Nordpakistan: Friedliche Dörfer im Herbst

5. Oktober 2008

Gulmit: Entspannte Menschen und spannende Brücken
Wir sind in Hunza – eine unglaublich schöne Bergregion im Norden Pakistans, in der vor vielen, vielen Jahren das Polospiel erfunden wurde. Das behaupten zumindest die Hunzeraner. Wir bleiben als erstes eine Woche im Zweitausend-Seelen-Dorf Gulmit. Schnell merken wir: Hunza ist wohl die spektakulärste Entdeckung unserer Reise. Pakistan bleibt nicht länger nur ein Transitland auf unserem Weg nach Indien, sondern hier werden wir ein Weilchen bleiben.

In Nordpakistan haben sich Menschen unterschiedlichen Ursprungs angesiedelt: Tadschiken, Chinesen, Kirgisen… Der Einfluss verschiedener Gewohnheiten ist heute unverkennbar: bei der Religion, dem Essen, in der Sprache, in den Häusern. Die Menschen im Norden haben eine besondere Mentalität. Sie sind neugierig und sehr offenherzig gegenüber Reisenden entlang des Karakorum-Highways, die ihnen neue Impulse geben. Reden und Ideen austauschen, das eigene Dasein neu betrachten – Pakistaner in Hunza haben eine gute Einstellung zum Leben.

Teepause in der Weberei

Die Frauen in Gulmit sind kaum verschleiert, sie schlendern fröhlich und entspannt durchs Dorf. Jeder hier begrüßt uns mit einem Lächeln und auf Englisch – egal, ob Jung oder Alt. Wir werfen einen gespannten Blick in die moderne Schule. Nazir Ahmed Bulbut, der Direktor der ismaelischen Al-Amyn School, hat erreicht, dass heute die Hälfte seiner 350 Schüler Mädchen sind. Er lässt fünf Fächer in Englisch unterrichten, ein neues Schulmodell in Pakistan. Die moderne Bildung aller Kinder ist seiner Ansicht nach der Schlüssel für eine offene, tolerante Sichtweise und gute Zukunft in der globalisierten Welt. Wir freuen uns über solche Worte und wünschen ihm viel Erfolg.

Unser Bergführer Zahir hoch über Gulmit

In Gulmit ist bereits Nebensaison, obwohl September und Oktober die schönsten Monate zum Reisen sind: das Laub der Bäume in den Tälern färbt sich, das Wetter ist meistens klar und angenehm. Wir sind fast die einzigen Gäste im kleinen Hotel mit dem großen Namen “Gulmit Continental”, das Zahir, erst 22 Jahre alt, gehört. Er hat genügend Zeit, sich aufmerksam um uns zu kümmern. Er macht uns das Frühstück und zeigt uns danach sein Heimatdorf.

Die Mühe lohnt sich: Oben am Passu-Gletscher

Zweimal nimmt er uns mit auf eine herausfordernde Tour durch die umliegenden Berge, über die beiden großen Gletscher und am Borit-Lake vorbei. Er springt wie eine junge Bergziege über die Steine – unmöglich für uns Flachtiroler, ihm dicht zu folgen. Stolz zeigt er dabei mit seinem Finger auf die teilweise über siebentausend Meter hohen Gipfel, deren Namen wir nicht behalten können.

Shisper Gipfel in der Ferne: eine 7611-Meter-Pyramide

Auf steilen Schiefersteinpfaden bleibt uns die dünne Luft weg, da ist Zahir schon nicht mehr zu sehen. Ein echter Bergjunge eben. Zum Abschluss zwingt er uns zu einem fast lebensbedrohlichen Abstieg am felsig-sandigen Talabhang (sozusagen tiefschwarze Piste). Und dann ist da noch der spannende Weg über eine Holzbrücke, die mehr Lücken, als Bretter hat. Nach dieser Tagestour will man nur noch deftig Essen und ins Bett.

Spannende Brücke

Der Ramadan ist jetzt beendet. Jeder im Dorf feiert diesen Tag. Zahir nimmt uns auf schmalen Staubwegen und an Felssteinmauern entlang mit in sein Elternhaus weiter oben im Dorf. Hier ist er geboren und aufgewachsen. Die Familie wohnt, isst und schläft in nur einem Raum. Fenster gibt es nicht. Der starke Sonnenstrahl fällt durch zwei Dachluken in die Raummitte, dort wo der kleine Blechofen qualmt. Zahirs zierliche, liebe Mutter backt auf dem Ofen Graal für uns: warme Fladenbrote aus Vollkornmehl, die vor dem Verzehr mit aromatischem Aprikosenöl und Maulbeer-Sirup bestrichen werden. Unheimlich lecker und sehr sättigend.

1. Dorfweg in Gulmit, 2. Zahirs Mutter backt Graal

Karimabad: Ein Ort zum Verlieben
Am Samstag, den 4. Oktober geht es 45 Kilometer weiter südlich, nach Karimabad. Die alte Hauptstadt von Hunza war 750 Jahre lang bis ins letzte Jahrhundert hinein der Sitz der regionalen Königsfamilie. In diesem Ort stimmt einfach alles, angefangen von der Lage mit königlichem Blick auf Tal und Berge bis zur sonnigen Unterkunft und den netten, unkomplizierten Bewohnern. Es gibt gemütliche Essstuben, kleine Läden und sogar ein Café. Zugang zum WorldWideWeb erhält Karimabad direkt über Satellit. Auf der Straße trifft man andere Abenteurer. Aus der Dusche kommt grau gefärbtes Gletscherwasser. Es ist ein kleines Paradies. Ein Basislager, von dem aus wir täglich neu entscheiden können, worauf wir als nächstes Lust haben.

 
1. Ausblick direkt vor unserer Zimmertuer, 2. Hunzeraner

Die Tage hier sind kein Abenteuer, endlich machen wir mal richtig Urlaub. Wir schlafen uns aus, spazieren herum und treffen die Leute, stillen unseren Kommunikationsdurst im bestgelegenen Internetcafe der Welt, freuen uns aufs häusliche Abendessen um acht. Micha macht Fotos, blättert durch die deutsche Koran-Version und nascht Kekse vom Hunza-Bäcker. Suse schreibt Geschichten, erkundigt sich über nächste Reiseschritte und geniesst guten Cappuccino mit richtigem Milchschaum. Nordpakistan hat so viele einmalige Orte und landschaftliche Highlights, dass es schwer fällt zu entscheiden, was wir bis zu unserer Einreise nach Indien noch unbedingt sehen möchten.

1. Neugierige Schüler, 2. Wachmann am Baltit Fort, 3. Ehepaar

Der Gefahr zum Glück voraus
Unsere erholsame und friedliche Stimmung wird eines Abends durch eine Nachricht erschüttert. Das kleine kirgisische Grenzdorf Nura, in dem wir vor zwei Wochen noch bei einer Familie übernachtet haben, bevor wir nach China ausgereist sind, ist durch das Erdbeben am 6. Oktober völlig zerstört. Wir können es gar nicht glauben und fragen uns, was wohl mit den Menschen dort passiert ist.

Wir grübeln kurz darüber, dass wir auf unserer Reise natürlich neuen Gefahren ein ganzes Stück näher kommen. Im Grunde haben wir uns jedoch bisher immer sicher gefühlt. Ob in Deutschland oder woanders in der Welt: Bei Dingen, die wir durch unseren gesunden Verstand nicht beeinflussen können, vertrauen wir unserem persönlichen Schicksal. Und das intensivere Lebensgefühl auf dieser Reise ist eine große Erfahrung für uns. Die Tage beginnen mit spannenden Erwartungen und enden oft mit einmaligen Erlebnissen.

Ausflug in die Geschichte: Baltit Fort
Wir besuchen Baltit Fort, den über siebenhundert Jahre alten Hunza-Königsitz weit oben im Dorf, der damals noch nach tibetanischem Stil errichtet und durch mehrere Herrschergenerationen erweitert und verändert wurde. In den Siebziger Jahren hat Pakistan alle Könige abdanken lassen. Der königliche Nachfahre in Hunza – Mir Muhammad Jamal Khan II – lebt heute in seinem alten Palasthaus in Karimabad und besitzt hier ein größeres Hotel. Sein ältester Sohn – Prinz Sha Salim Khan IV – lebt mit seiner Frau Sadia in Islamabad.

Prinz und Prinzessin

In den Neunziger Jahren hat man die heute öffentliche Burg aufwendig und originalgetreu restauriert. Ähnlichkeiten mit dem Pottala-Palast in Lhasa sind unverkennbar. Edles Ambiente und Luxus finden sich hier nicht. Der König wohnte in der Festung eher bescheiden, nur die Lage und Aussicht sind unbezahlbar.

1. Auf der Dachterrasse des Baltit Fort, 2. Tal im Morgengrauen

Kleider machen Leute

Grüner Salwar Kamiz mit weißer Dupatta

Heute haben wir beim Schneider “Abbas” im Nachbardorf Aliabad unsere pakistanischen Kleider abgeholt. Ein Pakistani-Outfit inklusive Stoff und Maßschneidern kostet maximal eintausend Rupi, also nicht mal zehn Euro. Die Männer in der Schneiderei haben breit gegrinst, als wir die traditionellen Sachen sofort an uns zur Schau gestellt haben.

Die Herren tragen in Pakistan gedeckte Farben: grau, weiß, hellblau, beige oder braun. Den Frauen stehen traumhaft viele Farben und Muster zur Auswahl. Das Pakistani-Outfit, bestehend aus einer etwas weiter geschnittenen Hose und einem knielangen Hemd, ist extrem bequem. In Hunza tragen Männer außerdem eine Wollkappe in weiß oder braun.

Mit Hunza-Kappe

Indien und Nepal liegen vor uns

12. Oktober 2008

In Duikar: Ein letzter Blick aufs malerische Tal

Langsam nähern wir uns der Grenze nach Hindustan

12. Oktober. Wir verabschieden uns morgen Vormittag aus Karimabad. Leider! Die Tage hier waren einfach schön. Zum Abschied wandern wir noch elf Kilometer nach oben zum Aussichtspunkt bei Duikar – dem höchsten Dorf in Hunza. Von hier aus können wir das ganze Tal mit den Dörfern Garnish, Karimabad und Altit überblicken. Wir sehen die Schlucht des Hunza Rivers, die teilweise schon abgeernteten Feldterassen der Bauern und natürlich die unwirklichen siebentausender Gipfel Diran und Rakaposhi.

Solange der Herbst mit milden Temperaturen und klarem Himmel aufwartet, genießen wir jetzt noch an ein paar anderen Stellen im nördlichen Pakistan die stille Gebirgsnatur. Bevor wir Ende Oktober nahe Lahore über die indische Grenze knattern, gönnen wir uns bei Fairy Meadow noch einen Blick auf den weißen Nanga Parbat, dem 8125-Meter-Bergriesen, auf dem einige deutsche Bergsteiger beim ehrgeizigen Versuch eines Aufstiegs ihr Leben lassen mussten. 

 Frau aus Altit trocknet Tomaten und Tee

Von dort aus geht es auf dem Karakorum-Highway zügig weiter nach Süden, vorbei an Islamabad nach Lahore mit Übernachtungsstopps in Besham, Abottabad und Rawalpindi. In diesen Orten ist es besser, wenn wir nach dem Absteigen von unseren Motorrädern jedesmal in die traditionelle Kleidung schlüpfen und Suse ihren Kopf bedeckt. Nicht nur eine Frage des Respekts, sondern auch der Lebensart. Die (neu)gierigen Blicke der Männer auf Suse sind so wahrscheinlich etwas erträglicher.

 
1. Ab jetzt gehts meistens bergab, 2. K2 Daily News in Pakistan

Auf unsere Zeit in Indien und Nepal sind wir sehr, sehr gespannt! Wir haben gestern Olga und Monica – zwei viel gereiste Spanierinnen - getroffen, die beide Länder schon lange kennen und uns gute Tipps geben konnten.

Neue Fotos und Geschichten – erstmal vom Weg aus dem Norden Pakistans bis an die Grenze zum indischen Subkontinent - folgen bald.


Blaues Blut, Polo und Nanga Parbat

19. Oktober 2008

 

Kurzweilige Tour ins nächste Dorf
Unsere Motorradtour von Karimabad nach Chalt, entlang auf dem schmalen Karakorum-Highway, der sich jetzt meistens dicht an steilen Felswänden entlang schlängelt, dauert nicht mal zwei Stunden. Die ziemlich entspannte Fahrt peppen wir durch kurze Blicke nach oben und über den äußeren Straßenrand hinaus auf. Riesige Felsbrocken hängen manchmal so lose in der Bergwand oder ragen über die Straße, dass man hofft, sie mögen noch ein paar Sekunden dort bleiben. Die Wahrscheinlichkeit eines Bergrutsches oder Steinschlags ist wohl größer, als Opfer eines terroristischen Zwischenfalls zu werden. Unser Unterbewusstsein zieht den Gasgriff an. Doch Vorsicht, am äußeren Rand geht es ohne Sicherung hunderte Meter bergab in die Hunza River Schlucht. Zum Glück sind im Norden nicht viele Fahrzeuge unterwegs, denen wir in der Kurve ausweichen müssen. Immer wieder passieren wir Abschnitte, auf denen chinesische Bautrupps gerade am Rüumen und Ausbessern der Straße sind.

 

Chalt: Einladung zum Kaffee in adeliger Runde

Über zwei Holzspannbrücken gelangen wir nach Chalt. Das kleine Dorf ist geografisch und geschichtlich interessant: Hier in der Nähe traf vor fünfzig Millionen Jahren der indische Subkontinent auf die asiatische Platte und formte die gewaltige Himalaja Gebirgskette. Chalt war außerdem ein Teil der Seidenstraße. Und: Der Ort ist Teil der Region Nagyr, die wie das angrenzende Hunza einen König hatte und lange Zeit in Feindschaft mit dem Hunzareich lebte. Durch Zufall lernen wir bei einem Dorfspaziergang kurz nach Ankunft die royalen Nachfahren beider Königsfamilien kennen, deren Großeltern irgendwann untereinander heirateten und seitdem für Frieden sorgten.

 

 

Spannbrücke nach Chalt

 

 

Prinz Shaldar Adam Khan, ein 23jähriger Typ in Jeans und Sweatshirt, der sich überwiegend in der Großstadt Islamabad zuhause fühlt, spricht uns auf der Dorfstraße an und lädt uns spontan zum Kaffee ins Sommerhaus seines Vaters Saeed ein. Saeed’s Großvater war der letzte König von Nagyr, seine Frau ist die Tochter des letzten Königs von Hunza. Alte Schwarz-Weiß-Fotografien im Haus zeigen, von wem das blaue Blut stammt.

 

Das eigentlich wenig genutzte Sommerhaus steht auf einer Wiese mit Blick auf den Rakaposhi. Es hat eine große Terrasse und ist bescheiden eingerichtet. Drinnen sitzt eine Bande Nachbarskinder vor dem Fernseher. Zwei Angestellte, einfache Männer aus dem Dorf, servieren uns Kaffee und Kuchen nach draußen. Adams Vater, ein eher europäisch wirkender Mann, begrüßt uns mit seiner rauhen Stimme, als hätte er uns bereits erwartet. Er ist viel herumgereist, besonders in Deutschland und Österreich und freut sich sehr über unseren Besuch. Er arbeitet seit langem im Tourismusgeschäft, damals für die pakistanische Regierung, heute mit seinem eigenen Unternehmen (www.travellife.com.pk). Die Geschichten, die er uns von seinen Trekkingtouren und über deutsche Bergsteiger erzählt, sind spannend und amüsant. Wir sitzen in Pakistanikleidung vor ihm und seinem Sohn und staunen mal wieder über die schnelle vertraute Atmosphäre.

 

1. Die Seidenstraße führte auch durch Chalt, 2. Klassenzimmer in Chalt

 

Am nächsten Tag werfen wir einen Blick in die Dorfschule und stören mit unserem Erscheinen kurz den Unterricht. Der Direktor bittet uns, zum Milchtee zu bleiben und erzählt uns stolz, welche Fortschritte seit ein paar Jahren die Ausbildung der Jungen und der Mädchen macht. Falls Freunde aus Deutschland ein, zwei Wochen zu Besuch kommen und neue Impulse geben möchten, sind sie ab dem nächsten Jahr herzlich dorthin eingeladen. Dann sind die Gästezimmer nämlich fertig. Kontakt: M. Shafi von der Foundation Public School, shafitabish@yahoo.com.

 

Die Schattenseiten bleiben uns allerdings auch nicht verborgen. Die Familien in Chalt sind oft arm und leben in sehr einfachen Häusern. Iqbal, ein gebildeter und engagierter Mann, erzählt uns, dass es keine leichte Aufgabe ist, die Region zu entwickeln. Nach drei Tagen, an denen wir andere Männer im Dorf dabei beobachtet haben, wie sie sich mit Nichtstun die Zeit vertreiben, haben wir den Eindruck, als wollten manche gar nicht viel ändern.

 

Gilgit: Polospiel und Buddha
Unser nächstes Ein-paar-Tage-Zuhause ist Gilgit – die südlichste Stadt der nördlichen Landesregion. Um dorthin zu kommen, müssen wir vom Karakorum-Highway abbiegen und bei Dainyor über den Hunza River fahren. Die lange, schwankende und schmale Holzbrücke über den Fluss ist ein Nadelöhr. Polizisten arrangieren daher die Überfahrt: einmal fährt die eine, dann die andere Seite.

 

Im wirbeligen Gilgit angelangt, flüchten wir erst einmal ins Madina Guesthouse – eine Ruheoase und Treffpunkt vieler Karakorum-Reisender. Einige von ihnen kennen wir schon. Das achtköpfige Personal behandelt jeden Gast wie einen Freund und macht es uns leicht, sich wohl zu fühlen. Uns fehlt es an nichts.

 

Auf der Straße vor dem Gasthaus können wir uns langsam wieder an chaotisches Gewusel gewöhnen. Alles spaziert, fährt und hupt durcheinander. In der etwas dreckigen Innenstadt reihen sich hundert kleine Geschäfte aneinander, dazwischen schlachten Männer in verschmierten Pakistanikleidern Hühner und Rinder. Ein langsamer Übergang zu indischen Verhältnissen, denken wir. In dieser Stadt hören wir auch wieder deutlich die Gebetsgesänge, die fünfmal täglich aus verschiedenen Lautsprechern gleichzeitig über die Dächer hallen. Ein islamischer Kanon, der uns besonders früh morgens zum Sonnenaufgang das Gefühl vermittelt, in einer anderen Welt zu sein.

 

Spiel auf dem alten Polofeld in Gilgit

 

In der ersten Novemberwoche findet in Gilgit jedes Jahr ein großes Polo-Tournier statt. Darum treffen sich derzeit fast jeden Nachmittag um vier Uhr Männer mit ihren Pferden auf dem alten Polofeld zu einem Trainingsspiel. Das ist unsere Chance, das erst Mal Polo zu erleben. Zwölf Männer zu Pferd, also zwei Sechser-Teams, haben sich auf dem Platz eingefunden. Jetzt geht es zweimal eine halbe Stunde darum, den Holzball ans jeweils andere Ende übers schmale und staubige Feld zu schlagen. Mehr Regeln gibt es nicht. Wir sitzen zwischen anderen Zuschauern am Rand und merken schnell, dass es nicht nur für die Pferde und Spieler gefährlich werden kann. Ein paar Mal fliegt der harte Ball zu uns rüber. Wenn sich die Reiter darum scharen, knallen die Polostöcke durcheinander, bis ab und zu einer bricht. Die Beine der Pferde bleiben nicht immer verschont. Polo ist eine große Sache in Nordpakistan, aber auch ein hartes Los für die Tiere.

 

Am anderen Tag, irgendwann nach dem Frühstück im Garten, steigen wir nahe des Basars mit einundzwanzig anderen Fahrgästen auf einen abgeruckelten Toyota Helux auf, der uns hoch in Richtung Baseen bringt. Unglaublich, in welchen Klappercheesen wir manchmal herumgefahren werden. Und noch unglaublicher ist, über welche Pisten sie der Fahrer treibt. Vom Dorf Baseen aus wandern wir noch ein paar Minuten bergauf, bis wir die etwa 1300 Jahre alte Kargah Buddha-Statue im Felsen bewundern können – ein Überbleibsel aus Zeiten, in denen die Menschen hier noch Hindus und Buddhisten waren, bevor sie zum Islam konvertierten. Danach geht’s gemütlich zu Fuß wieder runter nach Gilgit.

 

Nanga Parbat (8126m): Am Fuße des weißen Riesen

Der Berg ruft. Und zwar ein legendärer Achttausender: der Nanga Parbat. Der Name bedeutet Nackter Berg in der Landessprache Urdu. Er hat besonders an der Südseite so steile Wände, dass der Schnee dort kaum hängen bleibt – darum nackt.

 

Nordseite des Nanga Parbats am Morgen

 

Ein öffentlicher Minibus fährt uns morgens am 20. Oktober von Gilgit zur Raikot-Brücke weiter südlich am Karakorum-Highway. Dort treffen wir Alam, der mit seiner Familie in Tato lebt – eine kleine Siedlung auf etwa 2300 Metern am Fuße des Nanga Parbats. Er hat seit zwei Jahren einen kleinen Campingplatz weiter oben auf Fairy Meadow (Märchenwiese). Unglaublich, dass Alam ein Jahr jünger als Suse ist. Vielleicht ist es seine tiefe Stimme oder der wuschelig-schwarze Schnauzer, der ihn mindestens vierzig Jahre alt aussehen lässt. Egal, er ist jedenfalls ein unheimlich guter Gastgeber, der sich die nächsten drei Tage mit viel Feingefühl um uns kümmert.

 

1. Alam begleitet uns, 2. Steiniger Aufstieg zum Camp

 

Von der Raikot-Brücke aus geht es in einem alten Jeep fünfzehn Kilometer zusammen mit anderen Einheimischen hoch auf 2666 Meter, und zwar auf einem der spektakulärsten Jeeptracks der Welt. Zum Glück haben wir die MZ in Gilgit gelassen, denn der Weg ist gerade mal so breit wie der Wagen selbst. Schotteriger Untergrund, enge Kurven und krasse Felswände machen die Auffahrt wirklich abenteuerlich. Manchmal ist der Abgrund am Rand so tief, dass sich das Ende nicht einsehen lässt.

 

Am Ende des Jeeptracks steigen wir etwas blass geworden aus und wandern zusammen mit Alam zwei Stunden zum Fairy Meadow Camp. Der Campingplatz liegt auf 3333 Metern, schnell kriegen wir wieder Farbe ins Gesicht. Das Atmen geht beim Laufen irgendwann in Keuchen über, der Rucksack wird immer schwerer und die Sehnsucht nach Ankunft immer größer. Auf dem steinigen, schmalen Fußpfad kommen uns zu dieser Jahreszeit bereits die Dorfbewohner mit Sack und Pack auf Eseln entgegen. Ihre bescheidenen Habseligkeiten sind in Decken und Tierleder verstaut. Das Huhn halten sie an den Flügeln in der Hand. Der Winter steht bald vor der Tür und sie verlassen ihre Sommerhütten und Weideplätze oben in den Bergen, um wieder ins mildere Tal zurück zukehren.

 

Endlich oben auf Fairy Meadow (Märchenwiese)

 

Endlich am Camp angekommen, bringt uns Mamanua frischen Bergtee zur Begrüßung. Der kleine alte Mann mit grauem Bart und dunkler sonnenherber Haut hält hier die Stellung. Außer uns sind keine Touristen da um diese Zeit. Wir bauen unser kleines Zelt mit unfassbarem Blick auf den Raikot Gletscher und Nanga Parbat auf und richten uns ein. Alam bringt noch eine dickere Matratze, als er unsere schmalen Isomatten sieht. Kaum ist die Sonne hinterm Berg verschwunden, wird es eisig. Zum Abendessen kochen wir uns passend zum Ambiente, die noch übrig gebliebenen Käsespätzle aus der Hüttenschmaus-Tütenserie von Knorr.

 

1. Nanga-Parbat-Blick aus dem Zelt, 2. Jungs aus dem Bergdorf

 

Die erste Nacht ist gut überstanden, unser Atem hat sich in der Früh als zarte Eisschicht an die Innenwand des Zeltes gelegt. Wir wagen den Blick nach Draußen. Das erste Bild vor Augen ist der Weiße Riese, der in der Morgensonne leuchtet. Unter der Wassertonne neben der Duschholzhütte flackert bereits das Feuer und wir gönnen uns gleich eine kurze, heiße Dusche. Danach servieren uns Alam und Mamanua ein perfektes Frühstück mit frisch gebackenem Fladenbrot, Kaffee, Ei und süßem Haferflockenbrei. Wir fühlen uns herrlich.

 

1. Mamanua in seiner Küche, 2. Jeden Morgen ein gutes Frühstück

 

Während Suse sich noch akklimatisiert, gehen Micha und Alam auf kurze Tour vorbei an Seen und versteckten Bergdörfern. Hier gibt es noch Wölfe, die den Schaf- und Ziegenherden gefährlich werden. Die Menschen in dieser Gegend leben dem Anschein nach zufrieden in ihrer Abgeschiedenheit. Im Sommer, wenn die Frauen die kleinen Terrassenfelder bewässern, dürfen Touristen nicht in die Dörfer kommen. Die Frauen hier mögen es nicht, fotografiert zu werden.

 

Wir haben den ganzen Tag lang klaren Himmel, warme Sonnenstrahlen und beste Aussicht auf die Umgebung. Doch sobald um halb fünf die Sonne hinterm Berg untergeht, ist es Zeit für ein warmes Abendessen, dampfenden Tee und ein Feuerchen. Spätestens um acht krabbeln wir mit langen Unterhosen in den Schlafsack und ziehen unser kleines Zelt von innen zu.

 

Abends am Fuße des Nanga Parbats

 

Am dritten Tag sind wir fit für den weiteren Aufstieg zum Aussichtspunkt auf etwa 3600 Metern. Alam kommt mit. Der Weg dorthin führt uns durch einen echten Zauberwald, über und vorbei an vereisten Bergbächen und verlassenen, kleinen Blockhütten. Dieser Ort könnte die Kulisse sämtlicher Grimm-Märchen sein. Wir können an manchen Stellen des Pfades tief nach unten ins schmale Indus Tal gucken. Nach zweieinhalb Stunden bergauf kommen wir schniefend am höchsten Punkt unserer Wanderung an. Beim weiten Blick auf Gletscher und Gipfel atmen wir tief durch und genießen still.

 

Das Nanga Parbat Basecamp (3967m), von dem aus Messner und Co. ihre Gipfel-Exkursionen starten, ist von hier aus nicht mehr weit. Alam würde uns dorthin bringen, aber für noch mal vier Stunden weiterlaufen sind wir einfach nicht mehr fit genug. Dabei ist dieses Basislager das Einzige, das auch für Flachlandtiroler ohne große Erfahrung und Spezialausrüstung zu erreichen ist. Alam, der Reinhold Messner einmal als einheimischer Bergführer begleitet hat, erzählt uns, dass weit über hundert Bergsteiger ihr Leben am Killer Mountain gelassen haben. Der letzte Unfall passierte im Juli, als drei Italiener den Aufstieg versuchten und einer dabei ums Leben kam. Die Rettungsaktion der anderen beiden konnte man in den Medien verfolgen.

 

Der Abstieg zurück zum Fairy Meadow Camp ist erholsamer. Noch eine kalte Nacht im Zelt und dann heißt es auch schon wieder Abschied nehmen. Wir sind irgendwie benommen von unserem Aufenthalt in den Bergen, so dass wir die aufregende Abfahrt nach unserem Abstieg zum Jeeptrack sogar genießen. Tschüß Nanga Parbat! Eines Tages kommen wir vielleicht zurück, um Dich drei Wochen lang zu umrunden.


Gilgit-Rawalpindi-Lahore: Ein harter Tripp

2. November 2008

Kaghan-Tal: Eine sichere Abkürzung nach Rawalpindi

4175 Meter. Eine Fahrt über den Barbusa-Pass müssten unsere MZ locker schaffen. Wenn wir auf unserem Weg nach Rawalpindi den eher unfreundlichen Karakorum-Highway-Abschnitt ab Chilas durch Indus Kohistan vermeiden möchten, dann bleibt nur die Abkürzung über den viertausender Pass und das Kaghan-Tal. Die Einwohner von Indus Kohistan mögen nämlich keine Ausländer. Statt winkender Kids am Straßenrand kann hier schon mal ein Stein geflogen kommen.

Wir fragen vorher ein paar andere Reisende und Einheimische, ob der Weg über den Pass derzeit gut befahrbar ist. Immerhin hat das große Erdbeben in 2005 diesen Abschnitt fast komplett zerstört und die Wiederherstellung hält noch an. Pass aufwärts soll die Straße fertig sein, bergab ins Tal führt ein Jeepweg. Und irgendwann beginnt wieder eine Asphaltstraße. Wenn es nicht schneit und regnet, sei diese Abkürzung nach Rawalpindi mit unseren Motorrädern problemlos zu schaffen und mit Sicherheit die schönere Strecke.

Barbusa-Pass: Hier hört der Spaß auf

Wir probieren es und biegen in Chilas nach links auf die Passtraße ab. Ab hier geht es auf breiter und größtenteils neu asphaltierter Straße 42 Kilometer nach oben. Fünfzehn Kilometer vor der Passspitze endet die Straße in einem schmalen, steilen Sandweg, der von kleinen Brücken und Flussläufen unterbrochen wird.

Die wackelige Durchfahrt durch das einen halben Meter tiefe Wasser ist gerade überstanden, da wird die Steigung auf einmal so stark, dass Micha mit seiner MZ hängen bleibt. Wir müssen ein kurzes Stück schieben. Oben auf dem Hügel stellt Micha bei beiden MZ erstmal die Kupplungen unter Beobachtung der skeptischen Pakistaner nach. Wenn der Weg nicht besser wird, müssen wir umkehren.

Skeptischer Blick nach oben

Hinter uns quält sich gerade ein Toyota-Kleinbus mit drei Pakistanern dieselbe Steigung hinauf und bleibt stecken. Wir stellen uns zu viert hinten auf die Stoßstange, damit die Räder nicht durchdrehen, und bringen den Toyota gemeinsam nach oben. Die drei Pakistaner aus Chilas sagen uns, dass es bis zur Passspitze noch ein paar schwierige Stellen gibt. Sie wollen uns bis nach oben begleiten.

Der Weg wird gerade von Kettenbaggern aufgerissen und ist faktisch nicht mehr vorhanden. Wir wühlen uns mit der MZ noch ein paar Meter durchs grobe Gelände bis wir merken, dass es keinen Sinn mehr hat. Auf über dreitausend Metern haben die Moppeds nur noch halb soviel Power und es ist für alle eine Quälerei. Hier hört der Spaß auf.

Die drei Pakistaner im Toyota geben uns zu verstehen, dass es besser sei, weiter zu fahren. Sie könnten uns das schwere Gepäck bis nach oben abnehmen. So sei es zu schaffen. Wir sind ein bisschen unsicher, ob wir unser ganzes Hab und Gut in den fremden Wagen packen sollen. Es ist eine eigenartige Situation, aber wir entscheiden gemeinsam, zu vertrauen und laden alles um. Schritt für Schritt und nacheinander schieben und fahren wir jetzt die entladenen Moppeds über die lose Erde. Micha erinnert sich an Tipps aus dem letzten Endurokurs und nimmt Suse an manchen Stellen die MZ ab. Der Toyota kämpft sich mit uns auf der Stoßstange tatsächlich hinterher.

Auf den letzten Passkurven haben wir zum Glück wieder festen Boden unter den Rädern und wir kommen doch noch am Barbusa-Pass an. Es ist kalt und teilweise liegt Schnee. Wir wiederbeladen unsere müden Packesel und verabschieden uns von den drei Pakistanern, die nun komischerweise den ganzen Horrorweg ins Tal zurückkehren.

Nachtlager nach dem Pass

Bevor es dunkel wird, wollen wir noch so weit wie möglich abwärts ins Tal fahren. Leider kommen wir auf dem rauen Jeepweg nicht schnell voran. Mit nachlassenden Kräften überfahren wir noch ein paar abenteuerliche Hilfsbrücken und schlagen in der Dämmerung in einer menschenleeren, felsigen Gegend unser Lager auf. Es gab schon bessere Stellen zum Übernachten, aber zum Glück sind wir müde genug für einen guten Schlaf. Im Morgengrauen krabbeln wir aus dem vereisten Zelt und steigen widerwillig in die kältesteifen Motorradklamotten. Nach ein paar Keksen zum Frühstück packen wir alles ein und fahren etwa fünfzig Kilometer nach Naran weiter.

Von Naran nach Rawalpindi: Abfahrt in den Moloch

Nach einer Stunde Jeeptrack am frühen Morgen kommt endlich die ersehnte Asphaltstraße, die uns nach Naran bringt. Die Saison im populären Hoteldorf ist bereits vorbei. Keine Gäste mehr aus Islamabad, die hier im Sommer nach einer frischen Brise und grüner Natur suchen. Die Erdgeschosse der meisten Hotels sind mit alten Brettern provisorisch verbarrikadiert. Wir finden am Ende des Dorfes noch ein kleines Gasthaus, dass geöffnet ist und wo wir bis zum nächsten Tag in einem Zimmer ohne Tageslicht bleiben können. Die kleine Straßenküche in der Dorfmitte bereitet uns, den zurzeit einzigen hierher verirrten Fremden, mit einem freundlichen Lächeln warmes Essen zu: Dhal (Linsencurry), Chili-Omelett und Fladenbrot. Zum Dessert gibt es natürlich den süßen Milchtee.

Auf dem 80-Kilometer-Abschnitt von Naran bis zur Stadt Balakot, die 2005 dem Erdboden komplett gleich gemacht wurde, ist die kurvige Straße alle ein paar hundert Meter vom Berg verschüttet und nur grob frei geschoben. Eine Baustellendurchfahrt ohne Ende. Ab Balakot geht es dann endlich wieder auf guter Straße zurück auf den letzten Teil des Karakorum-Highways. Hier fahren wir in Mansehra ein und ab dort beginnt die Hölle: zu viele Autos, LKWs und kleine Motorräder; zu viele verrückte und rücksichtslose Fahrer.

Unser Tagesziel Rawalpindi ist ab hier noch 130 Kilometer entfernt, aber der Smog und Lärm ist schon jetzt präsent. Wir verabschieden uns gedanklich und endgültig vom ruhigen, sauberen Norden und konzentrieren uns auf den Verkehr. Mit der Adresse von Saeeds Büro in der Tasche fahren wir immer schön dicht hintereinander auf einer dreispurigen, überfüllten Straße in den Moloch Rawalpindi ein. Wir beide haben denselben Gedanken: Schrecklich. Micha versucht, an Suse dran zu bleiben. Keine leichte Aufgabe in dem Chaos. Nach neun Stunden auf dem Sitz der MZ kommen wir erlöst an der Adresse an und können endlich absteigen.

Zur Entspannung ein Privatkonzert

Der liebe Saeed nimmt uns beide noch am gleichen Abend zur Entspannung zu einer interessanten Herrenrunde in eine alte, gemütliche Villa um die Ecke mit. Dort sitzen seine Freunde in lockerer Atmosphäre auf dem orientalischen Teppichboden des Wohnzimmers bei Gin und Bier. Anscheinend sind sie keine traditionellen Muslime, allerdings elitäre Pakistaner: ein Philosoph und Dichter, ein Maler, ein Tenniscoach, ein ehemaliger Präsidentensohn… Sie genießen heute Abend ein kleines Privatkonzert von zwei pakistanischen Weltklassemusikern. Die klaren, sanften Klänge der Violine und der tiefe Sound der Drums sind unbeschreiblich. Die Musiker widmen uns eine pakistanische Version von Mozart und danach verabschieden wir uns ins Bett. Ein guter Abschluss nach einem anstrengenden Tag.

In Rawalpindi gibt es außer orientalisch-pakistanischem Stadtleben nichts weiter zu entdecken. Micha widmet sich am nächsten Vormittag den beiden MZ und nimmt ein paar wohlverdiente Pflegemaßnahmen an ihnen vor. Am Abend laden wir Saeed, seinen Sohn Adam und seine Tochter Mariam zum Dinner ein. Wir fahren im Jeep zum Aussichtsrestaurant auf den Margalla Hügel (1000 m) in Islamabad, von wo aus wir einen großartigen Blick auf das nächtliche Lichtermeer der großflächig angelegten Hauptstadt haben. Das Essen dort ist das Beste, das wir seit langem hatten. Ein schöner und lustiger Abschiedsabend, bevor wir nach Lahore weiterziehen.

Lahore: Kulturhauptstadt und Neun-Millionen-Metropole

Lahores Altstadt am Abend

Wir fahren am 31. Oktober in Rawalpindi auf die Grand Trunk Road gen Lahore – eine 270 Kilometer lange autobahnähnliche Straße. Es fährt sich überraschend gut und wir haben den Stadtrand der Neun-Millionen-Metropole Lahore nach vier Stunden erreicht. Es sind etwa dreißig Grad Celsius. Zu warm für unsere Motorradklamotten. Tausende stinkende Moped-Rikschas begrüßen uns mit ihrem scheppernden Zweitaktgeknatter. Es geht zu wie auf einem Ameisenhaufen, nur dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht, als wir kurz anhalten, um nach dem Weg zu fragen. Der hilfsbereite Pakistaner – schnell umringt von fünfundzwanzig anderen hilfsbereiten Pakistanern – schreit uns dreimal denselben Satz ins Ohr: Immer gerade aus und dann noch mal fragen! Wir brauchen uns keine Sorgen machen, Lahore ist eine gute Stadt. Wir können es kaum glauben, aber der Straßenverkehr in Rawalpindi war noch nichts gegen das, was wir gerade durchfahren.

Nach ein paar hektischen Straßenkreuzungen in der versmogten City kommen wir ausgelaugt, aber lebend am kleinen, abgefuckten Hotel in der Gasse nahe dem Regale Platz an. Es sieht nicht sehr einladend aus, soll aber ein guter Platz für Reisende sein. Die Motorräder müssen neben den vielen anderen Zweirädern vor dem Schneiderladen auf der dreckigen Straße bleiben. Wir schleppen müde unser Gepäck die schmale, steile Treppe hinauf in unser zusammengeschustertes Zimmerchen. Auf der kleinen Dachterrasse, auf der es eine Miniküche und die Toilette-Dusche-Kammer gibt, ist es ganz gemütlich. Eine Sitzecke mit aktueller Tageszeitung und Satelliten-TV, auf dem abends englischsprachige Filme laufen. Obwohl an diesem Abend auf der Terrasse Musiker aus Lahore ein Konzert geben, schlafen wir in unserem Zimmer direkt daneben wie gelähmt in einen narkoseartigen Schlaf. Wir müssen uns erst langsam an den neuen Lebensstil, der Indien sehr nahe kommt, gewöhnen.

Familientransporter

Nach einer kalten Dusche und einem warmen Frühstück auf der Dachterasse trauen wir uns kurz auf die Straße. Wir bringen unsere schmuddelige Wäsche zum Reinigungsservice. Immer wieder rufen uns die Männer „Hello, how are you?” zu, ein paar Kinder schütteln uns schüchtern die Hand. Die Pakistaner sind sehr stolz, wenn wir ihnen versichern, dass wir uns in ihrem Land sehr wohl fühlen. Sie honorieren, dass Ausländer trotz schlechter Nachrichten in den weltweiten Medien nach Pakistan kommen und sich ein eigenes Bild insbesondere von den Menschen hier machen. Manchmal ist es anstrengend für uns, sich immer wieder Zeit für die Leute auf der Straße zu nehmen, aber ihre große Dankbarkeit für ein kurzes Gespräch ist es wert.

Auf dem Rückweg gönnen wir uns im besten Eisladen der Stadt einen Bananenmilchshake und Schokoeis. Das hatten wir schon ewig nicht mehr. Und wir haben es auch gut vertragen. In dem Supermarkt nahe dem Hotel finden wir außerdem Lindt-Schokolade, Cornflakes und President-Käse. Eine nette Abwechslung zum einheimischen Essen auf der Straße, das uns allerdings ganz gut schmeckt und unschlagbar billig ist.

Badshahi-Moschee

Am Sonntag, als die meisten Läden überraschenderweise geschlossen haben und der Verkehr tatsächlich weniger ist, setzen wir uns in die Moped-Rikscha und lassen uns im Zick-Zack-Kurs in die Altstadt chauffieren. Dort genießen wir die Ruhe in der Badshahi-Moschee – die zweitgrößte Moschee Pakistans und eine der größten Moscheen der Welt – bevor wir die engen und maroden Gassen der Altstadt durchstreifen. Unglaublich, wie die Menschen hier leben. Die Häuser sind teilweise über ein paar hundert Jahre alt und durchweg heruntergekommen. Die Stromkabel des Viertels hängen kreuz und quer und verknotet wie ein zigmal geflicktes Spinnennetz zwischen den Häusern. Langbeinige Ziegen mit Riesenschlappohren warten neben dem Fleischladen auf ihren Tod. Männer fahren ihre in bunte Schleier gehüllten Frauen, die in aller Gelassenheit seitlich hinten auf dem Moped sitzen, mit Tempo durchs Gewühl. Wir flüchten auf den Turm der bunten Badjai-Moschee und sehen über die Dächer der Altstadt. Der Smog schwebt zwischen Stadt und Himmel und färbt sich orange in der Abendsonne.

Bauarbeiten in der maroden Altstadt

Die Stadt kostet uns viel Energie. Wir ziehen uns immer wieder zur Pause auf die Dachterrasse des Hotels zurück. Wir surfen im kabellosen und unglaublich schnellen Internet – eine Wohltat nach so vielen geduldigen Besuchen in den bisherigen Internetbuden. Nach Sonnenuntergang ist es Zeit fürs Abendessen: Kartoffel-Spinat-Curry mit Fladenbrot, frisch serviert aus dem stickigen, quirligen Straßenrestaurant. Wenn die Faulheit nicht siegt, steigen wir morgen auf die Motorräder und fahren die dreißig Kilometer nach Wagah an die indische Grenze. Oder wir bleiben doch noch bis zum nächsten Donnerstag in der Stadt, denn donnerstags verwandelt sich das Kulturzentrum Lahore in eine wahnsinnige Konzertstadt. Mal sehen, wir haben ja noch alle Zeit der Welt…


Abschied aus Pakistan

10. November 2008
Good bye, my friend!

Letzte Tage in Lahore
Lahore ist eine Metropole und nicht in ein paar Tagen zu erkunden. Wir widmen der Stadt am Ende eine ganze Woche. Wir wagen uns auf die lauten, dreckigen Straßen. Die Fahrt in der Moped-Rickscha ist ein Erlebnis für sich. Eine Achterbahnfahrt mit 30 Km/h und 100 Dezibel. Wenn es zu stressig wird, setzen wir uns mit anderen Reisenden einfach auf die Hotelterrasse oder gehen in den großen, ruhigen Park.

Pause auf dem Dach: Ab und zu mal alle Viere von sich strecken

Auf dem Weg in den Park landen wir einmal aus Versehen im daneben liegenden Zoo. Jetzt erfahren wir, wie sich Promis auf der Straße fühlen müssen. Eine Stunde lang werden wir ununterbrochen fotografiert: vor dem Elefanten, mit Kleinkindern an der Hand, erst zusammen, dann getrennt. Wir sind die Hauptattraktion im Lahore Zoo und können uns nirgends verstecken. An diesem Nachmittag haben wir uns auf etlichen Fotokameras verewigen lassen und viele Pakistaner damit sehr glücklich gemacht.

One picture, please

Mit den Sufis im Schrein
Am Donnerstag ist Sufinacht. Diesen Event wollten wir auf keinen Fall verpassen. Dank unseres Hotelbesitzer Malik, selbst Sufi und gut vernetzt in der Szene, können wir als Ausländer und Suse als Frau an der Sufizeremonie teilnehmen. Die Sufis in Pakisatn verstehen sich als eigene Gruppe der Muslime, die sich auf spirituelle, ekstatische Weise und unter Gebrauch von Rauschmitteln wie Haschisch näher zu Gott bringen.

Um zehn Uhr fahren wir in den Schrein der Sufigruppe. In dem Tempel ist ein verehrter Führer der Sufis begraben. Im Innenhof des Schreins sitzen bereits hunderte Männer dicht an dicht auf dem Boden und lauschen den eingehenden Klängen der gewaltigen Bauchtrommel. Mithu Saeen – taubstumm, ein Star der Szene und ein weltbekanntes Genie auf seinem Instrument – bringt die Sufis über stundenlanges Trommeln in Ekstase. Wir ziehen wie alle die Schuhe aus und werden auf die Treppe an der Seite des Hofes platziert: ein Platz extra für die ausländischen Besucher der Sufinacht. Wir beobachten das Treiben. Immer wieder rufen die Männer „ Julelal!”

Der Rau(s)ch der unzähligen Joints legt sich wie eine Decke über den Hof. Teilweise ziehen die Männer an sechs Joints gleichzeitig den Haschischrauch in ihre Lungen. Später treten noch Mithus Bruder Gonga mit zwei anderen Trommlern in die Hofmitte. Die verehrten Stars schlagen unglaubliche Töne in tausenden Rhythmen an. Die Verbindung zu Gott ist hergestellt. Bevor es zu wild wird, lassen wir die Sufis in ihrem heiligen Rausch allein und fahren mit dem Sufisound im Ohr durchs nächtliche Lahore ins Hotel zurück.

Pakistan, Sindabad!

Theater an der Grenze: Der Frauenblock jubelt!

8. November. Wir verbringen nach genau sechs Wochen unseren letzten Tag in Pakistan, und zwar direkt in Wagah an der Grenzstation. Wir haben uns gut und mit Hupe aus Lahore heraus manövriert – zwei MZ zwischen überbeladenen Fahrradfahrern, Eselskarren, Mopped-Rikschas, Fußgängern, Tieren, LKWs und Bussen vorbei an fliegenden Obsthändlern und Garküchen am Straßenrand.

Die pakistanische Grenzstation zu Indien ist die Bunteste, die wir je erleben. Kleine Stände verkaufen Getränke, Snacks und Bücher. Wir quartieren uns für heute Nacht in dem kleinen Hotel mit Garten vor Ort ein. Danach, um halb vier, d.h. nach Grenzschluss, strömen wir zusammen mit tausenden Pakistanis ins Stadion, das beide Seiten des Grenztores zwischen Pakistan und Indien umringt. Hier findet gleich für etwa eine halbe Stunde, wie jeden Tag um diese Zeit, ein einzigartiges Spektakel statt: Die sorgfältig ausgewählten Soldaten beider Länder – riesige, starke und hübsche Männer – zelebrieren im Gegenüber in einer unterhaltsamen Weise ihre Stärke und Macht.

Grenzspektakel: Pakistani demonstrieren ihre Macht

Während die stolzen Soldaten bei zackigen Marscheinlagen ihre Beine bis über den Kopf nach oben reißen und ihre metallbeschlagenen Stiefel auf den Boden stampfen, schallen aus den getrennten Männer- und Frauenblöcken die Sprechchöre: „Pakistan Sindabad! Pakistan Sindabad! …” Lang lebe Pakistan! Die Atmosphäre gleicht einem Finalspiel im Fußballstadion. Man bekommt Gänsehaut. Auf der indischen Seite der Grenze erwidern die Menschen „Hindustan Sindabad!” Am Ende reichen sich Soldaten beider Seiten die Hände und holen zeitgleich ihre Landesfahnen vom Mast. Die Grenze ist für heute geschlossen. Die Sonne ist fast untergangen und jetzt verlassen alle glücklich den Schauplatz.

Fasziniert vom Stolz der Pakistaner legen wir uns schlafen. Ein tolles Erlebnis zum Abschied denken wir und fahren am nächsten Morgen gelassen und mit freundlichen Beamten auf beiden Seiten über diese Grenze. Pakistan hat uns in sechs Wochen wie kein anderes Land beeindruckt. Jeder in diesem Land ist uns mit viel Respekt und Ehre begegnet. Auch Suse als Frau gegenüber. Die Pakistaner sind unheimlich stolz auf jeden, der ihr Land besucht und sie geben alles, um ihren Gästen zu beweisen, dass Pakistani friedliche und herzliche Menschen sind. Unser vorheriges Bild von Pakistan hat sich als Vorurteil entpuppt und wir sind glücklich über diese Erfahrung.

Fotostrecke Nordpakistan

Pakistan: Im Düsentempo durch Punjab und Balutschistan

10. Mai 2009

duesen

Pakistan, zweiter Teil
3. Mai. Zurück in Pakistan, zurück in Lahore. Die Stadt kennen wir doch und zum Glück fahren wir an einem Sonntag ein. Denn heute ist mindestens die Hälfte weniger Verkehr auf den Straßen unterwegs. Wir kommen also ohne Probleme zum Zentrum durch, wo wir an bekannter Stelle Mittagspause machen, bevor wir auf den Highway gen Multan weiterfahren.

Sofort merken wir wieder den Unterschied zu Indien: Die meisten Frauen sind aus der Öffentlichkeit verschwunden und die Männer zeigen sich durchweg in ihrem luftigen Zweiteiler mit den Schlafanzugfarben Weiß, Grau, Hellblau oder Braun. Suse hat ab jetzt ihr Kopftuch wieder griffbereit im Tankrucksack.

Die Menschen in Pakistan haben eine eindeutig andere Art auf uns zuzugehen. Stolz begrüßen sie Reisende, die in ihr Land kommen. Wie wir schon beim ersten Besuch erlebt haben, sind die Pakistaner sowohl Micha als auch Suse gegenüber offensiv, gastfreundlich und sehr hilfsbereit. Und zwar überall, wo wir bisher gelandet sind. Dass wir als (Ehe)Paar auftreten, spielt dabei bestimmt auch eine Rolle.

Zwei Wege von Lahore bis Quetta
Der Transit von Lahore an der Ostgrenze bis nach Quetta im Westen ist auf zwei Routen möglich. Und wir haben von anderen Reisenden gehört, die aus dem Iran nach Pakistan kamen, dass die Polizei aus Sicherheitsgründen jeden Ausländer von Quetta bis Lahore eskortiert und rund um die Uhr mit der Kalaschnikow bewacht.

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Nahe Quetta: Viele Pakistani-Laster in ihrer typischen Aufmachung

Um festzulegen, wie wir in den nächsten Tagen am besten an die pakistanisch-iranische Grenze kommen, sprechen wir mit unserem Freund Saeed in Rawalpindi über die zwei möglichen Wege nach Quetta. Die erste und kürzere Route über DG Khan und Loralei ist durch das Erdbeben im letzten Jahr in sehr schlechtem Zustand. Ausländer sind hier weniger gern gesehen – es gibt kaum Möglichkeiten zum Schlafen, Essen oder Auftanken. Wir nehmen die Empfehlung von Saeed ernst und damit die andere und fast doppelt so lange Strecke im südlichen Bogen über die Städte Sukkur und Sibi in Kauf.

Speed auf dem Highway Nummer 5
In Lahore biegen wir auf den Highway Nummer 5 nach Süden ab. Die brandneue Fahrbahn ist eben wie eine Landebahn und wir düsen mit fünfundachtzig Kilometern pro Stunde über die wenig befahrene Doppelspur. Der Highway bringt uns laut Karte bis nach Sukkur und bleibt hoffentlich so transittauglich.

Erster Übernachtungsstopp ist die Stadt Sahiwal, nur etwa drei Stunden Fahrt von Lahore entfernt. Im Indus Hotel beziehen wir ein Zimmer mit so genanntem Aircooler – die antike Variante einer Klimaanlage und ein Höllengerät, das von außen staubige, aber halbwegs gekühlte Luft über ein Wasserbecken klappernd ins Zimmer turbiniert. Egal, Hauptsache ein paar Grad weniger und hoffentlich ein bisschen Schlaf in der kommenden Nacht.

Als wir zum Abendessen ins nächstgelegene Straßenrestaurant gehen wollen, fängt ein starker Sturm an. Der aufgewirbelte Staub verdunkelt die ganze Stadt, Müllreste fliegen durch die Gegend. Der freundliche Rezeptionist meint, es kündigt sich Regen an. Als wir am nächsten Morgen um sechs Uhr losfahren, bleibt die aufgehende Sonne tatsächlich hinter einer dicken Wolkendecke hängen und die Temperaturen sind endlich auszuhalten. Außer ein paar kleinen Regenschauern passiert zum Glück an diesem Tag nicht viel. Abgesehen von einem Beinahe-Crash mit Streifkontakt, weil ein pakistanischer Motorradfahrer sich nicht nach Suse umdreht, bevor er ungebremst die komplette Fahrbahn schneidet.

Journalisten und Polizisten in Rahimyar Khan
447 Kilometer und acht Stunden Emmenfahrt. Diese Etappe ist ein Rekord. Kein Wunder, dass sich alle um uns scharen, als wir am Nachmittag in Rahimyar Khan vor dem Hotel anhalten. Auf der Straße staut sich der Moped-, Esel- und Rikschaverkehr, weil jeder sehen will, was los ist: Zwei Deutsche auf dem Motorrad sind in der Stadt!

Verschwitzt wühlen wir uns mit Sack und Pack zur Hoteltür durch, wo wir herzlich empfangen werden. Wir kommen mit Abu Bakar, dem netten Manager des Hotels, ins Gespräch und reden über unsere Route nach Quetta. Unsere Frage, ob Quetta derzeit unbedenklich sei, bringt unbemerkt eine Sicherheitslawine ins rollen. Als wir uns auf dem Zimmer dem eingeübten Ankunftsprozedere widmen (Helme/Taschen entstauben, Shirt/Socken durchspülen, duschen), klopfen zwei Polizeibeamte an unsere Tür.

Fünf Minuten später sitzt Micha im Sandwich zwischen zwei bewaffneten Polizisten auf einer niedlichen 125er und Suse bei Abu Bakar hinten auf dem Moped. Der Manager hat es gut gemeint und sich bei der lokalen Polizei um unsere Sicherheit beworben. Nun bringt man uns kurz zur Wache und ruckzuck ist ein Begleitteam zusammengestellt. Ab jetzt haben wir immer zwei Uniformierte in der Nähe und es scheint, eine willkommene Abwechslung für die Männer zu sein.

interview

Hotelzimmerinterview mit Express News Pakistan

Zurück im Hotel warten zwei Herren von der Zeitung an der Rezeption auf uns. Ein Interview, bitte! Als wir uns am Abend endlich zurückziehen wollen, klopft außerdem das Zeitungs- und Kamerateam von Express News Pakistan an die Tür. Auf dem hässlichen Sofa wird schnell ein Interview aufgenommen. Die Polizei steht daneben und genießt das Theater, bevor sie die ganze Nacht auf dem Hotelflur Wache schiebt. Vermutlich haben die Officers selbst die Journalisten informiert. Spätestens morgen weiß also jeder, dass zwei Deutsche mit dem Motorrad auf dem Weg an die afghanische bzw. iranische Grenze sind. Das zeigt doch, dass das Polizeiaufgebot wegen Ausländern derzeit wohl eher ein Statusakt statt einer ernsten Sicherheitsmaßnahme ist.

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Resultat der Zeitungsreporter – mit katastrophaler Bildauswahl (Uebersetzung folgt)

Zehn nach Sechs fahren wir nach einer kurzen Nacht aus Rahimyar Khan davon – vor uns der Toyota-Pickup der Polizei mit dem Kameramann von gestern Abend auf der Ladefläche, der noch ein paar Fahraufnahmen braucht. Die Eskorte wird auf der Strecke bis nach Sukkur etwa drei, vier Mal wechseln.

Rumpelritt durch Sindh
Wir haben gerade die relativ grüne Punjab-Region verlassen und das eher karge Sindh erreicht. In der Stadt Sukkur verabschiedet sich plötzlich der Wagen der letzten Eskortablösung und verschwindet aus unseren Rückspiegeln. Zum Glück, denn sein Fahrer hat wohl noch gepennt und wir sind mit vierzig km/h durch die Gegend geeiert.

Ab nun sind wir auf dem National Highway 65 in nordwestlicher Richtung unterwegs. Die Straße ist viel befahren und der Asphalt stark zerfressen. Eine echte Rumpelpiste. Der flache Boden in der Umgebung gleicht einer Mondlandschaft – eine weißstaubige und steinige Gegend.

Da Frühstücken beim Frühaufstehen wegfällt, melden sich spätesten Mittags unsere Mägen. Als wir in Shikarpur an einer Kreuzung Pause machen und gleichzeitig nach dem richtigen Weg fragen, haben wir sofort wieder neue freundlich-neugierige Polizisten zur Stelle, die uns bis vor die Zimmertür des Greenland Hotels im zugestaubten Jacobabad manövrieren.

mittagspause

Mittagspause am Straßenrand zwischen Sukkur und Jacobabad

Diese Etappe war anstrengend. Uns fehlt Schlaf. Die Luft im fast fensterlosen Hotelzimmer ist zum Zerschneiden dick und aus dem Wasserhahn läuft nur warmes Wasser. Wir legen uns mit nassen Lappen auf dem Kopf auf die Matratze und stellen für heute jede Bewegung ein. So wie die drei blassen Gekkos, die an der Wand auf Insekten lauern.

Auf dem Hotelflur sitzt die neue, örtliche Mannschaft der Polizeieskorte und steht Spalier, sobald wir uns bewegen. Natürlich möchte sich jeder persönlich bei uns vorstellen: „How are you, Mister? How is your wife? Most welcome to Pakistan!” Diesmal verlassen wir das Zimmer erst wieder, als wir am nächsten Morgen weiter wollen.

Balutschistan: Durch die Mondlandschaft nach Quetta
Kurz hinter Jacobabad passieren wir die Grenze zu Balutschistan und der Highway ist wieder im Tip-Top-Zustand. Mit der Eskorte vorweg brausen wir durch die Steinwüste Balutschistans davon. Ein paar Mal zwingt uns der Polizeiwechsel zur Pause – meistens irgendwo im Nichts. Jetzt sind sogar manchmal zwei Polizisten auf einer 100ccm Yamaha unsere nett gemeinte Sicherheitsgarantie. Wir können auf der ganzen Strecke keine Bedrohung wahrnehmen. Nicht nur die Polizei, auch alle anderen auf der Straße oder in den Dörfern vermitteln eine gelassene Atmosphäre.

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Ablösung der Polizeieskorte auf dem Bolan-Pass

Nach drei Stunden passieren wir Sibi und biegen ab auf eine wellige Fahrbahn durch die vegetationslose Hügellandschaft, die uns nach Quetta bringt. Fast unbemerkt knattern wir in den nächsten drei Stunden Fahrt über die 87 Kilometer des legendären Bolan-Passes. Hier haben seit vielen Jahrhunderten Nomaden, Händler und Soldaten zwischen Zentralasien und Indien verkehrt. Stellenweise rollen unsere Emmen über Schotterabschnitte und sammeln den weißen, balutschistanischen Wüstenstaub ein.

Aufregende Einfahrt in Quetta
Quetta ist voller Polizei und Militär. Bei Einfahrt in die wuselige Stadt sirent der Toyota Hilux der Eskorte den Weg frei. Hinter uns fährt ein zweiter Wagen mit drei weiteren bewaffneten Männern auf der Ladefläche. Naja, immerhin hat das ganze Aufgebot plötzlich was Gutes, als Michas Vorderrad beim leichten Bremsen auf dem glatt geschliffenen Asphalt zur Seite rutscht und Emme plus Reiter zum Erliegen bringt. Die Eskorte regelt sofort den Verkehr und verhindert die obligatorische Menschentraube ums Geschehen.

Mit leicht verbogenen Alukofferträgern und schiefem Lenker fährt Micha ganz schön bleich im Gesicht weiter bis zum Hotel. Der linke Daumen hat was abgekommen und schwillt an. Der rechte Fuß, der zwischen Alukoffer und Asphalt eingeklemmt war, genauso. Wir gehen am besten gleich zum Röntgen ins Krankenhaus.

Daumen hoch!
Im Sandeman Zivil Hospital von Quetta sind Ausländer nicht oft zu Besuch. Der rauchende Typ an der Rezeption der Notaufnahme tippt „Patient: Maikal” in den Computer. Wir bezahlen 20 Rupien (etwa 15 Cent) Gebühr. Dann führen uns irgendwelche Männer voller Freude in den Röntgenraum. Micha in seinem weißen Pakistani-Hemd ist der Einzige im ganzen Hospital, der wie ein Arzt aussieht. Keiner der fünf Typen verlässt den Raum, als Michas Hand bestrahlt wird. Neugier geht über eine Strahlendosis. Der Ring bleibt auch erstmal am Finger.

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Express-Behandlung im Röntgenraum des Hauptkrankenhauses

Solange wir auf dem Flur auf die Röntgenbilder warten, möchte irgendwer Micha gerne eine Injektion verpassen. Die Ampulle und Nadel hat er schon in der Hand. Wozu die allerdings gut sein soll, kann er uns nicht verständlich machen. Micha lehnt freundlich und dankend ab.

Die anschließende Diagnose ist eindeutig: glatter Bruch am Daumen. Knöchel zum Glück nur verstaucht. Sofort kommt das nächste Team zum Einsatz. Drei Männer gleichzeitig drücken Michas Daumenknochen in die richtige Position zurück. Suse muss dabei zugucken, wie Michas Schmerz verzerrtes Gesicht immer weißer wird und sein Kreislauf schlapp machen will. Hoffentlich wissen die, was sie tun! Mit frischem Gips und Daumen hoch an der Hand verlassen wir nach einer halben Stunde erleichtert das Hospital und hoffen, dass Kuppeln weiterhin möglich ist.

Erholung tut gut
Zum Wunden lecken ist das Hotel, in dem wir untergekommen sind, ein guter Ort. Es hat einen grünen, herrlich ruhigen Innenhof. Die Schweizer Jan und Karin sind außer uns die einzigen Gäste hier. Mit den Beiden verbringen wir zwei schöne erste Tage, bevor sie in ihrem Toyota Landcruser nach Lahore abhauen.

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1. Warten auf frischen Papaya-Shake und Zuckerrohrsaft, 2. Jan und Karin

Vom Visaagenten in Berlin haben wir trotz Betteln um ein Zeichen nicht erfahren, ob die Iranvisa wie versprochen unterwegs nach Quetta sind. Als wir telefonisch nachhaken, heißt es nur, dass Herr Haase gerade in Nepal ist. Na toll! Immerhin hat er eine kompetente Kollegin, die uns am 8. Mai endlich die Dokumente per DHL Express nach Quetta schickt und uns erstmals korrekt informiert, ab wann und wie lange die Visa gültig sind. Sobald wir die Grenze in den Iran überschreiten, haben wir volle dreißig Tage Zeit fürs Land. Eine gute Nachricht.

happy Gutes Omen: Happy Pakistaner in Quetta

Der Schneider um die Ecke näht Micha einen langen Reißverschluss in den Ärmel der Motorradjacke, damit sie über den Gips passt. Am 11. Mai soll die DHL-Sendung im Hotel sein und am nächsten Morgen wollen wir dann auf die letzten beiden Etappen zur iranischen Grenze nach Taftan aufbrechen. Den glücklichen Pakistaner vorm Hotel mit seiner knallgelben Brille nehmen wir als gutes Omen für die Weiterreise gen Heimat.

Neugier auf Persien
gekleidet Wir sind neugierig auf den Iran. Wahrscheinlich das i-Tüpfelchen auf unserer Reise entlang der alten Seidenstraßen – auch wenn wir ein paar lange, einsame Streckenabschnitte auf den Wüstenhighways der persischen Hochebene zurücklegen müssen. Iran wird mit Sicherheit seinem schlechten Ruf in der westlichen Welt nicht gerecht. Wir wollen uns ein eigenes Bild machen: von der höflichen, herzlichen Art der Perser, vom altorientalischen Flair in Isfahan und Yazd, vom noch irreren Fahrstil der Iraner und vielleicht einen Blick hinter die Kulissen der Metropole Teheran werfen. Wie werden wir das Land der Arier erleben?