Karadeniz – 1.500 km türkische Schwarzmeerküste

16. Juni 2008

Erster Stopp Karasu: Plausch mit dem Haselnusshändler
12. Juni – Istanbul liegt acht Stunden und etwa 300 km hinter uns, als wir am Nachmittag im Ferienort Karasu ankommen. Bei der Abfahrt morgens um sieben Uhr nach nur 3 Stunden Schlaf war die Stadt noch herrlich leer. Trotzdem haben wir über eine Stunde gebraucht, um über den Bosporus auf den richtigen Weg Richtung Küste zu gelangen. Sile, unser erster Wegpunkt, war nämlich erst ab Stadtrand ausgeschildert. Mittags überkam uns noch eine unüberwindbare Müdigkeit und wir sahen uns im schattigen Park eines kleinen Ortes auf der Strecke zu einem zweistündigen, tiefen Mittagsschlaf gezwungen.

Als wir in der Kleinstadt Karasu die Leute auf der Straße nach einer Möglichkeit zum Campen fragen, kommt gerade Ömer auf seinem Fahrrad vorbei. „Brauchen Sie Hilfe?“ Ömer ist Rentner und hat seit den 60ern bis in die Achtziger Jahre in Hamburg gelebt, daher sein gutes Deutsch. Er lädt uns in die schöne Ferienwohnung der Tochter ein, die vis a vis von seiner Wohnung in einem 5-stöckigen Mehrfamilienhaus am Strand liegt.

Ömer und sein Käfer

Wir parken die Emmen vorm Haus und fahren abends in seinem VW Käfer zum Fischrestaurant- Er erzählt uns beim Bier und Essen ein bisschen aus seinem Leben in Deutschland und der Türkei. Ömer ist ursprünglich aus Batumi in Georgien und hat lange als Haselnusshändler gearbeitet. Noch heute fährt er oft ins Haselnussgebiet nach Aserbaidschan, um dort den Handel der Nüsse für unser Nutella nach Deutschland zu vermitteln. Er hat uns wertvolle Insidertipps für interessante Routen von hier bis nach Baku gegeben und natürlich seine Handynummer für den Notfall.

Die nächsten beiden Nächte verbringen wir immer mit Blick aufs leuchtend blaue Schwarze Meer -einmal allein auf dem naturbelassenen Hello-Campingplatz nahe Akcakoca und dann unter gespannter Beobachtung auf dem Busparkplatz des Touristädtchens Amasra.

Amasra: Zelt im Hintergrund

Wir sind froh über jede kostenfreie schöne Stelle zum Zeltaufschlagen, denn die Spritpreise in der Türkei haben Rekordniveau: etwa 1,70 Euro pro Liter Benzin. Die Türken auf dem Lande tauschen daher ihre Traktoren wieder gegen den Esel ein (Quelle: SZ) Wir würden unsere beiden motorisierten Packesel natürlich gegen nichts tauschen.

Links-Rechts-Hoch-Runter: Endlose Kurven von Amasra bis Catalzeytin
14. Juni – Wir übernachten in einem Hotel in dem kleinen Ferienort Catalzeytin. Micha nimmt hier am nächsten Morgen in einer Werkstatt ein paar kleine, aber wichtige Wartungsreparaturen an den Motorrädern vor. Es haben sich ein paar Speichen gelöst, Michas Auspuff ist lose und beide Scheinwerferlampen müssen ausgetauscht werden.

Seit Amasra schlängelten wir uns über endlose Kurven und Berge immer mit Blick aufs türkisblaue Meer, das fließend in den Himmel überging, an der Küste entlang. Das forderte viel von uns und den Emmen, wenn wir die Motoren steil bergauf bei Laune halten mussten. Man hörte uns sicher schon von Weitem um die Kurve pfeifen. Suse fuhr vor und kam Gott sei dank gut mit der Bergfahrt zurecht. Sie verschaltete sich nur einmal und nie wieder.

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Nach fünf Stunden Links-Rechts-Hoch-Runter bei 50 kmh Durchschnittsgeschwindigkeit war uns etwas schwindlig und übel und wir haben daher beschlossen, nicht noch wie eigentlich geplant bis nach Sinop zu fahren, sondern in Catalzeytin zu bleiben. Obwohl die heutige Strecke anstrengend war, hat es Spaß gemacht und wir waren fast allein auf der kleinen schmalen Straße unterwegs.


Hilfsbereite Crew in Catalzeytin

Mittlerweile hat hier fast jeder mitbekommen, dass zwei Deutsche mit dem Motorrad angereist sind und sie gucken und grüßen uns beim Vorbeigehen. Plötzlich wandelt sich in unseren Augen der Urlauberort in eine nette, türkische Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Als wir unsere MZ zum Weiterfahren beladen, steht die Wirtin, ihre Familie und das ganze Personal gespannt am Zaun und verabschiedet uns herzlich mit „Gute Reise!“

Ayder: Abstecher auf die Alm
Nach Catalzeytin fahren wir weiter, übernachten einmal in Gerze bei Sinop auf der Wiese eines Restaurants und in Ünye auf einem kleinen Zeltplatz am Strand. Seit Samsun fahren wir auf einer geraden, zweispurigen Schnellstraße, die zum Glück wenig Verkehr hat. Autos und LKWs, denen wir mit 80 km/h zu langsam fahren, hupen uns einfach von der Fahrspur.


Zwischenstopp in einer Bäckerei: Warmes Brot mit Butter und Honig

Wir kommen zügig voran, passieren bald die letzten größeren Städte vor der georgischen Grenze: Trabzon und Rize. Die meisten Orte an der türkischen Schwarzmeerküste sind flüchtig betrachtet eher hässlich. Die Häuser sehen oft nach Halbrohbau aus, sind aber dennoch bewohnt. In Trabzon und Rize finden wir am frühen Abend nach mehreren Versuchen keinen ruhigen Platz zum Campen. Also fahren wir ein paar Kilometer hinter Rize hoch in die teilweise noch schneebedeckten Berge und folgen hier dem wortwörtlich rauschenden Fluss. Wir sind allein auf der Straße. Die Sonne ist bereits hinter den Bergen verschwunden, feuchter Nebel steigt auf und wir fangen auf den Motorrädern an zu bibbern. Irgendwie ist es ein bisschen unheimlich. Wir hoffen, dass wir noch vor der Dunkelheit einen Schlafplatz finden.

Und plötzlich sind wir da: in Ayder. Vor einer Stunde noch an der sonnigen Meeresküste sind wir jetzt nicht mehr in der Türkei, sondern in den österreichischen Alpen gelandet. Auf einer grünen Bergalm sehen wir links und rechts alte Holzhütten, aus denen Rauch aufsteigt. Kleine Hotels stehen zerstreut auf den Wiesenhügeln. Wir hören den Wasserfall und die Glocken der Kühe, die im Halbdunkeln vor uns gelassen über die Straße spazieren, und kurz darauf den Abendgebetsruf des Imam. Wir sind also doch noch im Land des allgegenwärtigen Atatürks.

Für vierzig Euro die Nacht gönnen wir uns den Luxus des kleinen, feinen Hüttenhotels Kuspuni, das wie im Skiurlaub riecht. Unser Geschenk zum Jubiläum: Es ist der 18. Juni und wir sind nun genau einen Monat unterwegs. Am nächsten Morgen bekommen wir von einer Frau in traditioneller Kleidung auf der Terrasse das beste Frühstück unserer bisherigen Reise aufgetischt. Wir lassen uns frische Kräuter, kräftigen Ziegenkäse, aromatischen Imkerhonig und hausgemachte Marmelade auf der Zunge zergehen.


Am Bergfluss bei Ayder

Nach dem Frühstück treffen wir Thies und Antje auf der Dorfstraße, Studenten aus Hamburg, die eine Weile in Istanbul studiert haben und vor ihrer Rückkehr nach Deutschland noch die Küste per Bus bereisen. Wir gehen gemeinsam die Bergstraße nach oben und sehen uns die Gegend an. In diesem Landesteil kann man sehr alte Häuser in typischer Bauweise bewundern. Die Frauen hier tragen speziell gewickelte, schmuckvolle Kopftücher, die insbesondere jungen Gesichtern einen schönen und stolzen Ausdruck verleihen.


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Am nächsten Tag ziehen wir aus unserer Luxushütte in die kleine Pension Bozaci um, in der auch Thies und Antje wohnen. Wir werden noch drei Tage in Ayder bleiben und solange leisten wir uns ein ganz einfaches Zimmerchen für 12 Euro. In der lebendigen Pension sind wir vier die einzigen Ausländer. Am Samstagabend (21. Juni) sitzen wir nach einem verregneten Faulenzertag in der ofenbeheizten Gemeinschaftsküche und amüsieren uns dort beim Tee mit der lustigen, türkischen Männerrunde. Thies kann sich ganz gut auf türkisch mit den Leuten unterhalten und übersetzt für uns. Nach dem gemeinsamen Frühstück am nächsten Sonntagmorgen reisen er und Antje leider schon wieder nach Istanbul ab und wir planen die Route für Georgien und Aserbaidschan.


Georgien: Kleines Land, große Eindrücke

1. Juli 2008

Bunter Anfang in Batumi
Am 23. Juni und damit rechtzeitig vor dem Halbfinale Türkei gegen Deutschland fahren wir bei Sarpi über die Grenze nach Georgien. Die Route entlang der türkischen Schwarzmeerküste war eine gute Entscheidung. Wir hatten eine schöne Zeit bei den Türken, die uns immer sehr offenherzig und hilfsbereit begegnet sind. Viele von ihnen sprechen (etwas) deutsch und lieben „Almanya”.

Am baulich stark vernachlässigten Grenzübergang auf türkischer Seite ist ziemlich viel Verkehr. Es gibt aber keine Komplikationen. Am ersten Schalter bzw. Container mit der Aufschrift „Police – Pass Control“ drängelt sich eine Traube verschwitzter und aufgeregter Menschen, die alle gleichzeitig versuchen, ihren Pass durch die kleine Luke zu drücken, hinter der zwei Polizisten äußerst stressresistent die Pässe abstempeln. Wir haben keine Wahl und drängeln und schwitzen mit. Am letzten der insgesamt vier türkischen Grenzschalter verabschieden uns die Beamten noch bester Laune und voller Vorfreude auf das kommende Fußballspiel. Ein paar Tage später wissen wir: Wir haben mit der Ausreise nach Georgien alles richtig gemacht, denn hierzulande wurde der Sieg der Mannschaft um Star „Ballacki“ kräftig bejubelt.

Von der türkischen Grenze bis nach Batumi ist es nur eine halbe Stunde Fahrt. Die georgischen Kühe sind noch cooler als ihre türkischen Verwandten und pennen hier in aller Ruhe mitten auf der Fernstraße, als wären sie taub und blind. Durchgeschwitzt bei etwa 35 Grad kommen wir im Zentrum von Batumi an und quartieren uns im kleinen Hotel Lavro ein. Schnell sind wir wieder umringt von neugierigen Männern, die uns beim Entladen der MZ zusehen und Micha dabei ausfragen. Leider hat die Stadt an diesem Tag kein Leitungswasser, aber zum Glück improvisiert der Hotelbesitzer abends mit einer kleinen Pumpe und wir gehen nach dem Abendessen am Hafen halbwegs sauber ins Bett.

Nach dem Ausschlafen packen wir die Kamera ein und schlendern am nächsten Morgen durch die morbiden, charmanten, bunten Straßen. Hier gibt es keine modernen Supermärkte, sondern viele kleine Tante-Emma- und Obst-Gemüse-Läden. Manchmal dient die Garage oder der Hofdurchgang als Verkaufsstand für Schuhe oder Sonstiges.

Zum späten Frühstück probieren wir in einem kleinen Café die regionale Spezialität: Katschapuri. Das ist ein Teigboot mit einer Art Fetakäse gefüllt, in das kurz vor dem Fertigbacken noch ein Ei geschlagen wird. Es hat ganz gut geschmeckt und lange satt gemacht.


Typisch georgisch: Katschapuri

Kleiner Kaukasus: Der erste große Endurotest

Am Mittag des 25. Junis machen wir uns völlig unbedarft und bei Sonnenschein auf den 140-Kilometer-Weg nach Akhaltsikhe, und zwar durch den kleinen Kaukasus via Shuakhevi. Die Straße ist anfangs gut ausgebaut. Sehr bald geht sie in Flickenasphalt über und ab der Hälfte der Strecke beginnt dann überraschend unsere erste echte Enduroetappe. Als Hauptstraße in unserer Landkarte verzeichnet würden wir den Weg eher als ausgetrocknetes Flussbett beschreiben, das sich als felsige Serpentinen über unseren ersten echten Gebirgspass (Goderdzi) mit immerhin 2025 Metern schlängelt. Als wir die MZ im ersten Gang bergauf durchs Gelände quälen, müssen wir an unsere KTM und XT zuhause denken, die hier zweifelfrei mehr Spaß mit uns hätten. Diese Straße passieren – wie wir nachher wissen – eigentlich nur geländegängige Lastwagen oder Jeeps. Die paar wenigen Fahrzeuge, die uns entgegen kamen, haben gehupt und gewunken – wahrscheinlich, um uns Mut zu machen.

Nach dem Sechsstundentripp erreichen wir in der Dämmerung endlich die Kleinstadt Akhaltsikhe und landen im komischen und verwaisten, aber scheinbar besten Hotel der Stadt – das „White House“. Hier gibt es einen sicheren Parkplatz für die gestressten MZ und einen Fernseher mit georgisch kommentiertem Halbfinale für die müden Fahrer. Vor dem Schlafengehen haben wir noch eine Schicksalsbegegnung mit der liebenswerten Anna im kleinen Magazin gegenüber, die wir ansprechen, weil sie gerade mit ihrem georgischen Kumpel Gotscha auf Deutsch telefoniert. Sie freut sich wie ein kleines Kind über die beiden Deutschen, die in diesem Moment plötzlich vor ihr stehen. Anna kann es kaum fassen und lädt uns spontan auf einen Tee in ihre Wohnung gleich nebenan ein. Sie kann nicht aufhören, endlich wieder richtig deutsch zu sprechen. Bis vor ein paar Monaten war sie drei Jahre lang als AuPair in Deutschland und vermisst diese Zeit so sehr, dass ihr die Tränen in den Augen stehen. Wir hatten gleich einen Draht zueinander und verabreden uns für den nächsten Morgen.

Vardzia: Spannender Ausflug in die Felsstadt
Den ganzen nächsten Tag verbringen wir mit Anna und Gotscha, die sich extra Zeit für uns genommen haben. Zuerst fahren sie eine Dreiviertelstunde mit dem Minibus vor ins kleine Dorf Idumala nahe Aspindza, wo Annas Eltern wohnen und wir abends bleiben werden. Bis dahin folgen wir ihnen bzw. dem Bus mit unseren Motorrädern. Minibusse sind hierzulande die üblichste Art, von A nach B zu kommen. Meistens ist der Bus ein alter und stark beanspruchter Ford Transit mit Platz für 14 bis 20 Mann. Es gibt keinen genauen Fahrplan. Die Busse starten, wenn sie voll sind und unterwegs steigen die Leute an der Straße einfach aus oder zu. Von Idumala aus fahren wir vier gemeinsam mit dem nächsten Minibus weiter zu unserem Ausflugsziel Vardzia. Wir haben Glück und müssen kaum warten. Voll beladen holpern wir noch einmal eine Dreiviertelstunde über die Schotterpiste.


Vardzia ist eine geschichtsträchtige und einzigartige Felsstadt oben im Berg, die im 12. Jahrhundert entstand und – so sagt man – nur durch ein geheimes Tor zugänglich war. Die Stadt kam erst viel später zum Vorschein, als ein Teil des Berges abbrach. Heute leben noch Mönche dort oben und reichen den Besuchern heiliges Wasser aus der geheimen Höhlenquelle. Wir waren sehr beeindruckt von diesem Ort und der umliegenden Landschaft.

Geogisches Dorfleben in Idumala
Zwei Nächte verbringen wir bei Anna und ihren Eltern in Idumala. Hier nutzen sie das alte Haus der Großeltern derzeit als Sommerlager. Wir genießen das familiäre, gute Abendessen und die traditionellen und uns segnenden Trinksprüche des Vaters bei selbst gemachtem Rotwein.

Wir fühlen uns hier im einfachen und herzlichen Haus total wohl – mit Hund Mickey, einem Klohäuschen und der Dusche im Garten. Beim Abendspaziergang durchs Dorf mit Blick auf Fluss und Berge begegnen wir neugierigen Verwandten und Dorfbewohnern. Wir möchten uns irgendwie revanchieren für die Herzlichkeit der Familie und putzen am nächsten Tag zum Dank das Auto von Annas Vater, der sieben Tage die Woche als Bauleiter unterwegs ist und kaum Zeit für zuhause hat.

Wir pflegen hier auch noch ein bisschen unsere MZ auf der Terrasse und brechen nach zweieinhalb Tagen leider schon wieder auf nach Borjomi, wo wir nahe der bekannten Mineralwasserquelle Station machen. Die lustige Mannschaft der Pension, in der wir unterkommen, schiebt nach Dienstschluss sicherheitshalber noch unsere beiden Packesel in den Kneipensaal. Wie Kinder setzen sie sich nacheinander auf die parkenden Motorräder und hupen, bis die Gläser auf der Theke wackeln.

Via Georgian Military Highway in den großen Kaukasus
Nächstes Ziel unseres Georgienaufenthalts ist ein zweitägiger Abstecher ins nördliche Kaukasusdorf Kazbegi (heute wieder Stepan Tsminda). Die Straße dorthin über den Jvari-Pass (2379m) fährt sich erholsam gut. Die fast unwirklich erscheinende Gebirgslandschaft mit ihren Schneegipfeln ist ziemlich eindrucksvoll. Wir kommen uns winzig vor zwischen den riesigen Bergen. Es ist kühl und feucht hier oben. Gerade so über den Pass gekommen, geht Micha dann das Benzin aus. Kein Mensch in Sicht. Wir hatten beide nicht ans Tanken gedacht. Wir schaffen es, bergab ins nächste Dorf vor einen Kiosk zu rollen. Hier sitzen scheinbar schon auf uns wartend zwei alte Herren an einer kleinen Zapfsäule und grinsen uns an.


Großer Kaukasus

Erleichtert und mit vollem Tank geht’s noch ein paar Kilometer weiter nach Kazbegi. In der Dorfmitte werden wir sofort abgefangen und in die Privatunterkunft zu Maja und ihrer kleinen Familie in Gergeti geführt. Bei Maja wohnen die Gäste sehr individuell. Das Zimmer in der sonst unbewohnten zweiten Etage des Hauses ist eigentlich ein kleiner Tanzsaal mit zwei Betten. Im Preis enthalten sind ein georgisches Frühstück und Abendessen, das uns Maja zur gewünschten Zeit nach oben serviert, eine warme Dusche im Waschkeller und ein Plumpsklo neben dem Hühnerstall. Vier Monate hat Majas Familie Zeit, an den relativ vielen ausländischen Touristen, die zum Wandern und Klettern hierher kommen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Das ruhige Dorf ist umringt von Bergketten, die wie Riesenwände vor uns stehen. Wir können am Abend kurz den legendären Kazbegiberg sehen. Über 5000 Meter hoch ist er oft von Wolken verdeckt. Am kommenden Morgen ist eigentlich „Im-Bett-bleiben-Wetter“. Eine tiefe Wolkendecke versperrt die Sicht. Wir ziehen uns die Regenjacken an und wollen zusammen mit einem anderen jungen Paar hoch auf den Berg, wo die kleine 600 Jahre alte Tsminda Sameba Kirche steht. Die ist so was wie ein Wahrzeichen für die Georgier. Ein Bekannter von Maja fährt uns vier in seinem Lada Niva den krassen Panzerweg hinauf. Unglaublich, wie das alte Auto den Weg geschafft hat. Wir sind so froh, dass wir nicht die MZ genommen haben und zaubern unserem Chauffeur ein breites Grinsen in sein markantes, faltiges Gesicht, als wir uns – wieder zurück im Dorf – mit „otschen karascho maschina“ bei ihm verabschieden. Mit einem Besuch im sonst unbesuchten Alexander Kazbegi Museum beenden wir unser Touriprogramm.

Ein dreiviertel Tag in Tibilisi
Nach Kazbegi haben wir leider nur noch weniger als einen Tag für Tibilisi, bevor es zur aserbaidschanischen Grenze geht. Die Visatermine sitzen uns leider ein bisschen im Nacken. Wir haben einen Tipp für eine nette Unterkunft im Zentrum bekommen. Wir sind zwar in der Hauptstadt, aber leider finden wir hier kein einziges Straßenschild und nirgends einen Wegweiser! Zum Glück sprechen wir zwei sehr nette Männer an der Tankstelle an, die uns mit ihrem Auto direkt bis vor die Haustür leiten. Bei dieser Stadtfahrt haben wir schnell die wenigen Verkehrsregeln der Tibiliser gelernt: 1. im Allgemeinen herrscht Rechtsverkehr, 2. Fahrspuren existieren nur spontan und lösen sich genauso schnell wieder auf und 3. drängeln, hupen, drängeln…

Leider sind schon alle Zimmer der charmanten Pension von einer Studentengruppe aus den USA belegt. Viele junge Amis sind derzeit in Georgien unterwegs. Die US-Regierung unterstützt sie mit Stipendien. Wir schlagen also unser Zelthäuschen im Hinterhof auf, nehmen eine lange Dusche, erledigen ein paar Dinge im Internetcafé und fahren abends mit dem Taxi zum Teigtaschenessen in die Altstadt. Das war`s dann auch schon mit Tibilisi. Am Morgen des 2. Julis lassen wir uns von einem Taxifahrer sicher aus der Stadt führen und kommen nach zweieinhalb Stunden an der Grenze zu Aserbaidschan an.

Schon wieder verlassen wir ein Land, an das wir uns gerade erst gewöhnt hatten. Georgien ist landschaftlich traumhaft und sehr abwechslungsreich. Gastfreundschaft ist für die Menschen eine Selbstverständlichkeit. Im ersten Moment manchmal etwas von uns irritiert, ist nach dem ersten “Garmadschoba” (georgische Begrüßung) sofort das Eis gebrochen. Mit unseren wenigen Russischvokabeln und dem Bildwörterbuch gelingt uns zwar keine richtige Unterhaltung, aber trotzdem entsteht sofort eine herzliche Verbindung. Obwohl uns die Georgier überall dringend vor Diebstahl gewarnt haben, hatten wir nirgends ein unsicheres Gefühl.


Aserbaidschan: Eine Überraschung

11. Juli 2008

Der georgische Wegweiser vor der Grenze wünscht uns „Viel Glück“ – brauchen wir das etwa?

Diskussionen mit den Herren vom Zoll

Als wir das obige Schild vor der aserbaidschanischen Grenze bei Tsodna lesen, sind wir gespannt, was uns in dem neuen Land, über das man in Deutschland wohl wenig weiß, erwartet. Wir stehen schwitzend in der Warteschlange vor der Schranke. Vor uns nehmen die Beamten jedes Fahrzeug von innen und außen unter die Lupe. Endlich sind wir an der Reihe. Die erste Überraschung erleben wir, als uns die Herren vom Grenzzoll höflich aber bestimmt mitteilen, dass wir mit den Motorrädern als Transit-Reisende nur drei Tage im Land bleiben dürfen. Diese Regel muss neu sein, denn in Deutschland hat bisher noch niemand davon gehört. Wir stellen uns dumm und machen den Grenzbeamten klar, dass wir mit unseren Visum erst in zehn Tagen nach Turkmenistan weiterreisen dürfen. Wenn das so ist, müssen wir eben für jede MZ eine Kaution von 880,- US-Dollar bis zur Ausreise hinterlegen und eine Zollgebühr von je 80 US-Dollar zahlen. Und dabei bleiben sie. Wir fahren erstmal ohne Kaution und Gebühr weiter und wollen nach drei Tagen versuchen, beim Hafenzollamt in Baku eine Verlängerung für die Motorräder zu bekommen. Immerhin bleiben wir von einer Gepäckkontrolle verschont.

Einfahrt als Staatsgäste

Unser erster Halt in Aserbaidschan ist die Kleinstadt Zaqatala, 40 Kilometer hinter der Grenze. Auf dem Weg dorthin sind wir diesmal angenehm überrascht, wie ordentlich und freundlich Aserbaidschan erscheint. Wir fahren ein wie Staatsgäste: die leuchtend weiß-gelben Zäune und Bordsteine sind gerade erst fertig gestrichen, Blumenkästen dekorieren die Tankstellen und Brücken, aus den Autos und an der Straße winken und pfeifen uns die Menschen mit Enthusiasmus zu. Uns kommt es vor, als hätten alle auf uns gewartet. Das Hotel Zaqatala heißt uns am Abend herzlich willkommen. Für siebzehn Euro ziehen wir in ein kleines, sauberes Zimmer mit warmer Dusche und frischen Handtüchern ein. Unten gibt es auch noch ein Internetcafè. Das ist Luxus für uns und die Grenzstation ist bereits vergessen.

Lahic: Ein Museumsdorf

Bevor es in den Moloch Baku geht, verbringen wir noch einen Tag im alten Bergdorf Lahic. Wir biegen nach ein paar Stunden Fahrt von der gut befahrbaren Landstraße ab und haben noch zwanzig Kilometer Schotterpiste in die Berge vor uns. Nach ein paar Minuten machen wir so kurz vorm Tagesziel leider noch eine Zwangspause: Werkzeug aus dem Koffer holen, Hinterrad und Trommelbremse ausbauen. Eine Speiche, die bei Micha bereits zum vierten Mal ausgebrochen ist, hat sich in die Bremstrommel gezogen und diese schleifen lassen. Nach einer Stunde Reparatur bringen uns beide MZ brav nach oben ins Dorf.

In Lahic gibt es laut Lonley Planet-Reiseführer von 2004 ein nettes Familiengasthaus mit einem Platz zum Zeltaufschlagen und einem 320 Jahre alten Hamam. Die beiden Söhne sprechen gut Englisch und sollen sehr hilfsbereit sein. Das Dorf ist sehr ursprünglich geblieben und in den traditionellen Metall- und Teppichwerkstätten wird in der x-ten Generation das Handwerk ausgeführt. All das finden wir auch in 2008 vor. Nur der Preis für unsere Bleibe hat sich verdoppelt.

Wir beide nehmen nach dem Zeltaufbauen ein ausführliches Bad in dem antiken Hamam, in dem sich bereits vor Jahrhunderten die Dorfbewohner gebadet haben. Zuerst machen wir uns nackt, dann geht es durch eine alte, quietschende Metalltür und einen kleinen Treppengang runter in die dunkle, feuchtwarme Felshöhle. In diesem Raum kommt an einer Stelle heißes und an einer anderen kaltes Wasser aus der Wand. Mit den Schüsseln und Schöpfkellen auf den seitlichen Steinbänken waschen wir uns lange und genussvoll den Schotterstaub ab. Garazad, einer der beiden erwachsenen Söhne, macht beim gemeinsamen Teetrinken für uns noch eine private Unterkunft bei seinen Verwandten in Baku klar. Leider sind die wenigen billigen Hotels in der Hauptstadt mittlerweile auch ziemlich teuer. Bei der Cousine von Garazad und ihrer Familie können wir die restlichen sechs Tage für etwas Geld bleiben. Wir sind gespannt, wie Bakuraner wohnen und leben.

Erste Sorgen in Baku

Die Landschaft im Osten ist auf einmal öde: sandige Hügel, Steppengestrüpp. Die Straße hat viele Bodenwellen und ist ziemlich stark befahren. Von links weht kräftiger Wind und treibt uns in die Schräglage. Wir fahren unendlich lange in Baku ein. Die Straße ist halbfertig gebaut, an den Seiten Sand, Steinbrocken und zugestaubte Baumaschinen. Die verrückten Autofahrer kennen keine Fahrspuren. Irgendwann sind wir mitten in der chaotischen Stadt. Suses Packesel wird auf einmal bockig und ruckelt ab und zu. Wir fahren so weit wie möglich ans Viertel am anderen Stadtende heran, in dem unsere Gastfamilie wohnt und uns erwartet. Irgendwann sehen wir nicht mehr durch und bitten einen Taxifahrer, uns zur Adresse zu leiten. Wir fahren quer durch große Kreisverkehre. Keine Ahnung, ob hier Regeln existieren, aber irgendwie bleibt der Verkehr im Fluss und einen Unfall haben wir noch nicht gesehen. Wir stehen bald im stickigen Stau. Suses MZ will kaum noch anfahren und macht komische Geräusche. Gestresst und irgendwie, treibt sie den sturen Esel, der keine Lust auf Baku hat, aber noch zum Ziel. Wir sind endlich heil angekommen: auf dem Hof eines alten Hochhauses im Stadtteil Achmädli. Ceyhun, der siebzehnjährige Sohn unserer Gastfamilie Hasanli, und sein vier Jahre jüngerer Bruder Aser begrüßen uns schüchtern. Wir werden in den nächsten Tagen das Kinderzimmer der Beiden belagern.


Amil, Micha, Aser, Suse, Zümrüd — Ceyhun und Micha

Während wir unter Zuhilfe der neugierigen Jungs vom Block unsere MZ komplett entladen, kommen auch die Eltern Amil und Zümrüd nachhause. Natürlich gibt es erst einmal Tee für die Gäste. Die befreundeten Nachbarn von oben kommen auch noch dazu und werfen einen Blick auf die Motorradfahrer aus Deutschland. Wieder fühlen wir uns rührend umsorgt. Mit ein bisschen Englisch und ein bisschen Russisch klappt auch die Verständigung einigermaßen. Wir sind glücklich bei Familie Hasanli, gehen aber zum ersten Mal mit Sorge um unsere Räder ins Bett: Wie bzw. wo kriegen wir die MZ so schnell wieder fit? Eigentlich müssen beide Fahrzeuge schon morgen zum Zollamt gebracht werden. Hoffentlich ist es nur der Vergaser, ansonsten wird es zeitlich problematisch.

Zusammen mit Ruslan, einem englischsprachigen Freund aus dem Haus, fahren wir am nächsten Morgen mit dem Taxi erstmal zum Hafenzoll, um dort vergebens um eine längere Aufenthaltsdauer für die Motorräder zu bitten. Zum Glück kennt Ruslan eine Autowerkstatt in unserem Viertel. Einer der Mechaniker, wie es der glückliche Zufall will, fährt selbst MZ und kennt sich bestens damit aus. Bis zum Abend machen Micha und er gleich beide Fahrzeuge wieder topfit für den Turkmenistan-Transit. Bei Suses MZ war der Vergaser verschmutzt, die hinteren Radlager mussten ausgetauscht und die losen Speichen erneuert werden. Am Abend parken wir beide Motorräder rechtzeitig auf dem Hof des Zollamtes und alles ist gut. Jetzt können wir in Ruhe ein paar Tage lang das Leben in Baku erkunden.

Baku: Ein zweifarbiges Stadtbild

An der Metrostation in Ächmädli

Baku erleben wir vor allem bei und mit Familie Hasanli. Wir haben uns gegenseitig sofort ins Herz geschlossen und verbringen die nächsten sieben Tage fast die ganze Zeit zusammen.

Am zweiten Tag nach unserer Ankunft in der Hauptstadt, am Sonntag, machen wir erstmal mit einem verrückten Minibusfahrer einen entspannten Familienausflug an den schönen Badestrand am Kaspischen Meer. Auf dem langen Weg raus aus der Riesenstadt fahren wir durch ein ausgedörrtes, staubiges und chaotisches Baku. Aus dem offenen Minibusfenster sehen wir tausende hupende Autos, überall verteilten Müll, ein paar kleine abgefuckte Läden und stinkende Ölpumpenfelder vor durchgängig beige-sandigem Hintergrund.

Als wir allerdings den ganzen Montag, den 7. Juli, mit Ceyhun und Azer als Stadtführer bei schwülwarmem und sehr windigem Wetter Zentral-Baku erkunden, sehen wir die schönsten Plätze der neuen und aufgeräumten City. Die beiden Jungs sind sehr stolz auf ihre Stadt und haben viel Ausdauer. Wir versuchen, Schritt zu halten und sie versuchen, uns jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Ceyhun und Azer sind ungewöhnlich zuvorkommend. Besonders ihr neuer „best friend Mikel“ hat es ihnen angetan, mit dem sie sich über deutsche Automarken austauschen können.

Wir gehen schick aus!

Mama Zümrüd kocht jeden Tag leckeres Essen und verwöhnt uns. Zum Dank laden wir die ganze Familie am Donnerstag zum Dinner in ein Restaurant ihrer Wahl ein. Alle machen sich hübsch und ein Freund der Familie chauffiert uns mit seinem weißen, frischgeputzten Lada 2107 ins Open-Air-Lokal in der Innenstadt. Bis in die Nacht hinein genießen wir einheimisches Essen und Wein. Zwischendurch versuchen wir, bei aserbaidschanischer Livemusik aserbaidschanisch zu tanzen – im Halbkreis vor der Bühne. Und spätestens da amüsieren sich wirklich alle Gäste. Und trotzdem denken wir schon wieder: Schade, dass wir bald abreisen werden!

Dreister Betrug an der Fähre

Leider verschwenden wir noch zwei ganze Tage unserer Bakuwoche damit, Zoll- und Visaangelegenheiten mit der turkmenischen Botschaft zu klären. Und als ob das nicht reicht, müssen wir uns am letzten Tag vor unserer Weitereise nach Turkmenistan noch vom Fähren-Kassenwart am Hafen dreist bescheißen lassen: Für zwei Überfahrttickets nach Turkmenbashi müssten wir zusammen mit den Motorrädern mindestens 500 US-Dollar zahlen, behauptet er. Wir ahnen, dass dieser Preis Betrug ist. Eine Preisliste gibt es angeblich nicht. Der scheinbar seriöse Herr in Kapitänsuniform erkennt an unserem zeitlich stark begrenzten Turkmenistanvisum, dass wir auf die morgige Fähre angewiesen sind und nutzt diese Situation schamlos aus. Weil er ja einen Verwandten in Kiel hat, gibt er uns noch gnädig hundert Dollar Rabatt. Dafür überreicht er uns nach Geldübergabe ein Ticket, auf dem die Hälfte des bezahlten Preises quittiert ist. Genervt von der Abzocke fahren wir nachhause, denn dort wartet schon seit über einer Stunde unsere Familie Hasanli mit dem Abendessen auf uns. Es gibt frischen Fisch, weil sie herausgefunden haben, dass wir gerne Fisch essen.

“Good bye, my babies!”

Morgens am 11. Juli heißt es dann Sachen packen und Abschied nehmen. Es ist ein Abschied von neuen Freunden, die wir auf der Rücktour nach Deutschland im nächsten Jahr noch einmal besuchen werden. „Good bye, my babies,“ sind Zümrüds letzte Worte. Das eigentlich vereinbarte Geld für die Unterkunft wollen sie natürlich nicht mehr annehmen. Stattdessen gibt es sogar noch ein Andenken für uns: einen Talisman und einen traditionellen Silberdolch, den wir hoffentlich problemlos über die Grenze schmuggeln. Mit dem Gepäck auf dem Autodach geht’s dann zum Hafen, wo unsere beiden MZ die ganze Woche über einsam auf uns gewartet haben. Mittags soll die Fähre übers Kaspische Meer ablegen und in etwa 15 Stunden Turkmenbashi`s Hafen erreichen. Die Grenzbeamten in Baku verabschieden uns recht unkompliziert und verschonen uns mit einer Zolldurchsuchung. Auf geht’s nach Turkmenistan auf hoffentlich ruhiger See!


Turkmenistan-Transit: Unser Wüstenmarathon

20. Juli 2008

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Nach 34 Stunden auf dem Meer: Ankunft in Turkmenbashi

Wir fahren unsere Mopeds über eine alte klapprige Holzbohlenrampe in den dunklen, öligen Rumpf der Fähre nach Turkmenbashi. Außer ein paar alten Güterwagons können wir kein anderes Fahrzeug sehen. Personal zur Einweisung oder Gurte zum Festzurren – Fehlanzeige. Unser schweres Gepäck schleppen wir über zahlreiche Hindernisse übers ganze Schiff hoch zu unserer teuren Kabine Nummer 5. Der Schweiß strömt aus allen Poren. Wir tauschen unsere Pässe gegen den Kabinenschlüssel ein.

Erschöpft betreten wir unsere vermeintliche Luxussuite der fast menschenleeren Fähre aus den frühen Achtzigern. Keine Ahnung, wie viel tausende Passagiere vor uns auf diesen Teppich gekleckert und in die alten Matratzen geschwitzt haben. Es gibt keine Bettwäsche oder Handtücher, wenigstens haben wir ein Fenster „mit Blick aufs Meer“ und eine halbwegs funktionierende Dusche und Toilette.

Um drei Uhr morgens werden wir nach ruhiger Überfahrt vom Rasseln der Ankerketten geweckt. Sind wir da? Die Aufregung steigt. Micha guckt aus dem kleinen Kabinenfenster in die Dunkelheit. In der Ferne leuchten Lichter einer Stadt: Turkmenbashi?Wir ankern an dieser Stelle bis zum Sonnenaufgang und schlafen noch mal ein. Leider wissen wir da noch nicht, dass wir insgesamt 19 Stunden in dieser Position ausharren werden, da der turkmenische Grenzhafen geschlossen ist. Warum, wissen wir bis heute nicht.


19 Stunden Blick auf Turkmenbashis Hafen

Nach ewigem Warten an Deck und sonst wo auf dem verwaisten Boot laufen wir endlich ein. Es ist Mitternacht und uns steht ein vierstündiger Papierkrieg bevor. Der kostet uns pro Person mehr als hundert Dollar. Dafür haben wir einen ganzen Stapel bunter Dokumente in der Tasche. Die Beamten sind überraschend nett und servieren uns Tee und Süßigkeiten zur Halbzeit. Wir können es kaum glauben, aber auf eine Gepäckkontrolle hat jetzt offenbar keiner mehr Lust. Ein Glück, wir auch nicht! Nach zweieinhalb Stunden Schlaf auf dem Fußboden des Hafengebäudes starten wir bei Sonnenaufgang unsere erste von vier Etappen: 152 Kilometer bis nach Balkanabat.


Grenzpapiere pro Person

Vier Tage, 1.200 Kilometer Wüste und 50 Grad

Wir haben einenganzen Tag unseres 5-Tage-Visums verloren und vor uns liegen insgesamt etwa 1.200 Kilometer Wüstentransit durch die Karakum bei etwa 50 Grad Hitze. Wir werden die wenigen großen Städte Balkanabat, Ashgabat, Mary und Turkmenabat an der Grenze zu Usbekistan ansteuern. DieTransitstraße soll asphaltiert, aber schlecht sein und uns grault vor den bekannten Polizeikstopps an den etlichen Kontrollstationen.


Optimistisch

Rekordverdächtig: Unsere Anzahl an Polizeikontrollen

Als wir am 13. Juli morgens um halb Sieben aus dem Hafen in Turkmenbashi losfahren, werden wir – die Grenzstation noch nicht mal aus den Augen – fünfhundert Meter weiter zum ersten Mal mit der Trillerpfeife angehalten. Die beiden Polizisten stürmen aus ihrem Wartehäuschen auf die Straße und setzen sich noch schnell und ordnungsgemäße ihre grüne Kappe auf: „Passport!“

Sie gucken wie die Sau ins Uhrwerk, als wir ihnen alle Grenzpapiere überreichen, die wir vor ein paar Stunden geduldig eingesammelt haben. Micha soll mit ins Kontrollhaus kommen, dort wird der Vorgesetzte hinzugeholt. Nach einer Viertelstunde kommt der Chef und macht uns klar, dass wir ihm in seinem Lada Samara folgen sollen. Nach einer zehnminütigen Fahrt durch Turkmenbashi in die eigentlich umgekehrte Richtung hält er an der Kontrollstation am anderen Ende der Stadt und meint nur: Hier entlang geht’s nach Ashgabat, gute Reise! Dieser Kontrollpunkt war der einzige und letzte in ganz Turkmenistan, an dem wir anhalten mussten. Unglaublich! Nur noch ein zweites Mal wurden wir irgendwo vor Ashgabad gestoppt. Da wurden allerdings nur die MZ neugierig beguckt und uns kühles Trinkwasser überreicht. Sahen wir so fertig aus?

Wir sind reich!

In Balkanabat tauschen wir Geld auf dem Schwarzmarkt, denn nur hier bekommen wir einen realistischen Kurs: Ein US-Dollar ist etwa 14.200 Manat wert. Mit einem Riesenstapel Geldscheinen im Portemonnaie sind wir endlich reich, oder? Wir beschließen, uns in Turkmenistan nach jeder Etappe mit einer Übernachtung in einem Topend-Hotel zu belohnen, d.h. ein Zimmer mit Klimaanlage und sauberem Bad. Das kostet etwa 60 Luxusdollar pro Nacht. So können wir uns abends jedoch gut von der stundenlangen Fahrt erholen.

Interessante Wegpunkte: Tankstellen und Hotels

Die „Highlights“ unserer Turkmenistandurchreise sind leider nur Tankstellen und Hotels. Wir ärgern uns immer noch darüber, dass längere Aufenthalte nur mit persönlichem Tourguide möglich sind. Vielleicht kommen wir irgendwann noch mal in dieses eigenartige, aber interessante Land des Turkmenbashis zurück und haben mehr Zeit und Geld in der Tasche.


Auftanken: Einmal mit Wasser, einmal mit Benzin

Wir fahren jeden Tag von früh bis in den späten Nachmittag hinein die endlose Straße entlang. Der Kilometerzähler dreht sich zäh. Zu unserem glücklichen Erstaunen ist der Asphalt gut befahrbar für unsere Packesel, d.h. wir kommen fast durchweg auf die Höchstgeschwindigkeit von 75-80 km/h. Trotzdem zieht sich die Fahrt. Der Fahrtwind ist heiß. Auch die aufgeschnallten Wasserflaschen kommen schnell auf 40 bis 50 Grad Temperatur, aber daran gewöhnen wir uns. Tankstellen gibt es zum Glück ausreichend, so dass wir alle 200 Kilometer nachladen können.

Bitte keine Panne in der Wüste

In der Mitte unserer zweiten Etappe nach Ashgabad kommt Suses Mopped auf einmal zum Stehen. Jetzt schon Benzinreserve? Das kann nicht sein. Die nächste Tankstelle ist außerdem noch 70 Kilometer entfernt. Den Reserveschalter umgelegt fahren wir ein paar Kilometer weiter und wieder Ruckeln bis zum Stillstand. Ja, wir kommen nicht drum rum: Ein kleiner Reparaturstopp in der Mittagshitze, am staubigen Straßenrand mitten im No-where. Micha vermutet und hofft auf einen Fehler in der Zündung. Er stellt den Unterbrecherkontakt wieder richtig ein und weiter geht die Fahrt! Puhhh…

Die restlichen Etappen des Marathons überstehen wir ohne Zwischenfälle. Allerdings lassen die Kräfte ganz schön nach. Auf der letzten Strecke von Mary bis zur Grenze ist besonders Suse regelrecht erschöpft. Die Hitze schlaucht, an Essen ist längst nicht mehr zu denken. Der ersehnte Grenzübergang nach Usbekistan ist kein einziges Mal ausgeschildert. Wir heuern wieder einen Taxifahrer an, uns zu führen – ohne hätten wir den Weg mit den vielen Abbiegungen niemals gefunden.

Wo ist Usbekistan?

Die turkmenische Grenze bei Farab erstreckt sich über mehrere Kilometer. Wir fahren zunächst über eine klapprige Pontonbrücke. Dann kommen hier noch ein Grenzposten und da noch ein Posten. Wir schwitzen und stinken, sind müde und wollen endlich absteigen. Wo ist Usbekistan? Als Abschiedsgeschenk bekommt Suse jetzt auch noch ihr erstes schlimmes Verdauungsproblem. Und irgendwann sind wir da: am ersehnten Grenzgebäude der Usbeken…


Usbekistan: Wir spüren die Seidenstraße

21. Juli 2008

Rumhängen in Bukhara: Der ideale Ort für entspannte Tage

Über die Grenze gekrochen

Als wir am 16. Juli die usbekische Grenze ohne große Hindernisse passieren, fühlen wir uns erstmals richtig ausgepowert. Suse – müde und geplagt von Bauchschmerzen – kriecht regelrecht durch die Kontrollstellen. Wir sehnen uns nach einem Platz zum Schlafen…

Die erste Nacht im neuen Land Usbekistan verbringen wir vierzig Kilometer weiter, in Qarakol. Bis nach Bukhara hätte Suse es nicht mehr geschafft. Das einzige “Hotel“ in der nicht bemerkenswerten Stadt ist gruselig. Wir kommen dort im Dunkeln an und legen uns sofort zum Schlafen auf den Fußboden eines stickigen Raumes. Es stinkt streng aus dem Hockklo, das Fenster lässt sich nicht öffnen. Egal, Hauptsache ausruhen und morgen ganz früh geht’s nach Bukhara.

Bukhara: Im Suhrob Barzu am Lyabi Khauz

Die alte Seidenstraßenstätte Bukhara ist eine wunderbare Belohnung für uns. Wir genießen hier acht entspannte Tage und wohnen solange in dem kleinen, schönen Privathotel Suhrob Barzu mitten in der Altstadt. Der um die Ecke liegende Lyabi-Khauz-Platz ist das touristische Zentrum der Stadt. Zwar ist es hier sehr ruhig und überschaubar, wir haben aber trotzdem nicht mit so vielen anderen Reisenden aus aller Welt gerechnet.

Wir leben ohne großen Plan in den Tag hinein. Wir schlafen uns richtig aus, bummeln ohne Zeitgefühl durch die Gassen und Medressen, fotografieren, plaudern so gut es geht mit Einheimischen oder anderen Reisenden. Nach dem Frühstück besuchen wir die beeindruckenden Residenzen damaliger Herrscher oder restaurierte religiöse Stätten wie die Gräberstadt Chor Bakr.

Wir kaufen Waschseife auf dem bunten, unübersichtlichen Kolhoz-Basar und werfen Blicke in die traditionellen und noch heute geförderten Werksstätten für Seidenstickerei, Malerei, Teppichweberei und Metallhandwerkskunst. Hier spüren wir endlich die alte Seidenstraßenromantik. Wenn es uns draußen zu heiß wird, ziehen wir uns in unser klimatisiertes Zuhause zurück – zum Lesen, Schreiben, Faulenzen. Abends probieren wir verschiedene typische Speisen wie Plov und gehen manchmal noch ins Internetcafè.

Gespräch mit Dilbor Hasanowa

Neben den wunderbaren Sehenswürdigkeiten versuchen wir herauszufinden, wie Bukharaner heute leben. Als wir eines Nachmittags die königliche Festung Ark besichtigen, treffen wir eine ältere Frau, die am Eingang traditionelle Miniaturmalereien ihres Sohnes verkauft. Dilbor Hasanowa – eine stolze und interessierte Frau – spricht uns auf Deutsch an. Sie hat unsere Sprache jahrelang an der Universität in Bukhara unterrichtet. Heute ist sie Rentnerin, lebt von siebzig Euro Pension im Monat – das ist mehr, als andere bekommen – und unterstützt ihren 34-jährigen Sohn Bobir beim Verkauf seiner Bilder.

Dilbor lädt uns am nächsten Abend zu sich nachhause ein. Sie lebt mit ihrem Sohn Bobir und seiner jungen Familie unter einem Dach. Es ist ein kleines, gemütliches Haus. Im Wohnzimmer steht eine große Holztruhe randvoll mit antiken arabischen Büchern. An der Wand hängt ein auf Leder verfasstes islamisches Gebet. Wir setzen uns gemeinsam an den mit verschiedenen regionalen Früchten gedeckten Tisch auf den Boden und fangen an zu erzählen.

Wir unterhalten uns mit entspannten, zufriedenen und gebildeten Menschen, die nach dem Koran leben und sich stark in ihrer Kultur verankert fühlen. Bobir zeigt uns ein paar seiner Kunstwerke. Die Ornamente und religiösen Schriftzüge sind so fein gezeichnet, dass er vom Malen kurzsichtig geworden ist. Seine Frau serviert uns das Abendessen. Sie arbeitet heute ebenfalls als Deutschlehrerin. Beide würden sehr gerne mal nach Deutschland reisen, aber dafür reicht ihr Geld bei Weitem nicht aus. Bobir ist ersatzweise im Internet „unterwegs“ und träumt seit langem von einem realen Besuch im Dresdner „Neuen Gewölbe“. Wir hoffen, dass er sich diesen Traum vielleicht irgendwann erfüllen kann. Das wäre dann auch unsere Gelegenheit, sich für ihre bedingungslose Gastfreundschaft bei der Familie zu revanchieren.


Usbekistan: Post aus Samarkand

3. August 2008

Samarkand: Ein Mix aus Sowjetstyle und 1001 Nacht

Wir sind insgesamt neun Tage in Samarkand und solange wohnen wir im Gasthaus Dilshoda gleich neben dem Guri Amir Mausoleum. Zentrum des Geschehens in der privaten Pension ist der gemütliche Innenhof, in dem man die nette Gastfamilie trifft und sein Frühstück auf traditionellen Möbeln isst: auf einem bettähnlichen Holzgestell (Tapchan) und bunten Matratzen (Kurpacha). Frühstück ist für uns die willkommenste Mahlzeit. Am Abend serviert dann der Usbeke oft das Nationalgericht Plov (Eintopf aus Reis, Gemüse und Fleisch, in Öl gegart). Das ist zwar ganz lecker, aber ziemlich schwer verdaulich. Wir mussten in Samarkand leider noch mal eine Diät einlegen, da uns ein noch schlimmeres Magen-Darm-Problem zwei Tage lang ans Bett und Klo gefesselt hat. Diesmal haben wir härteres Geschütz aufgefahren: Antibiotika. Zum Glück hat es gut gewirkt.


Frühstück und Plov

Leider sind die Tage derzeit extrem heiß. Usbekistan hat dieses Jahr einen Rekordsommer. Zwischen zwölf und sechszehn Uhr ist es nur im Schatten oder Hotel auszuhalten. Es sei denn, man verträgt die gefühlte 60-Grad-Hitze. Wir ertragen sie kaum. Daher besuchen wir nur vor und nach der Hitzespeerstunde die 1001-Nacht-Denkmäler wie Registan, Guri Amir Mausoleum und Bibi Khanym Moschee. Auf dem Weg dorthin passieren wir das architektonische Erbe der Sowjetunion: Hotels, Parks und Alleen im unverkennbaren Stil. Hier in Samarkand liegen 1001 Nacht und Sowjetstyle sehr dicht beieinander.

Wenn wir kein Sightseeing machen, sitzen wir am Computer, lesen im Reiseführer, gehen kurz Einkaufen oder liegen ermattet von nur einem 2-Kilometer-Fußmarsch auf dem Bett. Als Ausländer durch Samarkand zu laufen kann sehr anstrengend und teilweise nervig sein. Denn touristenähnliche Wesen müssen in Usbekistan für fast alles das Zwei- bis Dreifache bezahlen. Ob nun für Sehenswürdigkeiten, Unterkunft, Taxi oder Essen. Die Usbeken haben das gute Geschäft mit dem Tourismus schnell gelernt. Darum müssen wir auch täglich und überall aufs Neue verhandeln und aufpassen, dass wir möglichst wenig ausgenutzt werden. Unsere Verhandlungstricks werden zwar von Tag zu Tag besser, die Lust auf ständige Spielchen aber immer geringer. Leider versteht hier niemand den Unterschied zwischen normalen Touristen, die im Urlaub nicht unbedingt aufs Geld achten müssen, und relativ armen Reisenden wie uns, die ein Kostenbuch zu führen haben.

Amüsanter Sonntagsbasar in Urgut

Sonntag ist keinesfalls Ruhe-, sondern Basartag! Der Basar ist neben der Familie der wichtigste Lebensbestandteil, auch deshalb, weil er für die meisten Menschen im Lande die Haupteinnahmequelle ist. Hier trifft man Doktoren, die ihren Job im Krankenhaus gegen einen Basarverkaufsstand getauscht haben, weil sie damit besser verdienen.

Wir drängeln uns in Samarkand mit ein paar Frauen in den Minibus nach Urgut, um uns vierzig Kilometer weiter das Treiben auf einem zentralasiatischen Großmarkt anzugucken. Auf der Straße vor dem Basar fängt das Durcheinander schon an. Etliche alte Ladas und Busse suchen links und rechts eine Lücke zum Anhalten, Aus- und Zusteigen und Weiterfahren. Wir wagen uns gleich in den lauten Basar-Dschungel und irren für drei Stunden durchs Labyrinth aus Ständen, an denen Lebensmittel, Stoffe, Kleider, Schuhe, Haushaltswaren und so weiter gehandelt werden. Frauen in bunt gemusterten, luftigen Kleidern und dem Handy-Taschenrechner in der Hand managen das Geschäft. Beim Anblick zwar chaotisch, ist die Stimmung auf dem Urgutbasar doch irgendwie sehr entspannt. Ungestört beobachten wir die Menge an Leuten; ab und zu spaßen sie mit uns herum. Impressionen vom Basar findet Ihr hier: Fotos

 Beim Seidenkönig von Samarkand

2. August 2008. Unser letzter Tag in Samarkand. Es ist erst zehn Uhr morgens und schon wieder misst es 40 Grad im Schatten. Muhammad Ewaz Badghisi, 92 Jahre alt und immer noch jeden Tag bei der Arbeit, führt uns heute den ganzen Vormittag in aller Ruhe durch seine kleine, berühmte Seidenteppichfabrik. „Samarkand Bukhara Silk Carpets“ ist die Einzige in ganz Zentralasien. Der sog. Seidenkönig von Samarkand hat seine Geheimnisse des Seidenteppichhandwerks durch die sowjetische Ära gerettet.

„Stalin wollte damals kein Handwerk,“ sagt Muhammad. Der bescheidene Alte ist gebürtiger Turkmene, war Sohn eines reichen Geschäftsmannes und hat die meiste Zeit seines Lebens in Afghanistan verbracht. Auf der Flucht vor den Russen war er später ein paar Jahre in den USA und auch in Deutschland. Seine Passion für die Teppichkunst, die Muhammads Familie über mehrere Generationen weitergegeben hat, gab er zu keiner Zeit auf. Seit 1992 lebt er wieder in Zentralasien und hat die Seidenteppichherstellung nach Samarkand zurückgebracht.

Muhammad zeigt uns stolz die Wandtafel mit Fotos von zentralasiatischen Staatsoberhäuptern, Kofi Annan und Hillary Clinton – sie alle haben sein traditionelles Handwerk bereits persönlich bestaunt. „Joschka Fischer aus Deutschland hat hier auch schon einen Teppich gekauft,“ erzählt er uns auf Englisch. Wir setzen uns zusammen in den sog. Showroom vor die Stapel wertvoller Seidenteppiche. Er schlägt jeden Teppich einzeln für uns um. Wir streichen über die samtweiche, schimmernde Oberfläche und sind beeindruckt vom Endprodukt der teilweise zwei Jahre langen Handarbeit pro Exemplar.

1. Spinnerei, 2. Quelle für rote Farbe, 3. Mustervorlage

Für den Seidenkönig arbeiten derzeit 450 junge Frauen. Sie spinnen die Seidenfäden aus den Raupenkokons, färben die Fasern mit ausschließlich natürlichen Farbstoffen (z.B. von Granatapfel, Wallnuss oder Maulbeerbaum) und knüpfen am Ende die Teppiche nach verschiedenen traditionellen Mustern. Viele der hochwertigen Stücke sind Auftragsarbeiten fürs Ausland. In sechs Quadratmeter einzigartige Seidenteppichqualität investiert man als Käufer etwa eintausend Euro. Wie viel die Mädchen hier verdienen, haben wir nicht gefragt, aber bei den Arbeitsverhältnissen orientiert sich die Fabrik wohl bewusst an westlichen Normen.

4. Am Webstuhl, 5. Exemplare im Showroom, 6. Signatur für Qualität

Wir genießen die interessante Privatführung des erfahrenen Mannes. Am Ende können wir Muhammad erstaunlicherweise ebenfalls beeindrucken, als wir ihm erzählen, dass wir auf dem Motorrad nach Samarkand gekommen sind. Er möchte sogar noch ein Foto machen, damit er Anderen von uns berichten kann. Muhammad begleitet uns am Ende hinaus bis auf die Straße und hält ein Auto für uns an, das uns zurückfahren soll. Glücklich über diese Begegnung bedanken und verabschieden wir uns vom Seidenkönig von Samarkand.

Spannende Frage: Wie kommen wir nach Indien?

Leider können wir nicht ewig in Samarkand und bei unserer mittlerweile lieb gewonnen Familie aus der Dilshoda-Pension bleiben. Die Pension ist sehr gut besucht. Täglich sehen wir neue Gäste kommen und wieder gehen: Franzosen, Österreicher, Belgier, Amerikaner… Sie alle bleiben meistens nur ein, zwei Tage. Bleibt man etwas länger, so wie wir, kommt man der Pensionsgroßfamilie inkl. Babuschka und Enkeln langsam näher und es entsteht eine ganz andere, vertraute Atmosphäre.

Wie es von hier aus mit unserer Reise nach Indien weitergeht, planen wir mehrere Stunden. Wir sitzen über den Landkarten von Tadschikistan, China und Pakistan und spielen die Route über den Pamir- und Karakorumhighway durch: Wo können wir übernachten und wie kommen wir an Benzin? Wie viele hohe Gebirgspässe gibt es? Wie sind die Straßenverhältnisse im September? Wann genau beginnen wir den Chinatransit? Wie kommen wir notfalls nach Indien, wenn unsere Motorräder an den Pässen schlapp machen? Wir müssten unsere Aufenthaltserlaubnis für Tadschikistan und Kirgistan in den nächsten Tagen in Taschkent zeitlich noch einmal ändern lassen, damit alles klappt. Wir holen uns per E-Mail ein paar Tipps von der spezialisierten Reiseagentur Stantours in Almaty und sprechen mit anderen Reisenden.

1. Lange Reiseplanung, 2. Pakete werden sicher versiegelt

Um etwas Gewicht einzusparen, sortieren wir noch unser Gepäck aus und schicken ein immerhin 5-Kilo-Paket nach Deutschland zurück. Der Besuch bei der Post hat zweieinhalb Stunden gedauert. Alles wurde auseinander genommen, notiert, gewogen, in drei Teilen neu verpackt und versiegelt. Mal sehen, ob und wann das Zuhause ankommt. Oben ist wenigsten schon mal ein Foto, wie eines der drei Pakete aussieht.


Usbekistan: Taschkent und Ausflug ins Goldene Tal

13. August 2008

Spontaner Zwischenstopp bei Alis Familie

3. August und Abfahrt in Samarkand. Wir fühlen uns wie auf unserem Wüstentransit: Es ist noch heißer als sonst; wir fahren durch glühende Luft. Der Fernsehwetterbericht sagt absichtlich nur 38 Grad voraus, obwohl es 48 werden, denn die Leute sollen trotz der Hitze weiter zur Arbeit gehen. Dreihundert Kilometer bis nach Taschkent werden an so einem Tag zum Marathon.

Wir halten auf der Hälfte der Strecke in Yangiyer an und kaufen uns im Basar zwei herbeigesehnte Liter Limo aus dem Kühlschrank. Natürlich bleiben wir nicht lange allein mit unseren Mopeds. Unter den neugierigen, erfreuten Männern, die uns umkreist haben, ist auch Ali. Mit unserem Mix aus russischen und englischen Vokabeln erzählen wir ihm gerne (wie bereits zig Anderen zuvor), wo wir herkommen, hinwollen und beantworten alle Fragen zu den MZ. Wie so oft bekommen wir das typisch eiernde Kopfschütteln zu sehen. Gleichzeitig dazu wird mit der Zunge geschnallst. Diese Geste soll uns sagen, dass sie sehr verwundert sind.

Ali ist mit seinem noch älteren, orangenem Moskwitch da – auch ein spannendes Gefährt. Er möchte uns gern sein Haus und seine vier Kinder zeigen und macht uns euphorisch klar, dass wir ihm folgen sollen. Weil er so sympathisch ist und wir sowieso eine Pause brauchen, fahren wir mit.

1. Ali, seine Kinder und ein Cousin, 2. v.l. Alis Frau, Nachbarin und Alis Kids

Alis Haus ist sehr einfach und noch unrenoviert. Er hat zwanzig Jahre lang als Arzt im Krankenhaus gearbeitet. Heute ist er auf dem Basar beschäftigt, weil er dort wesentlich mehr verdient, und spart für den Umbau seines Hauses, ein neues Auto und die Hochzeiten seiner drei jungen Söhne. Denn wie es die Tradition verlangt, werden die Söhne recht früh verheiratet und die Eltern des Bräutigams bezahlen das Fest. In traditionellen usbekischen Familien sind Hochzeiten das größte Ereignis. Mindestens drei-, vierhundert Gäste feiern mit und zwischen drei- und zehntausend Euro werden dafür ausgegeben. Bei einem Monatsverdienst als Arzt von etwa zweihundert Euro wird praktisch nur für die Hochzeiten der Kinder gespart.

Wir sitzen im Wohnzimmer, Alis liebe Frau und zwölfjährige Tochter servieren uns Essen und Tee. Er stellt uns stolz seine Kinder vor, die aufgeregt durchs Haus flitzen. Die Atmosphäre ist wieder einmal sehr angenehm und wir bleiben hier noch über Nacht. Nach ihrem Abendgebet gen Mekka serviert uns die Familie draußen auf dem Hof den berühmten Plov und zeigt uns das Video einer usbekischen Fernsehshow, in der die Eltern vor zehn Jahren aufgetreten sind. Ein sehr lustiger und entspannter Abend. Um Mitternacht legen wir uns alle gemeinsam zum Schlafen unter den Sternenhimmel auf den Hof und genießen die relativ kühle Nacht. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück geht’s dann weiter nach Taschkent. Ali kümmert sich bald um eine eigene E-Mailadresse, damit er uns schreiben kann.

Ein paar Arbeitstage in Taschkent

In der Hauptstadt erledigen wir hauptsächlich ein paar bürokratische Angelegenheiten: Wir verlängern für 110 Dollar unsere beiden Kirgistanvisa und beantragen neue Visa für Tadschikistan, die wir uns in zwei Wochen in der Botschaft abholen können. Visaangelegenheiten sind ein gutes Geschäft für die jeweilige Staatskasse (oder das Privatkonto des Beamten). Außerdem tauschen wir einen kleinen Stapel Traveler Cheques in der National Bank of Usbekistan gegen Dollar um – ein Akt von zwei Besuchen und insgesamt vier Stunden, da Michas Unterschrift auf den Cheques nicht hundertprozentig mit der Signatur in seinem Reisepass übereinstimmte. Nach dem Scannen jedes einzelnen Cheques, unseres Kaufbelegs und unserer Pässe sowieso nach mehrfacher Rücksprache mit American Express haben wir endlich unser Geld in der Hand und können verschwinden.

Der Osman Koran: Ältester Koran der Welt

In der Bibliothek auf dem 2007 restaurierten Hasti Imom Komplex in Taschkent besichtigen wir den ältesten Koran der Welt: den 1361-jährigen Osman Koran. Der Kalif Osman bin Affan hatte im siebten Jahrhundert das etwa 35 Kilogramm schwere Buch in Auftrag gegeben. Jede seiner 338 Seiten ist aus Ziegenleder und 53×68 cm groß. Der Osman Koran gehört seit 1989 der Usbekischen Muslimischen Gemeinde. Die Unesco hat seine Echtheit bestätigt. Ein anderer Beweis soll ein Abdruck der Stirn des Kalifen Osman auf dem Buch sein, denn der Kalif wurde beim Lesen des Korans getötet.

Reisetauglich: Alter Mini-Koran mit Ledertasche und Lupe

Durch Polizisten streng bewacht dürfen wir von dem heiligen Riesenexemplar leider keine Aufnahmen machen. Streng genommen ist es nicht einmal erlaubt, dass Frauen sich den Osman Koran ansehen. Bei Touristinnen wird allerdings eine Ausnahme gemacht. Mit freundlicher Zustimmung eines Polizisten darf Micha zumindest von der zweihundert Jahre alten Miniaturvariante des Korans (1 Seite ca. 2x3cm) heimlich und schnell ein Foto machen.

Investition in die Geschichte

Renovierte Barakon Medressa auf dem Hasti Imom Komplex

Präsident Islam Karimov setzt auf den Tourismus als wichtig(st)en Wirtschaftszweig seines Landes. In den letzten Jahren wurden unter seiner Regierung sämtliche historische Gebäude(komplexe) aufwendig renoviert. Dazu gehört auch der Hasti Imom Komplex in Taschkent. Mit Blick auf Nachbarländer wie Kasachstan, die ökonomisch besser dastehen, versucht das bodenschatzarme Usbekistan seine alte Geschichte zu nutzen und fördert die touristische Entwicklung. Das ist als Reisender zu merken, besonders auch am neuen Verhalten der Polizei gegenüber Ausländern. Korruption und lästige Kontrollen auf der Straße hat Karimov anscheinend untersagt; Sicherheit wird dafür groß geschrieben. Die vielen Polizisten gehören heute zu den Besserverdienern in Usbekistan. Für ihre starke Präsenz zahlt die Bevölkerung zwanzig Prozent ihres Einkommens an den Staat.

Ausflug ins Fergana-Tal: Der goldene Osten Usbekistans

Wir haben noch genügend Zeit, uns den Osten des Landes anzusehen: das Fergana-Tal mit Städten wie Kokand, Andijan, Margilan und Fergana. Es ist das Tal der Seiden- und Baumwollindustrie, Nährboden für Früchte und der am dichtesten besiedelte Landesteil. Man nennt es das Goldene Tal.

Kurzer Halt auf dem Weg nach Fergana

Wir wohnen eine Woche in Fergana und bereisen von hier aus die Gegend. Wir kommen in der schönen Wohnung von Shahida unter: „Willkommen im Golden Valley Guesthouse,“ begrüßt sie uns. Shahida ist 35 Jahre alt, eine rührige und schlaue Frau. Sie lebt hier mit ihrem siebzehnjährigen Sohn und besitzt noch ein großes Haus außerhalb der Stadt. In ihrer gemütlichen Stadtwohnung quartiert sie im Sommer Touristen wie uns ein. Nebenbei gibt sie hier außerdem Privatunterricht in Englisch und Russisch. Das Golden Valley Guesthouse ist seit 2001 ihr eigenes kleines Business; ihr Mann arbeitet als Chirurg in Taschkent. Wir fühlen uns hier wunderbar aufgehoben, nicht zuletzt, weil wir bei Ankunft ein drittes Mal krank werden und ärztlichen Rat benötigen. Diesmal soll eine Metronidazol-Kur die vermutlichen Parasiten in unserem Darm dauerhaft bekämpfen. Leider kann man als Langzeitreisender solchen Wehwehchen kaum aus dem Wege gehen.

1. Kokonabwicklung, 2. Seidenfadenballen, 3. Gefärbte Seide am Webstuhl

Zum Glück hat die Hitze etwas nachgelassen und wir können einen Ausflug in die Yodgorlik-Seidenfabrik in Margilan machen – das Zentrum der usbekischen Seidenproduktion. Usbekistan ist drittgrößter Seidenproduzent der Welt. Die Yodgorlik-Fabrik stellt jeden Monat zwanzigtausend Quadratmeter reine Seide her. Rohstoff des Geschäfts sind natürlich die Seidenraupenkokons, auf deren Lieferung die usbekische Regierung ein Monopol hält. Private Bauern züchten die Kokons in ihren Häusern und verkaufen sie im Frühjahr zu festgeschriebenem Preis ausschließlich an den Staat. Die Kokons landen dann in der Seidenfabrik, wo sie vorsichtig abgewickelt werden. Ein einzelner Kokon besteht aus etwa 1200 Meter Seidenspur. Zwölf solcher Spuren werden zu einem Seidenfaden gesponnen, der auf traditionelle Weise eingefärbt und dann in der Weberei zu Stoff für Kleidung weiter verarbeitet wird.

Die MZ werden höhentauglich gemacht

In Fergana haben unsere Mopeds einen Garagenplatz auf dem Hof – eine gute Gelegenheit, die Packesel in Ruhe fürs Hochgebirge zu präparieren. Micha wechselt sein abgenutztes Kettenrad aus und baut bei beiden MZ ein kleineres Ritzel ein. Außerdem durchbohrt er die Luftfilterdeckel und überzieht sie mit Staub abhaltenden Nylonstrümpfen. So bekommen beide Esel hoffentlich genug Sauerstoff, wenn die Luft an den Pässen dünner wird. Mit diesen Tricks könnten wir es über den Pamir schaffen.

Suse schreibt solange Bloggeschichten und kocht würzige Bratkartoffeln. Wie gerne würden wir dazu ein echtes, keimfreies Wiener Schnitzel verschlingen, aber an den hiesigen Fleischständen vergeht uns Westeuropäern ein bisschen der Appetit. Liebe Familie: Wenn wir im nächsten Jahr zurückkehren, dann wäre ein Grillfest mit allem drum und dran das beste Willkommensgeschenk – und eine frische Erdbeertorte mit einer Schicht Puddingcreme zum Dessert! Und… Schluss jetzt, genug geträumt! Jetzt gibt es erstmal usbekische Bratkartoffeln.

Doswidania, Usbekistan: Unsere letzten Tage

Ferganas bunte Innenstadt

Nach sieben Tagen in Fergana steht die Rückreise nach Taschkent an, wo wir unsere Visa für die nächsten Länder abholen müssen. Micha hat beide MZ gewartet und geputzt. Er wundert sich kurz vor Abfahrt nur darüber, dass Suse`s Hinterrad etwas eiert. Die Radlager wurden ja erst in Baku, also nicht einmal vor 2.500 Kilometern erneuert! Wir werden das in Taschkent noch mal prüfen.

Shahida bewirtet uns an unserem letzten Abend mit frisch gekochtem Plov bei Kerzenschein. Wir finden es schade, zu gehen. Sie und ihr Sohn sind nämlich sehr angenehme, hilfsbereite Menschen und vor allem professionelle Gastgeber. Jederzeit herrschte eine entspannte und familiäre Atmosphäre. Uns fehlte es an nichts. Im Gegenteil.

Auf dem Weg zurück in die Hauptstadt, wo wir unsere Visa für die nächsten Länder abholen müssen, machen wir noch eine Zwischenstation in Kokand. Neben dem Khan-Palast ist unser Zimmer für die Nacht mit Sicherheit die zweite, interessante Sehenswürdigkeit – ein Überbleibsel sowjetischer Hotelgeschichte. Zu unserem Erstaunen hat das private Badezimmer wenigstens nicht gerochen.

Kokand: sehenswertes Hotelklo

An nächsten Morgen fahren wir schnell weiter und schaffen es gerade so zum Hotel in Taschkent. Suse`s Hinterrad eiert merklich, die Radlager sind jetzt Schrott – gekauft in Deutschland, aber wahrscheinlich „made in China“. Anders können wir uns dieses Ersatzteildesaster nicht erklären. Micha baut gleich zwei neue Lager ein, in der Hoffnung, dass diese länger halten.

Radlagerschrott

Die Visaagentur in Berlin hat unsere zweiten Reisepässe mit den Einreiseerlaubnissen für China, Pakistan und Indien per DHL-Kurier hierher nach Taschkent geschickt. Mit dabei sind auch beide Carnet de Passages (Zollpapiere für die MZ, ausgestellt vom ADAC), ohne die wir in einige Länder wie bspw. Indien nicht einreisen dürften. Mit diesen Dokumenten und mit unseren neuen Tadschikistan-Visa kann es am 21. August weiter Richtung Osten gehen.

Zum Abschied nach fünf Wochen bleibt zu sagen, dass Usbekistan die Reise wert war. Landschaftlich nicht unbedingt abwechslungsreich, ist das Land jedoch historisch, kulturell und architektonisch ein tolles Erlebnis. Die bunten Basare, museumsreifen Autos aus Sowjetzeiten und die unterschiedlichsten Gesichter der Usbeken hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Die meisten Menschen hier sind fröhlich und freundlich. In sechzehn Jahren Unabhängigkeit ihres Landes haben sie einen friedlichen Weg gefunden, ihre religiös-traditionellen Werte mit den brauchbaren Dingen aus der Sowjetzeit zu verbinden. Sie vertrauen ihrem Präsidenten und gucken optimistisch in die Zukunft. Touristen sind überall willkommen. Allerdings gibt es neue Gastgeber, die keine Ahnung vom Tourismusgeschäft haben: Trotz schlechtem Service versuchen sie, maßlos in die Tasche des Reisenden zu greifen. Bleibt zu hoffen, dass sie neben den anderen wunderbaren Gasthäusern in Usbekistan für immer die Ausnahme bleiben.


Neues Rad im Anflug – Weiterfahrt in Sicht

27. August 2008
 
Abtransport der MZ nach Taschkent im Damas-Minibus

Die letzten sieben Tage waren leider nicht die besten: Wir haben es noch nicht bis nach Tadschikistan geschafft, sondern mussten zurück nach Taschkent. Das Hinterrad von Suses MZ läuft nicht – die neuen Radlager werden nach nur wenigen Kilometern immer wieder zerstört. Zweimal waren wir guten Mutes von Taschkent aus auf dem Weg zur tadschikischen Grenze – und beide Male mussten wir die MZ wegen kaputter Radlager auf der Hälfte der Landstraße wieder zurück transportieren lassen: einmal auf dem Russen-LKW, das andere Mal wurde die Emme in den Damas-Minibus gequetscht.

Wir haben bis heute alles erdenklich Mögliche versucht, um das Hinterrad wieder dauerhaft zum Laufen zu bringen. Nach tagelanger Fehlersuche und mehreren Schweiß treibenden Reparaturversuchen sind wir nun zum Schluss gekommen, dass wir schnell ein neues Rad aus Deutschland brauchen. Dank toller Familie und
Freunde, die uns unglaublich unterstützen, ist das Ersatzteil in Kürze bereits im Anflug. Wir sind guter Hoffnung. Sobald wir weiterfahren können, melden wir uns!


Endlich: Auf nach Tadschikistan!

1. September 2008

1. September – heute feiert Usbekistan siebzehn Jahre Unabhängigkeit. Der wichtigste Feiertag des Landes und wir sind in der Hauptstadt mit dabei. Allerdings steht für uns selbst ein anderes großes Ereignis im Mittelpunkt: die Vorbereitung unserer morgigen Weiterreise ins Land der hohen Bergstraßen: Tadschikistan. Nach zwei gescheiterten Fahrten zur Grenze, mehreren Reparaturversuchen am Hinterrad und einer rekordverdächtigen Ersatzteilbeschaffung aus der Heimat können wir nach dreizehn anstrengenden und ungewissen Tagen nun endlich ins nächste Land auf unserem Weg nach Indien aufbrechen.

Spektakulärer 48-Stunden-Hilfeeinsatz

Seit wir am 27. August deprimiert feststellen mussten, dass Suses MZ ein neues Hinterrad braucht, haben es unsere Familie und Freunde in Deutschland innerhalb von nur 48 Stunden tatsächlich geschafft, dass wir das Ersatzteil hier in unseren Händen halten. Torsten in Sarnow hat ohne zu zögern das Rad seiner MZ ausgebaut und noch kleinere Ersatzteile zusammengesucht. Michas Schwager Jorge ist quer durch die Republik gefahren, um den Ersatzteilkoffer abzuholen und schnell zu Tanja zu bringen, die alles im Flugzeug nach Usbekistan mitgebracht hat.

Erleichtert und glücklich nahmen wir das Gepäckstück wie in einem Agentenfilm nachts und nahe dem Flughafen entgegen. Als i-Tüpfelchen entdeckten wir beim Auspacken der Ware, dass unsere Familie noch lecker panierte Schnitzel und frisch gebackenen Kuchen made in Germany dazwischen versteckt hat. Wir finden diesen Hilfeeinsatz unglaublich und können gar nicht oft genug Danke sagen!

Nah dran: Vor uns liegen die Berge
Es scheint, als ob sich die beiden Packesel davor drücken wollten, aber wir sind motivierte und gnadenlose Antreiber: Morgen starten wir mit den Emmen den dritten Anlauf auf Tadschikistan und den Pamirhighway. Hier erwarten uns zwar schwierige Straßenverhältnisse, kalte Höhen, viele Kontroll- und seltene Tankstellen. Dafür durchreisen wir endlich wieder eine eindrucksvolle Landschaft und freie Natur. Nach zwei Monaten Usbekistan und überwiegend städtischen Aufenthalten freuen wir uns auf diese Abwechslung.

Wir werden in der Nähe von Bekabad hoffentlich ohne Komplikationen über die Grenze nach Khojand und Istaravshan fahren. Von dort aus soll es auf der M34 südwärts nach Dushanbe gehen. Dieser Streckenabschnitt bietet bereits zwei nette Bergpässe von etwa 3500 Metern. Unser Herz wird bis zum Hals schlagen und die MZ-Motoren bis ins Innenohr pfeifen. Außerdem soll es zwei Bauabschnitte mit stundenlanger Vollsperrung geben. Wir berichten in ein paar Tagen aus Dushanbe…


Tadschikistan: Vom Flachland in die Berge

6. September 2008

nordtadschikistan-1

Dritter Anlauf, endlich da

2. September und dritter Anlauf in Taschkent. Die Emmen sind startbereit und bringen uns diesmal ohne Murren an die Grenze zu Tadschikistan. Die Abfertigungsprozedur läuft auf beiden Seiten relativ schnell und ohne große Probleme ab, obwohl wir in Usbekistan mit den MZ laut Fahrzeug-Registrierungspapier bereits achtzehn Tage vorher hätten ausreisen müssen. Mit der Masche „total erstaunt sein und dumm stellen” sowie nach ein paar Unterschriften auf irgendwelchen Blankoformularen lassen uns die Grenzbeamten netterweise ohne Strafe ausreisen. Und dann kommt die Erleichterung: Ja, wir sind endlich da – im kleinsten, aber höchsten Land Zentralasiens.

Wir fahren auf einer perfekt asphaltierten Straße hundert Kilometer bis nach Khojand, wo wir uns für den Landesaufenthalt beim OVIR-Büro registrieren lassen müssen. Natürlich ist dieser unverständliche bürokratische Akt nicht mehr am selben Tag zu schaffen. Am nächsten Morgen beginnt eine regelrechte Registrations-Schnipseljagd bis wir endlich die Bankfiliale gefunden haben, die für die notwendige Gebühreneinzahlung zuständig ist. Mittags haben wir das so wichtige Registrierungszettelchen in unserem Passport und setzen die Reise auf der M34 südwärts in Richtung Hauptstadt fort.

Staubige Enduro-Etappe bis nach Dushanbe

Irgendwann nach der Kleinstadt Istaravshan wird die Straße zum schmalen, trockenstaubigen Schotterweg. Der spannende Shakristan-Passanstieg steht kurz bevor. Die braven Emmen bringen uns mit quietschenden Stoßdämpfern im überwiegend ersten Gang nach oben. Ein paar Mal hupt es von hinten – Autos kündigen ihr Überholmanöver an, bevor sie mit einer Staubwolke an uns vorbeipoltern. Nach etwa einer Stunde bergauf lesen wir das Schild: 3378 Meter. Yeah, wir vier haben den ersten Dreitausender geschafft! Der Ausblick von hier oben ist unsere Belohnung. Die eingestaubten Emmen dürfen ohne Motor lautlos ins Tal rollen.

Ab jetzt wird die Fahrt durch abschnittweise brandneuen Asphalt auf der Straße zum Hochgenuss. Es ist schon später Nachmittag. Uns begegnet ein LKW – die Ladefläche voller Chinesen mit knallblauen Helmen. Das sind die importierten Straßenbautrupps, die hier in dreckigen Zeltcamps am Bergstraßenrand hausen, solange die M34 im Bau ist. Die Baustellen auf der Strecke sind heute zum Glück alle passierbar, langes Warten bleibt uns also erspart.

Kurz vorm Dunkelwerden kommen wir im Dorfhotel in Ayni an. Im selben Gebäude hat die Welt Hunger Hilfe ein Büro. Wir sind hier die einzigen Gäste; der alte einheimische Mann, der uns empfängt, ist das einzige Personal. Die Übernachtung ist trotz hartnäckig verhandeltem Nachlass immer noch überteuert, aber wir sind froh über ein Dach über dem Kopf. Wir gehen noch schnell zum Dorfladen und packen nach einer leckeren Portion selbstgekochter Rühreier unsere Schlafsäcke aus, legen das speckig-abgegrabbelte Bettzeug beiseite und sagen „Gute Nacht”. Draußen ist es windig und kühl geworden. Wir schlafen trotz lautem Schafsgebölk schnell ein.

Nach ein paar Stunden und viel zu früh heißt es schon wieder aufstehen, denn der vor uns liegende Streckenabschnitt soll ab sechs Uhr morgens bis zum Abend hin durch die chinesischen Bautrupps voll gesperrt sein. Um fünf Uhr, kurz vorm Hellwerden, brechen wir mit Herzklopfen zur letzten Etappe bis nach Dushanbe auf. Dass Micha heute Geburtstag hat wird irgendwie zur Nebensache. Sein einziger und bescheidener Wunsch ist, dass wir gut durch den schlimmen Straßentunnel am Anzob-Pass kommen.

Der Anzob-Tunnel (2650 m): Gruselfahrt durch ein 5-km-Ungeheuer
Von anderen Reisenden haben wir gehört, dass der Tunnel am Anzob-Pass die schwierigste Hürde ist. Durch Schmelzwasser aus den Bergen ständig überflutet, ist die Durchfahrt besonders für Motorradfahrer ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Hier möchte keiner stecken bleiben! In Europa würde man dieses Bauwerk mit Sicherheit als „lebensbedrohlich” einstufen.

Nach unserer frühmorgendlichen Schotterfahrt durch Baustellen und Schluchten der nördlichen Berge erscheint es nun also bald wie erwartet vor unseren Augen: das große schwarze Loch im Berg. Grauer Qualm strömt ans Tageslicht. Wir stehen angespannt vor dem dunklen Tunneleingang, inmitten einer grau-modderigen Baustelle, zwischen Baufahrzeugen und Bauarbeitern. Wir halten kurz inne, sprechen uns Mut zu und trauen uns in die Hölle. Der Qualm, der uns entgegenkommt, sind die Abgase der Russen-LKWs, die das funzelig beleuchtete 5-kilometerlange Ungeheuer vor uns durchfahren.

Nach nur dreißig Metern steht das Wasser bis zu den Knien. Von oben tropft es. Die Luft stinkt, ist feucht und kalt. Der alte Lastwagen vor uns rumpelt langsam durch und schlägt Wellen. Der Untergrund ist uneben, Schotterhaufen haben sich unter Wasser angespült. Micha muss dieses mal vorfahren. Als Suse die Fontäne sieht, zögert sie einen Moment. Was soll`s, hier müssen wir beide durch. Lenker gut festhalten, nicht zu schnell und nicht zu langsam fahren. Und bloß nicht anhalten. Der Körper ist angespannt, die Hände umklammern die Griffe.

Youtube-Video vom Tunnel - gefilmt von einem Fahrrad-Reisenden

Stiefel voller Tunnelwasser

Irgendwann erkennen wir das Tageslicht am anderen Ende. Gleich haben wir es geschafft. Endlich draußen aus dem Loch!!! Uns beiden fällt ein Stein vom Herzen. Micha schüttet das Wasser aus seinen Schuhen und dann fahren wir auf guter Straße mit Ausblick auf die wunderbare Umgebung im Morgenlicht bergab.

Nach der Erleichterung kommt bei Suse bald starke Müdigkeit auf. Der Weg bis in die Hauptstadt zieht sich hin. Als wir mittags in Dushanbe ankommen, dauert es noch fast zwei Stunden, bis wir die ersehnte Unterkunft nahe des Vadanosos-Basars und der deutschen Botschaft gefunden haben. Auf dem kleinen Grundstück mit Häuschen und Garten stellen wir die Motorräder ab und bauen das Zelt für drei Tage auf.

Wir genießen ein Luxusfrühstück

Am nächsten Morgen gehen wir zum Basar und besorgen alles für ein ausgedehntes Luxusfrühstück, das wir nachträglich zu Michas Geburtstag genießen möchten. Simon, rucksackreisender Student aus Deutschland, ist auch gerade in der Unterkunft angekommen und leistet uns beste Gesellschaft. Wir freuen uns über Leute aus der Heimat.

Satt wie schon lange nicht mehr erledigen wir nach dem Frühstück die kleinen alltäglichen Dinge wie Wäsche waschen, Einkaufen, Schreiben usw. Micha bastelt noch ein bisschen an den MZ rum. Mittlerweile kann er sich beruhigt als Schrauber bezeichnen.

Wir planen von hier aus unsere Route durchs Land und über den Pamir. Am 7. September fahren wir aus Dushanbe los. Im Osten des Landes sind wir der freien Gebirgsnatur “ausgesetzt”, d.h. es wird keine Hotels, keine Tankstellen, keine Läden und kein Internet geben. Der nächste Bericht kann also ein bisschen dauern. Am 19./20. September wollen wir über den Grenzpass nördlich von Murghab nach Kirgistan (Sary Tash) fahren. Von hier aus soll es am 22. September über China und den Karakorum-Highway weitergehen.