Helambu: 9 Tage zu Fuß über Berge (Teil 2 von 2)
Vier Jahreszeiten in vier Tagen
In den ersten vier Tagen zu Fuß im Himalaja sind wir vom Sommer in den Frühling, in den Herbst und kalten Winter geklettert. Nach einer Schneeballschlacht auf dem höchsten Gipfel unseres Helambu-Marsches geht es jetzt wieder runter in den Bergfrühling, wo die Rhododendren blühen und die Hühnerküken schlüpfen…
Tag 5: Bergab ist es auch nicht leichter
> Strecke: von Tharepati (3510m) nach Melamchigaon (2530m)
> Anstieg: 0 Höhenmeter, Abstieg: 980 Höhenmeter
> Marschdauer: 4 Stunden
> Gefühlslage: hoch konzentriert, wenig motiviert

Wintermärchen: Blauer Himmel, weißer Schnee und Berge
Die Nacht auf 3510 Metern war ruhig und warm genug. Wir haben beim Einschlafen gemerkt, dass sich unsere Körper erst noch akklimatisieren und an die dünnere Höhenluft gewöhnen müssen. Als wir um sechs Uhr aus den Federn kriechen, strahlt draußen schon die Sonne über den blendenden Schnee. Die Nebelwolken von gestern haben sich in klare Luft aufgelöst. Der Himmel ist tiefblau und die Sicht auf die Berge frei. Ein perfekter Start in den fünften Tag. Mit kleinen Augen und fröstelnd machen wir den Schritt vor die Tür zur Morgenwäsche. Nach vielen Monaten im Sommer stehen wir in Tharepati auf einmal mitten im Winter.

1.Vor der Lodge in Tharepati, 2.Erfrischende Morgenwäsche
Nach mühevollen Tagen bergauf ist heute endlich ein Bergab-Tag! Mit Mütze und Handschuhen sagen wir Tschüss zu Ashley, der heute zusammen mit den beiden anderen Wanderern versucht, über einen Viertausenderpass in die Langtang-Region zu kommen. Diesmal geht er es jedoch langsamer an.
Auf unserer Etappe steht hingegen ein ganzer Höhenkilometer abwärts an. Etwa dreihundert Höhenmeter rutschen wir auf den Sohlen über den steilen, steinigen Pfad nach unten. Konzentration ist gefragt und wir merken bald, dass der Abstieg auch nicht viel leichter ist. Keine Sache der Puste, aber der Gelenke und Wadenmuskulatur. Irgendwie haben wir auch das Gefühl, dass es nichts mehr zu erreichen gibt, obwohl noch so viel Strecke mit neuen Eindrücken vor uns liegt.

1. Abwärts, 2.Hängebrücke über Chhyandi-Fluss
Der Schnee hört irgendwann auf und die Landschaft geht in einen feuchten Laubwald über. Die Sonne verschwindet immer öfter hinter Wolken. Die Bäume sind mit einer dicken Schicht Moos bewuchert und manchmal sieht es so aus, als hingen Affen in den Ästen. Ein paar Schritte weiter, hinter einem der buddhistischen Chorten auf dem Weg, scheuchen wir tatsächlich ein paar große, weißbärtige Langurenaffen auf. Elegant springen sie davon und beobachten uns aus dem Gebüsch. Heute sind wir die Einzigen, die ihr Revier durchwandern.
Nach drei Stunden erreichen wir dann die Hängebrücke über den Chhyandi-Fluss und können die Häuser von Melamchigaon auf dem kleinen Hügel vor uns sehen. Es fängt an zu nieseln, als wir unsere Füße über die Holzschwelle der Himalaya Lama Lodge setzen. Ringsum im Garten baut die Familie des kleinen Gasthauses Kartoffeln und Zwiebeln an. Alles im Hof sieht so ordentlich aus. Auch drinnen, im typisch tibetischen Haus, glänzen der polierte, dunkle Holzfußboden und das aufgereihte Edelstahlgeschirr in den mit Schnitzereien verzierten Regalen.
Der Abstieg hat uns ganz schön geschlaucht. Wir essen zu Abend und gehen mal wieder früh ins Bett. Diesmal um siebzehn Uhr. Wir sind die einzigen Gäste. Draußen kracht ein neues Gewitter und lässt den Gemüsegarten gedeihen. Hofhund Struppi liegt auf der kleinen Veranda vor unserer Tür und verteidigt sein und unser Revier gegenüber anderen Hunden aus dem Dorf. Gute Nacht, Struppi!
Tag 6: Man kann das Tagesziel schon sehen
> Strecke: von Melamchigaon (2530m) nach Tarkeghyang (2740m)
> Anstieg: 850 Höhenmeter, Abstieg: 640 Höhenmeter
> Marschdauer: 5 Stunden
> Gefühlslage: neue Kräfte nach 13 Stunden Schlaf
Halb sieben, aufstehen! Die Frühstückseier liegen schon im Topf und der Chapati-Teig wird gerollt. Wir setzen uns an die Kochstelle in der Küche auf den Boden und beobachten, wie unsere erste Mahlzeit des Tages zubereitet wird. Die Sonne scheint hell durch die offene Tür. Unsere Sherpa Gastgeberin, deren komplizierten Namen wir leider vergessen haben, spricht ein bisschen Englisch und wir nehmen uns die Zeit für ein langes Frühstück mit ihr. Wir kaufen ihr ein handgefertigtes Nepali-Messer ab – dasselbe Modell, mit dem in Kutumsang die Ziege geschlachtet wurde.

1. Die Nichte rollt unser Chapati, 2. Sherpa Frau aus Melamchigaon
Als wir uns dann um Neun endlich auf die Socken machen, hängt sie uns buddhistische Seidenschals als Glücksbringer um den Hals. „Dort müsst ihr hin, nur drei Stunden Weg!” Sie zeigt mit ihrem Finger auf ein Dorf auf der anderen Bergseite des Tals. Wir haben Dorf Tarkegyang also schon vor Augen. Mit dem Tagesziel in Sichtweite starten wir voller Kraft in den sechsten Helambutag.

1. An einem alten Chorten am Weg, 2. Micha filtert Quellwasser
Vorbei an einem großen Tempel beginnt der Abstieg ins Tal, bis wir an die kleine Hängebrücke über den Melamchi Khola kommen. Eine Stunde und fünfundvierzig Minuten sind bis hier vergangen. An einem Bergbach pumpt Micha frisches Quellwasser in unsere leeren Trinkflaschen und danach machen wir uns auf den Weg nach oben. Das Dorf Tarkegyang versteckt sich jetzt hinter Bäumen und Felsen. Die Luft ist sehr feucht und wir haben Schweißränder an den Sachen. Geduldig setzen wir einen Fuß vor den anderen und quälen den Wanderstock. Suses Waden sind hart und wir merken mal wieder, das Trekking in den Bergen ein Sport ist.

1. Vorbei am Kuhstall, 2. Kinder beim Sand schleppen
Irgendwann vorm Ziel treffen wir auf zwei Jungs, die jeweils vierzig Kilogramm schwere Sandsäcke gebückt zur Baustelle am Tempel schleppen. Sie sind kaum langsamer als wir. Unglaublich, welche Lasten Kinder und Erwachsene in den Bergen herumtragen. Zur Stärkung gibt es einen Müsliriegel und wir wandern mit ihnen weiter. Mit Gänsehaut an den Armen erreichen wir um zwei Uhr bei Regenschauer das Gasthaus in Tarkeghyang.
Nach einer heißen Dusche aus dem Eimer belohnen wir uns mit einem Riesenteller Bratkartoffeln, Yak-Käse, Dhal Bhat und heißem Zitronentee neben dem gemütlichen Feuer im Haus. Morgen ist Ruhetag und wir genießen die Aussicht auf marschfreie sechsunddreißig Stunden.
Tag 7: Mönch, Riesengebetsmühle und tibetischer Buttertee
> Strecke: Spaziergang durch Tarkeghyang (2740m)
> Anstieg: 8 Höhenmeter, Abstieg: 8 Höhenmeter
> Marschdauer: 1 Stunde
> Gefühlslage: endlich ein Ruhetag

Frühs an der Kochstelle in Tarkeghyang
In Tarkeghyang tauchen wir ein bisschen ins Sherpaleben ein. Morgens kocht die Familie Kichererbsen und reicht uns eine Schale vom lecker, aber sauscharf gewürzten Frühstück. Als unsere Augen tränen und Micha die Schweißperlen auf der Stirn stehen, streut uns die Köchin lächelnd Reisflocken zur Entschärfung in die Schalen.

1. Riesengebetsmühle, 2. Buddhistischer Chorten
Mit dem jungen buddhistischen Mönch, der neben uns in der Gaststube sitzt, machen wir einen Spaziergang zu den heiligen Stätten im Ort. Er erzählt uns, dass er gerade drei Jahre und drei Monate Meditation und Schriftenstudium im Kloster absolviert hat. In dieser Zeit sind die Mönche von der Außenwelt völlig abgeschottet. Micha dreht mit ihm zusammen an der Riesengebetsmühle im Tempel – für gutes Karma.

1. Brüder in Tarkeghyang, 2. Typisch tibetische, dunkle Stube
Wie in den anderen Dörfern der Helambu-Region leben die Menschen hier sehr bescheiden, traditionell und sind sich ihrer tibetisch-buddhistischen Wurzeln sehr bewusst. Religion und Familie stehen im Mittelpunkt des Bergdorflebens, in dem Männer wie eh und je kleine Felder bewirtschaften, die Frauen mit dem Haushalt beschäftigt sind und die Kinder den Alten früh zur Hand gehen.
Eine typische Sherpafamilie lädt uns auf dem Rückweg zum Gasthaus zum salzigen Buttertee in ihre Stube ein. Wie immer brennt das Feuer, an das wir gebeten werden. Im Hintergrund hören wir den Vater Passagen aus heiligen tibetischen Schriften im Sprechgesang vor sich hinmurmeln. Seine beiden Söhne toben aufgeregt um die Fremden aus Germany herum. Der Buttertee wird reichlich nachgeschenkt und wir lassen uns nicht anmerken, dass er uns nicht schmeckt.
Nach einem Faulenzernachmittag in der Sonne sehen wir den Israeli Amit im Gasthaus ankommen. Zusammen sitzen wir am Abend in der Stube und lernen neben dem Buddhismus auf einmal auch was über die jüdische Kultur dazu.
Tag 8: Frischer Bohnenkaffee aus Israel
> Strecke: von Tarkeghyang (2740m) nach Sermathang (2590m)
> Anstieg: 0 Höhenmeter, Abstieg: 150 Höhenmeter
> Marschdauer: 4 Stunden
> Gefühlslage: immer munter, hoch und runter
Beim Aufstehen in Tarkeghyang spüren wir immer noch die Wadenmuskeln. Der Nacken hat sich durch den gestrigen Ruhetag zum Glück etwas entspannt. Suses Augen tränen ständig, vielleicht sind sie vom Feuerqualm im Haus gereizt.
Heute geht es auf eine relativ leichte Hoch-und-runter-Etappe bis nach Sermathang. Amit läuft vor uns los. Auf dem Weg überholen uns Einheimische, die zu einer Beerdigung ins Nachbardorf gehen. Aus dem Tempel der Trauerfeier, an dem wir einige Zeit später vorbei kommen, hören wir dumpfe Trommelschläge und tiefes Gemurmel.
Wir stiefeln heute über steinige Pfade und Bäche vorbei an einigen Chorten und bunten Gebetsfahnen, die die heiligen Stätten schmücken. Zum ersten Mal laufen uns viele Helambubewohner entgegen, die alle möglichen Dinge in großen Körben auf dem Rücken in die Berge tragen. Einer von ihnen transportiert sogar einen Schrank.

Auf halbem Wege nach Sermathang
In Sermathang werden wir in der Yangir Lodge herzlich zum Mittag empfangen und treffen Amit wieder. Das Wetter ist wunderbar. Beim Schlendern durchs Dorf auf der Suche nach Keksen sehen wir das alte und langsam zerfallende Rimpoche-Kloster. In dem länglichen Nebengebäude befinden sich zehn kleine Kammern, in denen bis vor kurzer Zeit noch zehn Mönche gleichzeitig drei Jahre und drei Monate meditiert haben. Momentan wirkt alles ausgestorben. Der Wind rüttelt am reparaturbedürftigen Blechdach und macht einen eigenartigen Lärm.
Zur Überraschung packt Amit am späten Nachmittag aus seinem Rucksack ein Kaffeekochset mit Gläsern aus. Auf seinem Benzinkocher köchelt er echten, israelischen Bohnenkaffee für uns und den netten Gastwirt. Die Frauen auf dem Hof staunen über die Miniaturkochstelle. Der Kaffeeduft ist betörend. Als die Gläser leer getrunken sind, inhalieren wir noch das feine Aroma aus der leeren Bohnenkaffeetüte.
Tag 9: Das Schlimmste zum Schluss
> Strecke: von Sermathang (2590m) nach Melamchipul Bazar (870m)
> Anstieg: 0 Höhenmeter, Abstieg: 1720 Höhenmeter
> Marschdauer: 5 Stunden, 30 Minuten
> Gefühlslage: endloser Abgang und so was wie Todesangst
Mit Amit morgens vor der Yangir-Lodge
Pünktlich um Sieben sind wir bereit zum Abgang. Die letzten Kilometer unseres Helambu-Abenteuers gehen wir zu Dritt mit Amit an. 1720 Höhenmeter nach unten! Am Morgen wissen wir noch nicht, was uns am Ende der Etappe erwartet.
Letzter Blick auf die Berge
Es ist angenehm kühl als wir losgehen und wir folgen dem kurvigen Jeepweg ins Tal. Wir blicken noch einmal zurück auf die Schneegipfel in der Morgensonne. An einer riesigen, goldenen Buddhastatue, die wir einmal im Uhrzeigersinn umrunden und an der wir unsere Glücksseidenschals aus Melamchigaon opfern, verabschieden wir uns von der beeindruckenden Helamburegion.

Wir widmen Buddha in den Bergen unsere tibetischen Seidenschals
Teilweise ist der grobe Weg nach unten ziemlich steil und es wird immer wärmer. Die Siedlungen werden dichter und nach etwa fünfundzwanzig Kilometern Fußmarsch haben wir endlich den Ort Melamchipul Basar erreicht, wo wir überhitzt und müde in den engen Bus nach Kathmandu einsteigen. Als die fünf Ziegen auf dem Busdach verstaut und die Hühner in Pappkartons in die Gepäckablage gestopft sind, poltern wir los. Die guten Wanderstöcke, die uns treu bis hierher begleitet haben, lassen wir am Busstand zurück.
Wir sitzen hinten in der letzten Reihe und gucken über die Menschen im Bus hinweg auf die schmale, sandige Bergstraße. Die Hoffnung auf eine entspannte Fahrt stirbt schnell mit jeder Note der indischen Popmusik, in deren Rhythmus wir in den durchgesessenen Sitzen auf und ab hoppeln. Der Glaube, dass sich die Straße bald bessern würde, erweist sich als falsch. Im Gegenteil.
Wir befinden uns auf einem zweifelhaften Weg und können nicht fassen, dass sich der heckgetriebene Tata-Bus, in dem wir sitzen, auf dieser schmalen, steilen Serpentinenstraße durch Zuckersand und Schotter nach oben quält. Plötzlich bleibt das Dieselmonster auch noch im aufgeweichten Schlamm stecken. Hundert Meter vor uns wühlt sich gerade ein Jeep durch die nächste Motterpassage und fährt sich schließlich fest.
Aus dem Busschiebefenster heraus gucken wir direkt in den Abgrund. Suse wird zum ersten Mal schlecht vor Angst. Der Busfahrer gibt nicht auf und tritt aufs Gaspedal. Zentimeter für Zentimeter kämpfen wir uns nach vorn, während ein paar Männer mit der Schaufel immer wieder trockenen Sand und Steine vor die Antriebsräder schippen. Wenn der Bus zur Seite rutscht, war`s das! Wir überlegen, auszusteigen.
Nach einer Stunde Schlammpartie am Abgrund mit so was wie Todesangst geht’s weiter über die Berge. Abgesicherte Hänge und Wegränder Fehlanzeige. Wir haben keine Energie mehr für Angstgefühle. Nach drei Stunden Rumpelpiste sind wir dankbar, heil und fix und fertig in Kathmandu zurück. Das wirkliche Abenteuer zum Schluss.
Am Ende halten wir noch einen Rekord fest: Suse ist wohl die Erste, die den Helambu-Trek in Motorradstiefeln abgelaufen ist – Goretex Endurostiefel von HeinGericke, Testurteil: durchaus auch fürs Trekking im Himalaja geeignet.

