
Spontaner Zwischenstopp bei Alis Familie
3. August und Abfahrt in Samarkand. Wir fühlen uns wie auf unserem Wüstentransit: Es ist noch heißer als sonst; wir fahren durch glühende Luft. Der Fernsehwetterbericht sagt absichtlich nur 38 Grad voraus, obwohl es 48 werden, denn die Leute sollen trotz der Hitze weiter zur Arbeit gehen. Dreihundert Kilometer bis nach Taschkent werden an so einem Tag zum Marathon.
Wir halten auf der Hälfte der Strecke in Yangiyer an und kaufen uns im Basar zwei herbeigesehnte Liter Limo aus dem Kühlschrank. Natürlich bleiben wir nicht lange allein mit unseren Mopeds. Unter den neugierigen, erfreuten Männern, die uns umkreist haben, ist auch Ali. Mit unserem Mix aus russischen und englischen Vokabeln erzählen wir ihm gerne (wie bereits zig Anderen zuvor), wo wir herkommen, hinwollen und beantworten alle Fragen zu den MZ. Wie so oft bekommen wir das typisch eiernde Kopfschütteln zu sehen. Gleichzeitig dazu wird mit der Zunge geschnallst. Diese Geste soll uns sagen, dass sie sehr verwundert sind.
Ali ist mit seinem noch älteren, orangenem Moskwitch da – auch ein spannendes Gefährt. Er möchte uns gern sein Haus und seine vier Kinder zeigen und macht uns euphorisch klar, dass wir ihm folgen sollen. Weil er so sympathisch ist und wir sowieso eine Pause brauchen, fahren wir mit.

1. Ali, seine Kinder und ein Cousin, 2. v.l. Alis Frau, Nachbarin und Alis Kids
Alis Haus ist sehr einfach und noch unrenoviert. Er hat zwanzig Jahre lang als Arzt im Krankenhaus gearbeitet. Heute ist er auf dem Basar beschäftigt, weil er dort wesentlich mehr verdient, und spart für den Umbau seines Hauses, ein neues Auto und die Hochzeiten seiner drei jungen Söhne. Denn wie es die Tradition verlangt, werden die Söhne recht früh verheiratet und die Eltern des Bräutigams bezahlen das Fest. In traditionellen usbekischen Familien sind Hochzeiten das größte Ereignis. Mindestens drei-, vierhundert Gäste feiern mit und zwischen drei- und zehntausend Euro werden dafür ausgegeben. Bei einem Monatsverdienst als Arzt von etwa zweihundert Euro wird praktisch nur für die Hochzeiten der Kinder gespart.
Wir sitzen im Wohnzimmer, Alis liebe Frau und zwölfjährige Tochter servieren uns Essen und Tee. Er stellt uns stolz seine Kinder vor, die aufgeregt durchs Haus flitzen. Die Atmosphäre ist wieder einmal sehr angenehm und wir bleiben hier noch über Nacht. Nach ihrem Abendgebet gen Mekka serviert uns die Familie draußen auf dem Hof den berühmten Plov und zeigt uns das Video einer usbekischen Fernsehshow, in der die Eltern vor zehn Jahren aufgetreten sind. Ein sehr lustiger und entspannter Abend. Um Mitternacht legen wir uns alle gemeinsam zum Schlafen unter den Sternenhimmel auf den Hof und genießen die relativ kühle Nacht. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück geht’s dann weiter nach Taschkent. Ali kümmert sich bald um eine eigene E-Mailadresse, damit er uns schreiben kann.
Ein paar Arbeitstage in Taschkent

In der Hauptstadt erledigen wir hauptsächlich ein paar bürokratische Angelegenheiten: Wir verlängern für 110 Dollar unsere beiden Kirgistanvisa und beantragen neue Visa für Tadschikistan, die wir uns in zwei Wochen in der Botschaft abholen können. Visaangelegenheiten sind ein gutes Geschäft für die jeweilige Staatskasse (oder das Privatkonto des Beamten). Außerdem tauschen wir einen kleinen Stapel Traveler Cheques in der National Bank of Usbekistan gegen Dollar um – ein Akt von zwei Besuchen und insgesamt vier Stunden, da Michas Unterschrift auf den Cheques nicht hundertprozentig mit der Signatur in seinem Reisepass übereinstimmte. Nach dem Scannen jedes einzelnen Cheques, unseres Kaufbelegs und unserer Pässe sowieso nach mehrfacher Rücksprache mit American Express haben wir endlich unser Geld in der Hand und können verschwinden.
Der Osman Koran: Ältester Koran der Welt
In der Bibliothek auf dem 2007 restaurierten Hasti Imom Komplex in Taschkent besichtigen wir den ältesten Koran der Welt: den 1361-jährigen Osman Koran. Der Kalif Osman bin Affan hatte im siebten Jahrhundert das etwa 35 Kilogramm schwere Buch in Auftrag gegeben. Jede seiner 338 Seiten ist aus Ziegenleder und 53×68 cm groß. Der Osman Koran gehört seit 1989 der Usbekischen Muslimischen Gemeinde. Die Unesco hat seine Echtheit bestätigt. Ein anderer Beweis soll ein Abdruck der Stirn des Kalifen Osman auf dem Buch sein, denn der Kalif wurde beim Lesen des Korans getötet.
Reisetauglich: Alter Mini-Koran mit Ledertasche und Lupe
Durch Polizisten streng bewacht dürfen wir von dem heiligen Riesenexemplar leider keine Aufnahmen machen. Streng genommen ist es nicht einmal erlaubt, dass Frauen sich den Osman Koran ansehen. Bei Touristinnen wird allerdings eine Ausnahme gemacht. Mit freundlicher Zustimmung eines Polizisten darf Micha zumindest von der zweihundert Jahre alten Miniaturvariante des Korans (1 Seite ca. 2x3cm) heimlich und schnell ein Foto machen.
Investition in die Geschichte

Renovierte Barakon Medressa auf dem Hasti Imom Komplex
Präsident Islam Karimov setzt auf den Tourismus als wichtig(st)en Wirtschaftszweig seines Landes. In den letzten Jahren wurden unter seiner Regierung sämtliche historische Gebäude(komplexe) aufwendig renoviert. Dazu gehört auch der Hasti Imom Komplex in Taschkent. Mit Blick auf Nachbarländer wie Kasachstan, die ökonomisch besser dastehen, versucht das bodenschatzarme Usbekistan seine alte Geschichte zu nutzen und fördert die touristische Entwicklung. Das ist als Reisender zu merken, besonders auch am neuen Verhalten der Polizei gegenüber Ausländern. Korruption und lästige Kontrollen auf der Straße hat Karimov anscheinend untersagt; Sicherheit wird dafür groß geschrieben. Die vielen Polizisten gehören heute zu den Besserverdienern in Usbekistan. Für ihre starke Präsenz zahlt die Bevölkerung zwanzig Prozent ihres Einkommens an den Staat.
Ausflug ins Fergana-Tal: Der goldene Osten Usbekistans
Wir haben noch genügend Zeit, uns den Osten des Landes anzusehen: das Fergana-Tal mit Städten wie Kokand, Andijan, Margilan und Fergana. Es ist das Tal der Seiden- und Baumwollindustrie, Nährboden für Früchte und der am dichtesten besiedelte Landesteil. Man nennt es das Goldene Tal.
Kurzer Halt auf dem Weg nach Fergana
Wir wohnen eine Woche in Fergana und bereisen von hier aus die Gegend. Wir kommen in der schönen Wohnung von Shahida unter: „Willkommen im Golden Valley Guesthouse,“ begrüßt sie uns. Shahida ist 35 Jahre alt, eine rührige und schlaue Frau. Sie lebt hier mit ihrem siebzehnjährigen Sohn und besitzt noch ein großes Haus außerhalb der Stadt. In ihrer gemütlichen Stadtwohnung quartiert sie im Sommer Touristen wie uns ein. Nebenbei gibt sie hier außerdem Privatunterricht in Englisch und Russisch. Das Golden Valley Guesthouse ist seit 2001 ihr eigenes kleines Business; ihr Mann arbeitet als Chirurg in Taschkent. Wir fühlen uns hier wunderbar aufgehoben, nicht zuletzt, weil wir bei Ankunft ein drittes Mal krank werden und ärztlichen Rat benötigen. Diesmal soll eine Metronidazol-Kur die vermutlichen Parasiten in unserem Darm dauerhaft bekämpfen. Leider kann man als Langzeitreisender solchen Wehwehchen kaum aus dem Wege gehen.

1. Kokonabwicklung, 2. Seidenfadenballen, 3. Gefärbte Seide am Webstuhl
Zum Glück hat die Hitze etwas nachgelassen und wir können einen Ausflug in die Yodgorlik-Seidenfabrik in Margilan machen – das Zentrum der usbekischen Seidenproduktion. Usbekistan ist drittgrößter Seidenproduzent der Welt. Die Yodgorlik-Fabrik stellt jeden Monat zwanzigtausend Quadratmeter reine Seide her. Rohstoff des Geschäfts sind natürlich die Seidenraupenkokons, auf deren Lieferung die usbekische Regierung ein Monopol hält. Private Bauern züchten die Kokons in ihren Häusern und verkaufen sie im Frühjahr zu festgeschriebenem Preis ausschließlich an den Staat. Die Kokons landen dann in der Seidenfabrik, wo sie vorsichtig abgewickelt werden. Ein einzelner Kokon besteht aus etwa 1200 Meter Seidenspur. Zwölf solcher Spuren werden zu einem Seidenfaden gesponnen, der auf traditionelle Weise eingefärbt und dann in der Weberei zu Stoff für Kleidung weiter verarbeitet wird.
Die MZ werden höhentauglich gemacht
In Fergana haben unsere Mopeds einen Garagenplatz auf dem Hof – eine gute Gelegenheit, die Packesel in Ruhe fürs Hochgebirge zu präparieren. Micha wechselt sein abgenutztes Kettenrad aus und baut bei beiden MZ ein kleineres Ritzel ein. Außerdem durchbohrt er die Luftfilterdeckel und überzieht sie mit Staub abhaltenden Nylonstrümpfen. So bekommen beide Esel hoffentlich genug Sauerstoff, wenn die Luft an den Pässen dünner wird. Mit diesen Tricks könnten wir es über den Pamir schaffen.
Suse schreibt solange Bloggeschichten und kocht würzige Bratkartoffeln. Wie gerne würden wir dazu ein echtes, keimfreies Wiener Schnitzel verschlingen, aber an den hiesigen Fleischständen vergeht uns Westeuropäern ein bisschen der Appetit. Liebe Familie: Wenn wir im nächsten Jahr zurückkehren, dann wäre ein Grillfest mit allem drum und dran das beste Willkommensgeschenk – und eine frische Erdbeertorte mit einer Schicht Puddingcreme zum Dessert! Und… Schluss jetzt, genug geträumt! Jetzt gibt es erstmal usbekische Bratkartoffeln.
Doswidania, Usbekistan: Unsere letzten Tage

Ferganas bunte Innenstadt
Nach sieben Tagen in Fergana steht die Rückreise nach Taschkent an, wo wir unsere Visa für die nächsten Länder abholen müssen. Micha hat beide MZ gewartet und geputzt. Er wundert sich kurz vor Abfahrt nur darüber, dass Suse`s Hinterrad etwas eiert. Die Radlager wurden ja erst in Baku, also nicht einmal vor 2.500 Kilometern erneuert! Wir werden das in Taschkent noch mal prüfen.
Shahida bewirtet uns an unserem letzten Abend mit frisch gekochtem Plov bei Kerzenschein. Wir finden es schade, zu gehen. Sie und ihr Sohn sind nämlich sehr angenehme, hilfsbereite Menschen und vor allem professionelle Gastgeber. Jederzeit herrschte eine entspannte und familiäre Atmosphäre. Uns fehlte es an nichts. Im Gegenteil.
Auf dem Weg zurück in die Hauptstadt, wo wir unsere Visa für die nächsten Länder abholen müssen, machen wir noch eine Zwischenstation in Kokand. Neben dem Khan-Palast ist unser Zimmer für die Nacht mit Sicherheit die zweite, interessante Sehenswürdigkeit – ein Überbleibsel sowjetischer Hotelgeschichte. Zu unserem Erstaunen hat das private Badezimmer wenigstens nicht gerochen.
Kokand: sehenswertes Hotelklo
An nächsten Morgen fahren wir schnell weiter und schaffen es gerade so zum Hotel in Taschkent. Suse`s Hinterrad eiert merklich, die Radlager sind jetzt Schrott – gekauft in Deutschland, aber wahrscheinlich „made in China“. Anders können wir uns dieses Ersatzteildesaster nicht erklären. Micha baut gleich zwei neue Lager ein, in der Hoffnung, dass diese länger halten.
Radlagerschrott
Die Visaagentur in Berlin hat unsere zweiten Reisepässe mit den Einreiseerlaubnissen für China, Pakistan und Indien per DHL-Kurier hierher nach Taschkent geschickt. Mit dabei sind auch beide Carnet de Passages (Zollpapiere für die MZ, ausgestellt vom ADAC), ohne die wir in einige Länder wie bspw. Indien nicht einreisen dürften. Mit diesen Dokumenten und mit unseren neuen Tadschikistan-Visa kann es am 21. August weiter Richtung Osten gehen.
Zum Abschied nach fünf Wochen bleibt zu sagen, dass Usbekistan die Reise wert war. Landschaftlich nicht unbedingt abwechslungsreich, ist das Land jedoch historisch, kulturell und architektonisch ein tolles Erlebnis. Die bunten Basare, museumsreifen Autos aus Sowjetzeiten und die unterschiedlichsten Gesichter der Usbeken hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Die meisten Menschen hier sind fröhlich und freundlich. In sechzehn Jahren Unabhängigkeit ihres Landes haben sie einen friedlichen Weg gefunden, ihre religiös-traditionellen Werte mit den brauchbaren Dingen aus der Sowjetzeit zu verbinden. Sie vertrauen ihrem Präsidenten und gucken optimistisch in die Zukunft. Touristen sind überall willkommen. Allerdings gibt es neue Gastgeber, die keine Ahnung vom Tourismusgeschäft haben: Trotz schlechtem Service versuchen sie, maßlos in die Tasche des Reisenden zu greifen. Bleibt zu hoffen, dass sie neben den anderen wunderbaren Gasthäusern in Usbekistan für immer die Ausnahme bleiben.