
Neugierige Begrüßung in Ostanatolien
Im Tulpengarten von Dogubayazit
12. Juni. Die Iranvisa enden heute auf den Tag genau. Während die Iraner zur Wahlurne rennen, machen wir den Schritt ins muslimische Nachbarland. Der Grenzübergang in die Türkei geht auf beiden Seiten zügig vonstatten. Einziger Unterschied ist, dass der nette Helfer auf türkischer Seite, der uns im (Vordrängel-)Spurt durch die nötigen Kontrollstationen schleppt, im Gegensatz zu seinem iranischen Pendant am Ende Bakschisch verlangt. Ein Fünf-Dollar-Schein muss ihm reichen.
Suse stopft ihr Kopftuch zurück in die Tasche. Die beiden blondierten Damen im türkischen Zollhäuschen hatten auch keins auf. Jetzt sind es nur noch fünfunddreißig Kilometer breite und leere Landstraße, dann erreichen wir den ersten Ort hinter der türkischen Grenze: die kurdische Kleinstadt Dogubayazit auf 1950 Metern über dem Meeresspiegel. Die Landschaft ist sogar noch herrlicher als im Nordiran. Der Gipfel des nah gelegenen und verschneiten Ararat, der höchste Berg der Türkei, lässt sich heute hinter der Wolkendecke nur erahnen. Die Gegend ist voller Militärstützpunkte und Kasernen, die sich wenigstens farblich in die Umwelt einfügen. Auch in Dogubayazit.
Zwei Kilometer von der Stadt entfernt führen der Holländer Bertil und der Kurde Mecit – beides symphatische Männer gestandenen Alters – seit fünf Jahren einen kleinen Campingplatz mit den obligatorischen Picknickecken für die Einheimischen: Lale Zar – zu deutsch: Tulpengarten. Na klar, denken wir. Tulpen und Holland – das passt. Aber Mecit lehrt uns, dass Tulpen ursprünglich nicht aus Holland, sondern aus der Türkei stammen.

Zeltplatzbekanntschaft: Zwei Holländer und ihre Ente
Wir schlagen das Zelt für vier Tage auf der kleinen Wiese auf. Ein friedlicher Platz am Fuße des Ararat. Außer uns steht an den ersten beiden Tagen nur noch ein weiteres Zelt hier: Ein holländisches Pärchen, das in ihrer zweiundzwanzig Jahre alten Ente bis nach Ostanatolien gerollt ist. Die gleichaltrigen Emmen fangen an zu flirten.

1. Hoftor des Ishac Pasa Palastes, 2. Landschaft um Dogubayazit
Oben auf einem nicht weit entfernten Klippenabhang hinterm Zeltplatz thront die restaurierte Ruine des Ishac Pasa Palastes. Von dort haben wir eine super Aussicht auf die Umgebung und die Stadt. Im Zentrum von Dogubayazit gehen wir seit Ewigkeiten mal wieder in einen richtigen Supermarkt einkaufen. Als wir durch den Eingang kommen, nehmen wir erstaunt einen bekannten und wohltuenden Duft wahr: Es riecht nach Westen! Wie im Intershop. Jeder Ossi unter den Lesern wird sofort verstehen, was gemeint ist. Die riesige Süßigkeiten- und Waschmittelabteilung entfalten ihre Gerüche, die unsere Nasen beim Einkauf in den kleinen, verstaubten Tante-Emma-Läden der anderen Länder schon wieder vergessen hatten. Sofort überkommt uns ein Kaufrauschgefühl, den die Vernunft aber noch stoppen kann.
Ansonsten staunen wir nicht schlecht, wie viele teure Autos über die schlechten Straßen des Grenzortes fahren. Trotz achtzig Prozent Arbeitslosenquote. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Egal. Die alten Männer mit ihren Schnauzbärten, Schiebermützen und dickstoffigen Jackets und alle anderen Menschen in Dogubayazit sind eine freundliche und höfliche Gesellschaft. Wir fühlen uns hier sofort wohl und herzlich willkommen. Apropos Schnauzbart: Am türkischen Schnauzbart soll die politische Einstellung seines Trägers erkennbar sein. Deshalb dürfen Beamte in der Türkei nur eine bestimmte Bartlänge tragen und Studenten sogar gar keinen.
Mecit, dem das Leben tiefe Falten in sein braun gebranntes Gesicht gezeichnet hat, spielt abends auf dem Zeltplatz auf seiner traditionellen Gitarre kurdische Lieder und singt dazu mit seiner charismatischen, kratzigen Stimme. Damit schenkt er uns ein kleines Stück seiner alten kurdischen Kultur.
Kurdische Dörfer
In Ostanatolien ist die Türkei noch wild und voller Abenteuer, sagt man. Wir fahren auf Michas Emme trotz des verregneten Tages durch die kurdischen Dörfer. Wir sehen kleine, von der Zeit gezeichnete Feldsteinhäuser. Von den braunerdigen Höfen treiben die jungen Söhne schmutzige Schafherden auf die umlegenden Weiden. Auf den Feldsteinmauern entlang der moddrigen Dorfstraßen stapelt der Schafmist als Briketts zum Trocknen.

Balikgölü: Fischersee 50 km östlich von Dogubayazit
Wir gelangen an den Fischersee fünfzig Kilometer von Dogubayazit entfernt. Die Gewitterschauer der Berglandschaft können uns in den Regensachen nichts anhaben. Im Gegenteil. Wir genießen die Stimmung. Irgendwann am See gelangen wir in ein kleines Dorf: Bazirhan. Die Kinder laufen in Gummistiefeln umher und beobachten schüchtern unsere Ankunft. Die Männer aus dem Dorf kommen sofort näher, um die Fremden mit Handschlag zu begrüßen.

1. Gutes Gummistiefelwetter, 2. Ankunft im kurdischen Dorf Bazirhan
Wir kennen kein Wort kurdisch, aber wir verstehen die Einladung zum Chay. In einem einfachen Haus sitzen wir kurz danach mit jungen und alten Männern der Familie auf dem Teppichboden und trinken den starken Tee, den die junge und hübsche Ehefrau serviert. Respektierter Mittelpunkt ist ganz eindeutig der Großvater, der Micha lächelnd die Hand reicht.

1. Bazirhan: Willkommen zum Essen und Tee, 2. Ein Foto zum Abschied
Wir zeigen der neugierigen Runde die bisherige MZ-Reiseroute auf der kleinen Weltkarte. Das kommt immer gut an. Als wir Abschied nehmen wollen, werden wir gebeten, noch zum Essen zu bleiben. Solange wir den lecker zubereiteten Kartoffeln-Paprika-Tomaten-Mix genießen, sitzen die Frauen der Familie wie es Tradition ist gemeinsam außerhalb der Runde, bis die Männer fertig sind. Nur Suse darf sich wie immer zu den Herren dazugesellen.
Nach dem Besuch bei diesen netten Leuten fahren wir weiter zu den heißen Quellen. In einem Becken, das wir ganz privat nutzen können, heizen wir wie Gott uns schuf im schwefelhaltigen Wasser die steifen Muskeln und Glieder durch – und das unter plötzlich strahlend blauem Himmel und bei Sonnenschein.
Als wir zum Campingplatz zurückkehren, begrüßen wir neue Zeltnachbarn: zwei Hamburger auf ihren Enduros und ein Motorradpärchen aus Köln. Zum ersten Mal während unseres MZ-Abenteuers sitzen wir in einer Biker-Runde zusammen und finden es schön, wieder original Hamburger Slang zu hören.
Kars-Istanbul im Dogu Ekspresi
16. Juni. Wir schütteln Mercit und Bertil die Hand, ziehen die Motorradhandschuhe über und kicken an. Dicht am großen Ararat vorbei – der vor einem Jahr zwei deutschen Bergsteigern durch die PKK zum Verhängnis wurde – knattern wir in die Stadt Kars.

MZ vorm Ararat (5137m) – der höchste Berg der Türkei
Wir haben gehört, dass man dort problemlos mit den Motorrädern im Zug bis nach Istanbul fahren kann. Leider ist die Reisekasse fast leer und wir sparen viel Geld, wenn wir die relativ teure Türkei diesmal auf der Schiene bereisen. Zugfahren ist eine schöne Abwechslung und die siebenunddreißig Stunden im sog. Dogu Ekspresi eine 1.435-Kilometer-Strecke mit bester Aussicht.
Motosiklet no!
Als wir in Kars ankommen, fahren wir sofort zum Bahnhof, um die reservierten Schlafwagentickets abzuholen. Am Telefon vor ein paar Tagen hat man uns bestätigt, dass auch die Emmen im Dogu Ekspresi mitfahren können. Die Dame am Schalter in Kars sieht das aber anders, als wir auf die Mopeds zu sprechen kommen. „Motosiklet no,” wiederholt sie ständig und schüttelt dabei mit dem Köpfchen. Wir lassen nicht locker, bis sie ihren Boss anruft. Dann erweitert sie plötzlich ihren einen Satz: „Motosiklet no problem.” Das hört sich schon besser an. Tescheküler (Dankeschön)!
Morgens um halb Acht stellen wir uns mit beiden Emmen auf den Bahnsteig Nummer 1 am kleinen Bahnhof von Kars. Wir suchen den Verladechef oder irgendjemand anderen von der Türkischen Staatsbahn, der uns sagen kann, wie wir die Motosiklets verladen sollen. Aber einen Verladechef gibt es nicht, denn Fahrzeuge werden auf diesem Bahnhof nicht verladen. Wir berufen uns mit einem Lächeln auf das Versprechen von gestern: Motosiklet no problem! Das Bahnhofspersonal ist glücklicherweise lösungsorientiert und macht eine Ausnahme: Tamam (OK). Motosiklet no problem!

Auf dem MZ-Ticket wird Michael Linke zu Mikail Gök Gök
Als der Dogu Ekspresi einrollt, heben die Männer die Emmen mit den Händen rauf in den leeren Cargo-Wagon, wo sich ansonsten nur Kisten oder ähnliches stapeln. Danach rätselt der Zugchef, wie er der Form entsprechend abrechnen kann. In der Preistabelle auf seinem Klemmbrett gibt es keine Angabe für mehr als fünfzig Kilogramm Frachtgewicht. Er schätzt. Und mit hundert Kilogramm pro Moped liegt er zwar ein bisschen daneben, aber wir freuen uns sehr über das Schnäppchen von dreiunddreißig Euro pro Motorradfahrkarte. Am Ende reist unsere kleine “Familie” für insgesamt hundertfünfzig Euro erster Klasse von Ost nach West durchs ganze Land.

37+5 Stunden gemütliches Reisen im Privatabteil der türkischen Staatsbahn
Der Zug rollt pünktlich auf die Minute um 9:10 Uhr aus dem Bahnhof. Wir machen es uns für die fahrplanmäßig nächsten siebenunddreißig Stunden im Privatabteil gemütlich. Keine schwere Aufgabe. Aus dem Fenster gucken wir erst noch auf Felder und Berge, auf die die Sonne scheint. Nicht lange, und es regnet wieder. Dann macht die Reise im trockenen Zug doppelt Spaß.
Nach einem super Sonnenuntergang schunkelt uns der Wagon, der durch etliche Kurven und Bergtunnel trödelt, auf weichen Klappbetten in den Halbschlaf. Ein paar Schienenabschnitte sind wohl sehr alt. Die Räder reiben und quietschten an den Gleisen entlang und rattern laut im Takt. Manchmal könnte man denken, dass wir gleich entgleisen. Aber wohl nicht bei dem Tempo.

Ausblick auf die Abendlandschaft
Mit unglaublichen fünf Stunden Verspätung trudeln wir nachts um drei auf dem Haydarpaşa Bahnhof in Istanbul ein. Wir sind auf einmal hell wach. Die Abladung der Emmen klappt reibungslos und wir nutzen die verführerische Stille der Nacht, um uns auf leeren Straßen aus Istanbul davonzustehlen. In dieser Stadt haben wir vor fast genau einem Jahr den Schritt nach Asien gemacht. Jetzt bringt uns die lila beleuchtete Bosporusbrücke bei ersten Anzeichen einer Morgendämmerung wieder zurück. Asien adè! Willkommen in Europa!