Tadschikistan: Mit 20 PS über den Pamir

24. September 2008

Drei-Tages-Tripp von Dushanbe nach Khorog
Nächstes Ziel nach Dushanbe ist Khorog, denn dort beginnt unsere Fahrt durchs Pamirplateau. Es gibt zwei alternative Strecken dorthin. Die längere Südroute über Kulyab und danach an der afghanischen Grenze entlang soll ruhiger, abwechslungsreicher und besser befahrbar sein. Wir nehmen also Kurs auf Süden.

Die asphaltierte Straße bis Kulyab führt zunächst über eine hügelige, ausgedörrte Landschaft. Am Nachmittag kommen wir in Kulyab an und fahren beim Hadlon-Hotel vor. Der große “Luxus”-Neubau gegenüber vom Basar wirkt wie ein verwaistes Geisterhaus. Eine Frau wischt am Eingang den Staub von den hochglanzpolierten Treppenstufen. Wir sind die einzigen Gäste im Hotel. Und es scheint, als wäre unser Zimmer im zweiten Stock das einzige in Benutzung. Das Wasser im Haus wird zum Abend extra für uns angestellt.

Nach einer ruhigen Nacht im Hadlon geht’s weiter nach Kalaikhum. Die Straße verläuft über den Shurabad-Pass (2200m). Oben angekommen, treffen wir auf das einzige Auto an diesem Tag. Der Fahrer meint, die Straße soll weiterhin gut bleiben.

Die Beschreibung “gut” ist hierzulande vorsichtig zu interpretieren. Nach einem kurzen Kontrollstopp unten am Pass bleibt die Fahrbahn unserem Verständnis nach nämlich alles andere als gut. An dieser Stelle endet die Route in unsere Landkarte. Von Straße kann nicht mehr die Rede sein. Die Umgebung ist allerdings gigantisch. Der schmale und irgendwie erkennbare Weg führt jetzt durch riesige Felsenberge immer am großen Fluss entlang, der Tadschikistan von Afghanistan trennt. Von hier aus können wir die Afghanen in ihren tatsächlich malerischen Bergdörfern auf der anderen Seite beobachten. Und auch die Schilder, die vor dem verminten Flussufer warnen, sind nicht zu übersehen.

Flussgrenze: Zurückbleiben oder Bein ab!

Die überraschende Enduropiste bietet alles, was dazugehört: Sie treibt unsere MZ um schotterige Kurven, durch trockene und steinige Flussbetten, kurze Zuckersandabschnitte, über eine klapprige Eisenbrücke, durch ein paar Furten und eine grobe Baustelle. Ab und zu gabelt sich der Weg, Schilder Fehlanzeige. Nach sieben Stunden Dauereinsatz haben wir 160 Kilometer abgeritten und kriechen am Wegrand nahe Yoged mit verhärtetem Nacken in unsere Schlafsäcke.

Auf der zweiten Etappe – 110 Kilometer bis nach Jamarj-e Bala – legen wir mittags zum zweiten Mal auf der Reise einen Reparaturstopp wegen einer eingezogenen Speiche bei Michas Hinterrad ein. So ein Zwischenfall macht uns längst nicht mehr nervös. Nach dem Einsatz einer neuen Speiche fixieren wir alle anderen mit Panzertape und können nach zwei Stunden das heilige Werkzeug wieder verstauen.

Der dritte und letzte Abschnitt bis nach Khorog läuft auf asphaltierter Straße ohne Probleme und wir kommen am frühen Nachmittag in der begrünten Pamir Lodge an. Nach der staubigen Fahrt auf der Südroute ist diese Unterkunft ein kleines Paradies. Wir spülen im Wassereimer den gröbsten Dreck aus den Jeans und braten uns Kartoffeln mit Eiern zum Abendbrot.

Khorog (2000m): Ausgangspunkt unseres Pamir-Abenteuers
Vor uns liegt das zweithöchste Gebirge der Welt. In der kleinen Stadt am türkisblauen Ab-i-Panj-Fluss können wir uns bestens auf den Höhepunkt unseres Tripps  – den Pamir – vorbereiten: gutes Benzin und Motorenöl tanken, sich auf dem Basar mit Essenvorrat eindecken, Dollarscheine am Geldautomaten ziehen und sich in der Internetbude um letzte Dinge für die Chinadurchreise kümmern. Unserem Guide, der uns durch China begleiten wird/muss, liegen jetzt alle (un)nötigen Genehmigungen für den Transit vor. Am 22. September um halb Elf treffen wir Abdul an der chinesischen Grenze am Irkeshtam-Pass – ein spannendes Blind Date.

Beim Frühstück in der Pamir Lodge unterhalten wir uns mit einem jungen Pärchen aus Frankreich, das die Pamirstrecke gerade hinter sich hat: auf dem Fahrrad! Sehr kalt und windig! Sie haben wie wir vor, den Winter im warmen Indien zu verbringen.

Am Abend vor der Abreise in den Pamir treffen wir glücklicherweise auf Tatik, der mit seinem Jeep ein paar Touristen nach Murghab fährt und einen 20-Liter-Kanister Benzin für uns mitnehmen kann. Den können wir dann 311 Kilometer weiter östlich bei ihm in Murghab abholen. Mit dieser Energiereserve schaffen unsere beiden Moppeds die 700 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle im kirgisischen Örtchen Sary-Tash. Der jetzige Benzinvorrat an Bord wäre bei ein paar Abstechern abseits des Highways knapp geworden.

“Pamirskoje Schoccee”: 500 Kilometer durchs hohe Plateau

Der Pamir Highway: die Mutter aller Rumpelpisten. So jedenfalls beschreibt ein Journalist die berühmte Bergstraße in seinem Reiseartikel in der ZEIT. Bevor wir losfahren, sehen wir uns die nächsten fünfhundert Kilometer auf aufgewühltem Schotter und zwischen knietiefen Schlaglöchern hin und her schlängeln. Aber wie in vielen Reiseberichten, die wir vorher gelesen haben, wird gern ein bisschen übertrieben. Zwar ist an einigen Stellen des Highways Vorsicht gefragt, aber als wir ab Khorog auf die Pamirstraße fahren, haben wir erst einmal eine längere Strecke Asphalt in recht passablem Zustand unter den Rädern. Darauf rollen wir relativ schnell – mit 60 km/h – vorbei an kleinen Dörfern, Feldern und immer am hellblauen Fluss entlang.

Vush (2700m): Einladung in ein Pamirihaus
Wir machen den ersten Halt in Vush – ein kleines Pamiridorf, deren zwanzig flache Häuser sich hinter mageren Bäumen und mehreren Felshügeln verstecken. Als wir an der Straße nach einem Zufahrtsweg zum Fluss suchen, wo wir das Zelt aufstellen können, pfeift uns Gulsor vom Feld aus zu. Er ist der 22jährige Sohn einer Pamirifamilie, die uns herzlich zum Bleiben einläd. Der Vater und Gulsors Brüder sind gerade dabei, die Heubündel für ihre Kühe einzuholen, und zwar tragender Weise auf dem Rücken. Eine Ladung ist so schwer, dass Micha sie nicht einmal richtig hoch bewegen kann.

1. Feldarbeit, 2. Pamirihaus

Gulsor spricht ein paar Worte Englisch, die er von alten Sprachkurskassetten kennt. Er führt uns ins Haus – ein traditionelles Pamiri-Haus, so wie es seit 2500 Jahren gebaut wird. Als Gäste werden wir im Hauptzimmer empfangen, das durch fünf Balken gestützt wird, die namentlich für die Hauptpropheten des Islams stehen. Licht fällt durch ein mittiges Dachfenster – Tschorchona genannt – in den großen Raum. Die vierquadratische Holzkonstruktion der Tschorchona spiegelt die Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer wider.

Seine Mutter serviert uns schwarzen Tee, ofenfrisches Brot und warmes Essen. Später wird für uns der Videorekorder aufgebaut und wir gucken “Nu Pagadi!” Vorm Schlafengehen reicht uns die Familie noch eine große Schale Tschir Tschai – Tee mit Ziegenmilch, Salz und Butterfett verfeinert. Ein komischer Geschmack, aber wir trinken den traditionellen Gästetrunk brav aus.

Gulsors Mutter hat für uns auf dem erhöhten Fußboden ein weiches, warmes Bett aus den unzähligen deckenähnlichen Matratzen hergerichtet. Die Familie selbst schläft in einem einfachen Zimmer vor unserer Tür. Leider verbringen wir beide eine unruhige Nacht mit etlichen Ausflügen zum Erdklohäuschen im Mondschein. Vielleicht ist uns die Ziegenmilch im Tee nicht bekommen. Um sieben Uhr lassen wir zusammen mit der Familie die Nacht zu Ende sein. Bevor wir auf die Emmen steigen, verabreicht uns der Vater eineinhalb Liter schwarzen Tee mit fünfzig Prozent Zucker. Der Durchfall ist gestoppt.

Am Yashil-Kul (3719m): Zwei Tage Stille und Einsamkeit
Nach Vush wartet der erste Viertausender auf uns! Wir sind angespannt: Wird den Emmen eventuell die Luft ausgehen? Und wie werden ihre Reiter die Höhe vertragen?

Wie immer scheint die Sonne vom strahlend blauen Himmel, die hoch gelegene und weite Umgebung ist unwirklich, einsam und fantastisch. Michas großer Traum ist endlich wahr. Die Pamirstraße geht bald über in welligen Schotter. Der Koitezek-Passanstieg beginnt. Wir schalten drei Gänge runter, knattern und qualmen geduldig über die 4271-Meterhürde auf unserem Weg zum Yashil-Kul. Geschafft! Glücklich! Die Packesel werden gestreichelt.

Nach ein paar Stunden erreichen wir zwanzig Kilometer abseits des Pamir Highways Yashil-Kul den Grünen See. Der Ausblick ist unglaublich. Um uns herum keine Menschenseele – nur ockerfarbene Berge, Sand, Steine, der blaue Himmel und der See. Schnell merken wir die unheimliche Stille, die hier herrscht. Die einzigen Geräusche, die man hört, verursachen wir selbst. Eine ungewohnte aber spannende Atmosphäre.

Wir richten auf 3700 Metern unsere Tatonka-Jurte her, kühler und kräftiger Wind kommt dabei auf. Zum Schutz legen wir wie unsere Urahnen Steine ringsum auf den Zeltrand. Bald verschwindet die Sonne und es wird schnell sehr kalt. Leider streikt gerade heute der Kocher und wir müssen ohne warmes Süppchen ins Bett. Im windgeschützten Zelt ist es urgemütlich, wir kuscheln uns in den Doppelschlafsack und schlafen ohne zu frieren durch. Von irgendwelchen Symptomen der Höhenkrankheit bleiben wir beide zum Glück verschont.

Der Morgen ist wieder sehr still. Kein Wind, kein Vogel. Nur eine Herde Schafe mit Schäfer zieht über die Hügel weit oben am Weg. Die Sonne fängt schnell an zu wärmen. Wir waschen uns kurz am eisigen See. Nach dem Micha den Kocher gereinigt hat, haben wir endlich wieder heißes Wasser für Kaffee, Suppe und Haare waschen.

1. Unsere Nachbarn am Yashil-Kul, 2. Zubereitung des Tschir Tschais

Beim Spaziergang am steinigen Seeufer entlang, entdecken wir hinter den Hügeln zu unserer Freude noch Menschenleben. Da steht eine Jurte. Wir besuchen unsere lieben Nachbarn – eine Mutter mit Tochter – auf einen Tshir Tschai.

Als es Abend wird und der Vollmond soviel Licht abwirft, dass man den Weg problemlos erkennt, versuchen wir noch, die heiße Quelle zu finden, die sich hier irgendwo in den Hügeln versteckt. Unsere Nachbarn meinten, wir sollen die Quelle erst nach Sonnenuntergang besuchen. Irgendwann ist es aber zu gruselig und wir kehren in unsere Jurte zurück, machen noch ein kleines Feuerchen vorm Schlafengehen. Am nächsten Morgen erkennen wir von Weiten ein Mädchen im roten Kleid in unsere Richtung laufen – unsere Nachbarin möchte einen Blick in die deutsche Jurte werfen bevor wir wieder zusammenpacken und verschwinden.

Murghab (3630m): Eine Nacht bei Familie Kalendarchonow
Der Pamir Highway ab Yashil-Kul bis Murghab ist durchgängig asphaltiert und außer ein paar heftigen Bodenwellen ganz gut befahrbar. Kurz vorm nächsten Viertausenderpass muss der Luftfilter von Michas MZ noch vom Schotterstaub am Yashil-Kul befreit und die Zündung nachgestellt werden. Erst danach läuft seine Emme wieder rund. Den Nayzatash-Pass (4314m) überfahren wir fast ohne es zu bemerken, denn der Anstieg auf diesem Abschnitt des Pamir Highways ist sanft. Wir fahren einsam und meistens im kühlen Schatten der Berge und fangen an, zu bibbern.

Nach einem Kontrollpunkt vor Murghab rollen wir bei Dämmerung in die kleine Stadt ein. Es ist ungemütlich windig und farblos. Murghab besteht aus einer großen Straße, um die sich einfache, sandfarbene Lehmhäuser streuen. Viele uralte Überlandstrommasten sind kreuz und quer verteilt und versorgen die tadschikischen und kirgisischen Familien, die hier dicht nebeneinander leben, stundenweise mit Strom.

1. Gemütliches Bett, 2. Tatik und seine jüngste Tochter Rosa

Tatik, der zwanzig Liter Benzin für uns deponiert hat, holt uns am Ende der Stadt mit seinem alten Russenmilitärjeep ab. Als wir bei ihm zuhause ankommen, bietet er uns freundlich an, dort zu übernachten und richtet uns im Wohnzimmer warmes Abendessen und ein gemütliches Bett her. Vorm Schlafengehen wird in der winzigen Waschkammer auf dem kleinen Hof extra noch der Wasserkessel angeheizt. So können wir uns bei saunaähnlicher Temperatur und im Schein der Taschenlampe mit heißem Wasser und Schöpfkelle genussvoll waschen.

Tatik`s Familie lebt mit drei Generationen auf dem kleinen Hof. Er hat vier Kinder und ist mit 42 Jahren bereits pensioniert. Davor hat er als Ingenieur bei der russischen Armee gearbeitet. Geld verdient er sich heutzutage durch das Chauffieren von Pamir-Touristen in seinem Jeep. Tourismus ist in der Region fast die einzige übrig gebliebene Einnahmequelle für die Menschen.

1. Betankung auf Tatiks Hof, 2. Futtersuche auf Murghabs Basar

Nach leckerem Brot, Spiegelei und Tee zum Frühstück tankt Micha beide MZ, besorgen wir noch etwas Wasser und Essen auf dem Container-Basar, gehen das letzte Mal zur Registrierungsstelle und verabschieden uns bei der süßen Familie Kalendarchonow mit kleinen Geschenken für die Kids und ihre Eltern.

Eli Su (4000m): Abstecher zur (zu) heißen Quelle
Vierzig Kilometer Wellblechpiste von Murghab entfernt, liegt Eli Su – ein Drei-Jurten-Camp an der mehr als sechzig Grad heißen Bergquelle. Die letzten Kilometer bergauf sind ziemlich lose und steinig. Als wir endlich heil oben ankommen, stellen wir im Gras neben dem Kalb unser Zelt auf. Tschokojew, der alte Mann aus der Jurte, guckt gespannt dabei zu und staunt über unsere Jurtenkonstruktion. Danach führt er uns zum kleinen Lehmhäuschen, in dem sich die beiden Steinbecken mit Quellwasser füllen. Leider müssen wir noch bis zum Abend mit dem ersehnten Bad warten, da die Frau mit dem Schlüssel irgendwo in der Gegend unterwegs ist.

Suse mit Tschokojew nahe der heißen Quelle

Nach dem Abendessen – wie so oft eine Variation aus Kartoffeln, Zwiebeln, Ei und Knoblauch mit einer deutschen Tomatentütensuppe als Vorspeise – kommt endlich die alte Frau mit dem Schlüssel, die sich leider sofort als unfreundliche und dollargierige Hexe entpuppt. Sie lässt uns im Halbdunkeln noch ein Stündchen ins Quellhäuschen. Leider ist das Wasser so heiß, dass wir uns nur vorsichtig vom Rand aus mit der Schöpfkelle abduschen können. Wir schlafen danach immerhin durchgewärmt und gut in unserer Jurte ein. Morgens bringt uns der Alte frische Kuhmilch für unser selbst gemischtes Müsli ans Zelt und verabschiedet uns später herzlich.

Zentralasiatisches Klopapier – so rau wie die Natur

Kara-Kul (3923m): Atemberaubend

Die kühle Fahrt auf dem Pamirplateau geht weiter, jetzt Richtung Norden. Letzte Station vor der kirgisischen Grenze ist Kara-Kul, ein kleiner Ort am gleichnamigen höchsten See Zentralasiens (3915m). Auf dem Weg dorthin steht die höchste Herausforderung unserer Pamirreise an: der Akbaital-Pass mit 4655 Metern.

Die Fahrt bis zum Pass ist gruselig. Es ist überwiegend schattig, eintönig-lehmfarbige Berge, ausgetrocknete Flussbetten und rechts die chinesische Stacheldrahtgrenze in Sichtweite. Ab viertausend Metern wird die Luft knapp für die Emmen, die Motoren laufen zäh. Die letzten steinig-rumpeligen Höhenmeter des Passanstiegs quälen wir uns im ersten Gang bis zum windigen Gipfel. Auf der ganzen Strecke hierher kamen uns nur drei alte Russenjeeps entgegen. Oben angekommen sind wir stolz auf die Packesel und freuen uns wie Kinder. Micha küsst beide MZ.

Kara-Kul: Surreale Aussicht auf 3915 Metern

Die Talfahrt zum Kara-Kul ist angenehmer. Wir sind sehr erleichtert und die wärmende Sonne scheint auf die Piste. Bald erreichen wir den schon von Weiten blau leuchtenden Salzsee und schlagen in der abendlichen Kälte unser Nachtlager auf.

Die Umgebung am Kara-Kul ist atemberaubend. Bei Sonnenuntergang wirkt die Landschaft fast surreal: der blaue See, die gelbgroße Wiese und die schneebedeckte Bergkette dahinter. Wir kommen nicht nur beim Anblick dessen, sondern auch beim Jurtenaufbau schnell außer Atem, denn die Luft ist dünn und außerdem extrem trocken. Die Nase schwillt zu und brennt. Die Hände und Fingerspitzen sind faltig und rauh, die Lippen rissig.

Schöner Morgen am Kara-Kul

Als wir fast schon im Schlafsack liegen, kommt ein Mädchen aus dem Dorf mit einer Schale heißer Suppe zu uns ans Zelt. Wir sind total gerührt von der Geste. Nach einer frostigen Nacht mit Eselsrufen besucht sie uns am sonnigen Morgen ein zweites Mal mit einem Blechkessel dampfendem Tschir Tschai, frischem Brot und ein paar neugierigen Kindern im Schlepptau. Aufgewärmt vom Tee und der Sonne machen wir ein paar Fotos mit den Kids und packen danach unsere Sachen zusammen. Bis wir alles verstaut haben und die Motorräder ankicken können, vergehen wie immer etwa zwei Stunden. Danach geht’s auf nach Kirgistan.

Der tadschikische Grenzposten liegt sechzig Kilometer entfernt oben auf einem Pass. Als wir dort ankommen, bläst der Wind und es ist wieder saukalt. Verlassen stehen wir hier vor drei, vier alten kleinen Buden – eine mit einem eisernen Kohleofen beheizt. Wir werden hineingerufen. Drinnen sitzt an einem kleinen Holztisch einer der müden Grenzmänner in Tarnuniform und schreibt gelangweilt unsere Passdaten ins Listenbuch. Hinter ihm hängt ein abgewetzter Vorhang und dahinter wiederum wartet sein Kollege vom Zoll in einem der zwei klapprigen Doppelstockbetten auf Grenzübergänger wie uns. Alle anderen Kollegen sind gerade dabei, Holz für den Ofen zu hacken.

Dieser Grenzübergang war unkompliziert, doch der kirgisische Posten zwanzig Rumpelpistenkilometer weiter im Tal stellt einen neuen Rekord auf: Zehn Minuten – und wir können nach einem schnellen Stempel im Visum ohne sonstige Checks oder Papiere ins Land eindüsen. Der motorradagressive Zollhund sorgt für unsere blitzschnelle Flucht durch die Schranke. Bald haben wir einen sagenhaften und entspannten Blick auf den Pik Lenin, dessen Spitze 7134 Meter in den Himmel ragt.

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Kirgistan: Ein paar Tage in einer anderen Zeit

24. September 2008

Sary-Tash: Ein kleines Dorf am Ende der Welt
Wir erreichen Sary-Tash – ein kleines kirgisisches Dorf auf dreitausend Metern, durch das viele überladene Lastwagen aus China rollen und kräftig Staub aufwirbeln. Seit der siebzig Kilometer entfernte Irkeshtam-Grenzübergang zu China vor ein paar Jahren geöffnet hat, ist Sary-Tash ein Ort für einen kurzen Zwischenstopp geworden. Nach ein paar Tagen im einsamen Pamir freuen wir uns über etwas Leben auf der Straße, die große Tankstelle mit ausgemusterten Aral-Zapfsäulen und das Zimmer hinterm Cafe Aida, in dem wir drei Tage wohnen werden, bevor wir nach China reisen.

  

Erst essen im Zimmer, dann Abwasch mit Wasser aus der Kanne

Die nächsten Tage tauchen wir in eine andere Zeit ein. So haben vielleicht unsere Großeltern kurz nach dem Krieg auf dem Dorf gelebt. Unser dunkles Zimmer ist klamm, hat keinen Ofen. Zum Hockklo laufen wir über den großen Hof. Wasser gibt es nur aus der Kanne oder dem Eimer. In einem der winzigen Dorfläden finden wir wenigstens Snickers – ein Stück Heimat, nach dem wir regelrecht gieren, seit es so kalt geworden ist. Wir kaufen alle übrig gebliebenen Exemplare des Powerriegels, außerdem ein Kilo Kartoffeln, acht Eier, vier Zwiebeln und sechs Flaschen Quellwasser. Damit kochen wir uns jeden Tag eine deftige Mahlzeit. Den friedlichen Hofhunden, die uns und unsere Moppeds bewachen, geben wir auch was ab.

 

1. Männerbank, 2. Postamt, 3. Einkauf im Dorfladen

Die Menschen hier leben langsam. Es gibt nicht viel zu tun in Sary-Tash: ein paar Kühe auf den Berg treiben, Spiegeleier zum Frühstück braten, die staubige Wäsche waschen, sich in der Sonne wärmen. Wir haben zum Glück ab und zu Strom in unserem Zimmer und können Geschichten darüber schreiben, durchs Dorf spazieren und Fotos machen. Wir gehen kurz nach Dunkelheit ins Bett und stehen mit der Sonne auf. So ist das Leben.

 Mädchen aus dem Dorf

China in Sicht
Am Sonntag, den 21. September sagen wir Tschüss in Sary-Tash und trauen uns auf den Weg in Richtung chinesische Grenze, wo einen Tag später unser China-Guide auf uns wartet. Unglaublich, dass fast täglich riesige Lastkraftwagen über diese schlechte Piste rollen. Sie sind über den Rand hinaus mit Fernsehgeräten oder anderem Kram überfrachtet. Fast am Ende der Strecke stolpern und rutschen unsere MZ fünfzehn Kilometer lang im Schritttempo über Steine und kleine Felsbrocken – zum Glück geht’s  bergab. Keine Ahnung, wie die Ladung auf den Lastern bei diesem Transportweg heil bleiben kann.

Wir übernachten noch einmal bei einer Familie im Grenzdorf Nura und starten am nächsten Morgen um neun Uhr aufgeregt nach China. Wir haben keine Ahnung, was uns dort erwartet…

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Westchina: Kurzer Transit, lange Wartezeit

5. Oktober 2008

Ein Blind Date an der Grenze
22. September. Es ist Montag früh. An der kirgisischen Grenzstation herrscht etwas Chaos. Eine verzahnte Schlange von LKW versperrt uns den Überholweg bis nach vorn an die Schranke. Einer der Brummifahrer zeigt uns ein Schlupfloch und die Beamten am Grenzgebäude lassen uns relativ schnell und unkompliziert passieren. Ein paar Kilometer weiter das Schild: Welcome to China!

Wir fahren beim großen chinesischen Immigrationsgebäude vor und halten gespannt Ausschau nach unserem Blind Date. Nervöse drei Stunden später als abgemacht, kommt er dann endlich auf uns zu: Abdul, bekennender Uygure und unsere vorgeschriebene Begleitung für den einwöchigen Chinaaufenthalt.

Warum er zu spät ist, können wir irgendwann nur ahnen. Es ist wie gesagt Montag. Und montags läuft vor zwei Uhr nachmittags sowieso nicht viel. Die Beamten müssen erstmal in die Gänge kommen und der Chef der Zollbehörde, der als Einziger unsere Motorradfreigabe unterschreiben darf, kommt gerne erst kurz vor Feierabend aus Kashgar zur Arbeit an die Grenze.

Die Beamten am Irkeshtam-Pass sind offiziell für zwei Stunden am Vormittag im Dienst, machen dann mindestens zwei Stunden Mittagspause und setzen sich dann noch mal ganze drei Stunden an den Schalter. Hunderte von Lastwagenfahrer müssen geduldig warten, so wie wir.

Herzlichen Glückwunsch, China!
Wir verzeichnen einen neuen Rekord: Dreißig Stunden Wartezeit am Grenzübergang.

Die Weiterfahrt am Montag ist nicht machbar. Wir übernachten also in einem kleinen Hotel auf dem Grenzgelände. Das Zimmerchen ist einfach, aber man kann sich darin aufhalten. Solange sich Abdul im Zollamt um die Freigabe unserer Motorräder bemüht, essen wir neue würzige Speisen und tippen das Erlebte in den Laptop.

Auf dem windigen und feinstaubigen Grenzgelände ist um die LKW-Schlangen herum ein slumartiges Areal entstanden mit ein paar kleinen schmuddeligen Läden, dunklen Schlafkammern und zusammengeschusterten Hütten, in denen für wartende Fahrer auf dem Wok gekocht wird. Interessant zu beobachten, aber kein Ort, an dem wir länger festsitzen möchten.

Am 23. September um vier Uhr nachmittags hält Abdul dann endlich die geduldig ergatterte Zollfreigabe in der Hand und nach dreißig Stunden Wartezeit können wir ihm folgend nach Kashgar aufbrechen. Unterwegs wird es schon dunkel und es gewittert. Wir sind froh, als wir am Hotel ankommen. Endlich können wir uns gründlich duschen und überlassen den großen Beutel eingedreckter Wäsche diesmal dem Reinigungsservice.

Kashgar: Uygurisch, chinesisch, fantastisch
Die lebendige und dabei entspannte Stadt Kashgar gefällt uns vom ersten Augenblick – ein Mischmasch aus Altem und Neuen, aus uygurischen und ein paar chinesischen Eigenarten. Wo man auch hinsieht, es wird nie langweilig. Da sind das gemütliche Hotelzimmer im liebevoll kitschigen Uyguren-Design, die traditionelle Id Gha Moschee, die kleinen Läden und herben Gesichter der Verkäufer in der Altstadt, die Basare und viel besuchten qualmenden, duftenden Kochstände an der Straße. Wer es vermisst hat, kann in Kashgar auch mal wieder einen Supermarkt bestaunen.

Inspirierendes Ambiente zum Schreiben

Kreuz und quer fahren die Kashgaraner zu zweit, zu dritt auf leisen Elektrorollern durch die Stadt – die Mutter mit ihren Kindern, der Alte mit seiner Ladung Gemüse, der Geschäftsmann mit seiner Aktentasche. Das Licht bleibt selbst im Dunkeln aus, die Hupe aber ist im Dauereinsatz. Hunderte grellgrüner Taxis schlendern mit. Die große, perfekt asphaltierte Hauptstraße zu überqueren wird zum Geschicklichkeitsspiel. Vernünftigerweise sind nur vierzig km/h erlaubt und jeder nimmt irgendwie Rücksicht auf jeden.

Verkäufer in Kashgars Altstadt

China bietet uns endlich die ersehnte kulinarische Abwechslung. Essen mit Stäbchen fällt uns leicht, dank unserer Liebe zu Sushi. Nur die extreme Chili-Schärfe lähmt besonders Suses Geschmacksnerven. Sie fühlt sich wie ein chinesischer Feuerdrache. Als wir zum Nachtbasar gegenüber der Id Gha Moschee gehen, um dort an den exotischen Kochständen unser Abendessen zu genießen, fällt plötzlich in ganz Kashgar der Strom für ein paar Stunden aus. Wir sitzen in diesem Moment bei einer exzellent gewürzten Brühe mit gekochten Eiern und zartem Hühnerfleisch. Überall werden jetzt Kerzen angezündet, die Feuerstellen geben warmes Licht ab. Die Atmosphäre ist urig und charmant.

Nachtbasar

Nach einem netten chinesischen Bier zusammen mit Michael aus Wiesbaden, den wir im Basargewühl durch Zufall getroffen haben, gehen wir zurück auf unser Zimmer und berichten unserer Familie in Deutschland am Telefon, dass es uns hier sehr gut geht. Wir würden wirklich so gerne noch länger bleiben, aber die chinesische Bürokratie macht es uns nicht leicht damit. Die vielen Kleinigkeiten, die nicht funktionieren und unseren bemühten Begleiter Abdul scheinbar trotzdem nicht aus der Ruhe bringen, lassen wir mal weg.

Über die höchste Landesgrenze der Welt: Auf dem Karakorum-Highway nach Pakistan

Eine Woche China ist schnell um. Auf dem weiteren Weg nach Indien liegt jetzt noch eine letzte Steilwand vor uns: der laut Karte 4.655 Meter hohe Khunjerab-Pass an der Grenze zu Pakistan – die höchste Grenze der Welt! Im Internet heisst es sogar, der Pass sei 4.700 Meter hoch.

Ab Kashgar fahren wir immer entlang auf dem Karakorum-Highway nach Süden. Die berühmte Straße bringt uns über den Grenzpass und später in Nordpakistan gleich an ein paar der höchsten Gipfel der Welt vorbei. 1966 begannen hauptsächlich chinesische Arbeiter mit dem schwierigen Bau des 1200-Kilometer-Straßenprojekts, das für den Frieden zwischen China und Pakistan steht. Zwanzig Jahre später wird der Karakorum-Highway für Touristen geöffnet. Und noch mal über zwanzig Jahre danach kommen zwei Deutsche auf einer MZ ETZ 250 hier entlang.

Mit unserem Weggefährten Abdul

Unser China-Weggefährte Abdul fährt seit Kashgar im Taxi voraus. Der Zustand der Straße ist bis zum Khunjerab-Pass einwandfrei. Wir können also die fabelhafte Landschaft im Sonnenschein ohne Gefahr für die Stossdämpfer genießen. Mit sechzig, siebzig km/h geht es die dreihundert Kilometer bis nach Tashkurgan stetig bergauf. Diese alte Stadt – hauptsächlich von Tadschiken bewohnt – liegt auf 3200 Metern Höhe. Das ist schnell wieder zu merken: Es ist kälter, das Herz schlägt schneller und kräftiger, die Nase ist trocken und schwillt etwas zu.

1. Chinesischer Biker am blauen Karakul, 2. Blick auf das alte Tashkurgan

Im Pamir Hotel in Tashkurgan verbringen wir unsere letzte chinesische Nacht. Auf uns wartet die Überfahrt nach Pakistan. Am nächsten Morgen erledigen wir das chinesische Immigrations- und Zollprozedere in der Grenzstation am Rande der Stadt. Es ist nicht so schlimm, wie bei der Einreise. Plötzlich fuchteln die uniformierten Beamten mit ihren Händen, alles soll ganz schnell gehen und wir müssen verschwinden ohne richtig Abschied zu nehmen bei Abdul.

Von der Schranke in Tashkurgan sind es noch 130 Kilometer Anstieg bis zum Khunjerab-Pass. Die Fahrt läuft gut. Weil Sonntag ist, gibt es fast keinen anderen Verkehr. Suse schafft die letzen steilen, kurvigen Passkilometer im dritten Gang, Micha quält seine MZ im zweiten an die Spitze. Unsere Herzen überschlagen sich fast – vor Aufregung, vor Erleichterung, wegen Sauerstoffmangels.

Ankunft am Khunjerab-Pass

Oben angekommen ist es still, sonnig und kalt. Ein junger Mann mit Basecap wartet schon auf uns und begrüsst uns freundlich auf Englisch. Dass er zur pakistanischen Polizei gehört, ist kaum zu erkennen. Unsere Pässe interessieren ihn nicht, eher die Motorräder. Ab nun wechseln wir auf die linke Fahrspur. Die Straße ist ausgefahren und bröckelt. Wir passieren noch eine kleine Schranke und ab geht es runter ins Tal. Wir rollen ein in Nordpakistan!

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Nordpakistan: Friedliche Dörfer im Herbst

5. Oktober 2008

Gulmit: Entspannte Menschen und spannende Brücken
Wir sind in Hunza – eine unglaublich schöne Bergregion im Norden Pakistans, in der vor vielen, vielen Jahren das Polospiel erfunden wurde. Das behaupten zumindest die Hunzeraner. Wir bleiben als erstes eine Woche im Zweitausend-Seelen-Dorf Gulmit. Schnell merken wir: Hunza ist wohl die spektakulärste Entdeckung unserer Reise. Pakistan bleibt nicht länger nur ein Transitland auf unserem Weg nach Indien, sondern hier werden wir ein Weilchen bleiben.

In Nordpakistan haben sich Menschen unterschiedlichen Ursprungs angesiedelt: Tadschiken, Chinesen, Kirgisen… Der Einfluss verschiedener Gewohnheiten ist heute unverkennbar: bei der Religion, dem Essen, in der Sprache, in den Häusern. Die Menschen im Norden haben eine besondere Mentalität. Sie sind neugierig und sehr offenherzig gegenüber Reisenden entlang des Karakorum-Highways, die ihnen neue Impulse geben. Reden und Ideen austauschen, das eigene Dasein neu betrachten – Pakistaner in Hunza haben eine gute Einstellung zum Leben.

Teepause in der Weberei

Die Frauen in Gulmit sind kaum verschleiert, sie schlendern fröhlich und entspannt durchs Dorf. Jeder hier begrüßt uns mit einem Lächeln und auf Englisch – egal, ob Jung oder Alt. Wir werfen einen gespannten Blick in die moderne Schule. Nazir Ahmed Bulbut, der Direktor der ismaelischen Al-Amyn School, hat erreicht, dass heute die Hälfte seiner 350 Schüler Mädchen sind. Er lässt fünf Fächer in Englisch unterrichten, ein neues Schulmodell in Pakistan. Die moderne Bildung aller Kinder ist seiner Ansicht nach der Schlüssel für eine offene, tolerante Sichtweise und gute Zukunft in der globalisierten Welt. Wir freuen uns über solche Worte und wünschen ihm viel Erfolg.

Unser Bergführer Zahir hoch über Gulmit

In Gulmit ist bereits Nebensaison, obwohl September und Oktober die schönsten Monate zum Reisen sind: das Laub der Bäume in den Tälern färbt sich, das Wetter ist meistens klar und angenehm. Wir sind fast die einzigen Gäste im kleinen Hotel mit dem großen Namen “Gulmit Continental”, das Zahir, erst 22 Jahre alt, gehört. Er hat genügend Zeit, sich aufmerksam um uns zu kümmern. Er macht uns das Frühstück und zeigt uns danach sein Heimatdorf.

Die Mühe lohnt sich: Oben am Passu-Gletscher

Zweimal nimmt er uns mit auf eine herausfordernde Tour durch die umliegenden Berge, über die beiden großen Gletscher und am Borit-Lake vorbei. Er springt wie eine junge Bergziege über die Steine – unmöglich für uns Flachtiroler, ihm dicht zu folgen. Stolz zeigt er dabei mit seinem Finger auf die teilweise über siebentausend Meter hohen Gipfel, deren Namen wir nicht behalten können.

Shisper Gipfel in der Ferne: eine 7611-Meter-Pyramide

Auf steilen Schiefersteinpfaden bleibt uns die dünne Luft weg, da ist Zahir schon nicht mehr zu sehen. Ein echter Bergjunge eben. Zum Abschluss zwingt er uns zu einem fast lebensbedrohlichen Abstieg am felsig-sandigen Talabhang (sozusagen tiefschwarze Piste). Und dann ist da noch der spannende Weg über eine Holzbrücke, die mehr Lücken, als Bretter hat. Nach dieser Tagestour will man nur noch deftig Essen und ins Bett.

Spannende Brücke

Der Ramadan ist jetzt beendet. Jeder im Dorf feiert diesen Tag. Zahir nimmt uns auf schmalen Staubwegen und an Felssteinmauern entlang mit in sein Elternhaus weiter oben im Dorf. Hier ist er geboren und aufgewachsen. Die Familie wohnt, isst und schläft in nur einem Raum. Fenster gibt es nicht. Der starke Sonnenstrahl fällt durch zwei Dachluken in die Raummitte, dort wo der kleine Blechofen qualmt. Zahirs zierliche, liebe Mutter backt auf dem Ofen Graal für uns: warme Fladenbrote aus Vollkornmehl, die vor dem Verzehr mit aromatischem Aprikosenöl und Maulbeer-Sirup bestrichen werden. Unheimlich lecker und sehr sättigend.

1. Dorfweg in Gulmit, 2. Zahirs Mutter backt Graal

Karimabad: Ein Ort zum Verlieben
Am Samstag, den 4. Oktober geht es 45 Kilometer weiter südlich, nach Karimabad. Die alte Hauptstadt von Hunza war 750 Jahre lang bis ins letzte Jahrhundert hinein der Sitz der regionalen Königsfamilie. In diesem Ort stimmt einfach alles, angefangen von der Lage mit königlichem Blick auf Tal und Berge bis zur sonnigen Unterkunft und den netten, unkomplizierten Bewohnern. Es gibt gemütliche Essstuben, kleine Läden und sogar ein Café. Zugang zum WorldWideWeb erhält Karimabad direkt über Satellit. Auf der Straße trifft man andere Abenteurer. Aus der Dusche kommt grau gefärbtes Gletscherwasser. Es ist ein kleines Paradies. Ein Basislager, von dem aus wir täglich neu entscheiden können, worauf wir als nächstes Lust haben.

 
1. Ausblick direkt vor unserer Zimmertuer, 2. Hunzeraner

Die Tage hier sind kein Abenteuer, endlich machen wir mal richtig Urlaub. Wir schlafen uns aus, spazieren herum und treffen die Leute, stillen unseren Kommunikationsdurst im bestgelegenen Internetcafe der Welt, freuen uns aufs häusliche Abendessen um acht. Micha macht Fotos, blättert durch die deutsche Koran-Version und nascht Kekse vom Hunza-Bäcker. Suse schreibt Geschichten, erkundigt sich über nächste Reiseschritte und geniesst guten Cappuccino mit richtigem Milchschaum. Nordpakistan hat so viele einmalige Orte und landschaftliche Highlights, dass es schwer fällt zu entscheiden, was wir bis zu unserer Einreise nach Indien noch unbedingt sehen möchten.

1. Neugierige Schüler, 2. Wachmann am Baltit Fort, 3. Ehepaar

Der Gefahr zum Glück voraus
Unsere erholsame und friedliche Stimmung wird eines Abends durch eine Nachricht erschüttert. Das kleine kirgisische Grenzdorf Nura, in dem wir vor zwei Wochen noch bei einer Familie übernachtet haben, bevor wir nach China ausgereist sind, ist durch das Erdbeben am 6. Oktober völlig zerstört. Wir können es gar nicht glauben und fragen uns, was wohl mit den Menschen dort passiert ist.

Wir grübeln kurz darüber, dass wir auf unserer Reise natürlich neuen Gefahren ein ganzes Stück näher kommen. Im Grunde haben wir uns jedoch bisher immer sicher gefühlt. Ob in Deutschland oder woanders in der Welt: Bei Dingen, die wir durch unseren gesunden Verstand nicht beeinflussen können, vertrauen wir unserem persönlichen Schicksal. Und das intensivere Lebensgefühl auf dieser Reise ist eine große Erfahrung für uns. Die Tage beginnen mit spannenden Erwartungen und enden oft mit einmaligen Erlebnissen.

Ausflug in die Geschichte: Baltit Fort
Wir besuchen Baltit Fort, den über siebenhundert Jahre alten Hunza-Königsitz weit oben im Dorf, der damals noch nach tibetanischem Stil errichtet und durch mehrere Herrschergenerationen erweitert und verändert wurde. In den Siebziger Jahren hat Pakistan alle Könige abdanken lassen. Der königliche Nachfahre in Hunza – Mir Muhammad Jamal Khan II – lebt heute in seinem alten Palasthaus in Karimabad und besitzt hier ein größeres Hotel. Sein ältester Sohn – Prinz Sha Salim Khan IV – lebt mit seiner Frau Sadia in Islamabad.

Prinz und Prinzessin

In den Neunziger Jahren hat man die heute öffentliche Burg aufwendig und originalgetreu restauriert. Ähnlichkeiten mit dem Pottala-Palast in Lhasa sind unverkennbar. Edles Ambiente und Luxus finden sich hier nicht. Der König wohnte in der Festung eher bescheiden, nur die Lage und Aussicht sind unbezahlbar.

1. Auf der Dachterrasse des Baltit Fort, 2. Tal im Morgengrauen

Kleider machen Leute

Grüner Salwar Kamiz mit weißer Dupatta

Heute haben wir beim Schneider “Abbas” im Nachbardorf Aliabad unsere pakistanischen Kleider abgeholt. Ein Pakistani-Outfit inklusive Stoff und Maßschneidern kostet maximal eintausend Rupi, also nicht mal zehn Euro. Die Männer in der Schneiderei haben breit gegrinst, als wir die traditionellen Sachen sofort an uns zur Schau gestellt haben.

Die Herren tragen in Pakistan gedeckte Farben: grau, weiß, hellblau, beige oder braun. Den Frauen stehen traumhaft viele Farben und Muster zur Auswahl. Das Pakistani-Outfit, bestehend aus einer etwas weiter geschnittenen Hose und einem knielangen Hemd, ist extrem bequem. In Hunza tragen Männer außerdem eine Wollkappe in weiß oder braun.

Mit Hunza-Kappe
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Indien und Nepal liegen vor uns

12. Oktober 2008

In Duikar: Ein letzter Blick aufs malerische Tal

Langsam nähern wir uns der Grenze nach Hindustan

12. Oktober. Wir verabschieden uns morgen Vormittag aus Karimabad. Leider! Die Tage hier waren einfach schön. Zum Abschied wandern wir noch elf Kilometer nach oben zum Aussichtspunkt bei Duikar – dem höchsten Dorf in Hunza. Von hier aus können wir das ganze Tal mit den Dörfern Garnish, Karimabad und Altit überblicken. Wir sehen die Schlucht des Hunza Rivers, die teilweise schon abgeernteten Feldterassen der Bauern und natürlich die unwirklichen siebentausender Gipfel Diran und Rakaposhi.

Solange der Herbst mit milden Temperaturen und klarem Himmel aufwartet, genießen wir jetzt noch an ein paar anderen Stellen im nördlichen Pakistan die stille Gebirgsnatur. Bevor wir Ende Oktober nahe Lahore über die indische Grenze knattern, gönnen wir uns bei Fairy Meadow noch einen Blick auf den weißen Nanga Parbat, dem 8125-Meter-Bergriesen, auf dem einige deutsche Bergsteiger beim ehrgeizigen Versuch eines Aufstiegs ihr Leben lassen mussten. 

 Frau aus Altit trocknet Tomaten und Tee

Von dort aus geht es auf dem Karakorum-Highway zügig weiter nach Süden, vorbei an Islamabad nach Lahore mit Übernachtungsstopps in Besham, Abottabad und Rawalpindi. In diesen Orten ist es besser, wenn wir nach dem Absteigen von unseren Motorrädern jedesmal in die traditionelle Kleidung schlüpfen und Suse ihren Kopf bedeckt. Nicht nur eine Frage des Respekts, sondern auch der Lebensart. Die (neu)gierigen Blicke der Männer auf Suse sind so wahrscheinlich etwas erträglicher.

 
1. Ab jetzt gehts meistens bergab, 2. K2 Daily News in Pakistan

Auf unsere Zeit in Indien und Nepal sind wir sehr, sehr gespannt! Wir haben gestern Olga und Monica – zwei viel gereiste Spanierinnen - getroffen, die beide Länder schon lange kennen und uns gute Tipps geben konnten.

Neue Fotos und Geschichten – erstmal vom Weg aus dem Norden Pakistans bis an die Grenze zum indischen Subkontinent - folgen bald.

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Blaues Blut, Polo und Nanga Parbat

19. Oktober 2008

 

Kurzweilige Tour ins nächste Dorf
Unsere Motorradtour von Karimabad nach Chalt, entlang auf dem schmalen Karakorum-Highway, der sich jetzt meistens dicht an steilen Felswänden entlang schlängelt, dauert nicht mal zwei Stunden. Die ziemlich entspannte Fahrt peppen wir durch kurze Blicke nach oben und über den äußeren Straßenrand hinaus auf. Riesige Felsbrocken hängen manchmal so lose in der Bergwand oder ragen über die Straße, dass man hofft, sie mögen noch ein paar Sekunden dort bleiben. Die Wahrscheinlichkeit eines Bergrutsches oder Steinschlags ist wohl größer, als Opfer eines terroristischen Zwischenfalls zu werden. Unser Unterbewusstsein zieht den Gasgriff an. Doch Vorsicht, am äußeren Rand geht es ohne Sicherung hunderte Meter bergab in die Hunza River Schlucht. Zum Glück sind im Norden nicht viele Fahrzeuge unterwegs, denen wir in der Kurve ausweichen müssen. Immer wieder passieren wir Abschnitte, auf denen chinesische Bautrupps gerade am Rüumen und Ausbessern der Straße sind.

 

Chalt: Einladung zum Kaffee in adeliger Runde

Über zwei Holzspannbrücken gelangen wir nach Chalt. Das kleine Dorf ist geografisch und geschichtlich interessant: Hier in der Nähe traf vor fünfzig Millionen Jahren der indische Subkontinent auf die asiatische Platte und formte die gewaltige Himalaja Gebirgskette. Chalt war außerdem ein Teil der Seidenstraße. Und: Der Ort ist Teil der Region Nagyr, die wie das angrenzende Hunza einen König hatte und lange Zeit in Feindschaft mit dem Hunzareich lebte. Durch Zufall lernen wir bei einem Dorfspaziergang kurz nach Ankunft die royalen Nachfahren beider Königsfamilien kennen, deren Großeltern irgendwann untereinander heirateten und seitdem für Frieden sorgten.

 

 

Spannbrücke nach Chalt

 

 

Prinz Shaldar Adam Khan, ein 23jähriger Typ in Jeans und Sweatshirt, der sich überwiegend in der Großstadt Islamabad zuhause fühlt, spricht uns auf der Dorfstraße an und lädt uns spontan zum Kaffee ins Sommerhaus seines Vaters Saeed ein. Saeed’s Großvater war der letzte König von Nagyr, seine Frau ist die Tochter des letzten Königs von Hunza. Alte Schwarz-Weiß-Fotografien im Haus zeigen, von wem das blaue Blut stammt.

 

Das eigentlich wenig genutzte Sommerhaus steht auf einer Wiese mit Blick auf den Rakaposhi. Es hat eine große Terrasse und ist bescheiden eingerichtet. Drinnen sitzt eine Bande Nachbarskinder vor dem Fernseher. Zwei Angestellte, einfache Männer aus dem Dorf, servieren uns Kaffee und Kuchen nach draußen. Adams Vater, ein eher europäisch wirkender Mann, begrüßt uns mit seiner rauhen Stimme, als hätte er uns bereits erwartet. Er ist viel herumgereist, besonders in Deutschland und Österreich und freut sich sehr über unseren Besuch. Er arbeitet seit langem im Tourismusgeschäft, damals für die pakistanische Regierung, heute mit seinem eigenen Unternehmen (www.travellife.com.pk). Die Geschichten, die er uns von seinen Trekkingtouren und über deutsche Bergsteiger erzählt, sind spannend und amüsant. Wir sitzen in Pakistanikleidung vor ihm und seinem Sohn und staunen mal wieder über die schnelle vertraute Atmosphäre.

 

1. Die Seidenstraße führte auch durch Chalt, 2. Klassenzimmer in Chalt

 

Am nächsten Tag werfen wir einen Blick in die Dorfschule und stören mit unserem Erscheinen kurz den Unterricht. Der Direktor bittet uns, zum Milchtee zu bleiben und erzählt uns stolz, welche Fortschritte seit ein paar Jahren die Ausbildung der Jungen und der Mädchen macht. Falls Freunde aus Deutschland ein, zwei Wochen zu Besuch kommen und neue Impulse geben möchten, sind sie ab dem nächsten Jahr herzlich dorthin eingeladen. Dann sind die Gästezimmer nämlich fertig. Kontakt: M. Shafi von der Foundation Public School, shafitabish@yahoo.com.

 

Die Schattenseiten bleiben uns allerdings auch nicht verborgen. Die Familien in Chalt sind oft arm und leben in sehr einfachen Häusern. Iqbal, ein gebildeter und engagierter Mann, erzählt uns, dass es keine leichte Aufgabe ist, die Region zu entwickeln. Nach drei Tagen, an denen wir andere Männer im Dorf dabei beobachtet haben, wie sie sich mit Nichtstun die Zeit vertreiben, haben wir den Eindruck, als wollten manche gar nicht viel ändern.

 

Gilgit: Polospiel und Buddha
Unser nächstes Ein-paar-Tage-Zuhause ist Gilgit – die südlichste Stadt der nördlichen Landesregion. Um dorthin zu kommen, müssen wir vom Karakorum-Highway abbiegen und bei Dainyor über den Hunza River fahren. Die lange, schwankende und schmale Holzbrücke über den Fluss ist ein Nadelöhr. Polizisten arrangieren daher die Überfahrt: einmal fährt die eine, dann die andere Seite.

 

Im wirbeligen Gilgit angelangt, flüchten wir erst einmal ins Madina Guesthouse – eine Ruheoase und Treffpunkt vieler Karakorum-Reisender. Einige von ihnen kennen wir schon. Das achtköpfige Personal behandelt jeden Gast wie einen Freund und macht es uns leicht, sich wohl zu fühlen. Uns fehlt es an nichts.

 

Auf der Straße vor dem Gasthaus können wir uns langsam wieder an chaotisches Gewusel gewöhnen. Alles spaziert, fährt und hupt durcheinander. In der etwas dreckigen Innenstadt reihen sich hundert kleine Geschäfte aneinander, dazwischen schlachten Männer in verschmierten Pakistanikleidern Hühner und Rinder. Ein langsamer Übergang zu indischen Verhältnissen, denken wir. In dieser Stadt hören wir auch wieder deutlich die Gebetsgesänge, die fünfmal täglich aus verschiedenen Lautsprechern gleichzeitig über die Dächer hallen. Ein islamischer Kanon, der uns besonders früh morgens zum Sonnenaufgang das Gefühl vermittelt, in einer anderen Welt zu sein.

 

Spiel auf dem alten Polofeld in Gilgit

 

In der ersten Novemberwoche findet in Gilgit jedes Jahr ein großes Polo-Tournier statt. Darum treffen sich derzeit fast jeden Nachmittag um vier Uhr Männer mit ihren Pferden auf dem alten Polofeld zu einem Trainingsspiel. Das ist unsere Chance, das erst Mal Polo zu erleben. Zwölf Männer zu Pferd, also zwei Sechser-Teams, haben sich auf dem Platz eingefunden. Jetzt geht es zweimal eine halbe Stunde darum, den Holzball ans jeweils andere Ende übers schmale und staubige Feld zu schlagen. Mehr Regeln gibt es nicht. Wir sitzen zwischen anderen Zuschauern am Rand und merken schnell, dass es nicht nur für die Pferde und Spieler gefährlich werden kann. Ein paar Mal fliegt der harte Ball zu uns rüber. Wenn sich die Reiter darum scharen, knallen die Polostöcke durcheinander, bis ab und zu einer bricht. Die Beine der Pferde bleiben nicht immer verschont. Polo ist eine große Sache in Nordpakistan, aber auch ein hartes Los für die Tiere.

 

Am anderen Tag, irgendwann nach dem Frühstück im Garten, steigen wir nahe des Basars mit einundzwanzig anderen Fahrgästen auf einen abgeruckelten Toyota Helux auf, der uns hoch in Richtung Baseen bringt. Unglaublich, in welchen Klappercheesen wir manchmal herumgefahren werden. Und noch unglaublicher ist, über welche Pisten sie der Fahrer treibt. Vom Dorf Baseen aus wandern wir noch ein paar Minuten bergauf, bis wir die etwa 1300 Jahre alte Kargah Buddha-Statue im Felsen bewundern können – ein Überbleibsel aus Zeiten, in denen die Menschen hier noch Hindus und Buddhisten waren, bevor sie zum Islam konvertierten. Danach geht’s gemütlich zu Fuß wieder runter nach Gilgit.

 

Nanga Parbat (8126m): Am Fuße des weißen Riesen

Der Berg ruft. Und zwar ein legendärer Achttausender: der Nanga Parbat. Der Name bedeutet Nackter Berg in der Landessprache Urdu. Er hat besonders an der Südseite so steile Wände, dass der Schnee dort kaum hängen bleibt – darum nackt.

 

Nordseite des Nanga Parbats am Morgen

 

Ein öffentlicher Minibus fährt uns morgens am 20. Oktober von Gilgit zur Raikot-Brücke weiter südlich am Karakorum-Highway. Dort treffen wir Alam, der mit seiner Familie in Tato lebt – eine kleine Siedlung auf etwa 2300 Metern am Fuße des Nanga Parbats. Er hat seit zwei Jahren einen kleinen Campingplatz weiter oben auf Fairy Meadow (Märchenwiese). Unglaublich, dass Alam ein Jahr jünger als Suse ist. Vielleicht ist es seine tiefe Stimme oder der wuschelig-schwarze Schnauzer, der ihn mindestens vierzig Jahre alt aussehen lässt. Egal, er ist jedenfalls ein unheimlich guter Gastgeber, der sich die nächsten drei Tage mit viel Feingefühl um uns kümmert.

 

1. Alam begleitet uns, 2. Steiniger Aufstieg zum Camp

 

Von der Raikot-Brücke aus geht es in einem alten Jeep fünfzehn Kilometer zusammen mit anderen Einheimischen hoch auf 2666 Meter, und zwar auf einem der spektakulärsten Jeeptracks der Welt. Zum Glück haben wir die MZ in Gilgit gelassen, denn der Weg ist gerade mal so breit wie der Wagen selbst. Schotteriger Untergrund, enge Kurven und krasse Felswände machen die Auffahrt wirklich abenteuerlich. Manchmal ist der Abgrund am Rand so tief, dass sich das Ende nicht einsehen lässt.

 

Am Ende des Jeeptracks steigen wir etwas blass geworden aus und wandern zusammen mit Alam zwei Stunden zum Fairy Meadow Camp. Der Campingplatz liegt auf 3333 Metern, schnell kriegen wir wieder Farbe ins Gesicht. Das Atmen geht beim Laufen irgendwann in Keuchen über, der Rucksack wird immer schwerer und die Sehnsucht nach Ankunft immer größer. Auf dem steinigen, schmalen Fußpfad kommen uns zu dieser Jahreszeit bereits die Dorfbewohner mit Sack und Pack auf Eseln entgegen. Ihre bescheidenen Habseligkeiten sind in Decken und Tierleder verstaut. Das Huhn halten sie an den Flügeln in der Hand. Der Winter steht bald vor der Tür und sie verlassen ihre Sommerhütten und Weideplätze oben in den Bergen, um wieder ins mildere Tal zurück zukehren.

 

Endlich oben auf Fairy Meadow (Märchenwiese)

 

Endlich am Camp angekommen, bringt uns Mamanua frischen Bergtee zur Begrüßung. Der kleine alte Mann mit grauem Bart und dunkler sonnenherber Haut hält hier die Stellung. Außer uns sind keine Touristen da um diese Zeit. Wir bauen unser kleines Zelt mit unfassbarem Blick auf den Raikot Gletscher und Nanga Parbat auf und richten uns ein. Alam bringt noch eine dickere Matratze, als er unsere schmalen Isomatten sieht. Kaum ist die Sonne hinterm Berg verschwunden, wird es eisig. Zum Abendessen kochen wir uns passend zum Ambiente, die noch übrig gebliebenen Käsespätzle aus der Hüttenschmaus-Tütenserie von Knorr.

 

1. Nanga-Parbat-Blick aus dem Zelt, 2. Jungs aus dem Bergdorf

 

Die erste Nacht ist gut überstanden, unser Atem hat sich in der Früh als zarte Eisschicht an die Innenwand des Zeltes gelegt. Wir wagen den Blick nach Draußen. Das erste Bild vor Augen ist der Weiße Riese, der in der Morgensonne leuchtet. Unter der Wassertonne neben der Duschholzhütte flackert bereits das Feuer und wir gönnen uns gleich eine kurze, heiße Dusche. Danach servieren uns Alam und Mamanua ein perfektes Frühstück mit frisch gebackenem Fladenbrot, Kaffee, Ei und süßem Haferflockenbrei. Wir fühlen uns herrlich.

 

1. Mamanua in seiner Küche, 2. Jeden Morgen ein gutes Frühstück

 

Während Suse sich noch akklimatisiert, gehen Micha und Alam auf kurze Tour vorbei an Seen und versteckten Bergdörfern. Hier gibt es noch Wölfe, die den Schaf- und Ziegenherden gefährlich werden. Die Menschen in dieser Gegend leben dem Anschein nach zufrieden in ihrer Abgeschiedenheit. Im Sommer, wenn die Frauen die kleinen Terrassenfelder bewässern, dürfen Touristen nicht in die Dörfer kommen. Die Frauen hier mögen es nicht, fotografiert zu werden.

 

Wir haben den ganzen Tag lang klaren Himmel, warme Sonnenstrahlen und beste Aussicht auf die Umgebung. Doch sobald um halb fünf die Sonne hinterm Berg untergeht, ist es Zeit für ein warmes Abendessen, dampfenden Tee und ein Feuerchen. Spätestens um acht krabbeln wir mit langen Unterhosen in den Schlafsack und ziehen unser kleines Zelt von innen zu.

 

Abends am Fuße des Nanga Parbats

 

Am dritten Tag sind wir fit für den weiteren Aufstieg zum Aussichtspunkt auf etwa 3600 Metern. Alam kommt mit. Der Weg dorthin führt uns durch einen echten Zauberwald, über und vorbei an vereisten Bergbächen und verlassenen, kleinen Blockhütten. Dieser Ort könnte die Kulisse sämtlicher Grimm-Märchen sein. Wir können an manchen Stellen des Pfades tief nach unten ins schmale Indus Tal gucken. Nach zweieinhalb Stunden bergauf kommen wir schniefend am höchsten Punkt unserer Wanderung an. Beim weiten Blick auf Gletscher und Gipfel atmen wir tief durch und genießen still.

 

Das Nanga Parbat Basecamp (3967m), von dem aus Messner und Co. ihre Gipfel-Exkursionen starten, ist von hier aus nicht mehr weit. Alam würde uns dorthin bringen, aber für noch mal vier Stunden weiterlaufen sind wir einfach nicht mehr fit genug. Dabei ist dieses Basislager das Einzige, das auch für Flachlandtiroler ohne große Erfahrung und Spezialausrüstung zu erreichen ist. Alam, der Reinhold Messner einmal als einheimischer Bergführer begleitet hat, erzählt uns, dass weit über hundert Bergsteiger ihr Leben am Killer Mountain gelassen haben. Der letzte Unfall passierte im Juli, als drei Italiener den Aufstieg versuchten und einer dabei ums Leben kam. Die Rettungsaktion der anderen beiden konnte man in den Medien verfolgen.

 

Der Abstieg zurück zum Fairy Meadow Camp ist erholsamer. Noch eine kalte Nacht im Zelt und dann heißt es auch schon wieder Abschied nehmen. Wir sind irgendwie benommen von unserem Aufenthalt in den Bergen, so dass wir die aufregende Abfahrt nach unserem Abstieg zum Jeeptrack sogar genießen. Tschüß Nanga Parbat! Eines Tages kommen wir vielleicht zurück, um Dich drei Wochen lang zu umrunden.

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Gilgit-Rawalpindi-Lahore: Ein harter Tripp

2. November 2008

Kaghan-Tal: Eine sichere Abkürzung nach Rawalpindi

4175 Meter. Eine Fahrt über den Barbusa-Pass müssten unsere MZ locker schaffen. Wenn wir auf unserem Weg nach Rawalpindi den eher unfreundlichen Karakorum-Highway-Abschnitt ab Chilas durch Indus Kohistan vermeiden möchten, dann bleibt nur die Abkürzung über den viertausender Pass und das Kaghan-Tal. Die Einwohner von Indus Kohistan mögen nämlich keine Ausländer. Statt winkender Kids am Straßenrand kann hier schon mal ein Stein geflogen kommen.

Wir fragen vorher ein paar andere Reisende und Einheimische, ob der Weg über den Pass derzeit gut befahrbar ist. Immerhin hat das große Erdbeben in 2005 diesen Abschnitt fast komplett zerstört und die Wiederherstellung hält noch an. Pass aufwärts soll die Straße fertig sein, bergab ins Tal führt ein Jeepweg. Und irgendwann beginnt wieder eine Asphaltstraße. Wenn es nicht schneit und regnet, sei diese Abkürzung nach Rawalpindi mit unseren Motorrädern problemlos zu schaffen und mit Sicherheit die schönere Strecke.

Barbusa-Pass: Hier hört der Spaß auf

Wir probieren es und biegen in Chilas nach links auf die Passtraße ab. Ab hier geht es auf breiter und größtenteils neu asphaltierter Straße 42 Kilometer nach oben. Fünfzehn Kilometer vor der Passspitze endet die Straße in einem schmalen, steilen Sandweg, der von kleinen Brücken und Flussläufen unterbrochen wird.

Die wackelige Durchfahrt durch das einen halben Meter tiefe Wasser ist gerade überstanden, da wird die Steigung auf einmal so stark, dass Micha mit seiner MZ hängen bleibt. Wir müssen ein kurzes Stück schieben. Oben auf dem Hügel stellt Micha bei beiden MZ erstmal die Kupplungen unter Beobachtung der skeptischen Pakistaner nach. Wenn der Weg nicht besser wird, müssen wir umkehren.

Skeptischer Blick nach oben

Hinter uns quält sich gerade ein Toyota-Kleinbus mit drei Pakistanern dieselbe Steigung hinauf und bleibt stecken. Wir stellen uns zu viert hinten auf die Stoßstange, damit die Räder nicht durchdrehen, und bringen den Toyota gemeinsam nach oben. Die drei Pakistaner aus Chilas sagen uns, dass es bis zur Passspitze noch ein paar schwierige Stellen gibt. Sie wollen uns bis nach oben begleiten.

Der Weg wird gerade von Kettenbaggern aufgerissen und ist faktisch nicht mehr vorhanden. Wir wühlen uns mit der MZ noch ein paar Meter durchs grobe Gelände bis wir merken, dass es keinen Sinn mehr hat. Auf über dreitausend Metern haben die Moppeds nur noch halb soviel Power und es ist für alle eine Quälerei. Hier hört der Spaß auf.

Die drei Pakistaner im Toyota geben uns zu verstehen, dass es besser sei, weiter zu fahren. Sie könnten uns das schwere Gepäck bis nach oben abnehmen. So sei es zu schaffen. Wir sind ein bisschen unsicher, ob wir unser ganzes Hab und Gut in den fremden Wagen packen sollen. Es ist eine eigenartige Situation, aber wir entscheiden gemeinsam, zu vertrauen und laden alles um. Schritt für Schritt und nacheinander schieben und fahren wir jetzt die entladenen Moppeds über die lose Erde. Micha erinnert sich an Tipps aus dem letzten Endurokurs und nimmt Suse an manchen Stellen die MZ ab. Der Toyota kämpft sich mit uns auf der Stoßstange tatsächlich hinterher.

Auf den letzten Passkurven haben wir zum Glück wieder festen Boden unter den Rädern und wir kommen doch noch am Barbusa-Pass an. Es ist kalt und teilweise liegt Schnee. Wir wiederbeladen unsere müden Packesel und verabschieden uns von den drei Pakistanern, die nun komischerweise den ganzen Horrorweg ins Tal zurückkehren.

Nachtlager nach dem Pass

Bevor es dunkel wird, wollen wir noch so weit wie möglich abwärts ins Tal fahren. Leider kommen wir auf dem rauen Jeepweg nicht schnell voran. Mit nachlassenden Kräften überfahren wir noch ein paar abenteuerliche Hilfsbrücken und schlagen in der Dämmerung in einer menschenleeren, felsigen Gegend unser Lager auf. Es gab schon bessere Stellen zum Übernachten, aber zum Glück sind wir müde genug für einen guten Schlaf. Im Morgengrauen krabbeln wir aus dem vereisten Zelt und steigen widerwillig in die kältesteifen Motorradklamotten. Nach ein paar Keksen zum Frühstück packen wir alles ein und fahren etwa fünfzig Kilometer nach Naran weiter.

Von Naran nach Rawalpindi: Abfahrt in den Moloch

Nach einer Stunde Jeeptrack am frühen Morgen kommt endlich die ersehnte Asphaltstraße, die uns nach Naran bringt. Die Saison im populären Hoteldorf ist bereits vorbei. Keine Gäste mehr aus Islamabad, die hier im Sommer nach einer frischen Brise und grüner Natur suchen. Die Erdgeschosse der meisten Hotels sind mit alten Brettern provisorisch verbarrikadiert. Wir finden am Ende des Dorfes noch ein kleines Gasthaus, dass geöffnet ist und wo wir bis zum nächsten Tag in einem Zimmer ohne Tageslicht bleiben können. Die kleine Straßenküche in der Dorfmitte bereitet uns, den zurzeit einzigen hierher verirrten Fremden, mit einem freundlichen Lächeln warmes Essen zu: Dhal (Linsencurry), Chili-Omelett und Fladenbrot. Zum Dessert gibt es natürlich den süßen Milchtee.

Auf dem 80-Kilometer-Abschnitt von Naran bis zur Stadt Balakot, die 2005 dem Erdboden komplett gleich gemacht wurde, ist die kurvige Straße alle ein paar hundert Meter vom Berg verschüttet und nur grob frei geschoben. Eine Baustellendurchfahrt ohne Ende. Ab Balakot geht es dann endlich wieder auf guter Straße zurück auf den letzten Teil des Karakorum-Highways. Hier fahren wir in Mansehra ein und ab dort beginnt die Hölle: zu viele Autos, LKWs und kleine Motorräder; zu viele verrückte und rücksichtslose Fahrer.

Unser Tagesziel Rawalpindi ist ab hier noch 130 Kilometer entfernt, aber der Smog und Lärm ist schon jetzt präsent. Wir verabschieden uns gedanklich und endgültig vom ruhigen, sauberen Norden und konzentrieren uns auf den Verkehr. Mit der Adresse von Saeeds Büro in der Tasche fahren wir immer schön dicht hintereinander auf einer dreispurigen, überfüllten Straße in den Moloch Rawalpindi ein. Wir beide haben denselben Gedanken: Schrecklich. Micha versucht, an Suse dran zu bleiben. Keine leichte Aufgabe in dem Chaos. Nach neun Stunden auf dem Sitz der MZ kommen wir erlöst an der Adresse an und können endlich absteigen.

Zur Entspannung ein Privatkonzert

Der liebe Saeed nimmt uns beide noch am gleichen Abend zur Entspannung zu einer interessanten Herrenrunde in eine alte, gemütliche Villa um die Ecke mit. Dort sitzen seine Freunde in lockerer Atmosphäre auf dem orientalischen Teppichboden des Wohnzimmers bei Gin und Bier. Anscheinend sind sie keine traditionellen Muslime, allerdings elitäre Pakistaner: ein Philosoph und Dichter, ein Maler, ein Tenniscoach, ein ehemaliger Präsidentensohn… Sie genießen heute Abend ein kleines Privatkonzert von zwei pakistanischen Weltklassemusikern. Die klaren, sanften Klänge der Violine und der tiefe Sound der Drums sind unbeschreiblich. Die Musiker widmen uns eine pakistanische Version von Mozart und danach verabschieden wir uns ins Bett. Ein guter Abschluss nach einem anstrengenden Tag.

In Rawalpindi gibt es außer orientalisch-pakistanischem Stadtleben nichts weiter zu entdecken. Micha widmet sich am nächsten Vormittag den beiden MZ und nimmt ein paar wohlverdiente Pflegemaßnahmen an ihnen vor. Am Abend laden wir Saeed, seinen Sohn Adam und seine Tochter Mariam zum Dinner ein. Wir fahren im Jeep zum Aussichtsrestaurant auf den Margalla Hügel (1000 m) in Islamabad, von wo aus wir einen großartigen Blick auf das nächtliche Lichtermeer der großflächig angelegten Hauptstadt haben. Das Essen dort ist das Beste, das wir seit langem hatten. Ein schöner und lustiger Abschiedsabend, bevor wir nach Lahore weiterziehen.

Lahore: Kulturhauptstadt und Neun-Millionen-Metropole

Lahores Altstadt am Abend

Wir fahren am 31. Oktober in Rawalpindi auf die Grand Trunk Road gen Lahore – eine 270 Kilometer lange autobahnähnliche Straße. Es fährt sich überraschend gut und wir haben den Stadtrand der Neun-Millionen-Metropole Lahore nach vier Stunden erreicht. Es sind etwa dreißig Grad Celsius. Zu warm für unsere Motorradklamotten. Tausende stinkende Moped-Rikschas begrüßen uns mit ihrem scheppernden Zweitaktgeknatter. Es geht zu wie auf einem Ameisenhaufen, nur dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht, als wir kurz anhalten, um nach dem Weg zu fragen. Der hilfsbereite Pakistaner – schnell umringt von fünfundzwanzig anderen hilfsbereiten Pakistanern – schreit uns dreimal denselben Satz ins Ohr: Immer gerade aus und dann noch mal fragen! Wir brauchen uns keine Sorgen machen, Lahore ist eine gute Stadt. Wir können es kaum glauben, aber der Straßenverkehr in Rawalpindi war noch nichts gegen das, was wir gerade durchfahren.

Nach ein paar hektischen Straßenkreuzungen in der versmogten City kommen wir ausgelaugt, aber lebend am kleinen, abgefuckten Hotel in der Gasse nahe dem Regale Platz an. Es sieht nicht sehr einladend aus, soll aber ein guter Platz für Reisende sein. Die Motorräder müssen neben den vielen anderen Zweirädern vor dem Schneiderladen auf der dreckigen Straße bleiben. Wir schleppen müde unser Gepäck die schmale, steile Treppe hinauf in unser zusammengeschustertes Zimmerchen. Auf der kleinen Dachterrasse, auf der es eine Miniküche und die Toilette-Dusche-Kammer gibt, ist es ganz gemütlich. Eine Sitzecke mit aktueller Tageszeitung und Satelliten-TV, auf dem abends englischsprachige Filme laufen. Obwohl an diesem Abend auf der Terrasse Musiker aus Lahore ein Konzert geben, schlafen wir in unserem Zimmer direkt daneben wie gelähmt in einen narkoseartigen Schlaf. Wir müssen uns erst langsam an den neuen Lebensstil, der Indien sehr nahe kommt, gewöhnen.

Familientransporter

Nach einer kalten Dusche und einem warmen Frühstück auf der Dachterasse trauen wir uns kurz auf die Straße. Wir bringen unsere schmuddelige Wäsche zum Reinigungsservice. Immer wieder rufen uns die Männer „Hello, how are you?” zu, ein paar Kinder schütteln uns schüchtern die Hand. Die Pakistaner sind sehr stolz, wenn wir ihnen versichern, dass wir uns in ihrem Land sehr wohl fühlen. Sie honorieren, dass Ausländer trotz schlechter Nachrichten in den weltweiten Medien nach Pakistan kommen und sich ein eigenes Bild insbesondere von den Menschen hier machen. Manchmal ist es anstrengend für uns, sich immer wieder Zeit für die Leute auf der Straße zu nehmen, aber ihre große Dankbarkeit für ein kurzes Gespräch ist es wert.

Auf dem Rückweg gönnen wir uns im besten Eisladen der Stadt einen Bananenmilchshake und Schokoeis. Das hatten wir schon ewig nicht mehr. Und wir haben es auch gut vertragen. In dem Supermarkt nahe dem Hotel finden wir außerdem Lindt-Schokolade, Cornflakes und President-Käse. Eine nette Abwechslung zum einheimischen Essen auf der Straße, das uns allerdings ganz gut schmeckt und unschlagbar billig ist.

Badshahi-Moschee

Am Sonntag, als die meisten Läden überraschenderweise geschlossen haben und der Verkehr tatsächlich weniger ist, setzen wir uns in die Moped-Rikscha und lassen uns im Zick-Zack-Kurs in die Altstadt chauffieren. Dort genießen wir die Ruhe in der Badshahi-Moschee – die zweitgrößte Moschee Pakistans und eine der größten Moscheen der Welt – bevor wir die engen und maroden Gassen der Altstadt durchstreifen. Unglaublich, wie die Menschen hier leben. Die Häuser sind teilweise über ein paar hundert Jahre alt und durchweg heruntergekommen. Die Stromkabel des Viertels hängen kreuz und quer und verknotet wie ein zigmal geflicktes Spinnennetz zwischen den Häusern. Langbeinige Ziegen mit Riesenschlappohren warten neben dem Fleischladen auf ihren Tod. Männer fahren ihre in bunte Schleier gehüllten Frauen, die in aller Gelassenheit seitlich hinten auf dem Moped sitzen, mit Tempo durchs Gewühl. Wir flüchten auf den Turm der bunten Badjai-Moschee und sehen über die Dächer der Altstadt. Der Smog schwebt zwischen Stadt und Himmel und färbt sich orange in der Abendsonne.

Bauarbeiten in der maroden Altstadt

Die Stadt kostet uns viel Energie. Wir ziehen uns immer wieder zur Pause auf die Dachterrasse des Hotels zurück. Wir surfen im kabellosen und unglaublich schnellen Internet – eine Wohltat nach so vielen geduldigen Besuchen in den bisherigen Internetbuden. Nach Sonnenuntergang ist es Zeit fürs Abendessen: Kartoffel-Spinat-Curry mit Fladenbrot, frisch serviert aus dem stickigen, quirligen Straßenrestaurant. Wenn die Faulheit nicht siegt, steigen wir morgen auf die Motorräder und fahren die dreißig Kilometer nach Wagah an die indische Grenze. Oder wir bleiben doch noch bis zum nächsten Donnerstag in der Stadt, denn donnerstags verwandelt sich das Kulturzentrum Lahore in eine wahnsinnige Konzertstadt. Mal sehen, wir haben ja noch alle Zeit der Welt…

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Abschied aus Pakistan

10. November 2008
Good bye, my friend!

Letzte Tage in Lahore
Lahore ist eine Metropole und nicht in ein paar Tagen zu erkunden. Wir widmen der Stadt am Ende eine ganze Woche. Wir wagen uns auf die lauten, dreckigen Straßen. Die Fahrt in der Moped-Rickscha ist ein Erlebnis für sich. Eine Achterbahnfahrt mit 30 Km/h und 100 Dezibel. Wenn es zu stressig wird, setzen wir uns mit anderen Reisenden einfach auf die Hotelterrasse oder gehen in den großen, ruhigen Park.

Pause auf dem Dach: Ab und zu mal alle Viere von sich strecken

Auf dem Weg in den Park landen wir einmal aus Versehen im daneben liegenden Zoo. Jetzt erfahren wir, wie sich Promis auf der Straße fühlen müssen. Eine Stunde lang werden wir ununterbrochen fotografiert: vor dem Elefanten, mit Kleinkindern an der Hand, erst zusammen, dann getrennt. Wir sind die Hauptattraktion im Lahore Zoo und können uns nirgends verstecken. An diesem Nachmittag haben wir uns auf etlichen Fotokameras verewigen lassen und viele Pakistaner damit sehr glücklich gemacht.

One picture, please

Mit den Sufis im Schrein
Am Donnerstag ist Sufinacht. Diesen Event wollten wir auf keinen Fall verpassen. Dank unseres Hotelbesitzer Malik, selbst Sufi und gut vernetzt in der Szene, können wir als Ausländer und Suse als Frau an der Sufizeremonie teilnehmen. Die Sufis in Pakisatn verstehen sich als eigene Gruppe der Muslime, die sich auf spirituelle, ekstatische Weise und unter Gebrauch von Rauschmitteln wie Haschisch näher zu Gott bringen.

Um zehn Uhr fahren wir in den Schrein der Sufigruppe. In dem Tempel ist ein verehrter Führer der Sufis begraben. Im Innenhof des Schreins sitzen bereits hunderte Männer dicht an dicht auf dem Boden und lauschen den eingehenden Klängen der gewaltigen Bauchtrommel. Mithu Saeen – taubstumm, ein Star der Szene und ein weltbekanntes Genie auf seinem Instrument – bringt die Sufis über stundenlanges Trommeln in Ekstase. Wir ziehen wie alle die Schuhe aus und werden auf die Treppe an der Seite des Hofes platziert: ein Platz extra für die ausländischen Besucher der Sufinacht. Wir beobachten das Treiben. Immer wieder rufen die Männer „ Julelal!”

Der Rau(s)ch der unzähligen Joints legt sich wie eine Decke über den Hof. Teilweise ziehen die Männer an sechs Joints gleichzeitig den Haschischrauch in ihre Lungen. Später treten noch Mithus Bruder Gonga mit zwei anderen Trommlern in die Hofmitte. Die verehrten Stars schlagen unglaubliche Töne in tausenden Rhythmen an. Die Verbindung zu Gott ist hergestellt. Bevor es zu wild wird, lassen wir die Sufis in ihrem heiligen Rausch allein und fahren mit dem Sufisound im Ohr durchs nächtliche Lahore ins Hotel zurück.

Pakistan, Sindabad!

Theater an der Grenze: Der Frauenblock jubelt!

8. November. Wir verbringen nach genau sechs Wochen unseren letzten Tag in Pakistan, und zwar direkt in Wagah an der Grenzstation. Wir haben uns gut und mit Hupe aus Lahore heraus manövriert – zwei MZ zwischen überbeladenen Fahrradfahrern, Eselskarren, Mopped-Rikschas, Fußgängern, Tieren, LKWs und Bussen vorbei an fliegenden Obsthändlern und Garküchen am Straßenrand.

Die pakistanische Grenzstation zu Indien ist die Bunteste, die wir je erleben. Kleine Stände verkaufen Getränke, Snacks und Bücher. Wir quartieren uns für heute Nacht in dem kleinen Hotel mit Garten vor Ort ein. Danach, um halb vier, d.h. nach Grenzschluss, strömen wir zusammen mit tausenden Pakistanis ins Stadion, das beide Seiten des Grenztores zwischen Pakistan und Indien umringt. Hier findet gleich für etwa eine halbe Stunde, wie jeden Tag um diese Zeit, ein einzigartiges Spektakel statt: Die sorgfältig ausgewählten Soldaten beider Länder – riesige, starke und hübsche Männer – zelebrieren im Gegenüber in einer unterhaltsamen Weise ihre Stärke und Macht.

Grenzspektakel: Pakistani demonstrieren ihre Macht

Während die stolzen Soldaten bei zackigen Marscheinlagen ihre Beine bis über den Kopf nach oben reißen und ihre metallbeschlagenen Stiefel auf den Boden stampfen, schallen aus den getrennten Männer- und Frauenblöcken die Sprechchöre: „Pakistan Sindabad! Pakistan Sindabad! …” Lang lebe Pakistan! Die Atmosphäre gleicht einem Finalspiel im Fußballstadion. Man bekommt Gänsehaut. Auf der indischen Seite der Grenze erwidern die Menschen „Hindustan Sindabad!” Am Ende reichen sich Soldaten beider Seiten die Hände und holen zeitgleich ihre Landesfahnen vom Mast. Die Grenze ist für heute geschlossen. Die Sonne ist fast untergangen und jetzt verlassen alle glücklich den Schauplatz.

Fasziniert vom Stolz der Pakistaner legen wir uns schlafen. Ein tolles Erlebnis zum Abschied denken wir und fahren am nächsten Morgen gelassen und mit freundlichen Beamten auf beiden Seiten über diese Grenze. Pakistan hat uns in sechs Wochen wie kein anderes Land beeindruckt. Jeder in diesem Land ist uns mit viel Respekt und Ehre begegnet. Auch Suse als Frau gegenüber. Die Pakistaner sind unheimlich stolz auf jeden, der ihr Land besucht und sie geben alles, um ihren Gästen zu beweisen, dass Pakistani friedliche und herzliche Menschen sind. Unser vorheriges Bild von Pakistan hat sich als Vorurteil entpuppt und wir sind glücklich über diese Erfahrung.

Fotostrecke Nordpakistan
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Abenteuer Indien: Schöne erste Tage

18. November 2008

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Goldener Tempel: Indien begrüßt uns
Wir haben im Vorfeld so viele unterschiedliche Sachen über Indien gehört. Gutes und Schlechtes. Umso gespannter sind wir, was wir in diesem Land, dem wir fünf Monate unserer Reise widmen, erleben werden.

Als wir gegen Mittag dreißig Kilometer hinter der pakistanisch-indischen Grenze in die nordindische Stadt Amritsar einfahren, halten wir gleich nach dem Goldenen Tempel Ausschau. Das Straßenbild ist ähnlich wie in Lahore. Erstaunlicherweise ist es sogar weniger chaotisch, leiser und etwas aufgeräumter.

Blick auf den Goldenen Tempel

Kleine, grüne Wegweiser führen uns einigermaßen unkompliziert zur heiligsten Stätte der Sikhs: Der vergoldete Tempel inmitten von Amritsar ist von einem großen Becken mit heiligem Wasser, dem sog. Nektar, umgeben. An diesem Ort der Ruhe möchten wir zusammen mit den Tempelpilgern ein, zwei Tage verbringen und das besondere Flair spüren. Bei den Sikhs ist jeder Mensch, egal welcher Religion oder Klasse, jederzeit willkommen.

Parkplatz im Innenhof des Pilgerhauses

Das große Tempelgelände ist durch verschiedene weiße, stilvolle Gebäude eingegrenzt. Wir stehen durchgeschwitzt und mit laufenden Motoren vor dem Eingangstor. Ein Wachmann mit lilafarbenem Turban und im weißen, knielangen Kleid winkt uns zu. Als ausländische Besucher dürfen wir mit unseren MZ durchs große Tor auf das heilige Gelände fahren. Der Wächter dirigiert uns sofort und mit einem Lächeln auf den sonnigen Innenhof des großen Pilgerwohnhauses Sri Guru Ram Das Niwas, wo wir die MZ direkt vor unserer Schlafkammer abstellen dürfen. Für eine kleine Spende sind wir herzlich eingeladen, hier zu übernachten. Wir freuen uns über diese nette Begrüßung. Es ist den Sikhs scheinbar eine Ehre, dass wir den Tempel besuchen. Dabei empfinden wir es genau anders herum.

Über den Innenhof und das ganze Gelände wandern Pilger. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre, die Umgebung ist hell und rein. Bunte Kleider und Fahnen setzen wunderschöne Kontraste. Die Leute beobachten uns neugierig beim Abladen der Motorräder. Die Sachen bringen wir in unsere Kammer, die wir uns zwei Tage lang mit einer quicklebendigen Maus teilen werden. Sie hat es sich in unseren Taschen gemütlich gemacht.

Wir wechseln die schwitzigen Motorradklamotten gegen normale Kleidung und stöbern eine Weile durch die Ladenstraßen in der näheren Umgebung des Tempelgeländes. Im warmen Licht der Abendsonne wollen wir dann den Golden Tempel umrunden. Bevor wir die Parkama – den marmorierten Gehweg um den Tempel bzw. den Pool herum – betreten dürfen, müssen wir beide unser Haupt bedecken, die Füße entkleiden und reinigen. Dann schreiten wir barfuß über den kühlen, weißen Mosaiksteinboden am Wasser entlang und blicken bei unserem Rundgang auf die sonnengoldene heilige Stätte. Aus Lautsprechern hören wir die Klänge und Gesänge der Tempelpriester, die gerade die tägliche Abschlusszeremonie abhalten: das heilige Buch der Sikhs – Guru Granth Sahib – wird für heute geschlossen.

1. Tempelrundgang auf der Parkama, 2. Eine Pilgerin begrüßt Suse

Am Ende des Rundgangs gehen wir in die Guru-Ka-Langar – die große Essenshalle, in der rund um die Uhr zigtausende Pilger pro Tag gemeinsam auf dem Boden ein kostenloses Mahl einnehmen. Das zelebrierte Gemeinschaftsessen ist eines der Merkmale des Sikhismus` und symbolisiert die Einigkeit der verschiedenen Menschen. Wir setzen uns mit einem Blechteller in der Hand mit den Anderen in die Reihe und warten auf die freiwilligen Helfer, die ohne Pause Linsenbrei, Milchreis und Fladenbrot verteilen. Das frische Fladenbrot muss mit beiden zur Schale geformten Händen entgegengenommen werden. Nach dem einfachen und leckeren Mahl schleichen wir glücklich in unsere Schlafkammer zurück. Mittlerweile haben sich das Pilgerhaus und dessen ganzer Innenhof mit schlafenden Männern, Frauen und Kindern gefüllt.

1. Riesige Töpfe in der Tempelküche, 2. Guru Nanak (1469-1539): Gründer des Sikhismus

Am zweiten Tag reihen wir uns in die Pilgerschlange auf der Brücke zum Goldenen Tempel ein und sehen uns zum Abschied die schmuckvolle heilige Sikhstätte von innen an. In der Tempelmitte lesen Priester im Schneidersitz aus dem heiligen Buch, spielen Instrumente und singen. Nacheinander umkreisen die Pilger das Geschehen und verbeugen sich bis auf den Boden.

Nach einem kurzen Frühstück packen wir schon wieder unsere Sachen und verlassen den Ort, der uns so friedlich und offen empfangen hat. Heute haben wir vor, Nishan – ein 26 Jahre alter, verheirateter Sikh – zu besuchen, der eine Stunde außerhalb von Amritsar im Dorf Mehta Chowk lebt. Wir haben ihn am ersten Abend im Internetcafè nahe des Goldenen Tempels kennengelernt, als er uns völlig unbedarft bat, ihm am PC zu helfen. Er saß zum ersten Mal am Computer und wollte sich im Internet über eine dringende Versicherungssache kümmern. Micha hat ihm geduldig geholfen und ihm seine erste E-Mail-Adresse eingerichtet. Zum Dank lud er uns herzlich ein, ihn in seinem Zuhause zu besuchen. Diese Einladung können wir nicht ablehnen.

Abreise

Drei Tage mit den Sikhs: Zuhause bei Nishan
Wir reisen entspannt aus dem Goldenen Tempel ab und machen uns auf den Weg nach Metha Chowk, wo wir eine Nacht lang bleiben wollen, bevor wir zum Dalai Lama weiterfahren. Mal sehen, was uns bei Nishan und seiner Familie erwartet.

Kurz vor Metha Chowk kommen uns Nishan und sein Vater bereits auf einer kleinen Honda Hero entgegen. Sie haben sorgevoll auf uns gewartet. Nishan strahlt übers ganze Gesicht, als er uns am Straßenrand begrüßt: „I am so happy!”

Mit ihnen vorweg fahren wir gemeinsam zum Haus, in dem Nishan mit seiner 18-jährigen Frau Rupinder, seiner noch unverheirateten vier Jahre jüngeren Schwester und seinen Eltern lebt. Das Haus ist umringt von kleinen Reis-, Raps- und Zuckerpflanzenfeldern. Auf dem kleinen Hof stehen zwei riesige, dunkle Kühe. Die drei Zimmer im Haus sind pragmatisch eingerichtet. Ein Fernseher mit Digitalempfang und ein DVD-Player dürfen wie überall nicht fehlen. Gewaschen wird sich an der Wasserpumpe und im Wasserbecken auf dem Hof. Für die Toilette geht man aufs Feld.

1. Nishan, seine Schwester und Frau, 2. Mit seinem Vater

Man gibt uns sofort das Gefühl, ein Teil der Familie zu sein. Die drei Frauen bereiten uns sitzend auf dem Boden des Hofes würziges, vegetarisches Essen und Pudding mit frischer Kuhmilch zu. Wir setzen uns aufs große Bett in Nishans Schlafzimmer und werden liebevoll bedient. Seine Frau Rupinder sieht uns neugierig, aber verlegen an.

Nishan umsorgt uns mit höchster Aufmerksamkeit. Er nimmt uns später mit in den Dorftempel und abends tanzen wir mit seiner jungen Frau und temperamentvollen Schwester nach Punshabi-Musik ums Bett herum. Bevor wir Schlafen gehen, bittet uns Nishan mit einem unwiderstehlichen Blick, noch einen Tag länger zu bleiben und an der Verlobung seiner Schwester teilzunehmen. Das ist sicher interessant.

1. Mehta Chowk im Morgennebel, 2. Gemeinsamer Morgentee auf dem Hof

Die Familie ist Frühaufsteher. Morgens um halb sieben klopft Nishan ungeduldig an die Zimmertür. Das Frühstück ist fertig! Er lässt uns keine fünf Minuten. Noch ganz verschlafen ziehen wir uns an und schon stehen das Essen und der süß-würzige Milchtee vor uns auf dem Bett. Draußen herrscht heute weiße Dunkelheit. Damit meint Nishan den dichten Nebel, der das Dorf einhüllt. Es ist kühl und die Sonne steht noch tief.

Die Verlobung mit dem Fremden
Heute gegen Mittag findet die Verlobung im Hause der bereits verheirateten Schwester statt. Nach einem kurzen Besuch bei den Nachbarn ist es Zeit für ein Wasserpumpenbad und saubere Kleidung. Ein feierliches Outfit gibt unsere praktisch orientierte Reisegarderobe leider nicht her. Dafür verziert Nishans Schwester Suses Hände mit Henna, seine Frau lackiert ihr derweil die Finger- und Fußnägel. Und auch ihre Augenbrauen werden zwischen einem verzwirbelten Bindfaden schmerzhaft gezupft. Den beiden Mädchen macht die kleine Verschönerung sichtlich Spaß.

Nishans Schwester verziert Suses Hände mit Henna

Micha schaut solange zu, wie Nishan sich einen feierlichen Turban über die sikh-typisch nach vorne verknoteten, langen Haare bindet. Fertig zur Abreise fährt Nishan uns zu dritt auf der Honda ins Haus der anderen Schwester. Der Rest der Familie kommt mit einem Auto nach. Wir haben keine Ahnung, wie die Verlobung vonstatten geht. Wir wissen nur, dass die jeweiligen Eltern das Zusammentreffen arrangiert haben. Nishans Schwester kennt ihren zukünftigen Verlobten noch nicht.

1. Nishan bereitet den Turban vor, 2. Das frisch verlobte Paar

Als wir im Hause der Verlobung ankommen, warten schon ein paar Familienmitglieder beider Parteien dort. Frauen und Männer sitzen in getrennten Zimmern und trinken Tee. Nishans Schwester ist nervös. Suse drückt ihr die kalte Hand. Sie sagt nichts und lächelt einen kurzen Moment.

Nach einer Weile des Wartens heißt es, dass sich beide Elternpaare der Verlobung ihrer Kinder einig sind. Nun muss noch der zukünftige Ehemann zustimmen. Ein junger, fremder Mann betritt das Frauenzimmer und setzt sich auf den Stuhl, der vor Nishans Schwester steht. Für eine gewisse Zeit sitzen sich beide wortlos gegenüber. Die Blicke treffen sich nicht. Dann verlässt der junge Mann wieder den Raum und Unruhe macht sich breit. Kurze Zeit später Erleichterung in allen Gesichtern: er hat die Wahl seiner Eltern für gut befunden. Die Verlobung steht.

Für uns ist es unvorstellbar, was da gerade vor unseren Augen von statten ging. Zwei junge Menschen, die noch nie miteinander gesprochen haben, sollen bald ihr zukünftiges Leben miteinander teilen. Nishans Schwester und die ganze Familie scheinen erleichtert. Trotzdem senkt die Braut demonstrativ den Kopf, als das Paar fürs feierliche Foto posiert.

Als wir alle wieder zuhause sind, macht es den Eindruck, als wäre heute nichts Besonderes geschehen. Wir essen irgendwann zu Abend – diesmal mit dem geliebten Milchreis zum Nachtisch – und lassen den Tag ausklingen.

Gemüseschnippeln mit der Mutter

Morgens heißt es wieder früh aufstehen. „Schenkt mir noch vierundzwanzig Stunden, dann könnt ihr weiterreisen” sind Nishans erste Worte, als er sich zu uns aufs Bett setzt. Er möchte uns noch so viel zeigen: den Hindutempel, den Markt, seine alte Schule. Wir bleiben gern, versuchen ihn aber ein wenig zu bremsen. Seit einem Unfall bei der Armee leidet er nämlich an starken Rückenschmerzen und versucht dies, vor uns zu verbergen. Wir merken, dass er sich manchmal regelrecht quält und gehen diesen Tag ruhiger an. Wir beschäftigen uns gemeinsam mit den normalen Dingen. Suse hilft der Mutter beim Kochen. Nishan und sein Vater helfen Micha bei der Wartung der MZ. Und morgen Vormittag steht der Abschied an. Von neuen, lieben Freunden.

Motorradfahren in Indien
Im letzten Monat sind wir nur tausend Kilometer gefahren. Allerdings waren die Straßen teilweise ziemlich schlecht. Micha wirft sicherheitshalber noch mal einen Blick in die Radlager von Suses Hinterrad. Alles dreht sich. Die Speichen bei Michas MZ halten auch. Der Spritverbrauch hat sich ebenfalls etwas verringert und liegt jetzt bei fünfeinhalb bis sechs Liter pro hundert Kilometer. Brave MZ!

Prüfung der Radlager

Übers Motorradfahren in Indien haben wir vorher nur Schlimmes gehört. Da wir schon viele Länder durchquert haben, sind wir anderes Fahrverhalten zum Glück gewöhnt. Die neue Straßenverkehrs”ordnung” können wir also schnell adaptieren. Auch der Inder fährt immer dort, wo gerade Platz ist. Allerdings sind sehr viele Inder gleichzeitig unterwegs und viele haben es eilig. Motorradfahren wird zum hoch konzentrierten Hindernisparcour.

Am rabiatesten und bedrohlichsten sind die Busfahrer, die sich mit ihrer laut trötenden Hupe wie ein Elefant auf der Flucht durch den Straßendschungel drängeln. Vor jedem Überholen müssen wir die MZ-Hupe drücken als freundliche Warnung für den Vordermann. Für Schulterblick haben die Inder nämlich keine Zeit. Bei Lichthupe von vorn muss schnellstmöglich ausgewichen werden – oder man nimmt einen mutigen Kampf auf, wenn man auf sein Fahrspurrecht bestehen will. Dann sollte man allerdings die Größe des Entgegenkommenden gut abschätzen. Denn je größer desto gewaltiger und desto mehr Vorfahrt.

Wir werden nun unsere MZ – zumindest in die Nähe – des Dalai Lamas bringen. Eine heilige und friedvolle Segnung Seiner Heiligkeit haben sie verdient.

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In den heiligen Bergen Nordindiens

23. November 2008
Gesegnete MZ

McLeod Ganj: Auf der Suche nach dem Dalai Lama
14. November. Wie immer scheint die Sonne und es ist angenehm warm. Auf der Landkarte haben wir die Route nach McLeod Ganj nahe Dharamsala markiert. In diesem Dorf in den grünen, klaren Bergen Nordindiens lebt und regiert Tenzin Gyatso – der vierzehnte Dalai Lama – zusammen mit zigtausenden anderen Exiltibetern. In den letzten fünfzig Jahren, seit das Exil besteht, hat sich McLeod Ganj zum Zentrum der buddhistischen Lehre und tibetischen Kultur entwickelt. Und natürlich auch zu einem Pilgerort für Touristen aus der ganzen Welt.

Buddhistische Mönche

Seit unserer Abfahrt nahe Amritsar nimmt der Chaosverkehr durch die Städte und auf der Landstraße immer mehr ab. Nach etwa vier Stunden düsen wir nur noch auf wenig befahrenen Kurven durch die Berge, die am Horizont von Nebel umgeben sind. Kurz vor Dharamsala beginnt eine schmale, steile Serpentinenstraße, auf der wir uns langsam nach oben winden. Nach zehn Kilometern Kurvenfahrt hinter Dharamsala kommen wir gegen fünf Uhr nachmittags in McLeod Ganj – auch Upper Dharamsala genannt – an: ein Ort mit engen Gassen, vielen kleinen Hotels, Restaurants, diversen Läden und Internetcafès. Hier hat man sich auf Besucher Seiner Heiligkeit eingestellt.

Tibeter in McLeod Ganj

Dem Gefühl nach haben wir Indien schon wieder verlassen. Buddhistische Mönche in weinroten Roben, Gebetsfahnen am Berghang und auf den Dächern sowie tibetische Gesichter auf der Straße vermitteln uns mal wieder ein ganz neues Flair. Wir sind im anderen Tibet.

In dem bunten Hausschilderwald finden wir zum Glück schnell das kleine Green Hotel, in dem wir ein paar Tage wohnen werden. Wir bekommen das letzte freie Zimmer – schön hell, mit Blick über Dächer und Tal. Und trotz wenig Platz in der schmalen Gasse dürfen wir auch die beiden Motorräder dicht an der Hauswand des Hotels parken.

Ein Besuch im Tibetischen Delek Hospital
Micha geht es schon den ganzen Tag nicht gut und er ist froh, endlich Ruhe zu haben. Weil er hohes Fieber hat, fahren wir sicherheitshalber gleich noch mit dem Taxi ins nahe gelegene Tibetische Delek Krankenhaus. Das kleine Hospital ist keine westliche, weiß geflieste Klinik, macht aber einen passablen Eindruck. Ein junger tibetischer Mann und eine Krankenschwester untersuchen Micha sofort. Der Arzt schlägt vor, morgen ein paar Tests zu machen. Er vermutet nichts Ernstes, aber ein Malaria- und Parasitentest können nicht schaden.

Am nächsten Morgen werden wir erst einmal unsanft durch ein Geräusch neben unserem Bett geweckt. Ein Affe hat sich durch die offene Balkontür in unser Zimmer geschlichen und einen Tetrapack Saft geschnappt. Auf seiner Flucht sind ein paar Sachen vom Nachttisch gefallen. Wir sitzen aufgeschreckt im Bett und sind froh, dass es nur der Saft ist, der jetzt verschwunden ist. Es sollte nicht der letzte Diebstahl gewesen sein. Ein paar Tage später holen sie sich zu zweit vor unseren Augen das Obst von unserem Bett.

1. Frecher Affe frisst unser Obst, 2. Kleiner Shop am Hügel

Mit einer Stuhlprobe in der Tasche fahren wir an diesem Vormittag also noch mal ins Krankenhaus. Auf dem Weg dorthin stehen überall tibetische Mönche, Einheimische und Touristen am Straßenrand. Der Taxifahrer erzählt uns, dass sie auf Seine Heiligkeit warten. Der Dalai Lama kommt nämlich irgendwann heute von seiner Japanreise nach McLeod Ganj zurück. Schon wieder ein toller Zufall, freuen wir uns. Den Dalai Lama vielleicht persönlich zu sehen, und dann auch noch an dem Ort, von wo aus er seit 1959 als buddhistisches Oberhaupt im Exil Tibet regiert, wäre ein echter Glücksfall.

Ein heiliger Augenblick: Wir sehen den Dalai Lama
Als wir am Hospital ankommen, stehen die Schwestern und Ärzte des Krankenhauses ebenfalls wartend am Straßenrand. Wir gesellen uns dazu. Nach kurzem Warten macht sich Unruhe breit. Ein Polizist hält jetzt den schmalen Weg frei. Kommt der Dalai Lama?

Kinder warten auf den Dalai Lama

Plötzlich sehen wir einen Konvoi aus Geländewagen die kleine Straße hoch kommen. Alle verbeugen sich ergeben. Und da, im dritten oder vierten Wagen, sitzt er vorne auf dem Beifahrersitz hinter verschlossenem Fenster und hebt lächelnd seine Hand. Der Konvoi fährt zügig. Nach wenigen Sekunden ist alles vorbei. Doch das Gefühl des kurzen Blickes auf diesen charismatischen Mann hält noch eine Weile an. Für ein Foto gab es leider keine Chance, der Moment wird in uns festgehalten.

Wir gehen mit dem Personal die Treppe hoch, hinein ins Krankenhaus. Die sofortigen Tests im kleinen Labor geben erst einmal Entwarnung. Wahrscheinlich kämpft Micha gegen irgendeinen indischen Virusinfekt an, der mit Paracetamol und Bettruhe ausgestanden werden muss. Die Krankenversicherung einzuschalten, lohnt sich übrigens nicht. Die Untersuchung und Labortests kosten in der Summe nur ein paar Euro.

Bettruhe mit einem Roman

Wir warten ab, ob das Fieber verschwindet. Micha fühlt sich schlapp und hat Kopfschmerzen. Während er sich ausruht, gesellt sich Suse mit Büchern und Laptop zu ihm. Als das Fieber am fünften Tag trotz Tabletten immer noch nicht weg ist und Micha immer schwächer wird, steigen wir auf medizinischen Rat aus Deutschland hin auf Novamin um. Danach geht es Micha sichtlich besser und das Fieber verschwindet bald.

Buddhistischer Frieden

In so einer friedlichen Umgebung wie McLeod Ganj können wir uns beide richtig gut erholen und die Seele baumeln lassen. Wir gehen fast jeden Tag gemeinsam auf die sonnige Terrasse von Nicks Italian Restaurant. Dort gibt es wunderbare, frisch zubereitete Pastagerichte, Gemüsesuppen, leckeres Bauernfrühstück und selbst gebackenen Schokokuchen. Ein echtes Schlemmerparadies und endlich mal bekannter Stoff für unsere oft geforderte Verdauung. Sobald ab etwa halb sechs die wärmende Sonne untergeht, wird es sehr kühl draußen. Wir ziehen uns dann meistens recht bald mit einer Kerze und einem Buch ins Bett zurück. Soviel Erholung wie hier hatten wir noch gar nicht, aber Michas hat sie wirklich gebraucht.

Die Tage in McLeod Ganj vergehen… Es ist der 23. November und wir müssen unseren Plan, noch in diesem Monat bis nach Nepal zu fahren, leider ändern. Wenn wir im Januar die Südwestküste Indiens in Ruhe erreichen wollen, reicht die Zeit für einen Abstecher nach Nepal nicht aus. Das könnten wir dann ab Mitte Februar nachholen, wenn wieder gutes Reisewetter im Himalaja ist.

1. Aushang für Privataudienz, 2. Tempelgebetsmühlen

Bevor wir das andere Tibet verlassen, besuchen wir noch den Tsuglagkhang Tempelkomplex – die offizielle Wohnstätte des Dalai Lama. Im daneben liegenden Tibet Museum setzen wir uns noch einmal mit der Situation auseinander, dass Tibet einen friedlichen, aber sehr harten Kampf gegen die Chinesische Regierung kämpft. Während wir hier sind, findet in Dharamsala eine wichtige, mehrtägige Konferenz zu diesem Thema statt, auf der die Exil-Tibeter beraten, wie sie mit den zunehmenden Repressionen der Chinesen in Zukunft umgehen sollen (Artikel in SZ vom 17.11.2008).

Ein Aushang am Sekretariatsgebäude verkündet, in welchen Schritten sich um eine Privataudienz beim Dalai Lama beworben werden kann. Bei einer solch außergewöhnlichen Begegnung würden uns mit Sicherheit viele Fragen an Seine Heiligkeit einfallen, aber wir finden, dass wir einer persönlichen Audienz nicht wirklich würdig sind (…auch wenn wir es auf einer MZ ETZ 250 bis hierher geschafft haben).

Ab dem 25. November machen wir uns auf den langen, spannenden Weg bis an die Küste im Südwesten Indiens – vorbei an Dehli, Bombay und Goa.

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