Merhaba Türkiye! – Hallo Türkei!

4. Juni 2008

Grenzerfahrung
Wir haben die EU verlassen und am 3. Juni türkischen Boden betreten. Merhaba Türkiye! Bis hierher waren die europäischen Landesgrenzen kaum mehr als solche zu erkennen. Aber jetzt: Dreieinhalb Stunden haben wir die türkische Grenzstation nahe Kirklareli und ihr höfliches Personal kennengelernt. Unsere internationale Zulassung fürs Motorrad hat nämlich kein Feld fürs Erstzulassungsdatum vorgesehen. Das aber muss der Grenzkontrolleur im Büro der Fahrzeugregistrierung für seine Unterlagen haben. Was nun, die nationalen Zulassungspapiere mit dem so wichtigen Datum hat doch das deutsche Zulassungsamt in Perleberg einbehalten? Nach ein paar Telefonaten mit der Dame vom Amt wurde uns das Dokument erst als unleserliches Fax und später dann als E-Mail zur Grenzstation gesendet. Die Kontrolleure waren zufrieden und wir konnten endlich weiter. Na das fängt ja gut an.

Um sechs Uhr abends fahren wir endlich weiter. Kühler, starker Wind von vorn weht uns entgegen. Wir knüpfen uns sogar das Innenfutter in die Jacken. Und dann fällt Suse auch noch fast der Auspuff ab, die Schraube an der hinteren Aufhängung hat sich wahrscheinlich noch in der EU von uns verabschiedet. Naja, muss eben Draht her. Wir haben einen wunderschönen Sonnenuntergang im Rückspiegel und schaffen die 243-Kilometer-Strecke bis nach Istanbul leider nicht mehr. Also übernachten wir im kleinen, aber sehr lebendigen Ort Saray.

Saray: Erste Begegnung zum Tee
Das einzige Hotel im Ort ist das kleine Saray-Hotel in einer bunten Ladenstraße. Die Treppe nach oben, der kleine Empfangsflur mit laufendem Fernseher und die vier Zimmerchen, die von hier aus abgehen, sind rosa-rot gehalten. Wären wir jetzt in Hamburg, wäre klar, wo wir gelandet sind, aber hier scheint der Hoteleigner einfach nur einen etwas speziellen Geschmack zu haben. Die Dusche und ein Hockklo müssen wir uns mit den anderen Gästen teilen.

Unsere beiden MZ-Packesel stehen friedlich ein paar Straßen weiter auf dem Hof der Mutter des Hoteliers. Sie passten mit dem Hinterteil mal wieder nicht durch die Tür des benachbarten Schuhladens, wo wir sie zunächst unterstellen sollten.

Als wir im Hotelbett liegen, hören wir durchs offene Fenster zum ersten Mal ein Abendgebet über die Lautsprecher der Moschee. Der Sprechgesang klingt in unseren Ohren wie ein Willkommensgruß. Wir sind im Orient angekommen. Bei Sonnenaufgang werden wir erneut vom Gebet geweckt. Als wir auf die Motorräder steigen wollen, um weiter zu fahren, sprechen uns die Leute im Vorbeigehen auf der Ladenstraße an.

Burhanettin kommt zusammen mit einem Freund aus seinem Geschäft iPRAGAZ auf die Straße und fragt neugierig, wohin wir weiterfahren möchten. Bevor es losgehen kann, besteht er mit typisch türkischer Gestik erst einmal auf einen Tee mit uns in seinem Laden. Als wir lächelnd annehmen, wird sofort ein junger Mann losgeschickt, um uns frischen Tee und warmes Gebäck zu besorgen. Wir genießen unser spontanes Frühstück und tauschen über ein bisschen Englisch türkische Wörter aus: Guten Tag, danke und „Wie geht’s“? Zum Abschied beschenkt uns Burhanettin noch mit einem Gaskocher und Feuerzeugen. Der erste Morgen in der Türkei hat super angefangen und wir setzen uns zufrieden auf die MZ nach Istanbul.

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Metropole Istanbul

6. Juni 2008

Über den Mond zum Taksim-Square in Istanbul
Wir wollten die türkische Megacity, in der mittlerweile mindestens ein Fünftel der Türken lebt, nicht unbedingt quer über die Autobahn einfahren. Eigentlich hat uns bisher fast jeder empfohlen, dass wir uns das istanbulische Verkehrschaos gar nicht erst antun und irgendwo außerhalb der City unterkommen sollen, um dann mit Bahn/Taxi in die Stadt zu fahren. Aber nein, wir hatten über einen netten Bekannten aus Istanbul die Adresse für ein schönes Hostel nahe des zentralen Taksim-Platzes in der Tasche und das haben wir ohne Stadtplan, aber guten Mutes angesteuert.

Bevor wir uns dann doch auf einer vierspurigen Stadtautobahn wiederfanden, endete unsere Landstraße noch kurz vor Istanbul in einer Art Mondlandschaft, auf der Bau-LKW wie Ameisen hin und her fuhren und unsere MZ mitten drin im grauweißen Staub. Die Straße führte durch ein Steinbruchgebiet; wir machten unser Fernlicht an und steuerten den halb Schotter-, halb Asphaltweg entlang. In Istanbul angekommen sehen die Moppeds nun endlich auch nach „Weltreise“ aus.

Weiter in der Stadt folgen wir dem Wegweiser „Taksim Square“. Der Verkehr staut sich, die Straßen sind steil und in allem Gewusel streikt dann bei Suse an der roten Ampel bergauf die Kupplung. Hinter ihr drängeln die hupenden Autos und Busse, bis wir das Motorrad an den Straßenrand schieben. Mit ein paar Handgriffen war die Kupplung wieder eingestellt. Zehn Minuten und einen Liter Schweiß später dasselbe Prozedere bei Micha.

Chambers of the Bohème für Members of the Bohème
Ein paar Straßenkreuzungen weiter kommen wir dann endlich in der kleinen Gasse mit dem Hostel „Chambers of the Bohéme“ an. Hier begrüßt uns Besitzer Ahmet in fließendem Englisch und mit trockenem Humor: „Das ist das Zimmer, Duschen und Toilette gibt es leider nicht. Da müsst ihr nebenan ins Cafè!“ Den Witz konnte er sich, so wie wir Beide aussahen und rochen, nicht verkneifen.

Wer Istanbul besuchen möchte: Wir können das stilvolle Hostel für 12 Euro pro Nacht/Person inkl. kleinem Frühstück sehr empfehlen: Fotos und Adresse.

Wir werden hier etwa eine Woche wohnen und aus Istanbul berichten. Ein paar Bilder sind schon online.

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7. Juni 2008: Wir betreten Asien!
Istanbul ist der Scheitelpunkt unserer Eurasienreise. In der einzigen Stadt der Welt, die auf zwei Kontinenten liegt, können wir uns täglich für den Aufenthalt entweder in Europa oder Asien entscheiden.
Die Nächte verbringen wir noch in Europa. Am heutigen Samstag jedoch haben wir per Fähre über den Bosporus und Weiterfahrt mit dem Minibüs den höchsten Hügel Istanbuls – Camlica – besucht und damit erstmals Asien betreten.

Camlica ist am Wochenende ein beliebtes Ausflugziel für die Istanbuler und so wie es aussieht, ein beliebter Ort für Hochzeiten. Wir haben hier neben der wundervollen Aussicht auf die weit reichende Megacity gleich zwei türkische Brautpaare bewundern dürfen. Um 17 Uhr hören wir beim Blick auf die Bosporus-Brücke aus dem Tal gleichzeitig aus mehreren Moscheen die Vorgebete aus den Minaretten. Eine einmalige Atmosphäre. In diesem Teil Istanbuls sehen wir auch viel mehr – teilweise bis auf die Augen – verhüllte Frauen, als im europäischen und westlich geprägtem Stadtteil Beyoglu, in dem wir dieser Tage wohnen. In Beyoglu laufen Teenager mit Mangafrisuren, Transen, Touristen wie wir und gestylte Türken durch die Gassen. Auf jeden Fall sehen wir überall deutlich mehr Männer als Frauen auf der Straße.

Als Tourist in Istanbul

Wir geben uns wirklich Mühe, nicht wie ein Tourist zu wirken. Statt mit Fototasche und Rucksack laufen wir mit einem Einkaufsbeutel herum. In den beliebten Vierteln der Stadt werden Touristen überall sofort erkannt und zum Essen oder Kaufen überredet. Für den Weg über die Galata-Brücke vorbei an der Kette der Fischrestaurants im Untergeschoss haben wir mittlerweile mehrere Tricks ausprobiert, um nicht von jedem Kellner zu Tisch gebeten zu werden: 1. im Laufschritt passieren und gestresst tun, 2. dankend ablehnen auf Türkisch, 3. nacheinander (also nicht als Pärchen) entlang gehen und 4. eine türkische Tageszeitung unter den Arm klemmen. Damit schafft man es ganz gut durch den Touri-Spießrutenlauf.

Istanbul hat für Touristen viel zu bieten: Riesige Moscheen, Basare, Paläste, Brücken, Museen, gutes Essen, tausende Läden… Da wir Beide keine Lust auf ein anstrengendes Abreiten sämtlicher Sehenswürdigkeiten haben, gehen wir jeden Tag spontan auf die Straße und entdecken nach und nach die schönsten Dinge der Stadt für uns. Ahmet, der Hostelbesitzer, gibt uns ein paar Tipps.

Wir nehmen uns viel Zeit zum Rumschlendern. Wir haben bei angenehmstem Wetter die Neue und Blaue Moschee, den Topkapi-Palast, den Großen Basar und das Archäologische Museum besucht, bei Sonnenuntergang den Galataturm bestiegen und eine lange Bosporustour gemacht. Zwischendurch genießen wir türkischen Tee und zum Abendessen einheimische Spezialitäten.

In der Blauen Moschee

Die Menschen, die wir treffen, sind offenherzig, hilfsbereit und fröhlich. Alle, die wir vor dem Fotografieren um Erlaubnis fragen, freuen sich über die Aufmerksamkeit und stellen sich gerne als Motiv zur Verfügung. Es gibt allerdings auch ein paar Gauner in der Stadt, die es auf unser Geld abgesehen haben: Zunächst ein kleiner, netter Smalltalk auf Englisch und ehe man sich umsehen kann, soll man für geputzte Schuhe 10 Euro bezahlen.

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Zentralasien naht: Abfahrt ins Abenteuer

11. Juni 2008

Kilometerstand 4141: Abschied aus Europa und Istanbul
Morgen früh um sechs Uhr, noch vor dem Berufsverkehr, ist es Zeit für die Weiterfahrt auf der etwa 1.500 km langen, türkischen Schwarzmeerküstenstraße bis nach Georgien. Wir haben heute beim Gümrük Dairesi (Zollamt) in Istanbul mit dem nachgeschickten nationalen Zulassungsschein für die MZ noch unsere Aufenthaltsgenehmigung verlängert und damit bleibt uns genug Zeit für die Fahrt bis zur Grenze bei Sarpi.

Nach einer Woche Großstadt freuen wir uns auf die türkische Provinz. Wir werden das Land noch bis zum 22. Juni erkunden. Unser letzter Abend in Istanbul war der Schönste: Wir wurden von einem Händler am Bosporus zum Feierabendtee mit seinen Freunden vor dem Geschäft mit Blick aufs Goldene Horn eingeladen. Mit dabei in der Männerunde war ein echter Imam, der uns vorgesungen hat. Als wir seine kleine Moschee nebenan besichtigen wollen, holt Suse ihr Kopftuch aus der Tasche und alle Männer rufen Bravo und freuen sich. Zum Abschluss des Feierabends und bei Sonnenuntergang lädt uns der Händler noch zu einer kleinen Runde auf dem Bosporus mit dem Taxiboot ein. Danach chauffiert er uns ins Hostel zurück. Wir sind gerührt, mit welcher Herzlichkeit er uns begegnet. Und er wird dafür belohnt: Die Türkei hat kurz darauf 2:1 gegen die Schweiz in der Fußball-EM gewonnen. Die ganze Stadt feiert!

Es wird ernst…

Jetzt, wo wir asiatische Wege befahren werden, kommt ein anderes Gefühl in uns auf. Das Abenteuer rückt spürbar näher: Wie werden wir die nächsten Grenzübergänge überstehen und wie erst den 5-Tage-Transit quer durch Turkmenistan bei Wüstenhitze und schlechter Straße? Und wie werden wir die obligatorischen Einladungen zum Wodka und die Höhen des Pamirs vertragen? (Wie) wird die Einreise nach Indien via China klappen?

Julian, ein Amerikaner, den wir kürzlich im Hostel getroffen haben und der ein Jahr lang in Baku studiert, erzählte uns ein bisschen über die Leute, Landschaften und Straßen im Kaukasus. In Aserbaidschan reist man auf unentdeckten Pfaden; hier gibt es noch das wahre Abenteuer. Baku am Kaspischen Meer ist vom Ölboom gezeichnet. Das vorher zu durchreisende Georgien soll einfach nur schön und Tiflis eine faszinierende Stadt sein. Hier werden wir auch erstmals unsere Russischkenntnisse ausgraben, nachdem wir bisher mit Englisch bestens durchgekommen sind. Also dann: Doswidanja! Wir werden weiter berichten…

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Karadeniz – 1.500 km türkische Schwarzmeerküste

16. Juni 2008

Erster Stopp Karasu: Plausch mit dem Haselnusshändler
12. Juni – Istanbul liegt acht Stunden und etwa 300 km hinter uns, als wir am Nachmittag im Ferienort Karasu ankommen. Bei der Abfahrt morgens um sieben Uhr nach nur 3 Stunden Schlaf war die Stadt noch herrlich leer. Trotzdem haben wir über eine Stunde gebraucht, um über den Bosporus auf den richtigen Weg Richtung Küste zu gelangen. Sile, unser erster Wegpunkt, war nämlich erst ab Stadtrand ausgeschildert. Mittags überkam uns noch eine unüberwindbare Müdigkeit und wir sahen uns im schattigen Park eines kleinen Ortes auf der Strecke zu einem zweistündigen, tiefen Mittagsschlaf gezwungen.

Als wir in der Kleinstadt Karasu die Leute auf der Straße nach einer Möglichkeit zum Campen fragen, kommt gerade Ömer auf seinem Fahrrad vorbei. „Brauchen Sie Hilfe?“ Ömer ist Rentner und hat seit den 60ern bis in die Achtziger Jahre in Hamburg gelebt, daher sein gutes Deutsch. Er lädt uns in die schöne Ferienwohnung der Tochter ein, die vis a vis von seiner Wohnung in einem 5-stöckigen Mehrfamilienhaus am Strand liegt.

Ömer und sein Käfer

Wir parken die Emmen vorm Haus und fahren abends in seinem VW Käfer zum Fischrestaurant- Er erzählt uns beim Bier und Essen ein bisschen aus seinem Leben in Deutschland und der Türkei. Ömer ist ursprünglich aus Batumi in Georgien und hat lange als Haselnusshändler gearbeitet. Noch heute fährt er oft ins Haselnussgebiet nach Aserbaidschan, um dort den Handel der Nüsse für unser Nutella nach Deutschland zu vermitteln. Er hat uns wertvolle Insidertipps für interessante Routen von hier bis nach Baku gegeben und natürlich seine Handynummer für den Notfall.

Die nächsten beiden Nächte verbringen wir immer mit Blick aufs leuchtend blaue Schwarze Meer -einmal allein auf dem naturbelassenen Hello-Campingplatz nahe Akcakoca und dann unter gespannter Beobachtung auf dem Busparkplatz des Touristädtchens Amasra.

Amasra: Zelt im Hintergrund

Wir sind froh über jede kostenfreie schöne Stelle zum Zeltaufschlagen, denn die Spritpreise in der Türkei haben Rekordniveau: etwa 1,70 Euro pro Liter Benzin. Die Türken auf dem Lande tauschen daher ihre Traktoren wieder gegen den Esel ein (Quelle: SZ) Wir würden unsere beiden motorisierten Packesel natürlich gegen nichts tauschen.

Links-Rechts-Hoch-Runter: Endlose Kurven von Amasra bis Catalzeytin
14. Juni – Wir übernachten in einem Hotel in dem kleinen Ferienort Catalzeytin. Micha nimmt hier am nächsten Morgen in einer Werkstatt ein paar kleine, aber wichtige Wartungsreparaturen an den Motorrädern vor. Es haben sich ein paar Speichen gelöst, Michas Auspuff ist lose und beide Scheinwerferlampen müssen ausgetauscht werden.

Seit Amasra schlängelten wir uns über endlose Kurven und Berge immer mit Blick aufs türkisblaue Meer, das fließend in den Himmel überging, an der Küste entlang. Das forderte viel von uns und den Emmen, wenn wir die Motoren steil bergauf bei Laune halten mussten. Man hörte uns sicher schon von Weitem um die Kurve pfeifen. Suse fuhr vor und kam Gott sei dank gut mit der Bergfahrt zurecht. Sie verschaltete sich nur einmal und nie wieder.

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Nach fünf Stunden Links-Rechts-Hoch-Runter bei 50 kmh Durchschnittsgeschwindigkeit war uns etwas schwindlig und übel und wir haben daher beschlossen, nicht noch wie eigentlich geplant bis nach Sinop zu fahren, sondern in Catalzeytin zu bleiben. Obwohl die heutige Strecke anstrengend war, hat es Spaß gemacht und wir waren fast allein auf der kleinen schmalen Straße unterwegs.


Hilfsbereite Crew in Catalzeytin

Mittlerweile hat hier fast jeder mitbekommen, dass zwei Deutsche mit dem Motorrad angereist sind und sie gucken und grüßen uns beim Vorbeigehen. Plötzlich wandelt sich in unseren Augen der Urlauberort in eine nette, türkische Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Als wir unsere MZ zum Weiterfahren beladen, steht die Wirtin, ihre Familie und das ganze Personal gespannt am Zaun und verabschiedet uns herzlich mit „Gute Reise!“

Ayder: Abstecher auf die Alm
Nach Catalzeytin fahren wir weiter, übernachten einmal in Gerze bei Sinop auf der Wiese eines Restaurants und in Ünye auf einem kleinen Zeltplatz am Strand. Seit Samsun fahren wir auf einer geraden, zweispurigen Schnellstraße, die zum Glück wenig Verkehr hat. Autos und LKWs, denen wir mit 80 km/h zu langsam fahren, hupen uns einfach von der Fahrspur.


Zwischenstopp in einer Bäckerei: Warmes Brot mit Butter und Honig

Wir kommen zügig voran, passieren bald die letzten größeren Städte vor der georgischen Grenze: Trabzon und Rize. Die meisten Orte an der türkischen Schwarzmeerküste sind flüchtig betrachtet eher hässlich. Die Häuser sehen oft nach Halbrohbau aus, sind aber dennoch bewohnt. In Trabzon und Rize finden wir am frühen Abend nach mehreren Versuchen keinen ruhigen Platz zum Campen. Also fahren wir ein paar Kilometer hinter Rize hoch in die teilweise noch schneebedeckten Berge und folgen hier dem wortwörtlich rauschenden Fluss. Wir sind allein auf der Straße. Die Sonne ist bereits hinter den Bergen verschwunden, feuchter Nebel steigt auf und wir fangen auf den Motorrädern an zu bibbern. Irgendwie ist es ein bisschen unheimlich. Wir hoffen, dass wir noch vor der Dunkelheit einen Schlafplatz finden.

Und plötzlich sind wir da: in Ayder. Vor einer Stunde noch an der sonnigen Meeresküste sind wir jetzt nicht mehr in der Türkei, sondern in den österreichischen Alpen gelandet. Auf einer grünen Bergalm sehen wir links und rechts alte Holzhütten, aus denen Rauch aufsteigt. Kleine Hotels stehen zerstreut auf den Wiesenhügeln. Wir hören den Wasserfall und die Glocken der Kühe, die im Halbdunkeln vor uns gelassen über die Straße spazieren, und kurz darauf den Abendgebetsruf des Imam. Wir sind also doch noch im Land des allgegenwärtigen Atatürks.

Für vierzig Euro die Nacht gönnen wir uns den Luxus des kleinen, feinen Hüttenhotels Kuspuni, das wie im Skiurlaub riecht. Unser Geschenk zum Jubiläum: Es ist der 18. Juni und wir sind nun genau einen Monat unterwegs. Am nächsten Morgen bekommen wir von einer Frau in traditioneller Kleidung auf der Terrasse das beste Frühstück unserer bisherigen Reise aufgetischt. Wir lassen uns frische Kräuter, kräftigen Ziegenkäse, aromatischen Imkerhonig und hausgemachte Marmelade auf der Zunge zergehen.


Am Bergfluss bei Ayder

Nach dem Frühstück treffen wir Thies und Antje auf der Dorfstraße, Studenten aus Hamburg, die eine Weile in Istanbul studiert haben und vor ihrer Rückkehr nach Deutschland noch die Küste per Bus bereisen. Wir gehen gemeinsam die Bergstraße nach oben und sehen uns die Gegend an. In diesem Landesteil kann man sehr alte Häuser in typischer Bauweise bewundern. Die Frauen hier tragen speziell gewickelte, schmuckvolle Kopftücher, die insbesondere jungen Gesichtern einen schönen und stolzen Ausdruck verleihen.


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Am nächsten Tag ziehen wir aus unserer Luxushütte in die kleine Pension Bozaci um, in der auch Thies und Antje wohnen. Wir werden noch drei Tage in Ayder bleiben und solange leisten wir uns ein ganz einfaches Zimmerchen für 12 Euro. In der lebendigen Pension sind wir vier die einzigen Ausländer. Am Samstagabend (21. Juni) sitzen wir nach einem verregneten Faulenzertag in der ofenbeheizten Gemeinschaftsküche und amüsieren uns dort beim Tee mit der lustigen, türkischen Männerrunde. Thies kann sich ganz gut auf türkisch mit den Leuten unterhalten und übersetzt für uns. Nach dem gemeinsamen Frühstück am nächsten Sonntagmorgen reisen er und Antje leider schon wieder nach Istanbul ab und wir planen die Route für Georgien und Aserbaidschan.

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Wilde Türkei: Zu Gast bei den Kurden

23. Juni 2009

imdorf

Neugierige Begrüßung in Ostanatolien

Im Tulpengarten von Dogubayazit
12. Juni. Die Iranvisa enden heute auf den Tag genau. Während die Iraner zur Wahlurne rennen, machen wir den Schritt ins muslimische Nachbarland. Der Grenzübergang in die Türkei geht auf beiden Seiten zügig vonstatten. Einziger Unterschied ist, dass der nette Helfer auf türkischer Seite, der uns im (Vordrängel-)Spurt durch die nötigen Kontrollstationen schleppt, im Gegensatz zu seinem iranischen Pendant am Ende Bakschisch verlangt. Ein Fünf-Dollar-Schein muss ihm reichen.

Suse stopft ihr Kopftuch zurück in die Tasche. Die beiden blondierten Damen im türkischen Zollhäuschen hatten auch keins auf. Jetzt sind es nur noch fünfunddreißig Kilometer breite und leere Landstraße, dann erreichen wir den ersten Ort hinter der türkischen Grenze: die kurdische Kleinstadt Dogubayazit auf 1950 Metern über dem Meeresspiegel. Die Landschaft ist sogar noch herrlicher als im Nordiran. Der Gipfel des nah gelegenen und verschneiten Ararat, der höchste Berg der Türkei, lässt sich heute hinter der Wolkendecke nur erahnen. Die Gegend ist voller Militärstützpunkte und Kasernen, die sich wenigstens farblich in die Umwelt einfügen. Auch in Dogubayazit.

Zwei Kilometer von der Stadt entfernt führen der Holländer Bertil und der Kurde Mecit – beides symphatische Männer gestandenen Alters – seit fünf Jahren einen kleinen Campingplatz mit den obligatorischen Picknickecken für die Einheimischen: Lale Zar – zu deutsch: Tulpengarten. Na klar, denken wir. Tulpen und Holland – das passt. Aber Mecit lehrt uns, dass Tulpen ursprünglich nicht aus Holland, sondern aus der Türkei stammen.

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Zeltplatzbekanntschaft: Zwei Holländer und ihre Ente

Wir schlagen das Zelt für vier Tage auf der kleinen Wiese auf. Ein friedlicher Platz am Fuße des Ararat. Außer uns steht an den ersten beiden Tagen nur noch ein weiteres Zelt hier: Ein holländisches Pärchen, das in ihrer zweiundzwanzig Jahre alten Ente bis nach Ostanatolien gerollt ist. Die gleichaltrigen Emmen fangen an zu flirten.

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1. Hoftor des Ishac Pasa Palastes, 2. Landschaft um Dogubayazit

Oben auf einem nicht weit entfernten Klippenabhang hinterm Zeltplatz thront die restaurierte Ruine des Ishac Pasa Palastes. Von dort haben wir eine super Aussicht auf die Umgebung und die Stadt. Im Zentrum von Dogubayazit gehen wir seit Ewigkeiten mal wieder in einen richtigen Supermarkt einkaufen. Als wir durch den Eingang kommen, nehmen wir erstaunt einen bekannten und wohltuenden Duft wahr: Es riecht nach Westen! Wie im Intershop. Jeder Ossi unter den Lesern wird sofort verstehen, was gemeint ist. Die riesige Süßigkeiten- und Waschmittelabteilung entfalten ihre Gerüche, die unsere Nasen beim Einkauf in den kleinen, verstaubten Tante-Emma-Läden der anderen Länder schon wieder vergessen hatten. Sofort überkommt uns ein Kaufrauschgefühl, den die Vernunft aber noch stoppen kann.

Ansonsten staunen wir nicht schlecht, wie viele teure Autos über die schlechten Straßen des Grenzortes fahren. Trotz achtzig Prozent Arbeitslosenquote. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Egal. Die alten Männer mit ihren Schnauzbärten, Schiebermützen und dickstoffigen Jackets und alle anderen Menschen in Dogubayazit sind eine freundliche und höfliche Gesellschaft. Wir fühlen uns hier sofort wohl und herzlich willkommen. Apropos Schnauzbart: Am türkischen Schnauzbart soll die politische Einstellung seines Trägers erkennbar sein. Deshalb dürfen Beamte in der Türkei nur eine bestimmte Bartlänge tragen und Studenten sogar gar keinen.

Mecit, dem das Leben tiefe Falten in sein braun gebranntes Gesicht gezeichnet hat, spielt abends auf dem Zeltplatz auf seiner traditionellen Gitarre kurdische Lieder und singt dazu mit seiner charismatischen, kratzigen Stimme. Damit schenkt er uns ein kleines Stück seiner alten kurdischen Kultur.

Kurdische Dörfer
In Ostanatolien ist die Türkei noch wild und voller Abenteuer, sagt man. Wir fahren auf Michas Emme trotz des verregneten Tages durch die kurdischen Dörfer. Wir sehen kleine, von der Zeit gezeichnete Feldsteinhäuser. Von den braunerdigen Höfen treiben die jungen Söhne schmutzige Schafherden auf die umlegenden Weiden. Auf den Feldsteinmauern entlang der moddrigen Dorfstraßen stapelt der Schafmist als Briketts zum Trocknen.

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Balikgölü: Fischersee 50 km östlich von Dogubayazit

Wir gelangen an den Fischersee fünfzig Kilometer von Dogubayazit entfernt. Die Gewitterschauer der Berglandschaft können uns in den Regensachen nichts anhaben. Im Gegenteil. Wir genießen die Stimmung. Irgendwann am See gelangen wir in ein kleines Dorf: Bazirhan. Die Kinder laufen in Gummistiefeln umher und beobachten schüchtern unsere Ankunft. Die Männer aus dem Dorf kommen sofort näher, um die Fremden mit Handschlag zu begrüßen.

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1. Gutes Gummistiefelwetter, 2. Ankunft im kurdischen Dorf Bazirhan

Wir kennen kein Wort kurdisch, aber wir verstehen die Einladung zum Chay. In einem einfachen Haus sitzen wir kurz danach mit jungen und alten Männern der Familie auf dem Teppichboden und trinken den starken Tee, den die junge und hübsche Ehefrau serviert. Respektierter Mittelpunkt ist ganz eindeutig der Großvater, der Micha lächelnd die Hand reicht.

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1. Bazirhan: Willkommen zum Essen und Tee, 2. Ein Foto zum Abschied

Wir zeigen der neugierigen Runde die bisherige MZ-Reiseroute auf der kleinen Weltkarte. Das kommt immer gut an. Als wir Abschied nehmen wollen, werden wir gebeten, noch zum Essen zu bleiben. Solange wir den lecker zubereiteten Kartoffeln-Paprika-Tomaten-Mix genießen, sitzen die Frauen der Familie wie es Tradition ist gemeinsam außerhalb der Runde, bis die Männer fertig sind. Nur Suse darf sich wie immer zu den Herren dazugesellen.

Nach dem Besuch bei diesen netten Leuten fahren wir weiter zu den heißen Quellen. In einem Becken, das wir ganz privat nutzen können, heizen wir wie Gott uns schuf im schwefelhaltigen Wasser die steifen Muskeln und Glieder durch – und das unter plötzlich strahlend blauem Himmel und bei Sonnenschein.

Als wir zum Campingplatz zurückkehren, begrüßen wir neue Zeltnachbarn: zwei Hamburger auf ihren Enduros und ein Motorradpärchen aus Köln. Zum ersten Mal während unseres MZ-Abenteuers sitzen wir in einer Biker-Runde zusammen und finden es schön, wieder original Hamburger Slang zu hören.

Kars-Istanbul im Dogu Ekspresi
16. Juni. Wir schütteln Mercit und Bertil die Hand, ziehen die Motorradhandschuhe über und kicken an. Dicht am großen Ararat vorbei – der vor einem Jahr zwei deutschen Bergsteigern durch die PKK zum Verhängnis wurde – knattern wir in die Stadt Kars.

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MZ vorm Ararat (5137m) – der höchste Berg der Türkei

Wir haben gehört, dass man dort problemlos mit den Motorrädern im Zug bis nach Istanbul fahren kann. Leider ist die Reisekasse fast leer und wir sparen viel Geld, wenn wir die relativ teure Türkei diesmal auf der Schiene bereisen. Zugfahren ist eine schöne Abwechslung und die siebenunddreißig Stunden im sog. Dogu Ekspresi eine 1.435-Kilometer-Strecke mit bester Aussicht.

Motosiklet no!
Als wir in Kars ankommen, fahren wir sofort zum Bahnhof, um die reservierten Schlafwagentickets abzuholen. Am Telefon vor ein paar Tagen hat man uns bestätigt, dass auch die Emmen im Dogu Ekspresi mitfahren können. Die Dame am Schalter in Kars sieht das aber anders, als wir auf die Mopeds zu sprechen kommen. „Motosiklet no,” wiederholt sie ständig und schüttelt dabei mit dem Köpfchen. Wir lassen nicht locker, bis sie ihren Boss anruft. Dann erweitert sie plötzlich ihren einen Satz: „Motosiklet no problem.” Das hört sich schon besser an. Tescheküler (Dankeschön)!

Morgens um halb Acht stellen wir uns mit beiden Emmen auf den Bahnsteig Nummer 1 am kleinen Bahnhof von Kars. Wir suchen den Verladechef oder irgendjemand anderen von der Türkischen Staatsbahn, der uns sagen kann, wie wir die Motosiklets verladen sollen. Aber einen Verladechef gibt es nicht, denn Fahrzeuge werden auf diesem Bahnhof nicht verladen. Wir berufen uns mit einem Lächeln auf das Versprechen von gestern: Motosiklet no problem! Das Bahnhofspersonal ist glücklicherweise lösungsorientiert und macht eine Ausnahme: Tamam (OK). Motosiklet no problem!

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Auf dem MZ-Ticket wird Michael Linke zu Mikail Gök Gök

Als der Dogu Ekspresi einrollt, heben die Männer die Emmen mit den Händen rauf in den leeren Cargo-Wagon, wo sich ansonsten nur Kisten oder ähnliches stapeln. Danach rätselt der Zugchef, wie er der Form entsprechend abrechnen kann. In der Preistabelle auf seinem Klemmbrett gibt es keine Angabe für mehr als fünfzig Kilogramm Frachtgewicht. Er schätzt. Und mit hundert Kilogramm pro Moped liegt er zwar ein bisschen daneben, aber wir freuen uns sehr über das Schnäppchen von dreiunddreißig Euro pro Motorradfahrkarte. Am Ende reist unsere kleine “Familie” für insgesamt hundertfünfzig Euro erster Klasse von Ost nach West durchs ganze Land.

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37+5 Stunden gemütliches Reisen im Privatabteil der türkischen Staatsbahn

Der Zug rollt pünktlich auf die Minute um 9:10 Uhr aus dem Bahnhof. Wir machen es uns für die fahrplanmäßig nächsten siebenunddreißig Stunden im Privatabteil gemütlich. Keine schwere Aufgabe. Aus dem Fenster gucken wir erst noch auf Felder und Berge, auf die die Sonne scheint. Nicht lange, und es regnet wieder. Dann macht die Reise im trockenen Zug doppelt Spaß.

Nach einem super Sonnenuntergang schunkelt uns der Wagon, der durch etliche Kurven und Bergtunnel trödelt, auf weichen Klappbetten in den Halbschlaf. Ein paar Schienenabschnitte sind wohl sehr alt. Die Räder reiben und quietschten an den Gleisen entlang und rattern laut im Takt. Manchmal könnte man denken, dass wir gleich entgleisen. Aber wohl nicht bei dem Tempo.

ausblick

Ausblick auf die Abendlandschaft

Mit unglaublichen fünf Stunden Verspätung trudeln wir nachts um drei auf dem Haydarpaşa Bahnhof in Istanbul ein. Wir sind auf einmal hell wach. Die Abladung der Emmen klappt reibungslos und wir nutzen die verführerische Stille der Nacht, um uns auf leeren Straßen aus Istanbul davonzustehlen. In dieser Stadt haben wir vor fast genau einem Jahr den Schritt nach Asien gemacht. Jetzt bringt uns die lila beleuchtete Bosporusbrücke bei ersten Anzeichen einer Morgendämmerung wieder zurück. Asien adè! Willkommen in Europa!

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