Turkmenistan-Transit: Unser Wüstenmarathon

20. Juli 2008

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Nach 34 Stunden auf dem Meer: Ankunft in Turkmenbashi

Wir fahren unsere Mopeds über eine alte klapprige Holzbohlenrampe in den dunklen, öligen Rumpf der Fähre nach Turkmenbashi. Außer ein paar alten Güterwagons können wir kein anderes Fahrzeug sehen. Personal zur Einweisung oder Gurte zum Festzurren – Fehlanzeige. Unser schweres Gepäck schleppen wir über zahlreiche Hindernisse übers ganze Schiff hoch zu unserer teuren Kabine Nummer 5. Der Schweiß strömt aus allen Poren. Wir tauschen unsere Pässe gegen den Kabinenschlüssel ein.

Erschöpft betreten wir unsere vermeintliche Luxussuite der fast menschenleeren Fähre aus den frühen Achtzigern. Keine Ahnung, wie viel tausende Passagiere vor uns auf diesen Teppich gekleckert und in die alten Matratzen geschwitzt haben. Es gibt keine Bettwäsche oder Handtücher, wenigstens haben wir ein Fenster „mit Blick aufs Meer“ und eine halbwegs funktionierende Dusche und Toilette.

Um drei Uhr morgens werden wir nach ruhiger Überfahrt vom Rasseln der Ankerketten geweckt. Sind wir da? Die Aufregung steigt. Micha guckt aus dem kleinen Kabinenfenster in die Dunkelheit. In der Ferne leuchten Lichter einer Stadt: Turkmenbashi?Wir ankern an dieser Stelle bis zum Sonnenaufgang und schlafen noch mal ein. Leider wissen wir da noch nicht, dass wir insgesamt 19 Stunden in dieser Position ausharren werden, da der turkmenische Grenzhafen geschlossen ist. Warum, wissen wir bis heute nicht.


19 Stunden Blick auf Turkmenbashis Hafen

Nach ewigem Warten an Deck und sonst wo auf dem verwaisten Boot laufen wir endlich ein. Es ist Mitternacht und uns steht ein vierstündiger Papierkrieg bevor. Der kostet uns pro Person mehr als hundert Dollar. Dafür haben wir einen ganzen Stapel bunter Dokumente in der Tasche. Die Beamten sind überraschend nett und servieren uns Tee und Süßigkeiten zur Halbzeit. Wir können es kaum glauben, aber auf eine Gepäckkontrolle hat jetzt offenbar keiner mehr Lust. Ein Glück, wir auch nicht! Nach zweieinhalb Stunden Schlaf auf dem Fußboden des Hafengebäudes starten wir bei Sonnenaufgang unsere erste von vier Etappen: 152 Kilometer bis nach Balkanabat.


Grenzpapiere pro Person

Vier Tage, 1.200 Kilometer Wüste und 50 Grad

Wir haben einenganzen Tag unseres 5-Tage-Visums verloren und vor uns liegen insgesamt etwa 1.200 Kilometer Wüstentransit durch die Karakum bei etwa 50 Grad Hitze. Wir werden die wenigen großen Städte Balkanabat, Ashgabat, Mary und Turkmenabat an der Grenze zu Usbekistan ansteuern. DieTransitstraße soll asphaltiert, aber schlecht sein und uns grault vor den bekannten Polizeikstopps an den etlichen Kontrollstationen.


Optimistisch

Rekordverdächtig: Unsere Anzahl an Polizeikontrollen

Als wir am 13. Juli morgens um halb Sieben aus dem Hafen in Turkmenbashi losfahren, werden wir – die Grenzstation noch nicht mal aus den Augen – fünfhundert Meter weiter zum ersten Mal mit der Trillerpfeife angehalten. Die beiden Polizisten stürmen aus ihrem Wartehäuschen auf die Straße und setzen sich noch schnell und ordnungsgemäße ihre grüne Kappe auf: „Passport!“

Sie gucken wie die Sau ins Uhrwerk, als wir ihnen alle Grenzpapiere überreichen, die wir vor ein paar Stunden geduldig eingesammelt haben. Micha soll mit ins Kontrollhaus kommen, dort wird der Vorgesetzte hinzugeholt. Nach einer Viertelstunde kommt der Chef und macht uns klar, dass wir ihm in seinem Lada Samara folgen sollen. Nach einer zehnminütigen Fahrt durch Turkmenbashi in die eigentlich umgekehrte Richtung hält er an der Kontrollstation am anderen Ende der Stadt und meint nur: Hier entlang geht’s nach Ashgabat, gute Reise! Dieser Kontrollpunkt war der einzige und letzte in ganz Turkmenistan, an dem wir anhalten mussten. Unglaublich! Nur noch ein zweites Mal wurden wir irgendwo vor Ashgabad gestoppt. Da wurden allerdings nur die MZ neugierig beguckt und uns kühles Trinkwasser überreicht. Sahen wir so fertig aus?

Wir sind reich!

In Balkanabat tauschen wir Geld auf dem Schwarzmarkt, denn nur hier bekommen wir einen realistischen Kurs: Ein US-Dollar ist etwa 14.200 Manat wert. Mit einem Riesenstapel Geldscheinen im Portemonnaie sind wir endlich reich, oder? Wir beschließen, uns in Turkmenistan nach jeder Etappe mit einer Übernachtung in einem Topend-Hotel zu belohnen, d.h. ein Zimmer mit Klimaanlage und sauberem Bad. Das kostet etwa 60 Luxusdollar pro Nacht. So können wir uns abends jedoch gut von der stundenlangen Fahrt erholen.

Interessante Wegpunkte: Tankstellen und Hotels

Die „Highlights“ unserer Turkmenistandurchreise sind leider nur Tankstellen und Hotels. Wir ärgern uns immer noch darüber, dass längere Aufenthalte nur mit persönlichem Tourguide möglich sind. Vielleicht kommen wir irgendwann noch mal in dieses eigenartige, aber interessante Land des Turkmenbashis zurück und haben mehr Zeit und Geld in der Tasche.


Auftanken: Einmal mit Wasser, einmal mit Benzin

Wir fahren jeden Tag von früh bis in den späten Nachmittag hinein die endlose Straße entlang. Der Kilometerzähler dreht sich zäh. Zu unserem glücklichen Erstaunen ist der Asphalt gut befahrbar für unsere Packesel, d.h. wir kommen fast durchweg auf die Höchstgeschwindigkeit von 75-80 km/h. Trotzdem zieht sich die Fahrt. Der Fahrtwind ist heiß. Auch die aufgeschnallten Wasserflaschen kommen schnell auf 40 bis 50 Grad Temperatur, aber daran gewöhnen wir uns. Tankstellen gibt es zum Glück ausreichend, so dass wir alle 200 Kilometer nachladen können.

Bitte keine Panne in der Wüste

In der Mitte unserer zweiten Etappe nach Ashgabad kommt Suses Mopped auf einmal zum Stehen. Jetzt schon Benzinreserve? Das kann nicht sein. Die nächste Tankstelle ist außerdem noch 70 Kilometer entfernt. Den Reserveschalter umgelegt fahren wir ein paar Kilometer weiter und wieder Ruckeln bis zum Stillstand. Ja, wir kommen nicht drum rum: Ein kleiner Reparaturstopp in der Mittagshitze, am staubigen Straßenrand mitten im No-where. Micha vermutet und hofft auf einen Fehler in der Zündung. Er stellt den Unterbrecherkontakt wieder richtig ein und weiter geht die Fahrt! Puhhh…

Die restlichen Etappen des Marathons überstehen wir ohne Zwischenfälle. Allerdings lassen die Kräfte ganz schön nach. Auf der letzten Strecke von Mary bis zur Grenze ist besonders Suse regelrecht erschöpft. Die Hitze schlaucht, an Essen ist längst nicht mehr zu denken. Der ersehnte Grenzübergang nach Usbekistan ist kein einziges Mal ausgeschildert. Wir heuern wieder einen Taxifahrer an, uns zu führen – ohne hätten wir den Weg mit den vielen Abbiegungen niemals gefunden.

Wo ist Usbekistan?

Die turkmenische Grenze bei Farab erstreckt sich über mehrere Kilometer. Wir fahren zunächst über eine klapprige Pontonbrücke. Dann kommen hier noch ein Grenzposten und da noch ein Posten. Wir schwitzen und stinken, sind müde und wollen endlich absteigen. Wo ist Usbekistan? Als Abschiedsgeschenk bekommt Suse jetzt auch noch ihr erstes schlimmes Verdauungsproblem. Und irgendwann sind wir da: am ersehnten Grenzgebäude der Usbeken…