Krakau: Entdeckungen an jeder Ecke
11. August 2009Straßenkünstler am großen Marktplatz Rynek Glowny in Krakau
Vier Tage in der heimlichen Immer-Noch-Hauptstadt
Kaum zu glauben, dass wir nach vierzehn Monaten Abenteuer auch noch in Polen Überraschungen erleben. Krakau sei dank. Die zweitgrößte Stadt in Polska hat so viele Facetten, dass uns in vier Tagen kein einziges Mal langweilig wird. Im Gegenteil.
19. Juli. Nach einer Zwischenübernachtung auf einer Kuhkoppel in der Slowakei haben wir die ukrainischen Karpaten schon wieder hinter uns gelassen und blicken jetzt auf das wirklich allerletzte Highlight der Reise. Wir fahren bei unglaublich feuchttropischen Wetterverhältnissen und mit guten Gefühlen über eine mehrspurige Fahrbahn langsam in Krakau ein. Irgendwo im alten Kazimierz-Viertel im Zentrum der Stadt wollen wir ein kleines Hostel suchen. Kein Problem, davon hat Krakau viele.
Auch ein Gefährt mit Geschichte: der Polski Fiat
Wir sind jetzt mittendrin. In der Stadt, die fünfhundert Jahre lang mal Hauptstadt Polens war und sich den schönen Anschein einer alten Diva bewahrt hat. In einem halbrenovierten Altbau in der Stradomska 27 haben junge Leute auf der zweiten Etage eine riesige Wohnung mit hohen Decken und altem Parkett ins gemütliche Cinema Hostel verwandelt. Eine WG für vier Tage mit kostenlosem WLAN natürlich, das so schnell ist, dass einem beim Surfen schwindelig wird. Wir beziehen das Sin City-Zimmer und gehen im Hostelbad sofort in der schneeweißen Kabine unter die Duschbrause. Eine strahlende Dusche – immer noch Luxus. Die Emmen parken still und artig im Innenhof unter dem Fenster.
Typisch Europa
Polen ist das letzte Land auf der Reiseroute durch Eurasien. Wir denken möglichst nicht daran, dass wir in ein paar Tagen wieder zurück nach Deutschland ins neue alte Leben müssen. Uns ist jede Stunde bis dahin ein Geschenk. Und zum Glück liegt uns eine entspannte Stadt an der Weichsel zu Füßen, in der an jeder Ecke eine neue Überraschung wartet. Wir brauchen nur loszugehen..
…durch die mit renovierter Gotik, Renaissance und Barock bestückten Straßen der Altstadt, hin zur königlichen Wawel-Burg mit der unheimlich prunkvollen Bischofskathedrale. Ein mächtiger Unterschied zu den Tempeln und Moscheen in Asien. Die Krakauer Bauwerke des Christentums protzen im Innern mit gewaltiger Architektur, Gold und Marmor. Fotografieren verboten.
Von Außen hoch, von Innen gewaltig: Die Wawel-Kathedrale
Zwischendurch Mittagessen und Kaffee in einem Straßenrestaurant auf dem weitläufigen Hauptmarkt Rynek Glowny mit Blick auf die römisch-katholische Marienkirche. Von dessen Turm bläst jede volle Stunde wie schon vor siebenhundert Jahren ein Feuerwehrmann das Krakauer Trompetenspiel in die vier Himmelsrichtungen. Die Klänge verzaubern für einen Moment diese tolle Stadt.
Ausblick auf den Rynek Glowny vom Turm der Marienkirche
Das ist typisch Europa: Romantische, saubere und einzigartige Altstädte mit hübschen Cafès und Restaurants, vor denen Straßenkünstler für Unterhaltung sorgen, solange man sich von seinen Besuchen in Kirchen und Museen erholt. In Krakau lassen sich Touristen nicht in Rikschas, sondern in königlichen Pferdekutschen durch die mondäne Mitte chauffieren. Wir spazieren auf den kurzen Wegen zwischen Hostel und den alten Schönheiten Krakaus lieber zu Fuß hin und her. Dabei spüren wir jeden Pflasterstein von Krakaus Gassen fast hautnah. Die Sohlen unserer täglich getragenen, hässlich-praktischen Birkenstock-Sandalen sind nämlich durchgelatscht. Die beiden Jeanshosen waren auch schon etliche Male beim Schneider und haben trotzdem schon wieder Risse. Wie das aussieht: scheißegal. Mode spielt einfach keine Rolle, solange wir noch unterwegs sind.
Wegweiser: Krakau ist voller Kultur und Geschichte
Nach Einbruch der Dunkelheit kommen in den Straßen Kazimiers – Krakaus jüdisches Shtetl – Jazz und Klänge der jüdischen Klezmermusik aus den unzähligen, typischen Kellerkneipen nach oben. Obwohl in Krakau kaum noch Juden wohnen, wird die jüdische Geschichte und Kultur jeden Tag ein Stück mehr wieder belebt. Unverkennbar und ein wertvoller Teil der Identität dieser Stadt. Im Sommer findet hier Europas größtes jüdisches Festival statt.
Schindler, Salz oder Kommunismus
Und natürlich stehen Auschwitz und Oskar Schindlers Emaillefabrik im Stadtteil Podgórze, in der über tausend Schindlerjuden den Holocaust überlebten, auf der Hitliste ausländischer Besucher. Die Tragödie der Juden als eine Facette von Krakau.
1. Persönliche Orientierung: Schilderhalter in der Innenstadt, 2. Regal im Pharmaziemuseum
Aus dem ganzen Facettenfächer wählen wir heute eine aus, von der wir erst nicht wissen, ob sie es wert ist: das königliche Salzbergwerk. Wir springen auf den Minibus nach Wieliczka am Stadtrand von Krakau auf. Der Busfahrer umfährt einen Stau und dröhnt alle mit polnischem Schlager zu. Aber alles lohnt sich. Dreihundert Meter tief und neunhundert Jahre alt tut sich uns unter der Erde plötzlich eine ganze Stadt in hartes, graues Salz gehauen auf: 250 Kilometer unterirdische Wege durch das weiße Gold, sogar eine riesige Kirche und richtige Festsäle – alles Weltwunder im Salz. Wir laufen mit aufgerissenen Augen über drei Stunden lang dem jungen Salzweltführer im Halbdunkeln hinterher und bekommen trotzdem nur ein Prozent von dieser einmaligen Mine zusehen. Europa versteckt Schätze, von denen wir bis dahin noch nicht einmal gehört haben. Danach ist dann der perfekte Zeitpunkt für eine gut gesalzene polnische Mahlzeit: Piroggen und Zurek-Suppe.
Typisch polnisch und köstlich: Piroggen und Zurek-Suppe
Jeden Tag müssen wir uns wieder für eins der vielen Dinge, die Krakau noch bietet, entscheiden. Wir durchwühlen nach dem Frühstück die Prospekte auf dem Tresen im Hostel: Ein Besuch der kommunistischen Planstadt Nova Huta oder altes, feines Pharmaziemuseum? Was wir diesmal nicht mitnehmen, heben wir für den nächsten Besuch in Krakau auf.
Abends im Doppelstockbett von Ikea empfangen wir vorm Schlafengehen auf dem Laptop zum ersten Mal seit vierzehn Monaten deutsches Internet-TV. 37Grad präsentiert „Traumjob Kassiererin” und „Mein neues teures Gesicht”. Ein kurzer Blick in Richtung Heimat. Danach wissen wir nicht, ob wir Angst haben oder uns auf Deutschland freuen sollen. “Lass uns erstmal das Wiedersehen mit Familie und Freunden genießen.” Ja genau, da steigt auch gleich die Euphorie…









Veröffentlicht von eurasien