Usbekistan: Wir spüren die Seidenstraße

21. Juli 2008

Rumhängen in Bukhara: Der ideale Ort für entspannte Tage

Über die Grenze gekrochen

Als wir am 16. Juli die usbekische Grenze ohne große Hindernisse passieren, fühlen wir uns erstmals richtig ausgepowert. Suse – müde und geplagt von Bauchschmerzen – kriecht regelrecht durch die Kontrollstellen. Wir sehnen uns nach einem Platz zum Schlafen…

Die erste Nacht im neuen Land Usbekistan verbringen wir vierzig Kilometer weiter, in Qarakol. Bis nach Bukhara hätte Suse es nicht mehr geschafft. Das einzige “Hotel“ in der nicht bemerkenswerten Stadt ist gruselig. Wir kommen dort im Dunkeln an und legen uns sofort zum Schlafen auf den Fußboden eines stickigen Raumes. Es stinkt streng aus dem Hockklo, das Fenster lässt sich nicht öffnen. Egal, Hauptsache ausruhen und morgen ganz früh geht’s nach Bukhara.

Bukhara: Im Suhrob Barzu am Lyabi Khauz

Die alte Seidenstraßenstätte Bukhara ist eine wunderbare Belohnung für uns. Wir genießen hier acht entspannte Tage und wohnen solange in dem kleinen, schönen Privathotel Suhrob Barzu mitten in der Altstadt. Der um die Ecke liegende Lyabi-Khauz-Platz ist das touristische Zentrum der Stadt. Zwar ist es hier sehr ruhig und überschaubar, wir haben aber trotzdem nicht mit so vielen anderen Reisenden aus aller Welt gerechnet.

Wir leben ohne großen Plan in den Tag hinein. Wir schlafen uns richtig aus, bummeln ohne Zeitgefühl durch die Gassen und Medressen, fotografieren, plaudern so gut es geht mit Einheimischen oder anderen Reisenden. Nach dem Frühstück besuchen wir die beeindruckenden Residenzen damaliger Herrscher oder restaurierte religiöse Stätten wie die Gräberstadt Chor Bakr.

Wir kaufen Waschseife auf dem bunten, unübersichtlichen Kolhoz-Basar und werfen Blicke in die traditionellen und noch heute geförderten Werksstätten für Seidenstickerei, Malerei, Teppichweberei und Metallhandwerkskunst. Hier spüren wir endlich die alte Seidenstraßenromantik. Wenn es uns draußen zu heiß wird, ziehen wir uns in unser klimatisiertes Zuhause zurück – zum Lesen, Schreiben, Faulenzen. Abends probieren wir verschiedene typische Speisen wie Plov und gehen manchmal noch ins Internetcafè.

Gespräch mit Dilbor Hasanowa

Neben den wunderbaren Sehenswürdigkeiten versuchen wir herauszufinden, wie Bukharaner heute leben. Als wir eines Nachmittags die königliche Festung Ark besichtigen, treffen wir eine ältere Frau, die am Eingang traditionelle Miniaturmalereien ihres Sohnes verkauft. Dilbor Hasanowa – eine stolze und interessierte Frau – spricht uns auf Deutsch an. Sie hat unsere Sprache jahrelang an der Universität in Bukhara unterrichtet. Heute ist sie Rentnerin, lebt von siebzig Euro Pension im Monat – das ist mehr, als andere bekommen – und unterstützt ihren 34-jährigen Sohn Bobir beim Verkauf seiner Bilder.

Dilbor lädt uns am nächsten Abend zu sich nachhause ein. Sie lebt mit ihrem Sohn Bobir und seiner jungen Familie unter einem Dach. Es ist ein kleines, gemütliches Haus. Im Wohnzimmer steht eine große Holztruhe randvoll mit antiken arabischen Büchern. An der Wand hängt ein auf Leder verfasstes islamisches Gebet. Wir setzen uns gemeinsam an den mit verschiedenen regionalen Früchten gedeckten Tisch auf den Boden und fangen an zu erzählen.

Wir unterhalten uns mit entspannten, zufriedenen und gebildeten Menschen, die nach dem Koran leben und sich stark in ihrer Kultur verankert fühlen. Bobir zeigt uns ein paar seiner Kunstwerke. Die Ornamente und religiösen Schriftzüge sind so fein gezeichnet, dass er vom Malen kurzsichtig geworden ist. Seine Frau serviert uns das Abendessen. Sie arbeitet heute ebenfalls als Deutschlehrerin. Beide würden sehr gerne mal nach Deutschland reisen, aber dafür reicht ihr Geld bei Weitem nicht aus. Bobir ist ersatzweise im Internet „unterwegs“ und träumt seit langem von einem realen Besuch im Dresdner „Neuen Gewölbe“. Wir hoffen, dass er sich diesen Traum vielleicht irgendwann erfüllen kann. Das wäre dann auch unsere Gelegenheit, sich für ihre bedingungslose Gastfreundschaft bei der Familie zu revanchieren.


Usbekistan: Post aus Samarkand

3. August 2008

Samarkand: Ein Mix aus Sowjetstyle und 1001 Nacht

Wir sind insgesamt neun Tage in Samarkand und solange wohnen wir im Gasthaus Dilshoda gleich neben dem Guri Amir Mausoleum. Zentrum des Geschehens in der privaten Pension ist der gemütliche Innenhof, in dem man die nette Gastfamilie trifft und sein Frühstück auf traditionellen Möbeln isst: auf einem bettähnlichen Holzgestell (Tapchan) und bunten Matratzen (Kurpacha). Frühstück ist für uns die willkommenste Mahlzeit. Am Abend serviert dann der Usbeke oft das Nationalgericht Plov (Eintopf aus Reis, Gemüse und Fleisch, in Öl gegart). Das ist zwar ganz lecker, aber ziemlich schwer verdaulich. Wir mussten in Samarkand leider noch mal eine Diät einlegen, da uns ein noch schlimmeres Magen-Darm-Problem zwei Tage lang ans Bett und Klo gefesselt hat. Diesmal haben wir härteres Geschütz aufgefahren: Antibiotika. Zum Glück hat es gut gewirkt.


Frühstück und Plov

Leider sind die Tage derzeit extrem heiß. Usbekistan hat dieses Jahr einen Rekordsommer. Zwischen zwölf und sechszehn Uhr ist es nur im Schatten oder Hotel auszuhalten. Es sei denn, man verträgt die gefühlte 60-Grad-Hitze. Wir ertragen sie kaum. Daher besuchen wir nur vor und nach der Hitzespeerstunde die 1001-Nacht-Denkmäler wie Registan, Guri Amir Mausoleum und Bibi Khanym Moschee. Auf dem Weg dorthin passieren wir das architektonische Erbe der Sowjetunion: Hotels, Parks und Alleen im unverkennbaren Stil. Hier in Samarkand liegen 1001 Nacht und Sowjetstyle sehr dicht beieinander.

Wenn wir kein Sightseeing machen, sitzen wir am Computer, lesen im Reiseführer, gehen kurz Einkaufen oder liegen ermattet von nur einem 2-Kilometer-Fußmarsch auf dem Bett. Als Ausländer durch Samarkand zu laufen kann sehr anstrengend und teilweise nervig sein. Denn touristenähnliche Wesen müssen in Usbekistan für fast alles das Zwei- bis Dreifache bezahlen. Ob nun für Sehenswürdigkeiten, Unterkunft, Taxi oder Essen. Die Usbeken haben das gute Geschäft mit dem Tourismus schnell gelernt. Darum müssen wir auch täglich und überall aufs Neue verhandeln und aufpassen, dass wir möglichst wenig ausgenutzt werden. Unsere Verhandlungstricks werden zwar von Tag zu Tag besser, die Lust auf ständige Spielchen aber immer geringer. Leider versteht hier niemand den Unterschied zwischen normalen Touristen, die im Urlaub nicht unbedingt aufs Geld achten müssen, und relativ armen Reisenden wie uns, die ein Kostenbuch zu führen haben.

Amüsanter Sonntagsbasar in Urgut

Sonntag ist keinesfalls Ruhe-, sondern Basartag! Der Basar ist neben der Familie der wichtigste Lebensbestandteil, auch deshalb, weil er für die meisten Menschen im Lande die Haupteinnahmequelle ist. Hier trifft man Doktoren, die ihren Job im Krankenhaus gegen einen Basarverkaufsstand getauscht haben, weil sie damit besser verdienen.

Wir drängeln uns in Samarkand mit ein paar Frauen in den Minibus nach Urgut, um uns vierzig Kilometer weiter das Treiben auf einem zentralasiatischen Großmarkt anzugucken. Auf der Straße vor dem Basar fängt das Durcheinander schon an. Etliche alte Ladas und Busse suchen links und rechts eine Lücke zum Anhalten, Aus- und Zusteigen und Weiterfahren. Wir wagen uns gleich in den lauten Basar-Dschungel und irren für drei Stunden durchs Labyrinth aus Ständen, an denen Lebensmittel, Stoffe, Kleider, Schuhe, Haushaltswaren und so weiter gehandelt werden. Frauen in bunt gemusterten, luftigen Kleidern und dem Handy-Taschenrechner in der Hand managen das Geschäft. Beim Anblick zwar chaotisch, ist die Stimmung auf dem Urgutbasar doch irgendwie sehr entspannt. Ungestört beobachten wir die Menge an Leuten; ab und zu spaßen sie mit uns herum. Impressionen vom Basar findet Ihr hier: Fotos

 Beim Seidenkönig von Samarkand

2. August 2008. Unser letzter Tag in Samarkand. Es ist erst zehn Uhr morgens und schon wieder misst es 40 Grad im Schatten. Muhammad Ewaz Badghisi, 92 Jahre alt und immer noch jeden Tag bei der Arbeit, führt uns heute den ganzen Vormittag in aller Ruhe durch seine kleine, berühmte Seidenteppichfabrik. „Samarkand Bukhara Silk Carpets“ ist die Einzige in ganz Zentralasien. Der sog. Seidenkönig von Samarkand hat seine Geheimnisse des Seidenteppichhandwerks durch die sowjetische Ära gerettet.

„Stalin wollte damals kein Handwerk,“ sagt Muhammad. Der bescheidene Alte ist gebürtiger Turkmene, war Sohn eines reichen Geschäftsmannes und hat die meiste Zeit seines Lebens in Afghanistan verbracht. Auf der Flucht vor den Russen war er später ein paar Jahre in den USA und auch in Deutschland. Seine Passion für die Teppichkunst, die Muhammads Familie über mehrere Generationen weitergegeben hat, gab er zu keiner Zeit auf. Seit 1992 lebt er wieder in Zentralasien und hat die Seidenteppichherstellung nach Samarkand zurückgebracht.

Muhammad zeigt uns stolz die Wandtafel mit Fotos von zentralasiatischen Staatsoberhäuptern, Kofi Annan und Hillary Clinton – sie alle haben sein traditionelles Handwerk bereits persönlich bestaunt. „Joschka Fischer aus Deutschland hat hier auch schon einen Teppich gekauft,“ erzählt er uns auf Englisch. Wir setzen uns zusammen in den sog. Showroom vor die Stapel wertvoller Seidenteppiche. Er schlägt jeden Teppich einzeln für uns um. Wir streichen über die samtweiche, schimmernde Oberfläche und sind beeindruckt vom Endprodukt der teilweise zwei Jahre langen Handarbeit pro Exemplar.

1. Spinnerei, 2. Quelle für rote Farbe, 3. Mustervorlage

Für den Seidenkönig arbeiten derzeit 450 junge Frauen. Sie spinnen die Seidenfäden aus den Raupenkokons, färben die Fasern mit ausschließlich natürlichen Farbstoffen (z.B. von Granatapfel, Wallnuss oder Maulbeerbaum) und knüpfen am Ende die Teppiche nach verschiedenen traditionellen Mustern. Viele der hochwertigen Stücke sind Auftragsarbeiten fürs Ausland. In sechs Quadratmeter einzigartige Seidenteppichqualität investiert man als Käufer etwa eintausend Euro. Wie viel die Mädchen hier verdienen, haben wir nicht gefragt, aber bei den Arbeitsverhältnissen orientiert sich die Fabrik wohl bewusst an westlichen Normen.

4. Am Webstuhl, 5. Exemplare im Showroom, 6. Signatur für Qualität

Wir genießen die interessante Privatführung des erfahrenen Mannes. Am Ende können wir Muhammad erstaunlicherweise ebenfalls beeindrucken, als wir ihm erzählen, dass wir auf dem Motorrad nach Samarkand gekommen sind. Er möchte sogar noch ein Foto machen, damit er Anderen von uns berichten kann. Muhammad begleitet uns am Ende hinaus bis auf die Straße und hält ein Auto für uns an, das uns zurückfahren soll. Glücklich über diese Begegnung bedanken und verabschieden wir uns vom Seidenkönig von Samarkand.

Spannende Frage: Wie kommen wir nach Indien?

Leider können wir nicht ewig in Samarkand und bei unserer mittlerweile lieb gewonnen Familie aus der Dilshoda-Pension bleiben. Die Pension ist sehr gut besucht. Täglich sehen wir neue Gäste kommen und wieder gehen: Franzosen, Österreicher, Belgier, Amerikaner… Sie alle bleiben meistens nur ein, zwei Tage. Bleibt man etwas länger, so wie wir, kommt man der Pensionsgroßfamilie inkl. Babuschka und Enkeln langsam näher und es entsteht eine ganz andere, vertraute Atmosphäre.

Wie es von hier aus mit unserer Reise nach Indien weitergeht, planen wir mehrere Stunden. Wir sitzen über den Landkarten von Tadschikistan, China und Pakistan und spielen die Route über den Pamir- und Karakorumhighway durch: Wo können wir übernachten und wie kommen wir an Benzin? Wie viele hohe Gebirgspässe gibt es? Wie sind die Straßenverhältnisse im September? Wann genau beginnen wir den Chinatransit? Wie kommen wir notfalls nach Indien, wenn unsere Motorräder an den Pässen schlapp machen? Wir müssten unsere Aufenthaltserlaubnis für Tadschikistan und Kirgistan in den nächsten Tagen in Taschkent zeitlich noch einmal ändern lassen, damit alles klappt. Wir holen uns per E-Mail ein paar Tipps von der spezialisierten Reiseagentur Stantours in Almaty und sprechen mit anderen Reisenden.

1. Lange Reiseplanung, 2. Pakete werden sicher versiegelt

Um etwas Gewicht einzusparen, sortieren wir noch unser Gepäck aus und schicken ein immerhin 5-Kilo-Paket nach Deutschland zurück. Der Besuch bei der Post hat zweieinhalb Stunden gedauert. Alles wurde auseinander genommen, notiert, gewogen, in drei Teilen neu verpackt und versiegelt. Mal sehen, ob und wann das Zuhause ankommt. Oben ist wenigsten schon mal ein Foto, wie eines der drei Pakete aussieht.


Usbekistan: Taschkent und Ausflug ins Goldene Tal

13. August 2008

Spontaner Zwischenstopp bei Alis Familie

3. August und Abfahrt in Samarkand. Wir fühlen uns wie auf unserem Wüstentransit: Es ist noch heißer als sonst; wir fahren durch glühende Luft. Der Fernsehwetterbericht sagt absichtlich nur 38 Grad voraus, obwohl es 48 werden, denn die Leute sollen trotz der Hitze weiter zur Arbeit gehen. Dreihundert Kilometer bis nach Taschkent werden an so einem Tag zum Marathon.

Wir halten auf der Hälfte der Strecke in Yangiyer an und kaufen uns im Basar zwei herbeigesehnte Liter Limo aus dem Kühlschrank. Natürlich bleiben wir nicht lange allein mit unseren Mopeds. Unter den neugierigen, erfreuten Männern, die uns umkreist haben, ist auch Ali. Mit unserem Mix aus russischen und englischen Vokabeln erzählen wir ihm gerne (wie bereits zig Anderen zuvor), wo wir herkommen, hinwollen und beantworten alle Fragen zu den MZ. Wie so oft bekommen wir das typisch eiernde Kopfschütteln zu sehen. Gleichzeitig dazu wird mit der Zunge geschnallst. Diese Geste soll uns sagen, dass sie sehr verwundert sind.

Ali ist mit seinem noch älteren, orangenem Moskwitch da – auch ein spannendes Gefährt. Er möchte uns gern sein Haus und seine vier Kinder zeigen und macht uns euphorisch klar, dass wir ihm folgen sollen. Weil er so sympathisch ist und wir sowieso eine Pause brauchen, fahren wir mit.

1. Ali, seine Kinder und ein Cousin, 2. v.l. Alis Frau, Nachbarin und Alis Kids

Alis Haus ist sehr einfach und noch unrenoviert. Er hat zwanzig Jahre lang als Arzt im Krankenhaus gearbeitet. Heute ist er auf dem Basar beschäftigt, weil er dort wesentlich mehr verdient, und spart für den Umbau seines Hauses, ein neues Auto und die Hochzeiten seiner drei jungen Söhne. Denn wie es die Tradition verlangt, werden die Söhne recht früh verheiratet und die Eltern des Bräutigams bezahlen das Fest. In traditionellen usbekischen Familien sind Hochzeiten das größte Ereignis. Mindestens drei-, vierhundert Gäste feiern mit und zwischen drei- und zehntausend Euro werden dafür ausgegeben. Bei einem Monatsverdienst als Arzt von etwa zweihundert Euro wird praktisch nur für die Hochzeiten der Kinder gespart.

Wir sitzen im Wohnzimmer, Alis liebe Frau und zwölfjährige Tochter servieren uns Essen und Tee. Er stellt uns stolz seine Kinder vor, die aufgeregt durchs Haus flitzen. Die Atmosphäre ist wieder einmal sehr angenehm und wir bleiben hier noch über Nacht. Nach ihrem Abendgebet gen Mekka serviert uns die Familie draußen auf dem Hof den berühmten Plov und zeigt uns das Video einer usbekischen Fernsehshow, in der die Eltern vor zehn Jahren aufgetreten sind. Ein sehr lustiger und entspannter Abend. Um Mitternacht legen wir uns alle gemeinsam zum Schlafen unter den Sternenhimmel auf den Hof und genießen die relativ kühle Nacht. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück geht’s dann weiter nach Taschkent. Ali kümmert sich bald um eine eigene E-Mailadresse, damit er uns schreiben kann.

Ein paar Arbeitstage in Taschkent

In der Hauptstadt erledigen wir hauptsächlich ein paar bürokratische Angelegenheiten: Wir verlängern für 110 Dollar unsere beiden Kirgistanvisa und beantragen neue Visa für Tadschikistan, die wir uns in zwei Wochen in der Botschaft abholen können. Visaangelegenheiten sind ein gutes Geschäft für die jeweilige Staatskasse (oder das Privatkonto des Beamten). Außerdem tauschen wir einen kleinen Stapel Traveler Cheques in der National Bank of Usbekistan gegen Dollar um – ein Akt von zwei Besuchen und insgesamt vier Stunden, da Michas Unterschrift auf den Cheques nicht hundertprozentig mit der Signatur in seinem Reisepass übereinstimmte. Nach dem Scannen jedes einzelnen Cheques, unseres Kaufbelegs und unserer Pässe sowieso nach mehrfacher Rücksprache mit American Express haben wir endlich unser Geld in der Hand und können verschwinden.

Der Osman Koran: Ältester Koran der Welt

In der Bibliothek auf dem 2007 restaurierten Hasti Imom Komplex in Taschkent besichtigen wir den ältesten Koran der Welt: den 1361-jährigen Osman Koran. Der Kalif Osman bin Affan hatte im siebten Jahrhundert das etwa 35 Kilogramm schwere Buch in Auftrag gegeben. Jede seiner 338 Seiten ist aus Ziegenleder und 53×68 cm groß. Der Osman Koran gehört seit 1989 der Usbekischen Muslimischen Gemeinde. Die Unesco hat seine Echtheit bestätigt. Ein anderer Beweis soll ein Abdruck der Stirn des Kalifen Osman auf dem Buch sein, denn der Kalif wurde beim Lesen des Korans getötet.

Reisetauglich: Alter Mini-Koran mit Ledertasche und Lupe

Durch Polizisten streng bewacht dürfen wir von dem heiligen Riesenexemplar leider keine Aufnahmen machen. Streng genommen ist es nicht einmal erlaubt, dass Frauen sich den Osman Koran ansehen. Bei Touristinnen wird allerdings eine Ausnahme gemacht. Mit freundlicher Zustimmung eines Polizisten darf Micha zumindest von der zweihundert Jahre alten Miniaturvariante des Korans (1 Seite ca. 2x3cm) heimlich und schnell ein Foto machen.

Investition in die Geschichte

Renovierte Barakon Medressa auf dem Hasti Imom Komplex

Präsident Islam Karimov setzt auf den Tourismus als wichtig(st)en Wirtschaftszweig seines Landes. In den letzten Jahren wurden unter seiner Regierung sämtliche historische Gebäude(komplexe) aufwendig renoviert. Dazu gehört auch der Hasti Imom Komplex in Taschkent. Mit Blick auf Nachbarländer wie Kasachstan, die ökonomisch besser dastehen, versucht das bodenschatzarme Usbekistan seine alte Geschichte zu nutzen und fördert die touristische Entwicklung. Das ist als Reisender zu merken, besonders auch am neuen Verhalten der Polizei gegenüber Ausländern. Korruption und lästige Kontrollen auf der Straße hat Karimov anscheinend untersagt; Sicherheit wird dafür groß geschrieben. Die vielen Polizisten gehören heute zu den Besserverdienern in Usbekistan. Für ihre starke Präsenz zahlt die Bevölkerung zwanzig Prozent ihres Einkommens an den Staat.

Ausflug ins Fergana-Tal: Der goldene Osten Usbekistans

Wir haben noch genügend Zeit, uns den Osten des Landes anzusehen: das Fergana-Tal mit Städten wie Kokand, Andijan, Margilan und Fergana. Es ist das Tal der Seiden- und Baumwollindustrie, Nährboden für Früchte und der am dichtesten besiedelte Landesteil. Man nennt es das Goldene Tal.

Kurzer Halt auf dem Weg nach Fergana

Wir wohnen eine Woche in Fergana und bereisen von hier aus die Gegend. Wir kommen in der schönen Wohnung von Shahida unter: „Willkommen im Golden Valley Guesthouse,“ begrüßt sie uns. Shahida ist 35 Jahre alt, eine rührige und schlaue Frau. Sie lebt hier mit ihrem siebzehnjährigen Sohn und besitzt noch ein großes Haus außerhalb der Stadt. In ihrer gemütlichen Stadtwohnung quartiert sie im Sommer Touristen wie uns ein. Nebenbei gibt sie hier außerdem Privatunterricht in Englisch und Russisch. Das Golden Valley Guesthouse ist seit 2001 ihr eigenes kleines Business; ihr Mann arbeitet als Chirurg in Taschkent. Wir fühlen uns hier wunderbar aufgehoben, nicht zuletzt, weil wir bei Ankunft ein drittes Mal krank werden und ärztlichen Rat benötigen. Diesmal soll eine Metronidazol-Kur die vermutlichen Parasiten in unserem Darm dauerhaft bekämpfen. Leider kann man als Langzeitreisender solchen Wehwehchen kaum aus dem Wege gehen.

1. Kokonabwicklung, 2. Seidenfadenballen, 3. Gefärbte Seide am Webstuhl

Zum Glück hat die Hitze etwas nachgelassen und wir können einen Ausflug in die Yodgorlik-Seidenfabrik in Margilan machen – das Zentrum der usbekischen Seidenproduktion. Usbekistan ist drittgrößter Seidenproduzent der Welt. Die Yodgorlik-Fabrik stellt jeden Monat zwanzigtausend Quadratmeter reine Seide her. Rohstoff des Geschäfts sind natürlich die Seidenraupenkokons, auf deren Lieferung die usbekische Regierung ein Monopol hält. Private Bauern züchten die Kokons in ihren Häusern und verkaufen sie im Frühjahr zu festgeschriebenem Preis ausschließlich an den Staat. Die Kokons landen dann in der Seidenfabrik, wo sie vorsichtig abgewickelt werden. Ein einzelner Kokon besteht aus etwa 1200 Meter Seidenspur. Zwölf solcher Spuren werden zu einem Seidenfaden gesponnen, der auf traditionelle Weise eingefärbt und dann in der Weberei zu Stoff für Kleidung weiter verarbeitet wird.

Die MZ werden höhentauglich gemacht

In Fergana haben unsere Mopeds einen Garagenplatz auf dem Hof – eine gute Gelegenheit, die Packesel in Ruhe fürs Hochgebirge zu präparieren. Micha wechselt sein abgenutztes Kettenrad aus und baut bei beiden MZ ein kleineres Ritzel ein. Außerdem durchbohrt er die Luftfilterdeckel und überzieht sie mit Staub abhaltenden Nylonstrümpfen. So bekommen beide Esel hoffentlich genug Sauerstoff, wenn die Luft an den Pässen dünner wird. Mit diesen Tricks könnten wir es über den Pamir schaffen.

Suse schreibt solange Bloggeschichten und kocht würzige Bratkartoffeln. Wie gerne würden wir dazu ein echtes, keimfreies Wiener Schnitzel verschlingen, aber an den hiesigen Fleischständen vergeht uns Westeuropäern ein bisschen der Appetit. Liebe Familie: Wenn wir im nächsten Jahr zurückkehren, dann wäre ein Grillfest mit allem drum und dran das beste Willkommensgeschenk – und eine frische Erdbeertorte mit einer Schicht Puddingcreme zum Dessert! Und… Schluss jetzt, genug geträumt! Jetzt gibt es erstmal usbekische Bratkartoffeln.

Doswidania, Usbekistan: Unsere letzten Tage

Ferganas bunte Innenstadt

Nach sieben Tagen in Fergana steht die Rückreise nach Taschkent an, wo wir unsere Visa für die nächsten Länder abholen müssen. Micha hat beide MZ gewartet und geputzt. Er wundert sich kurz vor Abfahrt nur darüber, dass Suse`s Hinterrad etwas eiert. Die Radlager wurden ja erst in Baku, also nicht einmal vor 2.500 Kilometern erneuert! Wir werden das in Taschkent noch mal prüfen.

Shahida bewirtet uns an unserem letzten Abend mit frisch gekochtem Plov bei Kerzenschein. Wir finden es schade, zu gehen. Sie und ihr Sohn sind nämlich sehr angenehme, hilfsbereite Menschen und vor allem professionelle Gastgeber. Jederzeit herrschte eine entspannte und familiäre Atmosphäre. Uns fehlte es an nichts. Im Gegenteil.

Auf dem Weg zurück in die Hauptstadt, wo wir unsere Visa für die nächsten Länder abholen müssen, machen wir noch eine Zwischenstation in Kokand. Neben dem Khan-Palast ist unser Zimmer für die Nacht mit Sicherheit die zweite, interessante Sehenswürdigkeit – ein Überbleibsel sowjetischer Hotelgeschichte. Zu unserem Erstaunen hat das private Badezimmer wenigstens nicht gerochen.

Kokand: sehenswertes Hotelklo

An nächsten Morgen fahren wir schnell weiter und schaffen es gerade so zum Hotel in Taschkent. Suse`s Hinterrad eiert merklich, die Radlager sind jetzt Schrott – gekauft in Deutschland, aber wahrscheinlich „made in China“. Anders können wir uns dieses Ersatzteildesaster nicht erklären. Micha baut gleich zwei neue Lager ein, in der Hoffnung, dass diese länger halten.

Radlagerschrott

Die Visaagentur in Berlin hat unsere zweiten Reisepässe mit den Einreiseerlaubnissen für China, Pakistan und Indien per DHL-Kurier hierher nach Taschkent geschickt. Mit dabei sind auch beide Carnet de Passages (Zollpapiere für die MZ, ausgestellt vom ADAC), ohne die wir in einige Länder wie bspw. Indien nicht einreisen dürften. Mit diesen Dokumenten und mit unseren neuen Tadschikistan-Visa kann es am 21. August weiter Richtung Osten gehen.

Zum Abschied nach fünf Wochen bleibt zu sagen, dass Usbekistan die Reise wert war. Landschaftlich nicht unbedingt abwechslungsreich, ist das Land jedoch historisch, kulturell und architektonisch ein tolles Erlebnis. Die bunten Basare, museumsreifen Autos aus Sowjetzeiten und die unterschiedlichsten Gesichter der Usbeken hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Die meisten Menschen hier sind fröhlich und freundlich. In sechzehn Jahren Unabhängigkeit ihres Landes haben sie einen friedlichen Weg gefunden, ihre religiös-traditionellen Werte mit den brauchbaren Dingen aus der Sowjetzeit zu verbinden. Sie vertrauen ihrem Präsidenten und gucken optimistisch in die Zukunft. Touristen sind überall willkommen. Allerdings gibt es neue Gastgeber, die keine Ahnung vom Tourismusgeschäft haben: Trotz schlechtem Service versuchen sie, maßlos in die Tasche des Reisenden zu greifen. Bleibt zu hoffen, dass sie neben den anderen wunderbaren Gasthäusern in Usbekistan für immer die Ausnahme bleiben.


Neues Rad im Anflug – Weiterfahrt in Sicht

27. August 2008
 
Abtransport der MZ nach Taschkent im Damas-Minibus

Die letzten sieben Tage waren leider nicht die besten: Wir haben es noch nicht bis nach Tadschikistan geschafft, sondern mussten zurück nach Taschkent. Das Hinterrad von Suses MZ läuft nicht – die neuen Radlager werden nach nur wenigen Kilometern immer wieder zerstört. Zweimal waren wir guten Mutes von Taschkent aus auf dem Weg zur tadschikischen Grenze – und beide Male mussten wir die MZ wegen kaputter Radlager auf der Hälfte der Landstraße wieder zurück transportieren lassen: einmal auf dem Russen-LKW, das andere Mal wurde die Emme in den Damas-Minibus gequetscht.

Wir haben bis heute alles erdenklich Mögliche versucht, um das Hinterrad wieder dauerhaft zum Laufen zu bringen. Nach tagelanger Fehlersuche und mehreren Schweiß treibenden Reparaturversuchen sind wir nun zum Schluss gekommen, dass wir schnell ein neues Rad aus Deutschland brauchen. Dank toller Familie und
Freunde, die uns unglaublich unterstützen, ist das Ersatzteil in Kürze bereits im Anflug. Wir sind guter Hoffnung. Sobald wir weiterfahren können, melden wir uns!


Endlich: Auf nach Tadschikistan!

1. September 2008

1. September – heute feiert Usbekistan siebzehn Jahre Unabhängigkeit. Der wichtigste Feiertag des Landes und wir sind in der Hauptstadt mit dabei. Allerdings steht für uns selbst ein anderes großes Ereignis im Mittelpunkt: die Vorbereitung unserer morgigen Weiterreise ins Land der hohen Bergstraßen: Tadschikistan. Nach zwei gescheiterten Fahrten zur Grenze, mehreren Reparaturversuchen am Hinterrad und einer rekordverdächtigen Ersatzteilbeschaffung aus der Heimat können wir nach dreizehn anstrengenden und ungewissen Tagen nun endlich ins nächste Land auf unserem Weg nach Indien aufbrechen.

Spektakulärer 48-Stunden-Hilfeeinsatz

Seit wir am 27. August deprimiert feststellen mussten, dass Suses MZ ein neues Hinterrad braucht, haben es unsere Familie und Freunde in Deutschland innerhalb von nur 48 Stunden tatsächlich geschafft, dass wir das Ersatzteil hier in unseren Händen halten. Torsten in Sarnow hat ohne zu zögern das Rad seiner MZ ausgebaut und noch kleinere Ersatzteile zusammengesucht. Michas Schwager Jorge ist quer durch die Republik gefahren, um den Ersatzteilkoffer abzuholen und schnell zu Tanja zu bringen, die alles im Flugzeug nach Usbekistan mitgebracht hat.

Erleichtert und glücklich nahmen wir das Gepäckstück wie in einem Agentenfilm nachts und nahe dem Flughafen entgegen. Als i-Tüpfelchen entdeckten wir beim Auspacken der Ware, dass unsere Familie noch lecker panierte Schnitzel und frisch gebackenen Kuchen made in Germany dazwischen versteckt hat. Wir finden diesen Hilfeeinsatz unglaublich und können gar nicht oft genug Danke sagen!

Nah dran: Vor uns liegen die Berge
Es scheint, als ob sich die beiden Packesel davor drücken wollten, aber wir sind motivierte und gnadenlose Antreiber: Morgen starten wir mit den Emmen den dritten Anlauf auf Tadschikistan und den Pamirhighway. Hier erwarten uns zwar schwierige Straßenverhältnisse, kalte Höhen, viele Kontroll- und seltene Tankstellen. Dafür durchreisen wir endlich wieder eine eindrucksvolle Landschaft und freie Natur. Nach zwei Monaten Usbekistan und überwiegend städtischen Aufenthalten freuen wir uns auf diese Abwechslung.

Wir werden in der Nähe von Bekabad hoffentlich ohne Komplikationen über die Grenze nach Khojand und Istaravshan fahren. Von dort aus soll es auf der M34 südwärts nach Dushanbe gehen. Dieser Streckenabschnitt bietet bereits zwei nette Bergpässe von etwa 3500 Metern. Unser Herz wird bis zum Hals schlagen und die MZ-Motoren bis ins Innenohr pfeifen. Außerdem soll es zwei Bauabschnitte mit stundenlanger Vollsperrung geben. Wir berichten in ein paar Tagen aus Dushanbe…