Laster werden nicht durchgelassen. Die Stimmung ist allerdings entspannt. Keiner regt sich auf. Die Menschen hier sind solche Streikblockaden schon aus der Zeit der Maoistischen Rebellion gewohnt. Mopedfahrer und Touristen auf MZ dürfen sich an den Steinhaufen vorbeidrängeln. Stundenlanges Warten bleibt uns erspart.

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Vorbei an einfachen Hüttendörfern im westlichen Terai

Bei der Fahrt durchs westliche Tiefland Nepals erkennen wir, dass sich das Leben der Menschen hier seit Ewigkeiten nicht verändert hat. An der Straße reihen sich kleine Dörfer aus einfachen Lehmhütten mit Strohdächern. Die Behausungen erinnern an die von Urvölkern aus Südamerika oder Afrika.

Gelangweilte Herren in netter Runde

Mittags und pünktlich am letzten Aufenthaltstag laut Visum erreichen wir nahe Mahendranagar die Grenze. Wie auch schon im Osten Nepals ist die Grenzschranke kaum erkennbar. Im Hin und Her von Fahrradfahrern, Fußgängern und kleinen Bussen merken die Beamten im Immigrationsstübchen noch nicht einmal, ob wir gerade aus Nepal gekommen sind oder ins Land einreisen wollen. In einer Viertelstunde sind Pässe und Carnets abgestempelt und es geht auf einer groben, staubigen Schotterstraße rüber zum indischen Teil.

Hier sieht es nicht anders aus. Der Immigrationsbeamte langweilt sich zu Tode und ist dankbar über jeden sofort erkennbaren Touristen, den er von seinem Freiluftbüro aus zur Passkontrolle heranwinken kann. Inder und Nepalesen dürfen die Grenze ohne Visum passieren. Darum hält er nur nach Leuten wie uns Ausschau.

Wie immer sind alle sehr höflich. Die Herren vom Zoll lassen uns sogar von den indischen Süßwaren probieren, die zur Abwechslung von einem Springer ins Zollbüro beordert wurden. Für die Zollkontrolle sind vier Männer angestellt. Und typisch für eine indische Beamtenstube reicht die Arbeit eigentlich für Einen. Darum bleibt Zeit für süßes Gebäck, Tee und einen Plausch mit den Motorradabenteurern, während man unsere Carnets ausfüllt. Spätestens am 8. Mai müssen wir Indien den Rücken kehren. Dann sind sechs Monate vergangen und länger dürfen die Motorräder nicht im Land bleiben. Diese Information des netten Beamten war uns neu.

Wir steigen zurück auf die extrem aufgeheizten Emmen, die draußen in der prallen Mittagssonne solange gewartet haben, und knattern auf vollen Straßen nach Kashipur…